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«Das ist doch Blödsinn!»

Michi Frey stürmt neu für die Grasshoppers. Er steht für markige Sprüche, überstürzte Wechsel, provokante Jubel, aber auch Torrekorde, unbändigen Willen und Sinn für Kunst. ZWÖLF hat er im Mai 2024 eines seiner wenigen Interviews gegeben.

Ein Artikel aus ZWÖLF #102 (Mai/Juni 2025)

Text: Silvan Kämpfen Fotos: Mark Chilvers

Kensington. Wir treffen Michi Frey vor dem Apartmentblock im Londoner Nobelviertel, in dem er und seine Frau einquartiert sind – vorerst nur für drei Monate. Ob er bei den Queens Park Rangers bleiben kann, hängt vom Verbleib in der Championship ab, was bei Redaktionsschluss noch nicht gesichert ist. Ein Fahrer bringt ihn jeweils ins Training. All das passt ins Bild. Freys Karriereverlauf vermittelt den Eindruck eines Handelsreisenden, eines modernen Fussballers eben, der mal da, mal dort seine Zelte aufschlägt und bald wieder weiterzieht. Aber Stereotype sind langweilig und verdienen eine Prüfung. Bald zeigt der Modellathlet im engen Shirt seine sanfte Seite. Er empfiehlt Cafés und Quartiere in der Nähe. Es sei ihnen wichtig gewesen, mitten in der Stadt leben zu können und nicht im Umland, wie es viele englische Fussballer tun. Beim Posieren für die Bilder erkundigt er sich nach dem anwesenden Londoner Fotografen mit den Worten: «Är isch e chli e Rumpelsuuri, nid?» Ein Wort aus einer anderen Zeit – zum Glück gibt es Online-Wörterbücher – reicht, um klarzumachen: Aus diesem Kopf werden gleich noch weitere erfrischende Gedanken heraussprudeln. 

Michi, England ist bereits dein sechstes Land als Profi. Was ist hier anders? Am meisten überrascht mich das Training. Es gibt Einheiten, da geht man fast aufeinander los, so intensiv ist es. Aber schon zwei Tage vor einem Spiel, da ist es wahnsinnig locker. Jeder schaut 
nur darauf, dass er am Wochenende fit ist und sich nicht verletzt. Wenn du also in einer Woche drei Spiele hast – und das kommt in dieser Liga mit 24 Teams häufig vor –, dann hast du keine Chance, dich im Training aufzudrängen. Es 
gibt nur die Minuten im Match. Oh … (schaut aus dem Fenster) Was ist? Ich dachte kurz, das sei Lucas Andersen da drüben auf dem Trottoir. Aber er gleicht ihm nur. Dein Mitspieler. Ja, wir wurden beide diesen Winter verpflichtet. Ich kannte ihn noch aus der Super League, er spielte bei GC. Er kann auch etwas Schweizerdeutsch, also vor allem zwei Wörter: «Geile Siech». Wir helfen einander sehr. Er gab mir auch den Assist zu meinem ersten Tor hier.

 

Vorläufig ist es bei diesem einen Tor geblieben. Und man weiss, wie gnadenlos die Fans hier sein können. Macht dich das nervös?

Druck ist für mich immer ein Privileg. Es gibt viele Menschen, die haben das ganze Leben keinen Druck. Aber die kommen auch nicht weit. Das oberste Ziel ist, mit QPR die Liga zu halten. Dann bekomme ich im Sommer hier einen Zweijahresvertrag. Ich hatte zuerst Angst, nach neun Monaten ohne Spielpraxis in solch einen Verein reinzukommen und sofort funktionieren zu müssen. Aber bis jetzt bin ich zufrieden. Nur diese kleine 
Verletzung am Oberschenkel (Frey musste bei unserem Besuch zehn Tage pausieren, 
die Red.) hätte nicht sein müssen.

 

Aber ein Stürmer wird an seinen Toren gemessen. Ja, aber man muss schauen, wie die Spiele verlaufen. Aktuell muss ich vor allem pressen wie ein Irrer und Bälle halten. Wie bei Schalke auch schon. Da kann ich es sicher verkraften, wenn ich mal nicht treffe. Tatsächlich? Es heisst, du willst es dann fast zu sehr erzwingen, wenn es mal nicht läuft.

Ich habe jetzt schon über 120 Tore gemacht in meiner Karriere. Und die habe ich gemacht, weil ich genau so bin. Ich bleibe einfach immer dran. Ein Punkt ist auch das Standing in einer Liga. In Belgien hatte man mit der Zeit eine gewisse Ehrfurcht vor mir vielleicht wie bei Nsame in der Schweiz. Diesen Respekt muss man sich an einem neuen Ort erst wieder erarbeiten. 

 

Viele deiner Ex-Mitspieler und -Trainer sagen, niemand trainiere so hart wie du. Woher kommt das?

Sicher von meinen Eltern. Meine Mutter hat einen starken Willen, mein Vater war mal in der Juniorennati, mein Grossvater spielte bei Malley in der NLB. Wir hatten hinter dem Haus in Münsingen einen kleinen Platz. Da haben mein Vater und mein Grossvater viel mit mir und meinem Bruder (David Frey, lange beim FC Thun, die Red.) geübt, Direktabnahmen und so. Gleich daneben war eine Baumschule, von da bedienten wir uns mit Stecken für die Tore. Die beiden Bürkis, Roman und Marco, wohnten auch im Dorf. Oft spielten wir bei ihnen und sie bei uns. Auch andere Sportarten waren wichtig: Unihockey, Pingpong, Schlittschuhlaufen, die Skiferien in Adelboden.

 

Wie hiessen deine Vorbilder?

Pippo Inzaghi wegen seines unvergleichlichen Torhungers und Zlatan Ibrahimovic wegen seiner Persönlichkeit. Als ich jung bei YB war, meinte ich auch mal, ich sei Muhammad Ali. Ich verschlang alle Bücher und Dok-Filme über ihn. Von den aktuellen Fussballern mag ich Olivier Giroud sehr. Er bewegt sich so intelligent. Ein bisschen erkenne ich mich in ihm. Auch ich bin abhängig von meinen Mitspielern, aber ich mache meine Mitspieler auch stärker. Weil ich immer anspielbar bin, 90 Minuten um den Ball fighte. Ich war ja bis 16 defensiver Mittelfeldspieler. Diese Mentalität habe ich noch sehr in mir drin.

 

Es gibt eine Wertung, in der du mit 10:9 vor Zlatan liegst. Weisst du, welche?

Die Anzahl Klubs? Aber gell, ich war dann also zwei Mal bei YB, das zählt nicht doppelt. 

 

Und Ibrahimovic zwei Mal bei Milan. 

(lacht) Stimmt.

 

War es wirklich nötig, so oft den Verein zu wechseln?

Es war eigentlich immer so: Entweder musste ich weg, weil ich gerade nicht spielte. Oder es kam ein grösserer Klub auf mich zu, wodurch ich einen Schritt nach vorne machen konnte. Einzig der Wechsel ganz am Anfang von YB zu Lille kam wahrscheinlich zu früh. Ich war 19, wohnte noch zu Hause, war nicht bereit. Ich habe im jungen Alter zu viele Entscheide aus der Emotion heraus getroffen. Andererseits wurden mir dort die Augen geöffnet. Ich habe gesehen, was es braucht, um im Ausland zu bestehen. Es gibt Spieler, die sind zehn Jahre in der Schweiz und denken, sie seien Superhelden. Aber im Ausland interessiert sich wirklich absolut niemand für die Super League. Das hören viele nicht gerne, aber es ist einfach so.

 

Was viele am modernen Fussball nicht verstehen: Ein Vertrag ist doch ein Vertrag. Und du hast praktisch keinen bis zum Ende erfüllt.

Es gibt immer zwei Seiten. Denn die Vereine wollen auch Geld machen – und das geht nicht mit ablösefreien Spielern. YB hat damals gut verdient mit mir (4 Millionen Franken, die Red.). Niemand im Klub hat sich gegen meinen Abgang gestemmt. Ich hätte schon brav hocken bleiben können wie ein Schäfchen. Aber wenn ich diesen Hunger nicht gehabt hätte, immer weiterzukommen, dann würde ich heute wahrscheinlich beim FC Baden spielen.

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«Natürlich hätte ich mich beim FCZ anders verhalten können. Aber mich fast schon als Verbrecher darzustellen, war auch übertrieben. Klubs lassen Spieler in solchen Situationen gerne schlecht aussehen.»

Letzten Sommer wurdest du in Antwerpen aussortiert. Wie muss man sich das vorstellen?

Ich kam zurück von meiner Leihe aus Schalke. Am zweiten Trainingstag zitierte mich Trainer Marc van Bommel ins Büro. Er war noch immer sauer wegen meines Abgangs ein halbes Jahr zuvor. Er sagte mir: «Du wolltest im Winter kein Teil von uns sein, dann bist du es auch jetzt nicht.» Ich kehrte in die Garderobe zurück, dort warteten die Assistenztrainer auf mich und führten mich quasi ab. Ich trainierte dann ein paar Monate mit der zweiten Mannschaft, auf einem miesen Kunstrasen, an Meisterschaftspartien durfte ich nicht. Später durfte ich nur noch mit zwei weiteren Spielern allein trainieren. Niemand hat mehr ein Wort mit mir geredet. Wer es getan hätte, hätte intern wohl als Feind gegolten. 

 

Warum wolltest du im Januar 2023 überhaupt so unbedingt zu Schalke?

In der Saison 2021/22 hatte ich 24 Tore gemacht. Antwerpen versprach mir anfangs, ich könne gehen, wenn ein Klub aus einer Topliga anfrage. Es wollten mich dann auch einige im Sommer, aber der Klub verlangte 15 Millionen. So musste ich bleiben. Ich biss mich durch, schoss weiterhin Tore, aber dann sass ich nach einer kurzen Verletzungspause nur noch auf der Bank. Der holländische Nationalstürmer Vincent Janssen erhielt den 
Vorzug. Überhaupt waren da nur noch Holländer, links von mir, rechts von mir, hinter mir, auf der Bank, auf der Tribüne. Fachlich sind sie überragend, aber ich fühlte mich ziemlich allein. Dann kam die Anfrage von Schalke, die Bundesliga hatte ich schon als Kind geschaut. Ich fand, ich müsse das einfach probieren.

 

Dein Wechsel sorgte für Misstöne. Du hast einem Journalisten nach einem Cupmatch gesagt, das sei dein letztes Spiel gewesen für Antwerpen.

Ja, das war eine Scheissaktion. Ich hatte mal wieder nur wenige Minuten gespielt und war frustriert. Ich habe nicht gecheckt, dass das ein Journalist war. Ich hätte einfach mein Maul halten sollen. Andererseits hatte mir mein Berater auch nahegelegt, den Abgang zu forcieren. Sportchef Marc Overmars lächelte nur und sagte: «Ich wusste, dass das passieren würde.»

 

Mit Schalke konntet ihr die Klasse nicht halten. Damit war deine Rückkehr nach Antwerpen besiegelt. Warum konntest du dann nicht weg?

Ich hatte nur noch ein Jahr Vertrag, war 29, hatte zuvor bei Schalke keine Tore geschossen – und trotzdem verlangte Antwerpen noch 5 Millionen für mich. Das wollte kein Klub bezahlen. Erst jetzt im Winter liessen sie mich gratis ziehen.

 

Auch beim FCZ hast du dich einst weggestreikt. Das allgemeine Verständnis für solche Aktionen ist bei den Fans nicht gerade gross.

Natürlich hätte ich mich da anders verhalten können. Aber mich fast schon als Verbrecher darzustellen, war auch übertrieben. Klubs lassen Spieler in solchen Situationen gerne schlecht aussehen. Tatsache ist: Fenerbahçe wurde Zweiter in der Liga und spielte in der Champions-League-Qualifikation. Jedem meiner Mitspieler war damals klar, dass man diesen Wechsel einfach macht. Und auch da verdiente der FCZ gutes Geld mit mir.

 

Muss man sich also manchmal gegen den Klub auflehnen?

Es ist komplex. Du bist Teil einer Organisation, aber auch ein Individuum, das sich laufend verbessern will. Sportlich sowieso, aber natürlich auch finanziell. Es soll mir niemand sagen, er würde seinen Lohn nicht verfünffachen, wenn er das kann. Die Karriere dauert nicht ewig, und ich komme nicht aus einem reichen Elternhaus, mein Vater war Landschaftsgärtner.

 

Deine Stationen deuten auf eine sehr respektable Karriere hin. Andererseits wurden YB und Antwerpen kurz nach deinem Abgang Meister und spielten Champions League. Auch einfach mal zu bleiben, hätte sich vielleicht ausbezahlt. 

Ja, das kann man so sehen. Bei YB war damals meine Rückkehr ein Herzensentscheid. Es war mein Verein. Aber irgendwie war es nicht mehr das Gleiche. Es ist wie eine Beziehung, die man neu aufzuwärmen versucht. Es wäre sicher etwas Wunderschönes gewesen, mit YB Titel zu holen. Ich habe später auch mal mit Wuschu (Christoph Spycher, die Red.) darüber gesprochen. Wahrscheinlich bin ich einfach keiner, der ein Leben lang im gleichen Klub bleiben kann. Es hat damals nicht gepasst, ich habe mich mit Adi Hütter nicht so gut verstanden. Wuschu und ich haben dann entschieden, dass ich zum FCZ wechsle. Über ihn kann ich sowieso nur Gutes sagen, ich kenne ihn seit meiner Kindheit, als er noch in Münsingen spielte.

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Ich habe nun fünf Jahre lang fast nichts mehr gesagt. Ich war früher halt oft provokativ, das gehörte zu mir, ich sah es als Teil des Spiels. Die letzten Jahre wollte ich keine Angriffsfläche mehr bieten. Ehrlich gesagt bringt das auch nicht so viel. Wenn ich immer nur das erzähle, was die Leute hören wollen, fühlt sich das nicht richtig an.

Schaffst du es trotz all der Wechsel, dich mit deinen jeweiligen Vereinen zu identifizieren?

Sehr. Ich liebe Fussball über alles, das Spiel an sich. Und so gebe ich immer alles für den Verein, für den ich gerade auflaufe. Ich interessiere mich für ihn, rede mit den Leuten. Es ist auch eine Qualität, überall in ein Gefüge reinzufinden. Du musst dich anpassen und trotzdem du selber bleiben. Das ist nicht jedem gegeben. Auf der anderen Seite gibt es Spieler, die ewig lange in einem Klub bleiben, obwohl vielleicht ihre Leistung nicht immer stimmt. Sie können gut reden, geben zum richtigen Zeitpunkt das richtige Interview. Aber das bin ich nicht. 

 

Durch deine persönlichen Entscheidungen hattest du selten Erlebnisse von kollektivem Freudentaumel. Fehlt dir das nicht?

Ich gehe überall hin, um mit meinen Teams etwas zu erreichen. Mit Fener wollten wir Meister werden, mit Schalke oben bleiben, mit Beveren auch, leider hat das alles nicht geklappt. Mit Nürnberg haben wir uns gerettet, weil ich in der Relegation einem Verteidiger das Bein gestellt habe. (lacht) Aber natürlich ist ein Titel das Grösste. Viele Spieler holen keinen in ihrer Karriere. Ich wurde immerhin mit dem FCZ Cupsieger.

 

Dank deinem Tor.

Und dank einem speziellen Vorbereitungsritual. Im Hotel hatte es mehrere Bilder von Hühnern an der Wand. Mein Zimmerkollege Cedric Brunner und ich haben dann als Witz begonnen, diese Hühner anzubeten, dass sie unsere Glücksbringer seien. Es hat geholfen! Cedi gab mir den Assist zum 1:0. 

 

Gehört dein provokanter Torjubel vor Adi Hütter auch zu einer dieser unüberlegten Aktionen aus deiner frühen Phase?

Total. Es war überhaupt nicht geplant. Als ich das Tor gemacht habe, bin ich auf dem Weg zu unserer Bank da durchgerannt. Den gegnerischen Trainer anschreien nach einem Treffer, das macht man einfach nicht, auch wenn es ein Wettbewerb ist und die Emotionen hochgehen. Gewisse Reaktionen darauf konnte ich deshalb auch verstehen, aber ich habe ja niemanden umgebracht. Als dann meine Familie davon betroffen war, wurde das sehr unangenehm.

 

Hast du dich deshalb aus den Medien zurückgezogen? Du gibst nur noch sehr wenige Interviews.

Ja. Ich habe nun fünf Jahre lang fast nichts mehr gesagt. Ich war früher halt oft provokativ, das gehörte zu mir, ich sah es als Teil des Spiels. Die letzten Jahre wollte ich keine Angriffsfläche mehr bieten. Ich dachte, ich probiere es mal auf die Tour.

 

Mit welchem Ergebnis?

Ehrlich gesagt bringt das auch nicht so viel. Wenn ich immer nur das erzähle, was die Leute hören wollen, fühlt sich das auch nicht richtig an. Natürlich muss ich aufpassen, dass ich mit Aussagen nicht meine Karriere kaputtmache, aber ich sollte auch nicht von Angst getrieben sein. Man lebt ja nur einmal.

 

Du hast mal den Lille-Arzt als Metzger bezeichnet, den Platz in Le Mont als Kuhweide und auf die Frage nach einem Krisengipfel mit «Nussgipfel!» geantwortet. Aus Journalistensicht sollte man dir dazu gratulieren. Es braucht Persönlichkeiten im Fussball. Spieler, die etwas darstellen.

Ja, das ist mir schon klar, dass die Leute das wollen. Aber wenn es dann einer macht, steht er am Ende trotzdem als Tubel da. Da würde ich mir etwas mehr Verständnis wünschen.

 

Was hilft dir neben dem Platz?

In Istanbul habe ich erstmals gemerkt, dass diese vielen Wechsel nicht sehr gesund sind für die Seele. Ich wusste nicht so recht, wo ich hingehöre, und habe mich am Fussball festgeklammert. Aber sportlich war es auch nicht einfach. Die Türken wollen die grossen Namen sehen wie jetzt Batshuayi oder Džeko – und ich war Michi Frey. Dann bin ich Gott sei Dank mit meiner Frau zusammengekommen. Sie ist Schweiz-Türkin und studierte da gerade in Istanbul. Seit ich an ihrer Seite bin, ist alles anders. Ich weiss nicht, wie ich ohne sie all diese Monate in Antwerpen durchgestanden hätte, in denen ich zum Nichtstun verdammt war.

 

Wie bist du sportlich aus dem Loch gekommen?

In der Türkei hatte ich Miloš Malenović als neuen Berater. Als ich zum ersten Mal in seinem Büro sass, zeigte er mir zehn Videos, wie ich mit dem Rücken zum Tor den Ball verliere, und sagte: «Das reicht nicht.» Dann hat er mir Übungen geschickt, die ich jeden Tag machen musste. Das tat ich. Entweder zu Hause im Garten, oder ich schnappte mir auf dem Trainingsgelände einen Junior als Sparringspartner und zahlte ihm den Zmittag.

 

Und dann brachte er dich nach Belgien?

Er sagte mir: «Du musst spielen und Tore schiessen, du gehst jetzt nach Beveren.» Das habe ich dann gemacht, obwohl ich noch nie von dem Klub gehört hatte. Und es war ein absoluter Glücksfall. Der Trainer nahm mich so, wie ich war, und ich konnte in Ruhe an mir arbeiten. Es folgte der Wechsel zu Antwerpen, und dort traf ich in einer Saison so oft wie noch nie ein Schweizer im Ausland (in der Neuzeit, die Red.). Nur für ein Nati-
Aufgebot hat es leider nicht gereicht.

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    Michael Frey, Zwei Seiten des Fussballs, 2023

Wie verfolgst du die Nati?

Ich schaue jeden Match. Seit meiner Kindheit. Ich bin ein grosser Fan. Aber jetzt denke ich mir dabei immer: Was hätte ich dem Team bringen können, wenn ich mitgespielt hätte?

 

Und was wäre das?

Hoffentlich Tore. Und sonst meine Körperlichkeit, mein Pressing, dass man mich hoch anspielen kann, ich auch mal einen Ball halten kann. Embolo ist ein ähnlicher Typ, war aber jetzt auch ein Jahr weg. Die weiteren Stürmer wie Okafor oder Amdouni sind ganz 
andere Spielertypen.

 

Du standest auch schon auf Pikett. Wird man da informiert?

Einmal, im Herbst 2021, stand ich schon mit dem Koffer da, das Flugticket war schon gelöst. Der Materialwart rief mich an und fragte mich nach Stulpen- und Trikotgrösse. Dann schrieben sie mir vom Verband, es habe eine Änderung gegeben. Danach war ich wochenlang kaputt.

 

Hattest du mit Murat Yakin schon direkten Kontakt?

Wir haben einmal telefoniert. Er hat mir seine Beweggründe erklärt. Irgendeinen Grund gab es wohl immer, mich nicht aufzubieten.

 

Manche haben deine Teamfähigkeit infrage gestellt.

Das ist doch Blödsinn. Da kannst du 
fast jeden meiner Mitspieler fragen. Ich 
gebe immer alles für die Mannschaft, trainiere immer Vollgas. Wenn mir ein Akanji oder ein Xhaka sagen würde, ich solle mit dem Grind durch die Wand rennen, dann würde ich das machen. Es sind schliesslich die zwei besten Spieler, die die Schweiz je hatte. Ich könnte mich schon einordnen.

 

Haris Seferovic hat gesagt, er müsste mindestens zweiter Stürmer sein, um einem Aufgebot Folge zu leisten.

(schmunzelt) Ich würde auch als vierter Stürmer mitkommen.

 

Ein weiteres Argument: Die bisherigen Spieler im Kader kennen sich alle schon lange.

Solange die Nati Erfolg hat, schreit niemand nach einem neuen Stürmer. Das ist mir klar. Ich will auch nicht, dass es heisst, ich würde über die Medien Druck ausüben. Das habe ich nie getan. Aber wenn ich 24 Tore in Belgien schiesse, liegt es auf der Hand, dass 
sich die Journalisten dafür interessieren. Im Moment habe ich aber sowieso 
keine Ansprüche zu stellen. Ich hatte ein halbes Jahr nicht mehr gespielt, die Torstatistik spricht gerade auch nicht für mich. Wenn ich jetzt noch ein gutes Saisonfinale hinlege, dann wer weiss. 

 

Du wirkst relativ fit, um es mal so auszudrücken. Wie macht man das, wenn man so lange nicht auf dem Feld steht?

Es bleibt dir nichts anderes übrig, als einfach jeden Tag zu trainieren wie ein Gestörter.

 

Wie sieht so ein Programm aus?

Einmal pro Woche habe ich einen Match simuliert. Da geht man dann in den Wald und seckelt sich zu Tode. Ein Lauf ist wie ein Spiel: 11 Kilometer, 700 Meter davon mit hoher Intensität, 20 Mal 50-Meter-Sprints. Daneben stand ich auf dem Platz und verbrachte 
täglich zwei Stunden im Kraftraum. Ich habe einen Personal Trainer aus Serbien – Modrić, Džeko, Mitrović sind bei ihm. Wir hören uns jeden Tag. Ich sage ihm, wie das Training lief, er schickt mir ein Einzelprogramm.

 

Dein einstiger Trainer Uli Forte sagt, man habe dich oft bremsen müssen.

Ich weiss nicht, ob das nötig ist. Ich trainiere wie ein Wahnsinniger, aber ich erhole mich dann auch zu hundert Prozent. Ich gehe nicht auswärts essen, ich gehe früh ins Bett, ich trage diese Kompressionshosen, gehe in die Eistonne, mache Sauerstofftherapie. Bis vor Kurzem hatte ich auch eine dieser Smartwatches, die viele Fussballer haben. Aber ich habe das Teil weggeschmissen.

 

Warum?

Ich habe ständig nur noch drauf geschaut: Wie ist die Herzfrequenz, wie war der Schlaf, wann solltest du ins Bett, musst du noch mehr trinken? Das ist unnötig, denn mein Körper spürt ja selber, was er braucht.

 

Du hast eine Viertelmillion Follower auf Instagram. Liest du die Kommentare?

Nein. Ich habe gar kein Instagram auf meinem Handy. Darum kümmert sich jemand von meinem Management. Das Problem ist: Wenn es dir gut läuft, dann willst du das lesen, damit du dich besser fühlst. Aber die Kunst im Fussball ist es ja gerade, von Wochenende zu Wochenende konstant zu sein. Wenn man sich davon leiten lässt, wird das schwierig.

 

Kunst und Fussball ist ein gutes Stichwort. Du warst nach der Sekundarschule in einem einjährigen Vorkurs zur Kunstschule. Wie geht es mit dem Zeichnen?

Sehr gut. Ich male seit eh und je jeden Tag. Ich laufe mit dem Skizzenbuch hier in Kensington herum, hocke irgendwohin und mache Skizzen. Die Leute lassen einen hier komplett in Ruhe. Hier … 
(Frey scrollt durch die Bildergalerie auf seinem Handy).

 

Das sind ja Hunderte von Bildern!

Ja, die wenigsten habe ich öffentlich gezeigt. Ich zeichne oft mit Bleistift. Acryl macht alles dreckig, und ich habe kein Atelier. In Istanbul habe ich zu Hause mal die ganze Wand vollgemalt. Das kam teuer beim Ausziehen. (lacht)

 

Manches wirkt geradezu psychedelisch.

Ich hatte mal so eine Phase. Ich mag auch die Musik aus dieser Zeit: Pink Floyd, Deep Purple. Das habe ich von meinem Vater. 

 

Du hast dir den eigenen Namen auf die Brust tätowiert. Warum bloss?

Das war auch so eine spontane Idee, die ich wohl besser hätte sein lassen. Ich habe gedacht, ich sei Michi Frey, das stehe für etwas. Es ist ja nicht mal fertig, die i-Pünktchen fehlen. 

 

Wie sind die Reaktionen auf dein Hobby im Klub?

Die Kollegen bei QPR wissen noch nichts davon. Es ist ein schmaler Grat – in der Öffentlichkeit, aber auch in der Mannschaft. Wenns gut läuft, heisst es, ich sei der Picasso auf dem Platz. Aber wenn nicht, fragen sie sich, was das soll. Darum halte ich mich bedeckt. In bestimmten Situationen male ich mal ein Bild für einen Teamkollegen oder Leute im Staff, dann haben sie Freude. In Antwerpen brachte eines bei einer Versteigerung über 5000 Euro für Kinder mit Behinderung ein.

 

Was sagen die Bilder über dich aus?

Dieses (siehe oben) habe ich im Herbst gemacht, um meine Situation zu verarbeiten. Vieles entsteht spontan, aber hier habe ich mir wirklich Gedanken gemacht. Man sieht mich als Roboter und die zwei Seiten des Fussballs, die schöne und die böse mit ihren Schlangen und Teufeln. Dazu meine Karrierestationen. Daran habe ich fast 40 Stunden gemalt.

 

Wenn ihr jetzt oben bleibt mit QPR, erhältst du wie gesagt einen Vertrag. Wie hoch ist die Chance, dass du dann mal keinen Transfer machst in diesem Sommer.

Ziemlich hoch. Ich hatte auch schon Angebote aus der MLS oder Saudi-Arabien. Aber dafür ist es zu früh. Ich wollte unbedingt nach England und will mich jetzt hier festspielen. In der Championship gibt es acht Wochen Ferien. Dann will ich nächste Saison richtig ready sein und das ganze Jahr durchspielen. Das wird geil. Und wer weiss, was möglich ist? Premier League zu spielen, wäre ein Traum.

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