Vier Tore reichten nicht

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Gesunken im Hafen

Jeweils vier Tore liegen PSG und die Bayern nach den Hinspielen in den Champions-League-Achtelfinals vorne. Eine solche Ausgangslage verspielte im Europacup der FC La-Chaux-de-Fonds 1961 gegen Leixões aus Porto. Erinnerungen aus ZWÖLF #53.

Text: Martin Bieri
Bilder: Chroniken des Leixões SC

Es begann mit einer Ungerechtigkeit: Eigentlich hätte der FC La Chaux-de-Fonds bereits in der Saison 1955/56 an der von der französischen Sportzeitung «L’Équipe» initiierten ersten Austragung des Europacups der Landesmeister teilnehmen sollen. Die Neuenburger stellten damals die beste Schweizer Mannschaft, sie hatten soeben zum zweiten Mal in Folge das Double gewonnen. Doch das Reglement schrieb noch nicht vor, jedes Land müsse mit seinem Meister vertreten sein. Also fädelte der gewesene und kommende Nationaltrainer Karl Rappan die Teilnahme des nur zweitplatzierten Servette FC ein, dessen Coach zufälligerweise er selbst war. Servette blieb in zwei Spielen gegen Real Madrid chancenlos, La Chaux-de-Fonds blieb der Groll. Bis 1961. Nach einem 1:0 im Wankdorf gegen den FC Biel traf «La Tchaux» im zum zweiten Mal durchgeführten und erstmals von der UEFA organisierten Europacup der Cupsieger auf den Leixões SC aus Portugal. Leixões ist der Hafen Portos. Der Pokalsieg von 1961 ist der einzige grosse Titel im Palmarès des heute zweitklassigen Vereins.

 

Künstler gegen Schüler
Leixões logierte in Neuenburg. Die Delegation bestand aus 14 Spielern, zwei Funktionären, einem Trainer, einem Masseur und einem Arzt. Das reichte damals noch. Am Abend des 7. September 1961 kamen 4000 Leute auf die Charrière. Vor dem Spiel überreichten die Gäste jedem Neuenburger in Gelb und Blau eine Flasche Portugiesischen in Rot. Die Temperatur war tief, das Wetter schlecht, das Spiel der Einheimischen gut. Sehr gut: 2:1 führten sie nach 45, 6:2 stand es nach 90 Minuten. In der ersten Viertelstunde nach der Pause spielten die Meuqueux wie im Rausch. «Wunderbar, grosse Klasse», schwärmte «L’Impartial» aus La Chaux-de-Fonds: «Heinz Bertschi ein Künstler, Kurt Sommerlatt ein exzellenter Arbeiter, André Brossard hoch begabt, Antenen in bester Laune, die Abwehr fehlerfrei.»

«Wir waren ein Team von aussergewöhnlichen Könnern», sagt der an Weihnachten 1936 geborene Léo Eichmann heute. Der grosse Star auf dem rechten Flügel, Charles «Kiki» Antenen, und der in 23 Jahren nie verwarnte Verteidiger Willy Kernen ragten heraus, und auch Eichmann selbst – ZWÖLF erreicht die Chaux-de-Fonds-Goalielegende telefonisch zu Hause in der Provence – hinterliess Spuren in der helvetischen Fussballgeschichte. Zweimal hütete der Deutschschweizer das Tor der Nationalmannschaft, 1966 nahm er an der WM in England teil, sorgte dort aber auch abseits des Platzes für Schlagzeilen. Zusammen mit den FCZlern Köbi Kuhn und Werner Leimgruber bildete Eichmann den Ausreisserklub in der berüchtigten «Nacht von Sheffield». «Wir waren wirklich gut an diesem Abend» – Eichmann meint das Spiel gegen Leixões – «und hätten zweistellig gewinnen müssen.»

Und die Portugiesen? «Seiltänzer, die spielten wie Schüler in der Pause», spottete der «Express» aus Neuenburg. «L’Impartial» sah «ebenso viele wie unnütze Pässe» der Gäste, die defensiv völlig sorglos gewesen seien und nur über die Flügel gespielt hätten. Obwohl man ihnen ein gewisses Tempo zugestehen müsse, sei nicht vorstellbar, wie Leixões im Rückspiel La Chaux-de-Fonds mit mehr als drei Toren Unterschied schlagen wolle. Eichmann vermutet, den Gästen hätten Witterung und Höhe Mühe gemacht. La Chaux-de-Fonds liegt 1000 Meter über dem Meer, Leixões vielleicht einen halben. Das Muster wiederholte sich drei Jahre später, als La Chaux-de-Fonds im November 1964 noch einmal portugiesischen Besuch erhielt und dem bewunderten Benfica Lissabon im Meistercup ein 1:1 abtrotzte. «Ich weiss noch, wie wir der ganzen Mannschaft Decken besorgt haben», sagt Léo Eichmann. «Eusébio hat gefroren wie ein nasser Hund.»
Filpo-Nunez

«Das System? Das System sieht so aus: Pim, Pam, Pum, mein Sohn. Pim, Pam, Pum und Tor.»

Die Pferdelunge und das Genie
Trainiert wurde der FC La Chaux-de-Fonds seit 1959 von dem Deutschen Kurt Sommerlatt, der sich selbst auch als Spieler einsetzte. Der damals 33-Jährige war ein Ehemaliger des Karlsruher SC und des FC Bayern, mit diesen Klubs dreimaliger DFB-Pokalsieger sowie kurzzeitiges Mitglied der deutschen Amateurnationalmannschaft. Die Karlsruher Vereinschronisten erinnern sich an ihn als eine ausgesprochene «Pferdelunge». 1962 kehrte er, trotz laufenden Vertrags in La Chaux-de-Fonds, als Trainer zum KSC zurück und realisierte mit dem Verein die Qualifikation für die neu eingeführte Bundesliga.

Beim Gegner stand ein Mann an der Seitenlinie, der sich anschickte, eine Trainerlegende zu werden. Nelson Ernesto Filpo Nuñez, kurz Filpo Nuñez, wurde 1920 in Buenos Aires geboren, was ihn nicht davon abhielt, sein Glück in Brasilien zu machen. Seinen guten Ruf erlangte er als Coach von Palmeiras, und zwar in der Zeit, als das Spiel der Mannschaft von solcher Qualität war, dass sie den Übernamen «die Akademie» erhielt. 1965 entschied der Verband, die Equipe in corpore zum Nationalteam zu erklären, was Nuñez zum zweiten und letzten Ausländer machte, der jemals brasilianischer Nationaltrainer war. Verdientermassen, muss man sagen. Der Mann war ohne Zweifel ein Genie. Auf die Frage eines Journalisten, welches System er spielen lasse, sagt er einmal: «Das System? Das System sieht so aus: Pim, Pam, Pum, mein Sohn. Pim, Pam, Pum und Tor.»

In der Mitte des Feldes hatte es einen so tiefen Graben, dass der Ball darin verschwand.

Einen Monat später, beim Rückspiel in Leixões, wendete sich das Blatt. Hatten sich die Schweizer in der Heimat mit Topografie und Temperatur verbündet, standen nun Ernährung und Infrastruktur auf der Seite der Portugiesen. Nachdem man sich schon auf der Reise acht Stunden verspätet hatte, schlug den Gästen die lokale Küche auf den Magen. Und auch auf das, was sie im Stadion erwartete, waren sie nicht vorbereitet: «Wir spielten auf einem Sandplatz. Ein fürchterliches Feld, völlig irregulär. Und wir hatten alle nur Stollenschuhe dabei», erzählt Léo Eichmann. «In der Mitte hatte es einen so tiefen Graben, dass der Ball darin verschwand.» Dieser Ball war überdies nicht aus Leder, sondern aus Plastik, «sonst wäre er kaputt gegangen. Bei jedem meiner Abschläge sprang das Ding 20 Meter hoch von dem steinharten Boden ab. Gut, viele Abschläge waren es nicht.»

Tatsächlich sahen die Schweizer kaum Land. Leixões spielte sie nach Strich und Faden aus. Zwar hiess es in der Pause durch zwei Tore des Brasilianers Osvaldo Silva erst 2:0, in der zweiten Halbzeit jedoch konnte sich das Heimteam den Luxus erlauben, einen Elfmeter zu verschiessen, und gewann am Ende doch 5:0. Bereits nach 70 Minuten war die portugiesische Messe gelesen. La Chaux-de-Fonds hatte sich das ganze Spiel über auf die Verteidigung des scheinbar sicheren Vorsprungs verlegt. «Und vielleicht haben wir den Gegner nach dem Hinspiel auch ein bisschen unterschätzt», gibt Eichmann zu. Organisiert vom damals noch verletzt ausgeschiedenen Osvaldo Silva, überrannte dieser Gegner La Chaux-de-Fonds nun mit «löblichem Schneid und Eifer», wie die Schweizer Sportinformation berichtete.

Zuschauer hatte es dreimal so viele wie im Neuenburger Jura, und sie waren laut. Leixões liess sich von der Vehemenz des Anhangs anstecken, was den Schweizern ziemlich Eindruck machte: «Es war eine Treterei. Als wir den französischen Schiedsrichter Jean Tricot aufforderten, etwas dagegen zu unternehmen, antwortete er, er ziehe es vor, das Stadion lebend zu verlassen», sagt Eichmann. Immerhin soll Tricot nach Spielende den schlechten Zustand der Unterlage rapportiert haben, sodass Leixões die nächsten Europacuppartien nicht mehr zu Hause austragen durfte und nach Porto ausweichen musste. Zunächst setzten sich die Portugiesen gegen Progresul Bukarest durch, dann mussten sie im Viertelfinal gegen den SC Motor Jena doch die Segel streichen.

 

35’000 Zuschauer für einen Masseur
La Chaux-de-Fonds bestritt in Portugal noch ein Freundschaftsspiel gegen Benfica. Es ging 2:3 verloren. Weil die Schweizer gerade im Land waren, hatte Benfica sie eingeladen, um ein Abschiedsspiel zu veranstalten, und zwar für einen Masseur, der 40 Jahre im Verein gewesen war. Ihm sollte die Kasse überlassen werden. 35’000 Zuschauer kamen, nicht besonders viele für damalige Lissabonner Verhältnisse. Vor Spielbeginn standen die beiden Mannschaften dem Masseur Spalier. Der lief hindurch und weinte. Da sagte Kiki Antenen zu seinen Kollegen: «Der weint nicht, weil er aufhören muss, sondern weil so wenig Leute da sind.» Léo Eichmann lacht noch heute, 54 Jahre danach, sehr über diese Anekdote.

Trotzdem: Die Heimreise der Chaux-de-Fonniers habe nach dem Europacup-Out einem «Begräbnis» geglichen, erinnert sich Eichmann. Auch sein Klub, dem der Goalie über ein Jahrzehnt lang die Treue hielt, verabschiedete sich langsam. Die Uhrenindustrie ging nieder, das Geld blieb aus. Den Cup gewann La Chaux-de-Fonds nie mehr, die Meisterschaft noch einmal: 1964. Nach einem Sieg gegen Saint-Étienne setzten die Meistercup-Partien gegen Benfica und den schlotternden Eusébio der grossen Zeit des FC La Chaux-de-Fonds ein denkwürdiges Ende. Nach dem 1:1 im Hinspiel verlor er auswärts wieder 0:5. Diesmal vor 50’000 Zuschauern.

 

+++++ SPIELTELEGRAMM +++++

MarcosHistoria

Leixões SC – FC La Chaux-de-Fonds 5:0 (2:0) – Campo do Santana, 15 000 Zuschauer – SR: Tricot (Fr) – Tore: 24. Silva 1:0. 30. Silva 2:0. 46. Manuel Oliveira 3:0. 52. Ventura 4:0. 71. Manuel Oliveira 5:0. – Leixões: Roldão; Machado, Pacheco, Mendes, Jacinto Santos, Silva, Gomes, Medeiros, Ventura, Patela, Manuel Oliveira. – La Chaux-de-Fonds: Eichmann; Leuenberger, Aubert, Sommerlatt, Morel, Kernen, Deforel, Frigerio, Brossard, Bertschi, Antenen.

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