Trifon Ivanov

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Krieg der bösen Männer

Im Alter von nur 50 Jahren ist der Bulgare Trifon Ivanov an einem Herzinfarkt gestorben. Mitte der Neunziger lieferte er sich als Xamax-Abwehrchef nicht nur mit seinen Gegenspielern heftigste Gefechte. Mit Trainer Gress gings gar noch höher her.

Text: Romano Spadini (erschienen in ZWÖLF #24, April 2014)

Neuenburg im März 1995. Bei Xamax herrscht dicke Luft. In der Kabine würde man eine Stecknadel fallen hören. Trainer-Legende Gilbert Gress legt sich in einer beispiellosen Art mit seinen drei Stars Ivanov, Aleksandrov und Detari an. Vor allem der Dauerclinch mit Trifon Ivanov hat eine Dimension angenommen, die seinesgleichen im Schweizer Fussball sucht. Ivanov zweifelt in aller Öffentlichkeit den Sachverstand von Gress an, der wiederum ebenso deutlich und für alle hörbar den bulgarischen Querkopf so schnell wie möglich loswerden will. Die neuenburgische Seifenoper findet im April 1995 mit dem Wechsel Ivanovs zu ZSKA Sofia ihr unrühmliches Ende.

Wer ist dieser Ivanov, und wie konnte ein Spieler einen Trainer-Haudegen wie Gress derart aus der Fassung bringen? Schon rein äusserlich fiel dieser Abwehrrecke auf. Mit seinem üppigen Bart, dem grimmigen Gesicht und der wilden Frisur hätte der Bulgare wohl eher das Herz des Regisseurs eines knallharten Gangsterstreifens als dasjenige der Kursleiterin eines esoterischen Seminars höher schlagen lassen.

Rot im zweiten Spiel
Seine Laufbahn begann 1983 bei Etar Tarnovo. Die Leistungen des jungen Ivanov (Jahrgang 1965) fielen dem Topverein ZSKA Sofia auf, der ihn prompt engagierte. Dort traf er auf die bulgarische Legende Hristo Stoitchkov traf – einen Zeitgenossen, der ebenso wenig die Gunst der Esoterikerin erworben hätte. Stoitchkov, der in seiner Karriere mindestens so viel mit den Schiris diskutiert hat, wie er gelaufen ist, war aus ähnlichem Holz geschnitzt wie Ivanov. Geniale fussballerische Klasse gepaart mit haarsträubenden Undiszipliniertheiten auf dem Platz. Genau mit diesen Eigenschaften war Ivanov auch bei Betis Sevilla aufgefallen, von wo aus er im Januar 1994 nach drei Jahren zu Neuchâtel Xamax verliehen wurde.

Im Januar 1994 begann also das Ivanov-Zeitalter in Neuenburg. Das Xamax-Team hatte sich unter Uli Stielike nicht für die Finalrunde qualifizieren können, was Präsident Facchinetti dazu bewog, den strengen Deutschen durch Klubidol Givens zu ersetzen. Ivanov zeigte schon von Beginn an seine Klasse und stabilisierte die Abwehr der Xamaxiens. Doch da war halt noch die Sache mit der Disziplin. Schon in seinem zweiten NLA-Spiel gegen den FCZ setzte Ivanov diesbezüglich eine erste Duftmarke: Er sah die Rote Karte nicht etwa für den ausgefahrenen Ellbogen gegen die Di Jorio, der mit Verdacht auf Kieferbruch direkt ins Triemlispital eingeliefert werden musste; nein, er musste erst Schiri Müller vor die Füsse spucken, ehe er vorzeitig duschen durfte. Nach vier Spielsperren kehrte der Bulgare wieder ins Team zurück und wurde schliesslich zur gewünschten Verstärkung. Die Neuenburger sicherten sich vorzeitig und souverän den Klassenerhalt, und Ivanov konnte im Sommer beruhigt die Reise nach Amerika antreten, wo die bulgarische Mannschaft an der WM mit dem Erreichen des Halbfinals eine Sensation schaffen sollte.

Zur Saison 1994/95 konnte Trifon seinen bulgarischen Kumpel Petar Aleksandrov auf der Maladière begrüssen, der über den Eisenfuss folgendes Statement abgab: «Mein neuer Xamax-Kollege ist für mich der beste und schlitzohrigste Manndecker der Welt. Hat öfters Motivationsprobleme und furchtbar krumme Beine.» Und schliesslich konnte Ivanov noch einen begrüssen, der so gar nichts mit Motivationsproblemen und disziplinarischen Mängeln anfangen kann: den neuen Trainer Gress. Dieses Aufeinandertreffen läutete eine Zeit ein, die wohl kaum jemand in Neuenburg vergessen wird. Ring frei für Ivanov vs. Gress.

Fauler Balkan-Zauber
Dabei fing alles so gut an. Auf der Charmilles wurde der amtierende Meister Servette durch Tore von Ivanov und Aleksandrov mit 2:1 geschlagen, und die Xamax-Fans schwärmten vom neuen Supertrio Ivanov-Detari-Aleksandrov. Im gleichen Stil ging es weiter. Das osteuropäische Trio zauberte auch beim 4:0-Sieg gegen YB. Doch alsbald zeigte das Raubein wieder sein anderes Gesicht. Beim 1:0-Heimsieg über den FCB sah Ivanov innerhalb von 12 Minuten zweimal Gelb – und kassierte seinen dritten Platzverweis im Xamax-Trikot. Obwohl das Team in puncto Finalrunden-Quali voll auf Kurs lag, zogen im Oktober erste Gewitterwolken über der Maladière auf. Nach dem 3:0-Sieg gegen St. Gallen sprühte der Elsass-Vulkan: «Ich lasse mir mein Kollektiv nicht von einem einzigen Spieler kaputtmachen.» Ivanov hatte zum wiederholten Male durch riskante Ausflüge in die Offensive seine Abwehraufgaben vernachlässigt. Damals zeigte sich der Bulgare noch einsichtig: «Ich werde mich künftig bessern – ehrlich!»

ivaxamDoch die verbalen Scharmützel zwischen den beiden Protagonisten gingen nach dem Spiel gegen Luzern in die nächste Runde. Gress kritisierte Ivanov nach dessen Foul an Bertelsen, das den Ausgleich für Luzern zur Folge hatte, ziemlich harsch: «Ein blödes Foul von Ivanov. Das darf ihm einfach nicht passieren.» Ivanov konterte: «Ich bin wohl für alles verantwortlich hier. Wenn Gress meint, ich müsse wieder auf die Bank – bitte.» Im November war dann die Luft zum Schneiden dick. Schuld daran waren neben der mageren Ausbeute von zwei Punkten aus den letzten vier Spielen, natürlich, die drei Balkan-Zauberer. Wenigstens Aleksandrov hatte Mitleid mit dem Trainer: «Wir müssen endlich wieder Fussball spielen und punkten. Sonst wird Gress noch krank.» Rührend, diese Rücksichtsnahme. Im nächsten Spiel reichte es sodann wenigstens zu einem Remis gegen Aarau, dank des späten Treffers von Ivanov. Doch zu dieser Zeit konnte der Bulgare machen, was er wollte, Gress fand immer ein Haar in der Suppe: «Trotz des Tores in Aarau hat Trifon gegen Lugano keinen Bonus.» Ivanov gab sich daraufhin zynisch: «Wir müssen schon eine sehr gute Abwehr haben, wenn ich keinen Platz mehr besitze.»

Der Bulgare tat aber auch wirklich alles für sein Image als Bösewicht. In einem «Blick»-Interview vom Dezember gab er einige Kostproben dazu. Auf die Frage, wie viele Gegenspieler er schon verletzt habe, meinte er trocken: «Nicht viele. Der letzte war irgendein Spieler vom FCZ. Kaputte Nase oder so…» Ganz als Macho gab er sich wiederum, als er gefragt wurde, wie oft pro Tag er seine Frau küsse: «Dreimal – jedes Mal, wenn es etwas zu essen gibt…» Zu guter Letzt machte er sich dann noch ein paar Gedanken dazu, was er Gilbert zu Weihnachten schenken könnte: «Er darf mal meine WM-Medaille für den vierten Platz angucken. Vielleicht bringt er es ja auch einmal so weit…» Auf dieses Interview angesprochen, insbesondere auf das schon legendäre Bonmot «Wenn meine Kinder nicht artig sind, drohe ich ihnen mit Gilbert Gress» zeigte der Elsässer, dass er sehr wohl auch über Humor verfügte: «Dieser Ivanov ist eben ein total Verrückter. Dabei kann er privat sehr höflich auftreten.»

Xamax versuchte wirklich alles, um Ivanov loszuwerden, doch es klappte einfach nicht, und so musste Gress die Finalrunde mit seinem unbequemen Star in Angriff nehmen. Trotz aller Querelen blieb die Klasse Ivanovs stets unbestritten, und so war er auch massgebend daran beteiligt, dass Xamax mit dem 3. Platz das Ticket für Europa lösen konnte – obwohl er freilich nicht ganz bis Saisonende in Neuenburg blieb. Anfang April wurde er an ZSKA Sofia verliehen. Der Stein, der vom Herzen Gress’ fiel, hörte man wohl mindestens bis nach Genf.

Wiener Schnitzer
Sein Weg führte den bärbeissigen Bulgaren später nach Wien, wo er mit Rapid seine grössten Erfolge feiern konnte. Im ersten Jahr wurde er mit den Hütteldorfern Meister und zog ins Finale im Europacup der Pokalsieger ein. Seinen überragenden Leistungen im darauffolgenden Jahr in der Champions League standen indes teils lustlose und von weiteren disziplinarischen Mängeln gekennzeichnete Auftritte in der heimischen Liga gegenüber. Im meisterschaftsentscheidenden Spiel 1997 gegen Salzburg, das Rapid schliesslich verlor, kassierte Ivanov in den letzten Spielminuten unnötigerweise die Rote Karte, woraufhin ihn der Verein rauswarf. Nach einem Intermezzo beim Erzrivalen Austria liess er seine Karriere 1998 bei ZSKA Sofia ausklingen.
In einer Zeit, in der Spieler selbst nach einer Kritik an der Weihnachtsdekoration im Vereinsheim mit den schärfsten Konsequenzen rechnen müssen, hatten die Entgleisungen Ivanovs beinahe schon anarchistische Züge. Und sie haben wohl auch manches Journalisten-Herz höher schlagen lassen.

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