Schweizer Meister FC Aarau

Aaraus Reissen

Eigentlich war es ein Himmelfahrtskommando: Rolf Fringers erster Trainerjob in der NLA war jener beim notorischen ­Abstiegskandidaten FC Aarau. Daraus wurde eine der grössten ­Sensationen im Schweizer Fussball. Am 5. Juni 1993 wurde Aarau Meister. Ein Artikel aus ZWÖLF #62.

MEISTERSCHAFT, SIEG, SCHWEIZERMEISTER, JUBEL, SIEGESFEIER, POKAL

Text: Christoph Schär

Solche Fügungen gibt es im Leben», sagt Rolf Fringer, wenn er an den 30. Mai 1992 zurückdenkt. Er war damals Trainer des FC Schaffhausen und verpasste mit seinem Team am letzten Spieltag in Chur den Aufstieg in die NLA – wegen der Tordifferenz. Fringer interessierte an diesem Abend aber nicht nur das Schicksal Schaffhausens. Wenige Wochen zuvor hatte er beim FC Aarau einen Zweijahresvertrag unterschrieben. Und die Aargauer standen mit dem Rücken zur Wand.

Aus eigener Kraft war der Fall in die NLB – trotz 1:0-Sieg gegen Locarno – nicht mehr zu verhindern. Nur weil Yverdon gegen Basel verlor, blieb der FCA oben. «Es hätte sein können, dass ich mit Schaffhausen in die NLA aufgestiegen wäre und dann Aarau in der NLB hätte trainieren müssen», sagt er rückblickend. «Dann wäre ich der Dumme gewesen. Aber ich war immer überzeugt, dass es gut kommt.»

Es ist also dem FC Basel zu ver­danken, dass der Schweizer Fussball das grösste Wunder der Neuzeit erleben durfte. Rein gar nichts deutete nämlich zu jener Zeit darauf hin, dass der FC Aarau in abseh­barer Zeit irgendetwas reissen könnte. Den berühmt-berüchtigten Strich kannte der FCA vor allem von unten. Im Frühling, wenn anderswo um Titel und Europacup-Plätze gespielt wurde, mühte man sich jeweils in der Auf-/Abstiegsrunde gegen Malley oder Zug ab.

Die Konkurrenz in der NLA war ganz einfach deutlich besser aufgestellt. Für Servette liefen gestandene Internationale auf, vorne wirbelten Sonny Anderson und José Sinval; Sion stellte die gesamte Nati-Verteidigung; bei Lugano sorgte Mauro Galvão für Ruhe, Subiat und Zuffi für die Tore. GC schickte gar ein Wunderteam ins Rennen mit Gren, Elber, Sforza, Koller oder Hermann. Man könnte also sagen, der FCA war von einem weiteren Meistertitel fast ebenso weit entfernt wie heute.

Das Glück für die Rüebliländer war, dass sich die Schweizer Klubs in erster ­Linie auf die individuelle Klasse ihrer Stars verlies­sen. Auf taktische Finessen oder psycholo­gische Kniffs setzte kaum einer der arri­vierten Übungsleiter im Lande. Das bot für einen versierten, innovativen Coach einige Möglichkeiten. So einer war Rolf ­Fringer. Und er sorgte im Brügglifeld gleich für frischen Wind. «Was Barcelona? Jetzt kommen wir!», lautete das Credo fortan. «Ich war voller Selbstvertrauen und Enthusiasmus. Stinkfrech, aber völlig überzeugt. Das war für Aarau etwas ganz Neues. Plötzlich kam einer daher, der daran glaubte, dass man erfolgreich sein kann.»

Mit Roberto Di ­Matteo  und Mirko Pavlicevic, einem der besten Innenverteidiger im Land, brachte Fringer zwei Spieler aus Schaffhausen mit. Di ­Matteo suchte nach einem unglücklichen Zwischenjahr beim FCZ eine neue Herausforderung. «Vom grossen Zürich zum kleinen Aarau», wie es Fringer formuliert, «weil er spürte, dass etwas entstehen konnte.»

Wundermittel Pressing

Dennoch: Bereits das Erreichen der Finalrunde traute der Mannschaft kaum jemand zu. Trainer Fringer liess sich davon nicht beirren. «Wir hatten mehr drauf, als man von aussen das Gefühl hatte. Wir hatten eine wirklich gute Mannschaft. Nur wussten die Spieler das selber nicht, weil sie lange als Prügelknaben galten.» Probleme, sich als Jungtrainer bei den Spielern Gehör zu verschaffen, hatte der damals 35-Jährige nie. «Autorität holt man sich mit Sozial- und vor allem Fachkompetenz. Wir gewannen in der Vorbereitung ein Testspiel mit 8:0, weil ich auf ­Pressing spielen liess. Die Spieler glaubten kaum, dass so etwas möglich war.» ­

Fringer liess sich von anderen Trainern inspirieren. Zum Beispiel von ­Ottmar ­Hitzfeld, unter welchem er 1984 in ­dessen erstem Trainer­jahr mit Zug in die NLA aufgestiegen war. «Ich habe von ihm schon früh viel über Taktik gelernt. Ich wurde ein richtiger Fan von all den taktischen Schemas, so auch vom perfekten Pressing von Arrigo Sacchi. Da wussten die Deutschen noch gar nicht, dass es überhaupt verschiedene Taktiken und verschiedene Systeme gibt.»

Weil im Brügglifeld ein neuer Rasen verlegt wurde, trat die Mannschaft zu Beginn der Meisterschaft 1992/93 vor allem auswärts an. Und besiegte der Reihe nach GC, Bulle und St. Gallen. Nach fünf Runden grüsste der FCA von der Tabellenspitze. Fringer erinnert sich: «Die Mannschaft entwickelte eine Freude daran, auf den Platz zu gehen und zu wissen, mit einer guten Leistung verdient gewinnen zu können. Das gab ihr Selbst­vertrauen, und sie wurde Schritt für Schritt besser. Da kommst du in Sphären, wo dir plötzlich Flügel wachsen.»

Entscheidenden Einfluss auf den Höhen­flug hatte auch die Harmonie, ­welche in Aarau neben dem Platz herrschte. «Präsident Ernst Lämmli, Sportchef Fredy Strasser und ich waren ein Dreieck, welches einfach zusammengepasst hat. Lämmli war kein Präsident, wie es sie heute gibt, die am Montag auf die Tabelle schauen, um zu beurteilen, ob sie einen guten Trainer angestellt haben. Lämmli hatte viel Empathie und das Gespür für die Situation», sagt Fringer. Er hatte zuvor in Schaffhausen, wo ein Präsidentenwechsel für Unruhe sorgte, erlebt, was passiert, wenn nicht alles zu 100 Prozent zusammenpasst. «Wenn es interne Kämpfe in der Führung gibt, kommen Sachen dazwischen, die verhindern, dass du den Erfolg verdienst.»

Malaysia calling

Die Überraschung der Qualifikation war nicht der gute fünfte Platz der Aarauer, sondern der Fall von Meisterschaftsfavorit GC in die Abstiegsrunde. Der FCA hatte nach der Punktehalbierung nur noch zwei Punkte Rückstand auf Wintermeister YB. «Ich stand im Winter vor die Mannschaft und sagte: ‹Wir müssen gut spielen, um die Teams hinter uns in Schach zu halten. Wenn wir sehr gut spielen, haben wir sogar die Möglichkeit, die vier Mannschaften vor uns zu über­holen.›» Da hörten die Spieler zum ersten Mal, dass einer vom Meistertitel sprach. «Aber nur intern. Nach aussen redeten wir nur davon, den Ligaerhalt geschafft zu haben», sagt Fringer. 

In Malaysia bereitete sich das Team auf die Rückrunde vor. «Dieses Trainingslager war ganz entscheidend und ein Grund dafür, dass wir so zusammengewachsen sind», blickt Fringer zurück. «Wir haben den Spielern viele Freiheiten gegeben. Sie durften in den Ausgang gehen und dort auch etwas trinken. Heute wäre das undenkbar, es würde heissen, wir seien ein Kegelklub.» Es entstand ein unbändiger Siegeswille. Das musste auch ein anonymer Telefon­anrufer aus dem Wettmilieu erfahren, der dem FCA 10 000 Dollar bot, wenn das Testspiel gegen die malaysische Nationalmannschaft mit 1:1 enden würde. Sein Angebot verhallte ungehört.

Zurück in der Schweiz, wartete zum Auftakt der Finalrunde ein happiges Programm auf die Aarauer. Doch die verblüfften weiter und besiegten erst auswärts das zweitklassierte Servette sowie Meister Sion und dann auch noch im Brügglifeld Winter­meister YB. Und lagen erneut an der Tabellenspitze. «Mit jedem Sieg wurden Hunger und Dynamik noch grösser», so Fringer. Spieler, welche zuvor als Mitläufer galten, entwickelten sich zu Winnertypen. Viel Spielraum hatte der Trainer mit dem dünnen Kader nicht. Aber ein paar Tricks. «Auswärts liess ich Uwe Wassmer laufen, der mit seinen langen Schritten weite Wege gehen konnte. Und zu Hause setzte ich Salvatore Romano ein, der ein giftiger Aggressivleader war und ein gutes Pressing spielen konnte.»

Weiterhin gewährte Fringer seinen Schützlingen Freiheiten. Es wurde zur Tradition, dass die ganze Mannschaft nach den Spielen in den Aarauerhof zog, wo Pouletflügeli serviert wurden und die Spieler das Tanzbein schwangen. Nur selten musste Fringer eingreifen, um das gute Klima aufrechtzuerhalten. «Dani Wyss und Mirko Pavlicevic waren sich nicht so grün und gerieten oft aneinander. Deshalb musste ich immer schauen, dass die beiden im Training im gleichen Team sind. Beide wollten unbedingt gewinnen und hauten sich deshalb auf die Socken. Das musste ich nachher in meiner Karriere nie wieder tun.»

Die Zuschauer würdigten den Vormarsch des Aussenseiters lange Zeit kaum. Selbst als Aarau bereits Leader war, kamen etwa gegen den FCZ nur 3500 Fans ins Brüggli­feld. Fringer zeigt Verständnis dafür: «Wenn du jahrelang der Prügelknabe der Liga gewesen bist, musst du die Leute zuerst wieder überzeugen. Plötzlich merkten sie, dass diese Mannschaft ja Meister werden kann. Dann kamen sie endlich.» Und tatsächlich erklangen erstmals «Schwiizer Meischter FCA»-Gesänge von den Rängen.

Vier Runden vor Schluss kam es im Wankdorf zum Spitzenspiel. Mit einem Sieg hätte YB wie Servette bis auf einen Punkt zum Überraschungsteam aufschliessen können. Doch im Frühjahr 1993 passte einfach alles beim FCA. Selbst die Nöte der Rivalen: Die YB-Profis warteten seit Monaten auf ihr Gehalt. Mit angeschlagener Moral hatten sie gegen die euphorisierten Aarauer ­einen schweren Stand. Es wurde die ganz gros­se Show von Petar Aleksandrov. Der Bulgare mit dem Stirnband, eben erst von einer Sperre zurückgekehrt, spielte die Partie seines Lebens. Per Kopf, aus dem Gewühl, nach wildem Dribbling: stets hatte die YB-Defensive das Nachsehen. Sämtliche Tore steuerte Aleksandrov zum 4:1-Sieg bei, den nur eine Handvoll FCA-Fans im Stadion erlebten. Für Fringer war das YB-Spiel der Knackpunkt: «Als wir im Bus nach Aarau zurückfuhren, sagte ich der Mannschaft, dass wir uns nun zwar bereits für den Europacup qualifiziert hätten, wir damit aber noch lange nicht zufrieden seien.»

Erdbeeren fürs Rüebliland

Die Konkurrenz hatte da bereits resigniert. YB-Trainer Martin Trümpler gratulierte Kollege Fringer schon nach dem Debakel im Wankdorf. Und Noch-Meister Sion karrte als Geschenk zur Ablösung 5 Tonnen Erdbeeren ins Brügglifeld. 9000 kamen – endlich schwappte die Begeisterung auf das Publikum über. René Sutter traf mit dem Selbstvertrauen, das Underdogs auf einem Höhenflug eigen ist, aus 25 Metern in die hohe Ecke, eine Viertelstunde vor Schluss gelang Mirko Pavlicevic die Siegsicherung. Und danach war klar: Würde Servette später am Abend beim FCZ verlieren, wäre Aarau Meister. Kurzerhand wurde ein Car organisiert, der die ganze Mannschaft mitsamt Familien in den Letzigrund brachte. Bier­flaschen zirkulierten, der Chauffeur spielte aktuelle Euro­dance-Hits, ein jeder stimmte lauthals mit ein.

Der FCZ wollte die ausgelassene Stimmung nicht trüben: Von der Gegen­tribüne aus erlebten die Aarauer, wie Marco Grassi mit zwei Toren die Partie entschied. Am 5. Juni 1993 um 21:47 Uhr war die Sensation perfekt: Der FC Aarau war Meister! Ein Verein, dessen einzige Erfolge in der Nachkriegszeit ein Cupsieg und zwei kurze Auftritte im Europacup gewesen waren. Auf dem Letzigrund-Rasen drehten Bernd Kilian und Co. – der Captain trug nun ein XL-Hawaii­hemd und ein verkehrt herum aufgesetztes Baseballcap – mit einem improvisierten ­Pokal aus Karton ihre Ehrenrunden. Die Zürcher Südkurve feierte den neuen Champion und skandierte «Aarau! Aarau!» Zurück in der Heimat erwartete die FCA-­Helden ein grosser Empfang beim Rathaus. «Das bleibt natürlich unvergesslich», sagt Fringer mit 24 Jahren Abstand. Die Stadt wurde zum Tollhaus, die Nacht zum Tag. «Etwa drei Viertel der Mannschaft waren Eigene, waren Aargauer. Freunde und Kolle­gen aus der Region, die sich schon lange kannten, haben das geschafft.»

Die Saison nach der Sensation wurde zur grossen Herausforderung. In der Champions-League-Qualifikation scheiterte Aarau nur haarscharf an der grossen AC Milan (0:1 und 0:0). In der Meisterschaft war der FCA nun nicht mehr Aussenseiter. «Wir standen plötzlich im Schaufenster und kamen nicht mehr aus dem Windschatten. Und wenn du dann mit Di ­Matteo , welcher zu Lazio ging, noch den besten Spieler verlierst, wird es doppelt schwierig.» Trotzdem beendete der FCA die folgenden zwei Saisons jeweils auf dem respektablen vierten Rang. Im Sommer 1995 schliesslich verliess Rolf Fringer das Brügglifeld Richtung Stuttgart. Obwohl auf dem Absprung in die Bundesliga, hatte er beim FC Aarau noch einen neuen Vertrag unterschrieben. Um für den Verein eine Ablösesumme herauszuholen. «Aus Dankbarkeit. In Aarau durfte ich etwas erleben, was ich ein Leben lang nicht mehr vergessen werde.»

Dieser Text erschien in ZWÖLF #62 (September 2017).

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