Rumänische Liga

petrolul

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Fussball auf rumänisch

Fast die Hälfte des rumänischen EM-Kaders spielt in der heimischen Liga. Das ist erstaunlich, ist diese doch mit ihren zwielichtigen Patrons und den unzähligen Skandalen die vielleicht dubioseste Liga der Welt.

Wer die Abschlusstabellen der obersten rumänischen Liga verstehen will, braucht gute Augen. Schliesslich ist ohne lange, erklärende Fussnoten nicht nachzuvollziehen, was in der entsprechenden Saison vor sich ging. Die Liga I – nach 74 Jahren musste man den alten Namen «Divizia A» abgeben, weil sich ein findiges Unternehmen die Rechte daran gesichert hatte – ist der Wilde Westen des europäischen Fussballs: Punktabzüge, Lizenzentzüge, Spielmanipulationen, Rechtsstreite, Umzüge, Namensänderungen – nichts fehlt zu einer beispiellos chaotischen Meisterschaft. Alleine in der vergangenen Saison kam es zu sagenhaften 25 Trainerwechseln – im Jahr davor waren es gar 33 gewesen –, weshalb kein Rumäne mit den entsprechenden Qualifikationen lange arbeitslos ist. Die ewig gleichen Namen werden herumgereicht, so dass etwa Adrian Szabo derzeit zum sechsten Mal in vier Jahren als Trainer des FC Brasov tätig ist.

Und das ist längst nicht das Aussergewöhnlichste in der vielleicht skurrilsten Liga der Welt. Klubs tauchen aus dem Nichts an der Tabellenspitze auf und verschwinden dann ebenso schnell wie die Präsidenten mit der Vereinskasse. Unirea Urziceni? 2009 als Meister in der Champions League, 2011 aufgelöst. Oțelul Galați? 2011 Meister und Gegner von Basel in der Champions League, 2016 aufgelöst. FC Vaslui? 2012 in der Europa League mit dem FCZ, heute in der 4. Liga. Wie es um den Rest steht, lest ihr in dieser Zusammenstellung, die in keiner Weise den Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.

 

poliACS POLI TIMIŞOARA

Der FC Politehnica Timișoara war nie mehr als ein Liftteam. Als der Verein gar bis in die Liga III fiel, war es Zeit für die grosse Rochade. Liga-I-Aufsteiger AEK Bukarest zog nach Timișoara und fusionierte mit Politehnica – sehr zum Unmut des vormaligen Eigentümers Claudio Zambon. Der Italiener machte sein Recht auf Klubnamen, Farben und Geschichte vor Gericht geltend. Der Verband sprach gar einen 6-Punkte-Abzug aus, weil weiterhin in violetten Trikots gespielt wurde. Aus einem jahrelangen juristischen Hickhack ging der Verein doch noch als Sieger hervor, bekam den Namen und die Farben zurück – nur um kurz darauf in Konkurs zu gehen. 2012 wurde der Verein aufgelöst.

In die Lücke sprang der ACS Recaș aus der nahe gelegenen Stadt, übernahm Name und Geschichte – so entschied es der Bürgermeister von Timișoara – und stieg als ACS Poli Timișoara in die Liga I auf. Die Fans verweigerten dem neuen Verein jedoch den Support, weil sie ihn für einen «Schwindel» und ein «politisches Manöver» halten. Sie besuchten lediglich die Spiele der Amateure des Vereins. Im Februar dieses Jahres wurde der neue Klub als legitimer Nachfolger von Politehnica anerkannt, die Freude währte indes nur kurz. Seit diesem Sommer ist man wieder zweitklassig.

 

steaua_bucurestiSTEAUA BUKAREST

Neben dem Eigentümer des erfolgreichsten und populärsten rumänischen Vereins wirkten selbst die exzentrischsten und umstrittensten Klubpräsidenten Westeuropas wie Schulbuben. Durch einen dubiosen Landverkauf an die rumänische Armee wurde George «Gigi» Becali 1998 über Nacht zum Millionär und übernahm in der Folge immer mehr Anteile an Steaua. Seit zehn Jahren ist er Mehrheitsaktionär. Um den Klub baute er ein undurchsichtiges Firmengeflecht auf und entging so wiederholt Steuerzahlungen in Millionenhöhe. Die genarrten Behörden untersagten ihm im Gegenzug seinen 2008 präsentierten Plan, die «Becali Bank» zu eröffnen, die nur von Kunden mit einer Mindesteinlage von 30 Millionen Euro hätte genutzt werden dürfen. Der Entscheid wurde damit begründet, dass «die Bank sich vermutlich nicht an die Gesetze halten werde».

Gleichzeitig startete Becali seine politische Laufbahn. Mit einer ultrakonservativen und ausländerfeindlichen Gesinnung schaffte er es 2009 gar ins Europaparlament, wo er aber kaum in Erscheinung treten konnte. Denn kurz zuvor hatte er zusammen mit seinen Leibwächtern eigenmächtig die Diebe seiner Mercedes-Limousine festgenommen, im Kofferraum eingesperrt und verprügelt. So blieb ihm die Ausreise aufgrund laufender Verfahren die meiste Zeit untersagt.

Er beschränkte sich deshalb darauf, sich in Rumänien mit nahezu jedem anzulegen. Den Premierminister bezeichnete er als «Kakerlake». Er bot fünf Millionen Dollar, um alle Homosexuellen im Land loszuwerden, bezeichnete einen afrikanischstämmigen Moderator als «Affen» und bespuckte einen zweiten. Er sang Hetzlieder gegen die Roma, untersagte den Wechsel des Franzosen Florent Sinama-Pongolle zu Steaua, weil er schwarz ist, und verkündete die Verschwörung der ungarischen Freimaurer, die seiner Ansicht nach den Rivalen CFR Cluj finanzierten. Zudem ist er der Meinung, eine Frau habe nach der Geburt eines Kindes «keinen Wert mehr». «Ich bin kein zivilisierter Mann», verkündete der «Pate von Bukarest» einst trotzig. Trotz all dieser Skandale hält einer noch immer zu ihm: José Mourinho bezeichnet Becali nach wie vor als «Teil der Familie», auch wenn dieser derzeit eine dreijährige bedingte Haftstrafe absitzen muss – wegen dieses dubiosen Landverkaufs vor bald 20 Jahren.

 

dinamoDINAMO BUKAREST

Dinamo ist der grösste Rivale von Steaua. Laut einer Umfrage bekennt sich fast ein Fünftel der Bevölkerung zu Anhängern von Dinamo. Das Duell mit dem Stadtrivalen bezeichnet man als «Eternul Derbi». Ob es dieses auch in Zukunft geben wird, ist derzeit fraglich. Im März 2014 kam die breit angelegte Untersuchung zu Steuerhinterziehung und Geldwäsche im rumänischen Fussball zum Abschluss, und erstmals wurden auch grosse Namen verurteilt. Die Legende Gheorghe Popescu, einst Captain des FC Barcelona, musste ebenso eine dreijährige Haftstrafe antreten wie der umtriebige und umstrittene Manager von Steaua, Mihai Stoica, der zuvor als Präsident den amtierenden Meister Unirea Urziceni in den Abgrund geritten hatte.

Von Dinamo verschwanden der Klubvorsitzende und ein Mäzen hinter Gittern, worauf sich auch der wichtigste Investor vom Verein distanzierte, der noch wenige Monate zuvor «die Wiederkehr der goldenen Ära» verkündet hatte. Im Sommer 2014 meldete der Verein Insolvenz an. Das Verfahren dauert erstaunlicherweise noch immer an, Dinamo darf weiterhin in der Meisterschaft mittun und wurde diese Saison gar Vierter. Was herzlich wenig nützt: Im Europacup sind Klubs mit laufendem Insolvenzverfahren nicht zugelassen.

 

afc_astra_giurgiuFC ASTRA GIURGIU

Sie kennen den FC Astra Giurgiu nicht? Vielleicht doch, einfach unter einem anderen seiner vielen Namen. Alleine in der postkommunistischen Ära benannte sich der Klub sieben Mal um. 2003 fusionierte Astra – damals noch in Ploiești ansässig – mit dem Stadtrivalen Petrolul. Die Ehe hielt nicht lange, schliesslich ist kaum etwas beständig bei Astra. Eigentümer Ioan Niculae verbraucht im Schnitt fünf Trainer pro Saison. Der Ex-Internationale Tibor Selymes schaffte gar das Kunststück, zweimal in einer Spielzeit gefeuert zu werden. Sein Nachfolger wurde übrigens trotz einer Serie der Ungeschlagenheit in der Halbzeitpause abgesetzt. Er hatte sich geweigert, die Auswechselanweisungen des Mäzens zu befolgen.

Weil er sich von den Behörden in Ploiești schikaniert sah, zog Niculae mit seinem Klub kurzerhand nach Giurgiu, zwei Autostunden entfernt. Dort steht ein neues Stadion mit nur drei Tribünen. Die Lücke wird von einem überdimensionalen Poster verdeckt, auf dem dicht gedrängte Zuschauer zu sehen sind. Dies soll die Tristesse bei nur 3000 Zuschauern im Schnitt etwas lindern. Und dennoch: 2014 spielte Astra erstmals europäisch, 2016 folgte der erste Meistertitel der Geschichte. Nun fürchten die Fans eine Qualifikation für die Champions League: Astra wäre nicht der erste rumänische Verein, bei dem der Geldfluss nur in die Taschen des Eigentümers fliesst und dessen Interesse für den Klub danach augenblicklich erlischt.

 

cs_concordia_chiajnaCS CONCORDIA CHIAJNA

Der kleine Verein aus dem Süden des Landes schaffte 2011 erstmals den Sprung in die Liga I. Dank 17 (!) Neuzuzügen in der Winterpause wurde der Klassenerhalt geschafft. Auch in der Folgesaison klassierte man sich knapp über dem Strich. Gerettet war man dadurch noch nicht. Schliesslich sind die Wege des rumänischen Verbandes unergründlich. Der setzte nämlich kurzerhand ein Relegationsspiel zwischen Concordia und dem achtplatzierten Rapid Bukarest an, das die Lizenz zu verlieren drohte. Rapid gewann, Concordia klagte vor dem Sportgericht. Das Urteil kam erst, als die Saison 2013/14 bereits lief. Für das Bukarester Derby waren bereits über 10’000 Tickets verkauft worden, als Rapid doch noch in Liga II verbannt wurde und Concordia wieder den ihm zustehenden Platz einnehmen durfte. Noch heute spielt der Klub im Oberhaus, vor durchschnittlich knapp 1000 Zuschauern.

 

fc_vasluiFC VASLUI

2002 zog Victoria Galati als Aufsteiger in die Divizia C nach Vaslui um. Drei Jahre später schon spielte der FC Vaslui in der höchsten Liga. Die erste Saison war denn auch gleich ein Lehrstück sondergleichen: Am letzten Spieltag musste Steaua bei Vaslui gewinnen, um Meister zu werden. Dies gelang der Elf aus Bukarest mit 4:0 «erstaunlich locker», wie es rumänische Zeitungen umschrieben. Die Vasluier witterten eine Verschwörung und offenbarten eiserne Konsequenz, als die gesamte Vereinsleitung inklusive Klubeigner zurücktrat und zudem 30 (!) Spieler den Verein verliessen. Einige Leistungsträger heuerten notabene bei Steaua an.

Mit komplett neuer Besetzung hielt sich Vaslui wacker im Oberhaus, durfte 2012 gar in der Europa League gegen den FC Zürich ran. Davon ist man mittlerweile unendlich weit entfernt: Aufgrund der finanziellen Schieflage wurde Vaslui 2013 in die 4. Liga zwangsrelegiert.

 

CS_U_CraiovaCS UNIVERSITATEA CRAIOVA

Jahrzehntelang vermochte der FC Universitatea Craoiva immer wieder die Phalanx der Hauptstadt-Vereine zu durchbrechen. Der aufmüpfige Eigentümer Adrian Mititelu legte sich wiederholt mit den fussballerischen Eliten an und musste bald feststellen, dass er am wesentlich kürzeren Hebel sass. 2011 zog einer der vielen ehemaligen Trainer wegen ausstehenden Lohnes vor ein Zivilgericht. Umgehend schloss der Verband Universitatea vom Ligabetrieb aus, weil seine Regeln besagen, dass alle Streitigkeiten vor dem Sportgericht behandelt werden müssen. Dass Arbeitsverträge davon explizit ausgenommen sind, spielte für die Vollversammlung des Verbandes keine Rolle: Der Entscheid wurde abgesegnet, alle Spieler von Universitatea wurden damit zu «Free Agents» und heuerten anderswo an, womit die Grossklubs des Landes gratis zu guten Spielern kamen. Ein Schelm, der Böses denkt.

Die nationale Antikorruptionsbehörde startete daraufhin eine Untersuchung. Es kam zu mehreren Anklagen wegen Amtsmissbrauch. Im Juni 2012 wurde der Ausschluss von Universitatea für illegal erklärt. Selbst die FIFA stellte dessen Legitimität infrage. Das Oberste Gericht kümmerte dies alles nicht. Im April 2014 wurde verkündet, der Verband habe «im Einklang mit Regeln und Statuten gehandelt». Es war der Schlussstrich unter eine 70-jährige Vereinsgeschichte.

Craiova hat aber weiterhin einen Fussballklub. Mit Unterstützung der Stadtbehörden entstand der Sportverein CS Universitatea Craiova, der sich auch gleich zum legitimen Nachfolger des untergegangenen Traditionsvereins ernannte. Freundlicherweise – und Gerüchten zufolge gegen eine Zahlung von 2 Millionen Euro an den Verband – durfte CS Universitatea auch gleich in Liga II einsteigen und schaffte umgehend den Aufstieg.

 

fc_brasovFC BRAȘOV

Lange blieb es im Traditionsverein für rumänische Verhältnisse relativ ruhig, bis der langjährige Mäzen Ioan Neculaie die Zusammenarbeit mit dem auf die Saison 2010/11 engagierten Trainer Giuseppe Materazzi – Vater des Weltmeisters – bereits nach vier Tagen wegen «Meinungsverschiedenheiten» beendete. Neculaie fand anscheinend Spass am Feuern, denn seither kam es beim FC Brașov zu über 20 weiteren Trainerwechseln. Einige Übungsleiter starteten gleich mit einer Serie ohne Niederlage, wurden aber dennoch bald freigestellt. Aufgrund von «Meinungsverschiedenheiten» natürlich.

Die kommende Zeit verspricht Besserung, denn Mäzen Neculaie sitzt eine bedingte Gefängnisstrafe ab, weil er eine Fabrik und ein Hotel illegal auf einem ihm nicht gehörenden Grundstück errichtet hatte. Das Gerichtsprotokoll zitiert Neculaie mit den an den Landeigentümer gerichteten Worten: «Fick dich, du Idiot!»

 

 

 

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