Nachruf auf «Atom-Otto» Luttrop

lutt

lutt

Der strahlende Scharfschütze

Mit 1860 München wird er Meister. Doch 1966 verschlägt es Otto Luttrop zum FC Lugano – in der Blüte seiner ­Karriere. Diese kennt keine Kompromisse. Nicht umsonst wird der Deutsche ehrfürchtig «Atom-Otto» genannt. Am Dienstag ist der Cupsieger von 1968 und 1974 verstorben. Eine Ehrung aus ZWÖLF #48.

Text: Paulo Galli (Übersetzung: Silvan Lerch)
Illustration: Marija Markovic

Während die Beatles weltweit die Hitparaden stürmen, greifen amerikanische Bomber Vietnam an. Der Krieg tritt ins Bewusstsein aller – damals, als das Jahr 1968 mit seinen Demonstrationen und Positionsbezügen vor der Tür steht. Es ist 1966, das Jahr der Weltmeisterschaft in England. Die Fussballer haben in jener Epoche noch nicht den Status erreicht, wie er für die heutige Generation gilt.

Sie sind keine schönen, millionenschweren Götter, die mit ihren Muskeln prahlen und unerreichbar bleiben. Aber sie sind auch keine unscheinbaren Figuren mehr. Ihre Auftritte erfolgen nun mit Kalkül, und die Haare werden länger. Es sind dies Vorboten der wilden 70er.

Die WM auf der Insel bringt das frühe Aus des Titelverteidigers Brasilien und von Italien, das eine schmachvolle Niederlage gegen Nordkorea erleidet. Vor allem aber bleibt die Endrunde im kollektiven Gedächtnis wegen des (Nicht-)Tors von Geoff Hurst im Final zwischen England und Deutschland.

Mit der verlorenen Partie im ­Wembley endet für die Deutschen ein Turnier, das sie mit einem 5:0-Sieg über die Schweiz begonnen haben. Eine Schweiz übrigens, die geprägt ist vom Konkurrenzkampf ihrer Mittel­feld-Ikonen Odermatt und Kuhn. Während der Basler bei der Klatsche gegen den nördlichen Nachbarn auf dem Feld steht, läuft gegen Spanien und Argentinien der Zürcher auf. Am Ende der Gruppenphase steht gleichwohl für beide nur der Abschied von der Insel.

Cruyffs Doppelgänger im Cornaredo
Es ist dieser Kontext, in den sich die Geschichte eines Spielers fügt, der bei der WM eigentlich auch hätte teilnehmen müssen: Otto Luttrop, besser bekannt als «Atom-Otto» – dank seiner gewaltigen Schusskraft. 130 Kilometer pro Stunde lautet sein Bestwert. Am 24. Juni 1966, wenige Tage vor dem Turnierstart, verbreiten die Tessiner Zeitungen eine Nachricht, die aufhorchen lässt: «Der deutsche Spieler Luttrop, der schon am vergangenen Samstag im weiss-schwarzen Trikot hätte debütieren sollen, ist für die nächste Saison definitiv von Lugano verpflichtet worden.

Zusammen mit dem erwähnten Rudolf «Rudi» Brunnenmeier (später Xamax und FCZ) hat Luttrop soeben die deutsche Meisterschaft gewonnen: die Krönung einer Spielzeit, in der die «Sechziger» auch international glänzen. Ihre Kampagne im Europacup der Pokalsieger sehen sie erst im Final gegen West Ham United gestoppt. Luttrop schlägt die Pässe, Brunnenmeier vollendet sie. Doch nun ist der Moment gekommen, München zu verlassen und in die Schweiz zu ziehen.

Ein solcher Transfer ist damals nichts Aussergewöhnliches. Immer wieder ­kommen Deutsche hierher, um ihre Kar­riere ausklingen zu lassen. Nur: Im Gegensatz zu den meisten dieser Neuzugänge ist Luttrop weder Mittelmass noch im fort­geschrittenen Alter. Mit seinen erst 27 Jahren stellt er in jeder Hinsicht eine Ausnahme­erscheinung für den Schweizer Fussball dar. Zudem erinnert er an Johan Cruyff: dieselbe Nase, derselbe intensive Blick, Scheitel auf der einen Seite, Haare auf der anderen.

Wie der begnadete Niederländer, der die Sportart einige Jahre später prägen sollte, ist auch «Atom-Otto» ein universeller Spieler: ein Akteur, der den ganzen Raum des Mittelfelds für sich zu nutzen versteht. Er liebt es, das Spiel zu gestalten, sich auf dem Platz zu amü­sieren – aber nie um des Amüsements willen. Er weiss, wie man Tore erzielt, sei es aus Standardsituationen oder aus dem Spiel heraus.

«Atom-Otto» hat eben nicht nur einen kräftigen Wumms, er kann auch verbal austeilen. «Herr Merkel, Sie können mich mal am Arsch lecken!», offenbart er dem Trainer.

Ein Korb für den Bundestrainer
Der Wechsel von 1860 München nach Lugano bedeutet für Luttrop einen Rückschritt. Ihm zugrunde liegt eine Disqualifikation: eine Strafe, weil er sich einem Schiedsrichter gegenüber unflätig verhalten hat. Zudem überwarf er sich mit Trainer Max Merkel. «Atom-Otto» hat eben nicht nur einen kräftigen Wumms, er kann auch verbal austeilen. «Herr Merkel, Sie können mich mal am Arsch lecken!», offenbart er dem Trainer.

Diese Aufforderung, geschildert in einem Interview mit «11 Freunde», ist eine Reaktion darauf, dass ihn Merkel nicht mehr einsetzte. Der Grund: Luttrop wünscht, den Verein zu verlassen, was dem Übungsleiter gar nicht passt.

Vor der WM gehört der Wechselwillige zum 32-Mann-Kader der deutschen Nationalmannschaft. Laut eigenen Aussagen gilt er zu jenem Zeitpunkt als «bester Mittelfeldspieler der Bundesliga».

Doch die Sperre von acht Meisterschaftspartien kostet ihn die WM-Teilnahme. Zumal er eine Berufung von Trainer Helmut Schön ausschlägt. Dieser will ihn im Freundschaftsspiel gegen Italien auf die Bank setzen. Das Reservistendasein reicht «Atom-Otto» freilich nicht. Fortan hört er von Schön nichts mehr. «Das war der Tiefpunkt meiner Karriere», gesteht Luttrop 2004 der Zeitung «Giornale del Popolo».

Nach Vertragsende in München erhält er ein Angebot vom HSV. Das ist allerdings finanziell unattraktiv. Luttrop geht nicht darauf ein. Nun schlägt die Stunde … eines ­Tessiner Journalisten. Rinaldo Giambonini vom «Giornale del Popolo» empfiehlt den Spieler dem Präsidenten des FC Lugano, Cecchino Malfanti. So etwas ist damals noch möglich, als der Transfermarkt noch nicht von Spielervermittlern dominiert wird.

Und tatsächlich: Kurz darauf wechselt der Deutsche für 80’000 Franken ins Cornaredo. Das ist keinesfalls selbstverständlich – und mit Unsicher­heiten verbunden, wie der Journalist später festhält: «Luttrop war ein wenig in Sorge.» Der Stareinkauf befürchtete wohl, so ­Giambonini, dass ihm das überschaubare Talent seiner neuen Teamkollegen das Leben auf dem Platz erschweren würde. In ­München hatte er mit Profis zusammen­gespielt. Hier, im beschaulichen Lugano, sah er sich Amateuren gegenüber.

Ehefrau vereitelt Flucht
Für Ernüchterung sorgt auch der Geschäftssitz des neuen Arbeitgebers. Als Trainer Louis Maurer Luttrop am Bahnhof abholt und zum Stadion bringt, scheint der Deutsche ein wenig enttäuscht. Die Trainings­einheiten finden auf ­Plätzen statt, die alles beinhalten, sogar Steine. Und Deutsch spricht fast keiner. Luttrop räumt 1989 in einem Rückblick mit der Zeitung «Popolo e Libertà» ein: «Ich fühlte mich schlecht. Nach drei Tagen bin ich nach Hause gekommen und habe meiner Frau gesagt, sie solle die Koffer packen. Doch sie überzeugte mich davon, dass dies ein Fehler wäre. Und so blieb ich.»

Dabei hilft bestimmt auch der ­grosse Enthusiasmus, der ihm entgegengebracht wird. Klub und Mannschaft unternehmen alles, damit sich Luttrop schnell einlebt. Nach und nach gewöhnt er sich an die ­Tessiner Realität und entwickelt sich zur gros­sen Stütze. Giambonini schreibt im Winter 1966 erleichtert: «Der Spieler hat noch viele Pfeile im Köcher. In der Rückrunde wird er noch mehr leisten können.»

Die Zuschauerzahlen steigen. Kommen anfänglich bloss 1000 Unentwegte, sodass sich ­Luttrop wie an einem «Begräbnis» fühlt, sind es im Dezember 1966 gegen Basel bereits 14 000 – Rekord.

Der Journalist sollte recht behalten. Die anfänglichen Irritationen sind bald vergessen. Mit Luttrop wird Lugano zu einer Equipe, an die sich im Tessin alle erinnern. Die Zuschauerzahlen steigen. Kommen anfänglich bloss 1000 Unentwegte, sodass sich ­Luttrop wie an einem «Begräbnis» fühlt, sind es im Dezember 1966 gegen Basel bereits 14 000 – Rekord.

Die Partie wird zum Ereignis. Luttrop gelingt in der 33. Minute der Führungstreffer, zuletzt gewinnt das Heimteam 3:1. Im Matchbericht heisst es, ­Odermatt und Luttrop hätten die Schlüssel in dieser Partie bedeutet. Und obwohl der Basler Captain einen exzellenten Eindruck hinterlässt, habe ihn ­Luttrop dominiert.

Nur keine Kompromisse
Der Deutsche ragt in einer Mannschaft he­raus, die technisch nicht die beste ist, aber umso couragierter auftritt. Luttrop verleiht ihr Mut. Sie weiss, dass er den Unterschied ausmachen kann. So führt er Lugano in seiner ersten Saison auf Platz drei hinter Basel und Zürich – und 1968 zum Cupsieg gegen Winterthur.

Nach dem mit 2:1 gewonnenen Final taucht Luttrop in ein Meer voller Hände. Alle versuchen, ihn zu berühren. Viele Fans weinen vor Freude. «Jeder wollte mir gratulieren und mich auf den Schultern tragen», erinnert sich der Star noch Jahre später an diese «aussergewöhnlichen Momente». Zur Belohnung gastiert in der Folgesaison das grosse Barcelona im Cornaredo. Doch die Spanier sind zu stark für die Schweizer und werfen sie aus dem Cupsieger-Cup.

Bis 1973 wird Luttrop das Spiel der Bianco­neri prägen. Nach einem weiteren Cupsieg mit Sion, Abstechern in die 2. Bundes­liga und zum FC Luzern kehrt er ins Tessin zurück, um eine letzte Saison in Chiasso anzuhängen. 1978 endet die Karriere als Spieler – und damit eine Laufbahn mit vielen Augenblicken grossen Entzückens.

Luttrop beginnt nahtlos seine Trainertätigkeit. Diese führt ihn via Chiasso weiter zu – unter anderem – Lugano und Winterthur. Sie verläuft allerdings weniger erfolgreich. Schliesslich wird Luttrop Spielerberater. In dieser Funktion ermöglicht er dem einstigen Lugano-Stürmer Mario Gavranovic, von Xamax zu Schalke zu wechseln.

Welcher Aufgabe der Deutsche auch immer nachging, er verfolgte sie gewissenhaft. Sein Leben kannte wenige Kompromisse, sein Charakter vor allem Schwarz oder Weiss. Ein echter Bianconero eben. Auch im hohen Alter liess sich Luttrop nicht verbiegen. Mit 78 Jahren ist «Atom-Otto» in seinem Haus in Agno verstorben.

Otto-Luttrop

Dieser Text erschien erstmals in ZWÖLF #48, der Ausgabe vom Mai 2015. 

abowerbung

Schon gelesen?