Nati auf Afrika-Tournee

Mit dem Wolf in Afrika

Im Winter 1983 begann für die Nati die «Operation Mexiko 1986». Eine elftägige Afrika­ Reise mit vier Länderspielen sollte Situationen der WM simulieren.

Erschienen in ZWÖLF #18 (Mai/Juni 2010)

Die Schweizer Afrika-Reisenden von links nach rechts: Marcel Koller, Charly In-Albon, Gody Waser, Martin Andermatt.

Die Schweizer Afrika-Reisenden von links nach rechts: Marcel Koller, Charly In-Albon, Gody Waser, Martin Andermatt.

Im Frühjahr 1983 lehnte der Verband eine Reise nach Afrika aus finanziellen Gründen ab. Mit der Reise wurde es dann doch noch was: Der damalige Nationalcoach Paul Wolfisberg organisierte den Ausflug auf den Schwarzen Kontinent eigenhändig zusammen mit Afrika-Kenner Erich Vogel. Auf der Sponsorensuche wurde man beim Boulevardblatt «Blick» fündig. Das war kaum erstaunlich, pflegte der bärtige Nationalcoach seit seinem Amtsantritt 1981 doch eine «innige» Beziehung mit dem «Blick». Der wichtige Mann beim Blatt war Wolfisbergs Freund Mario Widmer. Dieser war im Zusammenhang mit der Reise nicht nur für eine durchaus wohlwollende Berichterstattung zuständig, sondern auch für eine tägliche Kolumne, die mit peniblen rassistischen Bemerkungen gespickt war. «Elfenbeins Zahui hat sich im schummrigen Licht kaum vom Hintergrund abgehoben», textete Widmer unter anderem. Vorweg, es sollten nicht die einzigen Tiefschläge dieser Afrika-Reise werden.

Der «Blick» verstand es jedenfalls, die Reise leserbindend einzusetzen. Unter dem Titel «Traumreise des Lebens halb geschenkt. Mit den Wölfen rund um Afrika» pries das Blatt seine Leserreise an. Schon Mitte Oktober hatte der «Blick» euphorisch verkündet: «Unheimlich: Die Schweizer stürmen Afrika. Alle Plätze sind schon ausgebucht!», und einen Tag später nachgereicht: «132 auf der Warteliste!»

«Alles fit für die Afrika-Safari», titelte das Boulevardblatt dann, als die Abreise kurz bevorstand. Fit vielleicht. Aber die Truppe, die sich nach Vorrundenschluss nach Afrika aufmachte, durfte mit gutem Gewissen als unerfahren bezeichnet werden. Unter den Aufgebotenen befanden sich sechs Spieler ohne ein einziges Länderspiel: die Torhüter Godi Waser und Urs Zurbuchen sowie Martin Andermatt, Marco Bernaschina, Laurent Jaccard und Christian Matthey. Diese RookieSchwemme hatte diverse Gründe. Erich Burgener, Beat Rietmann, Alain Geiger, Michel Decastel, Manfred Braschler und Jean-Paul Brigger fehlten verletzungshalber. Claudio Sulser und Umberto Barberis hatten sich vorübergehend aus der Nationalmannschaft zurückgezogen, und Lucien Favre stand mit Toulouse noch in der entscheidenden Phase der Meisterschaft. Die Ausgangslage war alles andere als optimal, hinzu kamen der strenge Terminkalender und der damit verbundene rasche Wechsel in verschiedene Klimazonen.

«First Class» in die Subtropen

Zunächst ging es mit einem «eigenen» Flugzeug vom winterlichen Kloten in das subtropische Algier. «Dadurch konnten wir erstmals 1. Klasse fliegen – das alleine war schon ein Erlebnis», sagt Andy Egli fast dreissig Jahre später – nicht ohne zu schmunzeln. Die Ankunft fand gerade mal sechs Stunden vor dem Anpfiff statt. Der Gegner Algerien, der ein Jahr zuvor Deutschland an der Weltmeisterschaft in Spanien blamiert hatte, trat ohne Belloumi, aber ansonsten in der bestmöglichen Formation auf. Darunter befanden sich sechs Legionäre, die ihr Geld in Frankreich und Belgien verdienten. Im «Stade du 5 juillet» wirkten die Schweizer aufgrund der kurzen Akklimatisationszeit und der falschen Stollenwahl etwas matt und dadurch unbeholfen. Ben Cheikhs Führungstreffer für Algerien war die logische Folge. Der leichtfüssige Debütant Laurent Jaccard konnte noch vor der Pause mit einem Heber ausgleichen. Kurz vor Schluss kam es sogar noch besser. Heinz Hermann schoss den glücklichen Siegestreffer im einzigen ernsthaften Test bei dieser Afrika-Tour. Denn weder in Abidjan (Elfenbeinküste), Harare (Simbabwe) noch in Mombasa (Kenia) herrschten «länderspielreife» Zustände.

Der Reihe nach: Im Stadion von Abidjan glich der Platz eher einer Mondlandschaft als einem Rasen. «Die Wölfe jagen heute Elefanten», zog der «Blick» als Headline aus der Klischee-Schublade. Die Ivorer wechselten in der Halbzeit unbegründet die Farben – statt in Grün spielte das Team in Weiss weiter. Ein angebliches Handspiel Lüdis im Strafraum und ein anschliessender Penalty brachten den Einheimischen den Sieg. «Penalty-Komödie auf dem Bananenacker. Elefant Zahni traf zum Sieg», titelte der «Blick» abermals grenzwertig. Statistisch galt das Spiel trotz aller Besonderheiten als Länderspiel. Matthey, Bernaschina und Andermatt freute es – ihre Feuertaufe bei 30 Grad war vorbei. Auch im Spiel gegen Simbabwe zogen die Schweizer den Kürzeren – sie verloren mit 2:3. Doch der Gegner war kein Nationalteam in diesem Sinne, sondern eine mit vier fremden Spielern gespickte Equipe des vierfachen Landesmeisters Dynamo Harare.

Konsequenterweise wurde sie auch nicht vom damaligen Nationaltrainer Tony Rugg betreut. In-Albon und Lüdi erzielten durch Standards die jeweilige Führung. Doch den Sieg ergatterten sich die spielstarken Simbabwer durch zwei sehr diskutable Elfmeterpfiffe des einheimischen Schiedsrichters. Von 1650 Metern über Meer ging es nun direkt in die Hafenstadt Mombasa. Die Nationalmannschaft reiste bereits umgezogen ins Stadion ein. Hier wartete mit Kenia der schwächste Gegner der Tournee. Bei 32 Grad im Schatten kamen beide Teams zu unzähligen vergebenen Einschussmöglichkeiten – das Spiel endete torlos. Da im Stadion keine Garderoben aufzufinden waren, reisten die Spieler ohne die ersehnte Dusche zurück ins Hotel.

Vom Erlebniswert «phänomenal»

In den vier Spielen kamen ausser dem eben erst von seiner Verletzung genesenen Zappa und dem dritten Torwart Zurbuchen alle zum Einsatz. Das GC-Quartett Wehrli/Egli/In-Albon/Hermann absolvierte hingegen alle Spiele über die gesamte Spieldauer. Paul Wolfisbergs Bilanz war durchzogen. Die Fortschritte des afrikanischen Fussballs seien ihm aufgefallen. «Sie können wie Brasilianer aufspielen. Was ihnen noch fehlt, ist die Konstanz.» Die Leistung des eigenen Teams kommentierte er nur dezent. Keiner der Neulinge habe sich durchgesetzt. Des Weiteren hätten die Absenzen zu stark gewogen. Einzig überrascht zeigte er sich, wie gut die Spieler mit den Strapazen umgegangen seien. In der Rückschau sieht Andy Egli die Reise heute als «spannend, da die meisten Spieler noch nie in Afrika waren. Das war vom Erlebniswert phänomenal.» Über den Sinn der Tournee lasse sich streiten. «Durch die damalige 16er-Liga hatten wir aber sicherlich nicht zu viele Spiele in den Beinen. Mehrheitlich wurden diese Tage in Afrika trotz den Niederlagen von den Spielern geschätzt.»

afrika

On Tour 1983

Diese zwanzig Spieler standen für die Afrika-Tournee zwischen dem 30. November und dem 10. Dezember 1983 im Aufgebot: Torhüter: Roger Berbig (Grasshoppers), Gody Waser (Luzern) Urs Zurbuchen (Young Boys) Abwehrspieler:
 Martin Andermatt (Basel), André Egli, Charly In-Albon, Roger Wehrli, André Ladner (alle Grasshoppers), Heinz Lüdi, Gianpietro Zappa (Zürich). Mittelfeldspieler: Heinz Hermann, Marcel Koller, Raimondo Ponte, Marco Schällibaum (alle Grasshoppers), Philippe Perret (Neuchâtel Xamax)
 Stürmer: Marco Bernaschina (Chiasso), Laurent Jaccard (Servette), Christian Matthey (La Chaux-de-Fonds), Beat Sutter (Basel), Pascal Zaugg (Neuchâtel Xamax)

 

 

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