Mladen Petric

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«Meine Art, Fussball zu spielen, sah halt einfach etwas eleganter aus»

In Griechenland beendet Mladen Petric nun seine Karriere­. ZWÖLF besuchte ihn Anfang 2015 für die Ausgabe #46 bei seinem letzten Klub Panathinaikos und sprach mit ihm über die schwierigsten Entscheidungen seiner Karriere.

Interview: Mämä Sykora und Dimos Georgokitsos / Fotos: Eirini Vourioumis

 

Mladen Petric, du spannst deine Fans anscheinend ganz gerne auf die Folter.
Warum meint ihr?

In den letzten Jahren hast du dir während der Transferzeit jeweils einen Spass daraus gemacht, Fotos von Abflugtafeln und Aufnahmen aus einem Hotelzimmer zu posten. Das sorgte jeweils für Feuer in der Gerüchteküche.
(Schmunzelt) Ich bin einer der wenigen Fussballer, die ihre Facebook-Seite selber betreuen. Ich diskutiere da auch gerne mit den Fans und merke, dass das gut ankommt. Das bringt ihnen viel mehr, als wenn irgendein Berater im Namen des Fussballers schreibt: «Heute war ein super Spiel. Danke für die Unterstützung.» Und natürlich fand ich es immer sehr lustig, mitzuverfolgen, wie die Leute meinen Hinweisen nachgingen.

Als wir vom Interviewtermin mit dir erzählten, fragten uns in der Schweiz viele, wo du überhaupt spielst. Es ist ruhig geworden um dich.
Ja, das ist so. Hier ist die Nachfrage nach Storys nicht sonderlich gross. Und eigentlich kommt mir das mittlerweile ganz gelegen.

Panathinaikos ist nach wie vor eine gute Adresse.
Ja! Es ist ein grosser Verein mit einer tollen Geschichte. Die Fans von «Gate 13» sind ein Erlebnis. Darum geht es mir auch in meiner Karriere. Ich bin dankbar dafür, dass ich so etwas erleben kann. Ich habe das Privileg, herumzureisen, und bekomme so Einblicke, die mir sonst verschlossen blieben.

Warum hast du dich ausgerechnet für einen Wechsel nach Athen entschieden?
Meine Frau und ich, wir hatten wirklich schöne Jahre in der Schweiz, im Ruhrgebiet, in Hamburg und in London. Sie sagte mir aber auch immer, sie wolle einmal während meiner Karriere noch an einem Ort leben, wo es warm sei. Das gönnen wir uns jetzt. Ob ich in einer Topliga spiele, ist für mich mittlerweile nicht mehr essenziell. Mit Panathinaikos kam der passende Verein. Ich kann weiterhin erfolgreichen Fussball spielen, und was mindestens so wichtig ist: Die Familie fühlt sich wohl. Schliesslich kommt meine Frau von hier. Seit sich das herumgesprochen hat, ist sie mindestens so gefragt wie ich (lacht).

Finanziell hätte es wahrscheinlich lukrativere Angebote gegeben. Der griechische Fussball musste während der Krise ziemlich zurückbuchstabieren.
Die Krise spürt man schon. Dass der Verein finanzielle Schwierigkeiten hat, ist kein Geheimnis. Als ich hier ankam, hatten wir beispielsweise nicht einmal einen richtigen Kraftraum. Das hat sich mittlerweile geändert. Der Verein ist auf einem richtig guten Weg.

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Mit GC stand ich 2013 kurz vor Vertragsabschluss. Dann mussten sie das Angebot plötzlich zurückziehen.

Dabei hast du doch immer wieder eine Rückkehr in die Schweiz angekündigt.
Ich hatte immer einen Plan in meiner Karriere. Dass ich diese gerne in der Schweiz beenden würde, das ist nach wie vor der Fall.

Gab es denn Angebote?
Ja. Ich stand mit vier Super-League-Vereinen in Kontakt. Mit GC stand ich kurz vor Vertragsabschluss. Dann mussten sie das Angebot plötzlich zurückziehen. Warum genau, weiss ich auch nicht.

Wenn du heute die Resultate der Super League anschaust: Welchem Verein gilt dein erster Blick?
Dem FC Basel. Aber seit Skibbe bei GC ist, interessiert mich der Verein auch wieder sehr.

Deine ersten Erfahrungen mit dem griechischen Fussball waren nicht gerade erfreulich. Mit GC seid ihr in der Champions-League-Qualifikation gegen AEK Athen gescheitert…
… oh ja, daran erinnere ich mich genau. Kurz vor Schluss setzte Alfred einen Kopfball knapp daneben. Dabei wäre ich genau hinter ihm völlig frei gestanden und hätte freie Bahn gehabt!

Und dann war da noch dieser Kurzauftritt gegen PAOK Saloniki im UEFA-Cup…
Stimmt. Da bin ich kurz vor Schluss eingewechselt worden und lenkte unglücklich einen Schuss ab. So sind wir ausgeschieden.

Die Rückkehr zu GC wäre eine zu den Wurzeln gewesen. Was verbindet dich mit diesem Klub?
Für mich war es sehr emotional, das erste Mal im Hardturm einzulaufen. Klar, als ich später in Dortmund vor 80 000 spielen durfte, ging ein Traum in Erfüllung. Aber dieses Kribbeln damals bei GC als Jungprofi, das war einzigartig. Zweimal wurde ich mit GC Meister, vor allem die Saison 2002/03 ist mir in bester Erinnerung. Wir hatten vielleicht nicht die bessere Mannschaft als Basel. Aber die Stimmung im Team unter Marcel Koller war so geil! So extrem habe ich das später nie mehr erlebt.

Am Anfang musstest du aber ziemlich untendurch.
Das war eine schwierige Zeit. GC war die klare Nummer eins in der Schweiz, und für die Positionen im Sturm holte man oft Ausländer. Unter Roy Hodgson war das besonders ausgeprägt, da spielte ich zeitweise sogar im Nachwuchs. Da kommen auch Selbstzweifel auf, und man sucht nach eigenen Fehlern. Dennoch wollte ich mich nicht ausleihen lassen, was oft gemacht wird. In dieser Situation hat mir – wie auch später noch oft – meine Kindheit sehr geholfen, in der ich gelernt habe, mir alles erarbeiten zu müssen.

Du bist im aargauischen Neuenhof aufgewachsen…
… im selben Dorf wie Boris Smiljanic. Mit ihm verstand ich mich immer super. Ein sehr gutes Verhältnis hatte ich auch zu Bernt Haas und Mihai Tararache.

Vermutlich gehörst du zur letzten Generation derer, die nicht schon ganz früh auf den Profifussball setzten.
Für die heutige Generation ist es viel einfacher geworden. Für uns gab es damals noch keine Akademien. Meine Ausbildung fand auf dem roten Platz neben dem Schulhaus statt. Ich hatte damals während meiner Verkäuferlehre noch Mühe, es nach Arbeitsschluss mit dem Töffli rechtzeitig zum Training nach Baden zu schaffen. Bei den Jungen heutzutage ist alles auf die Profikarriere ausgelegt. So ist es viel leichter, die Chance zu packen. Sie bekommen alles auf dem Silbertablett präsentiert. Das hat auch sein Negatives: Ich sehe immer wieder Junge, die schon mit 18, 19 nach einigen guten Partien der Ansicht sind, sie hätten es schon geschafft, und deshalb nicht mehr alles geben für den Erfolg.

Du hast dich dann bald durchgesetzt bei GC. Was waren deine Ziele?
Mein Plan war eigentlich bald einmal, den Sprung ins Ausland zu schaffen. Mit 23 wäre ich gerne gegangen. In jener Saison war ich jedoch häufiger verletzt, und als dann ein Angebot kam, durfte ich es nicht annehmen.

Verrätst du uns, von welchem Verein die Offerte kam?
Das war vom FC Porto. Wir trafen in der Champions-League-Qualifikation auf sie, und ich erzielte in beiden Spielen ein Tor. Leider verlangte GC eine zu hohe Summe für mich. Es hätte mich schon gereizt.

Überlegst du dir manchmal, was gewesen wäre, wenn…?
Nun ja. Ein Jahr später gewann Porto den UEFA-Cup, zwei Jahre darauf die Champions League. Mourinho ging dann zu Chelsea… Aber ich trauere nichts nach. Ich bin völlig zufrieden mit dem, was ich erreicht habe.

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Vor dem verlorenen Cupfinal gegen Wil sind Dinge vorgefallen, die mich sehr enttäuscht hatten. Auf einige Leute im Verein, die aber längst nicht mehr dabei sind, hatte ich danach doch eine gewisse Wut.

Es folgte der Wechsel nach Basel. Der vielleicht strittigste der Schweizer Fussballgeschichte.
Natürlich wusste ich, dass es negative Reaktionen geben würde. Doch ich nahm das in Kauf, weil ich sehr überzeugt war von meiner Entscheidung.

Wie ist das, wenn einen die eigenen Fans auspfeifen?
Es war extrem hart, aber ich wusste: Mit guten Leistungen hole ich irgendwann die Zuschauer auf meine Seite. Der FC Basel hat mich in dieser Zeit hervorragend unterstützt und mir sehr geholfen.

Die Pfiffe hielten dann auch nicht lange an. Deine Tore halfen dabei. Dein erstes war ausgerechnet gegen GC. Viele jubeln nicht, wenn sie gegen ihren Ex-Klub treffen. Du hingegen schon.
Ich habe bei GC eine fantastische Zeit geniessen dürfen. Nur den Abschluss hätte ich mir schöner vorstellen können. Vor dem verlorenen Cupfinal gegen Wil sind Dinge vorgefallen, die mich sehr enttäuscht hatten. Auf einige Leute im Verein, die aber längst nicht mehr dabei sind, hatte ich danach doch eine gewisse Wut, weshalb ich mit dem Jubel auch nicht zurückhielt.

Kannst du das konkretisieren?
Ich gehöre nicht zu den Leuten, die nachtreten. Der Verein liegt mir trotz dieser Geschichte noch immer am Herzen.

Nach einem Transfer sagen Fussballer oft, das Projekt habe sie überzeugt. Wie war das beim FCB?
Es war vor allem Christian Gross, der mir imponierte. Mit ihm hatte ich mich einige Male getroffen. Es war an der Zeit für den nächsten Schritt. Mit GC wurden wir nur Siebter. Beim FCB konnte ich international spielen und mich für einen späteren Wechsel ins Ausland empfehlen.

Du hast immer zwei Schritte vorausgedacht.
Natürlich betrachtete ich den FCB nicht nur als Durchgangsstation. Man muss sich als Fussballer aber stets die Konsequenzen vor Augen halten, die ein Wechsel mit sich bringt. Bei einem kleineren Klub in Italien hätte ich vielleicht die Möglichkeit gehabt, mich für einen Grossklub zu empfehlen. Aber genauso gut hätte ich auch scheitern und irgendwo in der Serie C landen können.

Christian Gross hat dich also zum Wechsel bewegt. Dabei hast du später angeblich einmal gesagt, er könne nicht mit Menschen umgehen.
Ich erinnere mich an diese Geschichte in den Medien, und es machte mich ziemlich sauer. Das habe ich nämlich nie gesagt. Damals ging es um die Degen-Brüder. Ich sagte nur, dass die Psychologie im Fussball auch wichtig sei und dass man als Trainer nicht mit jedem Spieler gleich umgehen könne. Der Journalist hat daraus dann jene falsche Aussage gebastelt. In Tat und Wahrheit verstand ich mich mit Christian Gross bestens, und wir haben noch immer Kontakt. Er hat mir sehr geholfen, über die negativen Reaktionen auf meinen Transfer hinwegzukommen.

Es heisst, Gross‘ Methoden seien veraltet. Zu Recht?
Der Eindruck täuscht. Beeindruckt hat mich vor allem, wie akribisch er an jedem Detail arbeitet. Wir beschäftigten uns derart mit Feinheiten, dass wir Spieler manchmal Mühe hatten, den Sinn dahinter zu erkennen. Doch später machen genau diese kleinen Dinge den Unterschied aus.

In der Saison 2006/07 wurdest du Torschützenkönig und zum besten Spieler der Liga gewählt. Trotzdem waren viele überrascht, wie schnell du dann in Dortmund eingeschlagen hast.
Für mich war Dortmund grandios, weil ich auf dem Rasen einlief, der für mich immer ein Traum gewesen war. Der BVB war für mich als kleiner Junge einfach das Grösste! Sportlich lief es für mich sehr gut. Ich war gleich Stammspieler, und mein Torriecher funktionierte offensichtlich auch auf der Stufe Bundesliga.

Am Ende der Saison gab es einen Trainerwechsel. Thomas Doll ging, mit Jürgen Klopp kam ein junger, moderner Trainer. Er setzte nicht auf dich, sondern wollte unbedingt seinen Ex-Spieler Mohamed Zidan.
Das war eine der grössten Enttäuschungen meiner Karriere. Ich war gut in Fahrt, zur Winterpause führte ich mit Luca Toni gar die Torschützenliste an. Es hätten noch mehr Tore werden können. Leider hatte ich dann aber Probleme mit dem Rücken und verpasste viele Spiele.

Du hast in deiner Karriere einige Wechsel vollzogen. Wie frei ist man als Spieler jeweils bei der Klubwahl?
Was viele nicht verstehen: Es ist nicht immer der Spieler, der einen Transfer anzettelt. Genauso oft kommt es vor, dass einem der Klub einen Wechsel ans Herz legt. Wenn dir etwa der Sportdirektor sagt: «Du wirst dich sicher wohlfühlen in dieser oder jener Stadt», dann ist der Fall klar. Dann wirst du dich umsehen müssen.

Du bist ein genialer Spieler, der auch mal etwas Unerwartetes produziert. Manche bezeichneten dich aber auch schon als lauffaul. Ist deine Spielweise noch zeitgemäss?
Ach, diese Vorwürfe höre ich schon seit meinen Anfängen bei GC. Ich bin nun mal ein Strassenfussballer. Lauffaul war ich nicht. Meine Art, Fussball zu spielen, sah halt einfach etwas eleganter aus. Ich musste mich nicht völlig verkrampfen, um einen Ball anzunehmen. Deshalb hiess es schnell einmal: «Der ist zu lässig.» Angestrengt habe ich mich immer. Ich war dann auch froh, dass ich später Mitspieler hatte, die mit denselben Vorurteilen zu kämpfen hatten wie ich.

An wen denkst du dabei?
Beim HSV gab es Paulo Guerrero oder Zé Roberto. Und Rakitic war auch so einer. Auch ihm sagten alle nach, er sei nicht schnell genug. Und wo spielt er heute? Eben. Man sieht, dass im Fussball nicht alle wissen, wovon sie reden.

Mit Rakitic verbindet dich vor allem eines: Wie er hast auch du dich für die kroatische Nationalmannschaft entschieden. Darüber gibt es ja massenhaft Spekulationen. Eine davon ist: Die damalige U21 – die späteren Titanen um Frei, Cabanas oder Gygax – habe dich spüren lassen, dass man dich nicht brauche. Man sei schon gut genug.
Das stimmt überhaupt nicht. Ich absolvierte einen Match mit der Schweizer U21 – ein Freundschaftsspiel in der Türkei –, und das lief alles ganz normal ab. Meine Entscheidung fällte ich erst ein Jahr später, und sie hatte gar nichts mit diesem Spiel zu tun.

Hast du dich in der kroatischen Auswahl denn wohler gefühlt?
Das würde ich nicht sagen. So richtig zu 100% wohlgefühlt habe ich mich in der kroatischen Nationalmannschaft selten. Wieso und weshalb, kann ich nicht einmal sagen. Ja, es war ein Traum, für Kroatien zu spielen. Ich machte grossartige Erfahrungen unter Trainer Slaven Bilic. Ich durfte im Wembley bei grossartiger Atmosphäre das Siegestor schiessen, das England die EM-Qualifikation verbaute. Ich spielte eine EM-Endrunde. Aber ganz zu Hause fühlte ich mich nie. In der Länderspielpause flogen alle Nationalspieler in ihre Heimat. Meine Frau reiste in die Schweiz. Ich ging nach Kroatien.

Du wirkst überhaupt ziemlich schweizerisch.
Ja, das sagen alle. Ich erinnere mich an ein Gespräch, das ich später mit Philippe Senderos bei Fulham führte. Er sagte mir lachend: «Du bist mehr Schweizer als einige in unserer Nationalmannschaft!» Ich bin ja auch schon mit drei in die Schweiz gekommen und dort aufgewachsen. Erinnerungen an Kroatien hatte ich einzig aus den Ferien, die wir einmal im Jahr dort verbrachten. Deshalb hatte ich auch gewisse Defizite bei der Sprache. Wenn man nicht dort aufgewachsen ist, ist es schwierig, alle Witze und Sprüche zu kapieren. Die Worte verstand ich zwar alle, aber nicht immer den ganzen Sinn. Die Mannschaft hat gerne gelacht, wenn es mal wieder zu Missverständnissen kam.

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Ich sah mit Kroatien einfach sportlich die besseren Möglichkeiten für mich.

Aber deine Karriereplanung…
Die Sache mit der Nationalmannschaft war die einzige, die ich nicht von Anfang an einbezogen hatte. Man muss sich vorstellen: Ich war 19. Und plötzlich hatte ich Aufgebote von zwei Ländern vor mir liegen. Ich hatte das nicht vorausgesehen. Es war eine sehr schwierige Entscheidung, die ich in diesem jungen Alter treffen musste. Kroatien war an der WM 1998 Dritter geworden und hatte einige ältere Stürmer im Kader wie Šuker oder Bokšić. Ich sah da einfach sportlich die besseren Möglichkeiten für mich.

Heute stellen die Secondos in der Nati die Mehrheit. Hätte das deine Entscheidung beeinflusst, wäre das damals schon der Fall gewesen?
Nein, überhaupt nicht. Es gab auch in der damaligen Schweizer U21 Spieler, mit denen ich mich bestens verstand. Jahre später sagte mir Ludovic Magnin, wie geil es gewesen wäre mit mir in der Nati. Er bedauerte meine Entscheidung sehr.

Was löst das in dir aus, wenn Leute in der Schweiz dich noch heute als Verräter sehen?
Ich habe längst aufgehört, mir über solche Dinge Gedanken zu machen. Dass man es nicht allen recht machen kann, ist nichts Neues. Ich selber muss ja am Ende zufrieden sein mit meinen Entscheidungen.

Fussballer sind sehr zurückhaltend, wenn es darum geht, ihre Meinung zu äussern.
Das wird einem auch eingebläut. Und das ist schade. In Deutschland war das besonders extrem. Da wurde stets betont, dass wir auf keinen Fall etwas gegen die Fans sagen dürfen. Die Fans werden über alles gestellt. Dann ging ich nach England und stellte fest: Dort lässt sich keiner etwas gefallen. Wenn ein Spieler über Twitter nach einem Match angegriffen wird, dann gibt der knallhart zurück.

Warst du früher emotionaler?
Und wie! Die Geburt unseres ersten Kindes hat meine Welt komplett verändert. Da wurde mir erst bewusst, wie unwichtig gewisse Dinge eigentlich sind. Ich wurde lockerer und erlebte einen richtigen Schub. Es war meine erste Saison beim HSV, und mir gelangen 20 Tore. Wenn ich an die Fans denke, kriege ich heute noch Gänsehaut. Es war eine fantastische Zeit!

Liest du manchmal in den Hamburger Fan-Foren?
Das nicht, aber wenn ich auf meinem Facebook-Account etwas poste – egal was –, dann steht in 95 von 100 Kommentaren, dass ich doch bitte zum HSV zurückkommen soll.

Und, warum hast du es nie getan?
Da sind wir wieder beim selben Thema. Dieser Entscheid liegt nicht immer beim Spieler. Ich wäre gerne zurückgekehrt, aber der Klub wollte nicht.

Zu deiner Zeit war der HSV sehr erfolgreich, spielte oben mit, ihr standet im Halbfinal der Europa League. Jetzt steckt der Verein in der Krise. Wie hast du diesen Druck erlebt, als ihr in deiner letzten Saison auch weit unten klassiert wart?
Wir schwebten zum Glück nicht ganz so akut in Abstiegsgefahr. Es gab aber Spieler, die die Situation gar nicht besonders kümmerte, die vielleicht den Ernst der Lage nicht realisiert hatten. Aber wenn du dich mit dem Verein identifizierst, dann hast du es schwer. Dann nimmt es einen richtig mit. Ich kann mich noch gut erinnern, wie einige von uns sich nach dem Training stundenlang unterhielten, weil wir bemerkt hatten, dass der Klub nicht nur in einer temporären Krise steckt. Das ging mir sehr nahe.

Woher kommt diese Verbundenheit mit dem HSV?
Ich weiss es gar nicht so recht. Ich hatte eine fantastische Zeit da. Die Fans schlossen mich ins Herz, weil sie merkten, dass ich ein ehrlicher Fussballer bin. Ich will niemandem etwas vormachen. Das haben sie in Hamburg besonders geschätzt.

GC darbt dahin, der HSV und Dortmund stecken im Tabellenkeller fest, Fulham ist abgestiegen. Bringst du Unglück?
(Lacht) Im Gegenteil. Das ist doch nur so, weil ich da wieder wegging.

Bei Fulham kam der Abstieg ein Jahr nach deinem Weggang überraschend. Ihr hattet eigentlich viele grosse Namen im Kader.
Ja. Dembelé, Berbatov, Mamadou Diarra, Bryan Ruiz oder John Arne Riise waren grossartige Fussballer. Aber es stimmte im Team nicht, weil bei der Zusammenstellung kein Wert auf die charakterlichen Eigenschaften gelegt wurde.

Mit dir spielte auch ein griechischer Nationalheld: Karagounis.
Genau. Einfach ein super Typ. Er war sehr angesehen, auch bei den Schiedsrichtern, weil er immer den richtigen Ton fand. In der Mannschaft sorgte er immer wieder für Lacher. Er lag nicht nur im Spiel immer auf dem Boden. Nein, selbst im Training fiel er bei der kleinsten Berührung hin.

Jetzt spielst du zwar noch immer in einem grossen Verein. Doch bei allem Respekt: Kannst du dich nach fünf Saisons in der Bundesliga und zwei Jahren Premier League noch motivieren für ein Auswärtsspiel in Xanthi vor 2000 Zuschauern?
Natürlich gibt es Spiele, wo es einem etwas schwerer fällt. Solange ich Spass am Fussball habe und ich mich mit dem Verein identifizieren kann, bleibt auch der Ehrgeiz bestehen, egal bei welchem Spiel. Ich musste mir noch nie eingestehen, dass ich gerade keine Lust auf Fussball habe. Mein Job ist noch immer der schönste, den ich mir vorstellen kann.

Ewig wirst du den auch nicht mehr ausüben können. Was hast du nach der Karriere im Sinn?
Trainer zu werden, könnte ich mir sehr gut vorstellen. Auch wenn ich stets betont habe, dass ich das niemals machen würde (schmunzelt). Ich weiss von vielen anderen, die ihre Aktivkarriere beendet haben, wie schwierig es ist. Einige meiner Trainer waren hervorragend: Gross hat mich am meisten geprägt, aber auch von Koller nahm ich vieles mit. Die beiden waren sich sehr ähnlich. Martin Jol gefiel mir beim HSV sehr gut. Jürgen Klopp hatte ich zwar nur einige Wochen, aber was er im taktischen Bereich draufhatte, war sensationell.

Was ist deine Motivation, Trainer zu werden?
Einige Coaches sagten mir, ich würde sicher mal einen guten Trainer abgeben. Seit etwa drei Jahren bin ich nun tatsächlich neugierig, ob das so ist. Ich will wissen, ob das funktionieren kann, wenn ich meine Erfahrungen mit den Eigenschaften meiner besten Trainer kombiniere. Ich bin sehr gespannt darauf, die andere Seite kennenzulernen und dadurch nachvollziehen zu können, warum gewisse Entscheide gefällt wurden. Ja, ich glaube, dieser Plan könnte aufgehen.

 

MLADENS MOMENTE: Augenblicke einer Karriere

2.6.2000: Am letzten Spieltag der Finalrunde 1999/2000 schickt GC-Interimstrainer Piet Hamberg sein 19-jähriges Juwel zum Einlaufen. In der 55. Minute des Heimspiels gegen den FCB geht André Muff vom Feld, und Mladen Petric kommt endlich zu seinem Debüt in der NLA. In einer Mannschaft um Stars wie Gren, Hakan Yakin oder Patrick Müller hat der Neuzuzug von Baden anfangs einen schweren Stand. Dies wird sich bald aber ändern. 26.5.2001: Unter dem neuen Trainer Bidu Zaugg kommt Petric häufiger zum Zug. Die Meisterschaft gipfelt in einem Showdown. Petric wird in der Finalissima in St. Gallen für Stéphane Chapuisat eingewechselt.  GC behält die Nerven, Petric darf seinen ersten Titel feiern. 23.11.2006: Im UEFA-Cup-Heimspiel gegen Nancy ist der FCB unter Zugzwang und darf unter keinen Umständen verlieren. In der Nachspielzeit pfeift der Schiedsrichter Penalty und verweist Keeper Costanzo des Feldes. Petric übernimmt dessen Posten. Den Schuss in die linke untere Ecke pariert er mirakulös und rettet damit Basel einen Punkt. 28.5.2007: Hatte Petric in den vorangegangenen Saisons noch überdurchschnittlich oft Pech mit Rahmentreffern – einmal waren es 12 in einer Spielzeit –, gelingt ihm 2006/07 fast alles. Mit 19 Treffern wird er Torschützenkönig, zum besten Spieler der Liga gekürt und feiert nach dem Meistertitel 2005 mit dem Cupsieg seinen zweiten Titel mit den Baslern. 20.10.2007: Leverkusen ist an diesem Samstag klar die spielbestimmende Mannschaft, doch Borussia Dortmund hat seine Lebensversicherung Mladen Petric. Am 10. Spieltag gelingt ihm zum dritten Mal eine Doublette für den Lieblingsverein seiner Jugend. Der «kicker» schwärmt von der «Gedankenschnelligkeit und der fussballerischen Klasse» des Stürmers. 21.11.2007: Nach 75 Minuten fasst sich Mladen Petric im neuen Wembley ein Herz und zieht aus über 20 Meter mit links ab. Der Ball passt genau. Der 3:2-Siegestreffer besiegelt Englands Scheitern in der EM-Qualifikation. Das Trikot will Petric nach dem Spiel nicht tauschen: «Das ist der stolzeste Moment meiner Karriere.» 20.6.2008: So nahe dran war Kroatien noch nie an einem EM-Halbfinale: In der 119. Minute fällt das erste Tor, doch Semih Sentürk schafft tatsächlich noch den Ausgleich. Im Elfmeterschiessen bleiben die Türken ohne Fehlschuss, nach Modric und Rakitic bringt auch Petric seinen Versuch nicht unter. Es wird sein letztes grosses Turnier bleiben. 8.4.2010: In der Meisterschaft kriselt der HSV, aber dank Mladen Petric darf auf europäischer Ebene gejubelt werden. In der K.-o.-Phase trifft er in jeder Runde. Praktisch im Alleingang schiesst er im Viertelfinale Standard Lüttich ab. Dank seiner drei Tore – darunter ein formvollendeter Fallrückzieher – steht der HSV nach einer Pause von 15 Jahren schon zum zweiten Mal in Folge in einem Europacup-Halbfinale.  29.5.2016: Nach 19 Jahren als Profi gibt Mladen Petric seinen Rücktritt bekannt. Das Heimspiel von Panathinaikos gegen Panionios ist seine Abschiedsvorstellung
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2.6.2000: Am letzten Spieltag der Finalrunde 1999/2000 schickt GC-Interimstrainer Piet Hamberg sein 19-jähriges Juwel zum Einlaufen. In der 55. Minute des Heimspiels gegen den FCB geht André Muff vom Feld, und Mladen Petric kommt endlich zu seinem Debüt in der NLA. In einer Mannschaft um Stars wie Gren, Hakan Yakin oder Patrick Müller hat der Neuzuzug von Baden anfangs einen schweren Stand. Dies wird sich bald aber ändern.

Mladen Petric

(*1.1.1981 in Brčko, heutiges Bosnien und Herzegowina)

Mladen Petric wuchs ab 1984 im aargauischen Neuenhof auf. Unter Hanspeter Latour debütierte er beim FC Baden, schon ein Jahr später holte ihn GC. Dort feierte er zwei Meistertitel und stand im Cupfinale. Christian Gross überzeugte ihn von einem Wechsel nach Basel, wo er wiederum die Meisterschaft gewann und 2007 auch den Cup. In der gleichen Saison wurde er Torschützenkönig. In seiner ganzen Schweizer Zeit wurde er nicht ein einziges Mal des Feldes verwiesen und holte nur 12 gelbe Karten.

Trotz einer stolzen Torquote in seiner ersten Saison für den BVB tauschte ihn der neue Trainer Jürgen Klopp gegen Mohamed Zidan vom HSV ein. Nach vier Saisons als Stammspieler bei den Hanseaten wurde sein Vertrag nicht verlängert, weil Manager Arnesen «vermehrt auf jüngere Spieler setzen» wollte. Petric spielte daraufhin ein Jahr für Fulham, verzichtete aber auf einen neuen Vertrag und gab stattdessen ein kurzes Gastspiel bei West Ham. Seit Januar 2014 steht er bei Panathinaikos unter Vertrag.

Für Kroatien bestritt er 44 Länderspiele und kam in jedem Spiel der EM 2008 zum Einsatz. Seine vier Tore in der Qualifikation gegen Andorra bedeuten noch immer Rekord in Kroatien. Mit seiner griechischen Frau hat Mladen Petric zwei Kinder.

1998-1999FC Baden (NLB)25 Spiele/9 Tore
1999-2004Grasshoppers127/34
2004-2007FC Basel110/48
2007-2008Borussia Dortmund36/18
2008-2012Hamburger SV136/63
2012-2013Fulham24/5
2013West Ham4/0
2013-2016Panathinaikos77/14

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