Markus Neumayr

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«Ich kam mir vor wie ein geprügelter Hund»

Mit 16 wechselte Markus Neumayr als Wunderkind zu Manchester United. Seine anschliessende Talfahrt endete in der Schweiz. In Vaduz avancierte Neumayr zum Leistungsträger. Jetzt zieht es den Deutschen zum FC Luzern. Ein Gespräch über britischen Humor, realitätsfremde Stars und über Mario Baslers einzige positive Eigenschaft.

Interview: Mämä Sykora und Silvan Kämpfen (erschienen in ZWÖLF #48, April 2014)

Bilder: Frosan Akbarzada

Markus, gleich mal vornweg: Stimmt es eigentlich, dass Piqué der Götti deiner Tochter ist?
Das ist richtig. Ich spielte mit ihm im Nachwuchs von Manchester United, und er war mein WG-Kumpan da. Durch ihn habe ich auch meine Frau, eine Baslerin, kennengelernt, als ich ihn mal in Barcelona besucht habe. Piqué organisierte da eine Bootsfahrt, wo eine Modelagentur eine Abschlussreise machte. Leider sehen wir uns heute nicht mehr so oft, wie wir gerne würden.

Du hast auch einen zweijährigen Sohn. Angenommen, er entwickelt ähnliches Talent und Manchester United unterbreitet auch ihm mit 16 Jahren ein Angebot wie dir damals. Wie wirst du reagieren?
Tatsächlich ist er bereits extrem begeistert vom Ball. Er versucht stets, den mit der Sohle zu führen, wie er das bei mir oft sieht. Dabei kriegt er das Bein kaum so hoch! Aber ich würde ihn mit Sicherheit nicht nach England schicken. Er sollte versuchen, sich näher an der Heimat weiterzuentwickeln. Ich hätte das damals bei Eintracht Frankfurt gekonnt, der Wechsel auf die Insel war in meinem Fall eher kontraproduktiv. Im Nachhinein ist man immer schlauer. Wahrscheinlich würde ich es aber nochmals so machen. Die Erfahrungen bei der United kann mir niemand nehmen. Ich durfte für den Verein spielen, von dem ich Fan war.

Es ist ungewöhnlich für Deutsche, für einen englischen Verein zu schwärmen.
Mein Vater war 1860-Anhänger, mir hingegen hat die Spielweise der Bayern mehr zugesagt. Auch zur Eintracht sind wir oft gefahren. In Deutschland kriegt man Fussball als Junge viel näher mit als hierzulande. Man wird sozusagen hineingeboren. Je älter ich wurde, desto mehr schwenkte meine Faszination ins Ausland. Vor allem eben zu den Red Devils. Jeden Montag blieb ich trotz Verbot meiner Eltern lange auf, um die Sendung «La Ola» auf DSF zu schauen, wo man wenigstens die Tore von van Nistelrooy, Beckham und Giggs sehen konnte.

Wie hast du reagiert, als die Anfrage von Manchester United kam?
Ich fiel aus allen Wolken. Ich hatte zuvor schon Angebote von Schalke und Bayern, aber ein Wechsel stand nie zur Debatte. Auch Chelsea klopfte an. Bei der United war mir aber sofort klar, dass ich das machen will.

Besteht bei solchem Interesse nicht die Gefahr, dass man als junger Spieler abhebt?
Ich war immer sehr bodenständig, aber doch eben auch verunsichert. Als so junger Mensch kann man sich selber kaum richtig einordnen. Klar merkte ich, dass ich bei Frankfurt zu den Besseren gehörte. Ich spielte in den Nachwuchsnationalmannschaften. Doch erst viel später lernte ich, die eigenen Stärken und Leistungen richtig einzuschätzen.

In Manchester gab es keinen, der dir dabei hätte helfen können?
United ist ein grosser Verein. Da nimmt sich keiner Zeit, deine Leistungen zu analysieren und dir weiterzuhelfen. Das war für mich sehr schwierig. Wenn ich das Gefühl hatte, gut gespielt zu haben, war ich im Hoch; wenn ich mit meiner Darbietung nicht zufrieden war, war ich am Boden zerstört. Das ist nicht gesund für einen Jugendlichen. Piqué und Giuseppe Rossi hatten oft ihre Eltern zu Besuch. Das hat ihnen sehr geholfen, diese goldene Mitte zu finden. Ich hingegen war oft alleine, was zu diesen Auf und Abs führte. Diese zogen sich durch meine ganze Karriere weiter.

Viele englische Klubs holen junge Talente aus der ganzen Welt. Was hältst du davon?
United-Scout Peter Brown sagte mir einst: «Wenn es von zehn nur einer schafft, dann ist das viel.» Versucht wird es dennoch überall. Die  Leidtragenden sind die Spieler, die daran kaputtgehen. Jedem, der jung zu einem englischen Topklub wechselt, wird eine Weltkarriere vorhergesagt. Von meinen damaligen Teamkollegen wurden zwei zu Stars, die meisten anderen haben die Schuhe längst an den Nagel gehängt, weil der Druck auch bei späteren Stationen zu gross war. Wenn du von Manchester United kommst, erwartet jeder einen Ronaldo. Kannst du nicht überzeugen, guckt jeder auf dich, als wärst du nicht mal den Dreck unter deinen Fingernägeln wert. Ich habe das am eigenen Leib erlebt. Plötzlich bist du bei Rot-Weiss Essen in der 4. Liga, und es heisst immer noch: «Der Scheiss-Neumayr hat bei Manchester United gespielt und kann keinen geraden Ball spielen.» Wenn du das an dich ranlässt, kommst du in Teufels Küche.

Aber auch jene, die es ganz nach oben schaffen, haben es nicht einfach. Du hast mal gesagt, du wärst ein durchgeknallter Typ geworden, wärst du länger in diesem Konstrukt geblieben.
Wenn dir das Grounding durch Familie und Freunde fehlt und es immer nur aufwärtsgeht, dann verlierst du irgendwann den Bezug zur Realität und wirst ein vollkommenes Arschloch.

Also alle Topstars sind Arschlöcher?
Nicht alle, aber viele. Ihnen wird die längste Zeit alles abgenommen, sie haben nichts mehr zu tun, müssen für nichts bezahlen und verdienen Millionen. Und die Fans himmeln sie an. Das ist geradezu surreal! Da ist es nicht einmal unmenschlich, dass einer die Bodenhaftung verliert und sich für etwas Besseres hält. Dementsprechend ist der Umgang mit den Mitmenschen. Das darf eigentlich nicht passieren. Denn Fussballer bist du nur für eine gewisse Zeit. Mensch bist du fürs ganze Leben. Ich bin froh, diese Erfahrungen gemacht zu haben, die mich heute prägen. Dadurch kann ich meinen Kindern einiges mitgeben und meinem Sohn – sofern er mal eine Fussballkarriere anstrebt – ein gesunder Background sein.

Du wurdest ja nicht nur wegen deiner damaligen Frisur oft mit David Beckham verglichen.
Eigentlich spielte ich auf der 10. Diese Position gab es aber bei Manchester nicht. Also wurde ich umgeschult, sodass ich im klassischen 4-4-2 von Ferguson auf der rechten Seite spielte. Wie Beckham eben.

War die Umstellung auf den englischen Fussball gross?
In Deutschland wird mehr Wert auf Taktik und Technik gelegt. Dort wirst du schon in der Jugend in ein Korsett gezwängt. Jeder kennt seine Aufgaben auf seiner Position. In England wird im Nachwuchs darauf geachtet, dass jeder seine Stärken ausspielen kann. Das System spielt erst später eine Rolle.

Gibt es die alte englische Schule heute überhaupt noch, wo so viele Spieler und Know-how aus dem Ausland importiert werden?
Manchester United hatte Erfolg damit, qualitativ gute Spieler aus dem Ausland zu holen und diese in sein System einzubauen. Mittlerweile werden englischen Vereinen auf der internationalen Bühne aber oft die Grenzen aufgezeigt, weil sie taktisch einfach unterlegen sind. Das zeigten etwa die Spiele von Basel gegen Chelsea oder Liverpool. Diese taktischen Defizite zeigen sich bei allen englischen Spielern.

Wie nahe warst du bei Manchester an der ersten Mannschaft?
Ich war Captain der Reservemannschaft, mit der haben wir alles gewonnen. Mit 19, 20 trainierte ich eine ganze Saison mit dem Fanionteam mit. Einmal stand ich im Kader für ein Pflichtspiel, blieb aber ohne Einsatz. Anfangs kam mir das gar nicht real vor, plötzlich inmitten dieser Weltstars zu sein. Doch bald war es ganz normal, mit van Nistelrooy Tischtennis zu spielen oder essen zu gehen.

An einige dieser Legenden hast du bestimmt spezielle Erinnerungen?
Ich habe noch immer die Handschuhe von Fabien Barthez zu Hause. Die hat er mir geschenkt, nachdem ich ihm im Training einen Ball reingehauen hatte. Er meinte: «Ich will, dass du diese Handschuhe nimmst. Nicht einmal diese konnten deinen Schuss halten.» Und ein spezielles Geschenk habe ich auch von Roy Keane.

Wir sind gespannt.
Einmal fuhr er im Car mit der zweiten Mannschaft an ein Auswärtsspiel und signierte auf der Fahrt Autogrammkarten. Ich hatte wie jeder ziemliche Angst vor ihm, nahm aber meinen ganzen Mut zusammen und fragte, ob ich auch eine haben dürfe. Er unterschrieb und reichte mir die Karte. Darauf stand: «Fuck off, Markus». Tja, der britische Humor …

Wurde dir bei Manchester irgendwann nahegelegt, den Verein zu verlassen?
Nein, Alex Ferguson war sehr ehrlich und fair. Er bot mir an, den Vertrag zu verlängern, sagte mir aber, dass ich auf der rechten Seite hinter Cristiano Ronaldo, Fletcher und Bellion nur die Nummer 4 sei und er mir nicht viel Einsatzzeit geben könne. Gleichzeitig hatte ich ein Angebot des MSV Duisburg aus der Bundesliga, und Ferguson riet mir, dieses anzunehmen.

Es begann – man kann es nicht anders sagen – ein ziemlicher Abstieg.
In Duisburg war ein ziemlich grosser Hype um mich, was mich noch mehr verunsicherte. Ich spielte kaum, und doch durfte ich trotz Angeboten nicht wechseln. Nach zwei Jahren liess man mich nach Belgien ziehen, wo ich bald Probleme mit dem Trainer hatte. Nach diesen Stationen hatte ich die Freude am Fussball wirklich verloren. Die wollte ich zurückgewinnen, deshalb folgte ich Thomas Strunz’ Ruf zu Rot-Weiss Essen in die 4. Liga._MG_5807

Eben noch bei Manchester United, nun kamen die Anfragen aus tieferen Ligen. Musstest du da deinen Stolz überwinden?
Ja. Ich kam mir vor wie ein geprügelter Hund, der durch die Dörfer gezogen wird. Mir war, als würde mich jeder belächeln hinter meinem Rücken. Das Problem waren aber nicht die anderen Leute, sondern die Ansprüche an mich selber. Auch ich sagte mir ja: «Verdammt, du hast bei Manchester
United gespielt und jetzt mit Essen gegen Cloppenburg. Und es fällt nicht mal auf, dass du ein besserer Spieler bist!» Zu 90 Prozent ist das ein mentales Problem, weil man den Kopf nicht frei hat.

Hast du was dagegen unternommen?
Ja, ich habe mit einem Mentaltrainer zusammengearbeitet. Das alles alleine zu verarbeiten, wäre relativ schwierig gewesen. RW Essen schlitterte mit Thomas Strunz auch noch in die Insolvenz.

Bei Wacker Burghausen hast du einen zweiten langjährigen Bayern-Spieler als Trainer erlebt. Hast du von diesem oft erwähnten Bayern-Gen etwas mitbekommen?
Diese Siegermentalität, die bekommt man gewiss mit, wenn man im Verein ist. Aber diese dann auch einer Mannschaft einzuimpfen, die nie in so einem Umfeld gearbeitet hat, ist sehr schwierig. In der 3. oder 4. Liga in Deutschland wird Fussball eben wirklich noch gearbeitet, weniger gespielt. Es gibt genügend Beispiele von Spielern und Trainern, die aus der Bundesliga kamen und sich dort überhaupt nicht zurechtfanden.

Mario Basler gehört auch dazu. Mit ihm sollst du dich nicht besonders verstanden haben. Warum?
Basler ist sehr autoritär. Was er sagt, das meint er auch so. Sonst kann ich nichts Positives über ihn sagen. Nachdem er mich das erste Mal hatte spielen sehen, fragte er mich, was ich hier mache. Ich sei doch ein Riesenkicker. «Dich bring ich ganz gross raus», versprach er. Zwei Wochen später erlitt ich im Training einen Bänderriss. Er meinte nur: «Tape drum! Morgen trainierst du wieder!» Am nächsten Tag hab ich es versucht, aber ich konnte trotz Schmerztabletten kaum gehen. Es ging einfach nicht. Basler sagte: «Gut, dann mach deine Reha. Mir egal. Wenn du damit durch bist, kannst du dir einen neuen Verein suchen.» Ich hab mir nichts dabei gedacht, machte drei Wochen Reha und erschien dann wieder im Training. Basler teilte mir mit, dass er meinen Spind schon habe räumen lassen und ich nicht mehr erwünscht sei.

Warum hast du die Kurve gekriegt, während viele andere in so einer Situation aufgeben?
Auch bei mir gab es Momente, in denen ich ans Aufhören dachte. Doch selbst an den schlimmsten Tagen glühte noch ein Funken dieser Fussballleidenschaft. Mit der Geburt meiner Tochter hatte ich dann einen weiteren Grund weiterzumachen: Ich wollte kein schlechtes Vorbild sein für meine Kinder. Ich wollte diesen Turnaround schaffen! Und das habe ich – auch dank der Unterstützung meiner Frau. Darauf bin ich sehr stolz!

Mit deinem Wechsel in die Schweiz ging es wieder aufwärts. Weil der Fussball hier weniger Beachtung findet und der Druck deshalb nicht so gross ist?
Es war nicht deswegen. Ich kam in die Super League zum FC Thun, da war Murat Yakin Trainer. Er hat mir eine gewisse Wärme vermittelt, die mir sehr geholfen hat, das Vertrauen in meine Qualitäten zurückzugewinnen. Er hat oft das Gespräch gesucht, wie das Giorgio Contini jetzt beim FC Vaduz auch macht.

Neu für dich war sicher auch die Ruhe vor den Fans hierzulande.
Das ist gerade in Deutschland schon sehr anders. Da gibt es viele, die nur für den Verein leben. Die wollen dann auch möglichst überall dabei sein, selbst im Training. In England war dieses jeweils geschlossen. Ferguson sagte stets: «Das Training ist da, um sich weiterzuentwickeln. Das Spiel ist für die Fans.» In Deutschland wird das nun auch nach und nach übernommen. Das ist schade für den Fan, aber ich kann es nachvollziehen.

Inwiefern?
Das Training ist unsere normale Arbeit, so wie andere im Büro sitzen. Da sollte man sich konzentrieren, und es ist nicht förderlich, wenn man andauernd beobachtet wird. Meiner Meinung nach kann es nicht das Recht eines Fans sein, immer dabei sein zu können. Da sind wir irgendwann bei «Big Brother».

Bei deinen bisherigen Stationen in der Schweizer Liga dürfte das kaum ein Problem gewesen sein.
Das hat auch mit der Mentalität zu tun. Hier schätzt man die Distanz zu anderen Leuten mehr, in Deutschland ist man konkreter und offener. Selbst in Duisburg konnte ich nicht in ein Restaurant gehen, ohne ständig um Autogramme gefragt zu werden. Beides hat seine Vorteile. Eine gesunde Mitte wäre das Beste. Als Fussballer ist es angenehm, wenn du nicht gleich belagert wirst, gleichzeitig würde ich mir doch etwas mehr Begeisterung
wünschen. Und ich glaube auch, dass dies möglich ist, in Vaduz und für die Super League allgemein.

Würdest du der Aussage zustimmen, dass du jetzt so gut bist wie noch nie?
Zumindest so gut wie schon lange nicht mehr. Als Zenit würde ich es aber nicht bezeichnen. Ich habe mich die letzten Jahre kontinuierlich gesteigert und denke, da ist noch mehr möglich._MG_5794

Die grosse Bühne reizt dich also immer noch?
Die Bühne Super League ist schon sehr gut, wenn man bedenkt, wo ich vor einigen Jahren war. Aber klar habe ich noch Ambitionen und würde gerne noch einen Sprung nach oben machen.

Du würdest das Risiko eines Wechsels auf dich nehmen, obwohl du selber erlebt hast, wie schnell man fallen kann?
Heute bin ich ein gestandener Spieler und weiss, was ich kann. Mich wirft so schnell nichts mehr aus der Bahn. Angenommen, ich würde es bei einem grossen Verein versuchen und es nicht packen, dann würde auch keine Welt zusammenbrechen. Dann wüsste ich, wo ich wieder einsteigen könnte.

Mit all deinen nicht nur positiven Erfahrungen würdest du doch einen guten Trainer abgeben später.
Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Ich hätte  schon Ansatzpunkte, wie man einem Spieler helfen kann, der sein Potenzial nicht ausschöpfen kann. Man muss sich richtig für den Spieler interessieren, seinen Background und seinen Weg kennen. Dieser soziale Aspekt wäre sicher eine Stärke von mir.

Franz Burgmeier hat dich in einem Interview mal als «speziellen Typen» beschrieben. Wie meinte er das?
Ich vermittle viel Freude, und den einen oder anderen Scherz habe ich schon auf Lager. Das ist hier besonders wichtig. Wir müssen auch mal über uns selber lachen können. Ich fühle mich aber nicht als Freak. Mir macht es Spass, nicht dem Prototyp des Fussballers zu entsprechen.

 

Markus Neumayr
(*26.03.1986 in Hösbach D)

 

2004–06        Manchester United               0 Sp.         0 Tore

2006-08         MSV Duisburg                        9               0

2008               SV Zulte-Waregem (Bel)      7               0

2009–10         Rot-Weiss Essen                  26               3

2010               Wacker Burghausen            4               0

2011                FC Thun                               13               2

2011–13         AC Bellinzona                      55              10

2013-15          FC Vaduz                             91              21

2016-              FC Luzern

Länderspiele

2002–04        Deutschland U16-U19       23               5

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