FIFA-Wahl

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Wahllose Wahl

Gianni Infantino aus Brig will FIFA-Präsident werden. Besser werden würde der Fussball unter ihm sicher nicht. Trotzdem erhält er die Stimme des Schweizerischen Fussballverbands. Ein Kommentar.

Von Silvan Kämpfen

Sogar Donald Trump hat ein Wahlprogramm. Eine Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen, den Saudis das Öl wegnehmen und die Steuern für Unternehmen senken. Zugegeben, es besagt nicht jedem, aber es ist immerhin ein Programm. Wenn 300 Millionen Amerikaner den mächtigsten Mann der Welt wählen, können sie sich also zwischen Kandidaten entscheiden, die zu den grossen Fragen klar Position beziehen.

Anders läuft dies im Weltfussball. Milliarden von Fans blicken am Freitag gebannt auf die Wahl des neuen Präsidenten. Doch bei vier der fünf Kandidaten weiss man überhaupt nicht, wofür sie stehen. Sie geben zwar alle vor, über Fussball reden zu wollen, aber substanziell sagen tun sie nichts. Natürlich präsentieren sie sich alle als integre Persönlichkeiten, die den eingeschlagenen Reformkurs – Amtszeitbeschränkung, Offenlegung der Saläre – mittragen wollen. Viel anderes bleibt ihnen ja auch nicht übrig. Und sonst? Man flüchtet sich in Kleinigkeiten. Tokyo Sexwale denkt über Werbung auf Nati-Trikots nach. Von Prinz Ali weiss man noch immer gleich wenig wie bei der letzten Wahl. Scheich Salman, der Favorit auf das Amt, will den Weltverband in eine «Fussball-FIFA» und eine «Business-FIFA» aufspalten. Und dann ist da noch der nächste Walliser. Gianni Infantino will die WM auf 40 Teams vergrössern. Seine Botschaft lautet: «Der Fussball muss wieder zurück zur FIFA». Das ist herzlich wenig.

Infantino kandidiert eigentlich nur deshalb, weil UEFA-Präsident Michel Platini nicht zur Wahl antreten darf. Bei den Europäern und FIFA-Kritikern geniesst er grosse Unterstützung. Auch der Schweizerische Fussballverband wird für ihn stimmen. Es wäre keine gute Wahl. Denn als Generalsekretär bei der UEFA hat Infantino in den letzten Jahren eine Entwicklung vorangetrieben, die den Fussball je länger je mehr kaputtmacht.

Die UEFA von Platini und Infantino hat sich nicht dem Sport verschrieben, sondern vollends dem Markt und den grossen Fernsehstationen hingegeben. Dass man dank der Champions League, Messi und Ronaldo viel Geld verdient, ist an sich ja nichts Verwerfliches. Doch mit den grossen Einnahmen geht auch eine Verantwortung einher. Eine Verantwortung dafür, dass das Wichtigste im Sport erhalten bleibt: ein fairer Wettbewerb.

Die UEFA hat diese nicht wahrgenommen. Sie tanzt nach der Pfeife der paar wenigen Superklubs und schüttet diese Jahr für Jahr mit weiteren Champions-League-Millionen zu, während für die Meister aus Kroatien oder Weissrussland nur Brosamen übrigbleiben. Und trotzdem hat sie mit diesen verhältnismässig geringen Beiträgen ganze nationale Meisterschaften zerstört. Mittlerweile erkennen dies nicht nur unverbesserliche Nostalgiker. Die Bundesliga oder die Ligue 1 waren noch nie so langweilig, BATE Borisov wurde zehn Mal hintereinander Meister in Weissrussland und der FC Basel immerhin bald sieben Mal. Das liegt nicht einfach nur daran, dass am Rheinknie gut gearbeitet wird oder weil sich die Konkurrenz doof anstellt. Es ist vor allem der finanzielle Segen aus Nyon. Der FCB wurde dank seinen Teilnahmen in eine schier unaufhaltsame Geldspirale katapultiert, die ihm jedes Jahr den Titel fast schon garantiert und weitere Millionen in Aussicht stellt. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Auch die FIFA nimmt – WM sei Dank – sehr viel Geld ein. Auch dadurch ergibt sich eine Verantwortung. Nicht immer hat der Weltfussballverband diese sehr gut wahrgenommen, aber im Gegensatz zur UEFA ist er sich ihr wenigstens bewusst. Natürlich müsste man der Korruption viel entschiedener vorbeugen. Es müsste kontrolliert werden, ob auf Anguilla auch wirklich eine neue Tribüne gebaut wird und ob auf Montserrat eine Meisterschaft stattfindet. Entwicklungsgelder gehören stärker an Bedingungen geknüpft. Aber insgesamt verfolgt die FIFA den richtigen und sympathischeren Ansatz. Sie fördert den Fussball, wo immer es geht. Immer mehr Frauen üben den Sport aus, in armen Ländern erhält der Nachwuchs eine Perspektive, und in Zürich profitiert der Breitenfussball von schönen Plätzen. Viele solcher Projekte werfen keine Rendite ab. Aber das soll ja auch nicht das oberste Ziel sein von einem gemeinnützigen Verein.

Gianni Infantino hat bisher wenig darüber geredet, wo er mit dem Fussball als FIFA-Chef wirklich hinmöchte. Aber wer die UEFA-Politik der letzten Jahre verfolgt hat, der darf die Prognose wagen: Unter Infantino, bloss Platinis Stellvertreter, würde die FIFA geschwächt. Die Gewinner hiessen Cristiano Ronaldo, Bayern München oder Sky Sports. Verlieren würde der Fussball auf der ganzen Welt: die kleinen und mittelgrossen Klubs aller Ligen, aber auch die Nationalmannschaften, die immer stärker unter Druck der Superklubs geraten, weil sich dort deren teure Kicker verletzen könnten. Seine Ankündigung, über eine WM mit 40 Teilnehmern nachzudenken, ist nichts anderes als eine Adaption der Champions-League-Reform: Man gibt den Kleinen Zückerchen in Form einer vereinfachten Qualifikation, das Ziel ist aber lediglich, die Grossen ganz sicher immer alle dabei zu haben. Dass diese davon deutlich mehr profitieren, zeigt sich in Europa schon deutlich.

Wer nun eine mangelnde Alternative beklagt, liegt falsch. Einer der FIFA-Präsidentschaftskandidat hat tatsächlich ein Programm und will genau gegen die obenerwähnten Auswüchse ankämpfen. Es ist der Franzose Jerôme Champagne. Er will wieder dahin, dass auch Ajax oder Steaua die Champions League gewinnen können und dass GC wieder an Identität gewinnt, weil es nicht jedes Talent gleich nach einem halben Jahr verschachern muss. Doch die Mehrheit der 209 Kongress-Mitglieder, einschliesslich jenem aus der Schweiz, scheint sich dafür nicht zu interessieren. Champagne wird am Freitag chancenlos bleiben. Schade.

 

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