Cup-Halbfinal 2004

Der Horror, der Wahnsinn

Im Cup-Halbfinal 2004 führt der FCZ gegen GC bis zur 83. Minute 5:2 – und verliert noch. Rückblick auf ein Comeback voll Suspense und Fantastik: ein Hitchcock-Finale, an dem Spielberg mitschrieb.

Erschienen in ZWÖLF #15 (November/Dezember 2009)

Text: Silvan Lerch

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Längst ist die Welt aus den Fugen geraten an diesem bitterkalten Mittwochabend des 3. März 2004 im Zürcher Hardturm-Stadion. Da greift der Kommentator des Schweizer Fernsehens, Sascha Ruefer, zur Metaphysik, um Erklärungsansätze zu finden: «Die Fussballgötter müssen verrückt sein.» Auf jeden Fall sind sie sehr aktiv. Während des 194. Zürcher Derbys scheinen sich die himmlischen Herren einen Spass daraus zu machen, die Erde zum Fussball umzufunktionieren. Offenbar wild kicken sie gegen die Kugel, jagen sie im Universum hin und her – und schütteln so den altehrwürdigen Hardturm mitsamt Akteuren und Besuchern gehörig durcheinander. Halt gibt es keinen mehr: nicht in den Fussball-Annalen, nicht im Trainingslehrbuch, nicht in der Regelkunde. Zu viel passiert, was nicht geschehen dürfte, zu viele Wendungen nimmt dieser Cup-Halbfinal. Etwas Vergleichbares haben die Beteiligten noch nie erlebt.

 

Lattenschuss und Eigentor

Tags zuvor sagt Lucien Favre, alles sei möglich in einem Spiel. Der FCZ-Trainer wird recht behalten. Und täuscht sich dennoch. Gedacht ist die Aussage als Mutmacher für seine Mannschaft, denn wie damals so oft kämpfen die Zürcher auch in dieser Saison gegen den Abstieg. 2004 ist für sie die Champions League nicht bloss fünf, sondern Lichtjahre entfernt. Aussenseiterchancen werden dem FCZ gegen Meister GC eingeräumt, mehr nicht. Prompt verzeichnet der Favorit die erste Chance der Partie. Nach vier Minuten zirkelt Richard Nuñez einen Corner direkt an die Latte.

In der 11. Minute ist es allerdings der Underdog, der bereits zum zweiten Mal jubeln darf. Es bewahrheitet sich, was Schiedsrichter Urs Meier vor dem Anpfiff gespürt hat: «Das wird ein verrücktes Spiel.» Beide Treffer sind das Resultat unfreiwilliger Co-Produktionen über die Klubgrenzen hinweg. Sie gipfeln in einer grotesken Szene mit Pascal Castillo. Ausgerechnet der ehemalige FCZ-Stürmer, der mittlerweile für GC verteidigt, bugsiert den Ball einer Flipperkugel gleich via Teamkollegen ins eigene Tor. «Es war wie ein Albtraum. Ich dachte, das kann doch nicht wahr sein. Es hat für den FCZ einfach alles gestimmt», erinnert sich der Unglücksrabe.

Aber auch die Grasshoppers können auf Schützenhilfe in der gegnerischen Defensive zählen. Die bemitleidenswerteste Figur gibt Davide Taini ab. Der Torhüter wird mindestens die beiden letzten Treffer auf seine Kappe nehmen müssen. Dazu verliert Ivan Dal Santo jedes Laufduell gegen Eduardo und Petric – egal wie viele Meter Vorsprung der 32-jährige Linksverteidiger zu Beginn aufweist.

 

Der tragische Held

Das Heimteam drückt und verkürzt, der Gast aber kontert und stellt die alte Tordifferenz wieder her. Gleich zweimal: vor der Pause zum 3:1, nach ihr zum 4:2. Die GC-Fans trauen ihren Augen nicht, genauso wenig wie die FCZ-Anhänger – wenn sie denn überhaupt noch etwas sehen hinter dem dichten Vorhang bengalischen Feuerwerks. Doch so aufgewühlt die Zuschauer unterdessen sind, sie können nicht ahnen, dass das bisher Gebotene erst einen Vorgeschmack auf das Drama in der Schlussphase bietet.

Die Fehlerquote bleibt weiter hoch, die Fieberkurve steigt, erst recht bei Daniel Gygax. Nach einem Tag im Bett kämpft er mit erhöhter Temperatur. Was ihn nicht davon abhält, drei Tore zu schiessen. Trotzdem bleibt dem Aargauer mit Vergangenheit in der Südkurve nur die Rolle des tragischen Helden. Er wird nach dem Schlusspfiff zu Boden sinken und minutenlang regungslos liegen bleiben auf dem Rasen, der so gut zu diesem sonderbaren Abend passt, zu diesem «PsychoMatch», wie Gygax sagt.

Eine Platzhälfte ist gefroren, die andere weich und tief. Das ist unangenehm für die Spieler, aber nichts im Vergleich zum Schmerz, den Gygax in jenem Moment verspürt, als das Cup-Aus Tatsache wird. Er fühlt, die Hände vor das Gesicht geschlagen, nur noch unfassbare Leere – wie David Pallas, wie Marc Schneider, wie

Tariq Chihab, der spätere Grasshopper, der seine Trauer unter dem Trikot zu verstecken versucht. Sie alle bilden ein Häufchen Elend auf der Unterlage des Hardturms, die für den FCZ bei jeder Witterung ein hartes Pflaster darstellt. «Es ist die bitterste Niederlage meiner Karriere», urteilt Gygax damals wie heute, «einfach Horror.»

 

Doppelschlag und Platzverweis

Unweit der Verlierer schwärmt dagegen Eduardo vom «Spiel meines Lebens». Der Brasilianer im GC-Dress hat ebenfalls dreimal getroffen. Seine Augen funkeln. Doch noch ist es ja nicht so weit. Noch führt der FCZ 4:2. Und plötzlich gar 5:2. Torschütze Cesar stürmt den Gitterzaun hoch, die FCZ-Kurve ihm entgegen. Unglaubliche Freude paart sich mit ungläubigem Staunen. Soeben hat der Einwechselspieler GC-Torhüter Borer mit einem Beinschuss bezwungen. Es ist der zweite Treffer der Zürcher innerhalb von 120 Sekunden. Jetzt, nach 63 Minuten, müsste es doch einfach reichen gegen die meist übermächtigen Grasshoppers!

Das Schicksal will es anders. Just auf dem Höhepunkt setzt der Niedergang ein, was bestens passt zum damaligen FCZ, der in seiner emotionalen Ausprägung oft nur die Extreme kennt: himmelhoch jauchzend und vor allem zu Tode betrübt. Die Tragödie, die für die GC-Fans zur Komödie wird, nimmt ihren Lauf.

Als Erstes verweist Urs Meier Cesar wegen übertriebenen Torjubels mit Gelb-Roter Karte vom Feld. Mangelndes Fingerspitzengefühl? Hätte er es bewiesen, «wäre ich nicht mehr neutral gewesen», sagt der Schiedsrichter. Das Reglement gibt ihm recht. Für Davide Taini ist es «die entscheidende Szene». Sie wirft den zu Labilität neigenden FCZ aus der Bahn. Nervosität schleicht sich ein und bricht in der 83. Minute vollends aus. GC hat das 3:5 geschossen.

 

524 Sekunden für die Ewigkeit

Was sich nun ereignet, lässt sich in Worten kaum beschreiben. Tumultartige Szenen spielen sich vor dem FCZ-Tor ab. Ein wild anstürmendes Heimteam schnürt die dezimierten Gäste in deren Hälfte ein. Wohin auch immer diese den Ball dreschen, steht ein Grasshopper. Die lähmende «Angst vor einer Kanterniederlage», wie sie Ricardo Cabanas verspürt hat, ist verschwunden. An ihre Stelle tritt ein unbändiger Siegeswille, der den Aussenseiter erdrückt. In der 89. Minute gelingt GC der Anschlusstreffer. Beim Heimpublikum ist die Hölle los, im FCZ-Strafraum sowieso.

Längst ist die Welt also aus den Fugen geraten im Hardturm, da schlägt um 22.05 Uhr auch noch der Blitz ein – in Form eines haltbaren Balls, der an Taini vorbeizischt und ins Netz kracht: das 5:5, der Ausgleich für GC in der 92. Minute! Torschütze Mladen Petric kommt es vor, «wie wenn Strom durch mich geflossen wäre. Der ganze Körper hat gezittert.» Der FCZ zittert mit. Lucien Favres Gesicht ist leichenblass. Mit weit aufgerissenen Augen, starr vor Entsetzen, blickt der Trainer auf das Unfassbare.

 

Vom Traum zum Trauma

Es kommt zur Verlängerung. Wie ein angezählter Boxer taumelt der FCZ übers Feld. Nuñez’ entscheidenden Schlag in der 95. Minute kann er nicht mehr verhindern. «Wahnsinn», schreit GC-Sportchef Jean-Paul Brigger. Der Walliser hat mit Sion zahlreiche Cup-Knüller erlebt, aber noch nie eine solch aufwühlende Partie. Und die ist noch immer nicht zu Ende. In der 116. Minute reisst Denicolà Nef im Strafraum nieder. Wütende Proteste seitens des FCZ folgen. Der Penaltypfiff bleibt allerdings aus. «Ein klarer Fehler», räumt Urs Meier ein, «mir war leider die Sicht verdeckt.» Der Fehlentscheid reiht sich nahtlos ein in die schier endlose Kette individueller Mängel an diesem Abend. Kurz nach dem letzten verzweifelten Aufbäumen der Gäste ist Schluss. Im Hardturm brechen alle Dämme, GC erfasst eine Welle überbordender Begeisterung, der FCZ versinkt im Meer der Tränen. «Ein Jahrhundertspiel», strahlt Christoph Spycher. «Diesen Match kann man nicht vergessen. 10 Jahre lang nicht, 100 Jahre lang nicht, vielleicht denken wir daran, bis wir gestorben sind», stammelt Favre.

Und die Ironie der Gschicht: Aus hoffnungslos anmutender Lage hat GC die Begegnung noch gekehrt. Die letzte Wende nimmt das Drama aber erst danach. Der glorreiche Sieger schlittert im Final gegen den späteren Absteiger Wil in eine ähnlich epochale Schmach, wie sie der FCZ erlitten hat, und verliert 2:3. Der grosse Verlierer des legendären Derbys erholt sich indes von seinem schrecklichen Ende im Nichts und gewinnt ein Jahr später den Cup. Ob nun die Welt wieder im Lot ist?

Spieltelegramm

GC – FCZ 6:5 n.V. (5:5, 1:0) – Hardturm. 11 200 Zuschauer. Schiedsrichter: Meier. – Tore: 6. Gygax 0:1. 11. Ziegler (Eigentor) 0:2. 37. Petric 1:2. 44. Gygax 1:3. 57. Eduardo 2:3. 61. Gygax 2:4. 63. Cesar 2:5. 83. Eduardo 3:5. 89. Eduardo 4:5. 92. Petric 5:5. 95. Nuñez 6:5. – GC: Borer; Lichtsteiner (76. Da Silva), Castillo, Denicolà, Ziegler (65. Alfred); Cabanas (81. Mitreski), Tararache, Spycher; Eduardo, Petric, Nuñez. Trainer: Geiger. – FCZ: Taini; Nef, Filipescu, Schneider, Dal Santo; Gygax, Dzemaili, Chihab, Di Jorio (18. Cesar); Petrosyan (90. Yasar); Keita (74. Pallas). Trainer: Favre. – Gelb: 19. Cesar (Foul), 45. Cabanas (Foul), 112. Chihab (Foul), 117. Gygax (Reklamieren). Gelb-Rot: 63. Cesar (übertriebener Torjubel). – Bemerkungen: GC ohne Gane, Jaggy, Magro, Schwegler (verletzt). FCZ ohne Bastida, Buess, Muff (verletzt), Abdi, Iodice, Simo (nicht im Aufgebot).

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