Danijel Subotic

Der Schweizer Beckham

Er spielte mit Jermain Defoe und Peter Crouch, war schon in zehn Ländern aktiv und gehörte zwischenzeitlich zu den bestverdienenden Schweizer Fussballer. Die unglaubliche ­Karriere des GC-Neuzuzug Danijel Subotic in einem Portrait aus ZWÖLF #45 vom November 2014.

Text: Mämä Sykora

«Fussball ist ganz verrückt», sagt Danijel Subotic und lacht in sein Handy. Diesen Satz wird er während des Gesprächs noch einige Male sagen. Und er passt auch wirklich immer. Die Verbindung ist gerade schlecht in ­Kuwait. Das ist gleichzeitig auch der einzige Grund zur Klage. Die Wohnung stellt ihm sein Verein zur Verfügung, ebenso wie ein nobles Auto. Für den Sieg und das Tor in der Partie vom vergangenen Wochenende darf er sich auf stolze Boni freuen. Vor allem aber wird pünktlich zum Monatsende der Lohn auf seinem Konto eintreffen. Qadsia Sporting Club, amtierender Meister der Kuwaiti ­Premier League, überweist dem 25-jährigen Stürmer jährlich über eine Million Franken. Damit gehört Subotic zu den bestverdienenden Schweizer Fussballern. Zu den ehrlichsten gehört er ebenso.

Wer wie Subotic schon in acht Ländern als Profi gespielt hat, könnte viele Gründe dafür anführen. Andere Kulturen kennenlernen, etwas erleben, das Abenteuer suchen, ein Sprungbrett nutzen – man hat es dutzendfach ­gehört. Subotic beantwortet die Frage nach seinen Zielen mit entwaffnender Offen­heit: «viele Tore schiessen und möglichst viel Geld verdienen». Kuwait soll schliesslich nur eine Zwischenstation sein. Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate sind sehr nahe, und die verfügen im Gegensatz zu Kuwait gar über eine richtige Profiliga. Was er mit all dem Geld anstellen will? «Je ein Haus kaufen in der Schweiz, in Rumänien und in Serbien. Und wenn meine Karriere fertig ist, dann gehts ab ans Meer! Ich bin eben voll der Beachboy.»

Subotic beantwortet die Frage nach seinen Zielen mit entwaffnender Offen­heit: «viele Tore schiessen und möglichst viel Geld verdienen».

Diesen Eindruck vermitteln auch seine unzähligen Fotos in den verschiedenen sozialen Netzwerken. Danijel am Pool, Danijel am Strand, Danijel mit Sonnen­brille, Sixpack, Tattoos und Cocktailglas. Meistens umschlingt er dabei eine brünette Schönheit, deren Ausstrahlung und Posen keinen Zweifel darüber offenlassen, dass diese Dame auch beruflich oft vor der Kamera steht. Wo immer sich das Paar ablichten lässt, ob in Bukarest oder der Dominikanischen Republik: Die Kleidung sitzt perfekt, jedes Haar ist am richtigen Platz. Kaum jemand, dem beim Anblick dieser ­Fotos nicht die Beckhams in Erinnerung ­gerufen werden. «Das habe ich schon oft gehört», sagt auch Danijel Subotic.

Danijel Subotic und Ioana Grama (Foto: Freetime)

Seine Victoria heisst Ioana Grama, Model und Mode-Expertin aus Rumänien. In ihrem Fashion-Blog gibt sie nicht nur Styling-Tipps für voluminöse Locken und aufregende Lidschatten, sondern erzählt auch von den Anfängen der Beziehung mit Danijel: «Einige Tage später trafen wir uns wieder. Er schaute mir in die Augen. Mein Herz spielte verrückt, meine Körper­temperatur stieg an. Aufregung, das Gefühl von Schmetterlingen im Bauch.» Er sei kein Typ, der einem viele Chancen gebe. Einer, der eher das Aben­teuer ­suche als eine ernsthafte Beziehung. «Aber das Herz kann man nicht kon­trollieren», sinniert Ioana weiter. So wurde aus den beiden ein Liebespaar, sehr zur Freude der rumänischen Klatschpresse, die noch heute über die beiden berichtet. «Da fühlt man sich schon ein bisschen wie ein Star», gibt Danijel zu. Es muss ein befriedigendes Gefühl sein für einen, der nur wenige Monate vor dem Aufeinandertreffen mit Ioana Grama die Fussballschuhe eigentlich schon an den Nagel gehängt hatte.

Betrübt und betrogen
Im Herbst 2010 steht Danijel ­Subotic vor dem Nichts. Sein Verein, die US Grosseto aus der italienischen Serie B, will ihn nicht mehr haben und bezahlt ihm seit Monaten keinen Lohn mehr. Sein Platz an Spieltagen ist die Tribüne. Grund: Der Trainer wartet auf seinen Anteil an den 50 000 Euro Handgeld, von denen auch Subotic selber nie etwas gesehen hat. «Fussball ist verrückt», sagt der Basler, dieses Mal ohne zu ­lachen. Zu alledem trennen sich während seiner Zeit in Italien auch noch seine Eltern. Subotics Welt bricht zusammen. Der Traum vom Leben als Fussballprofi platzt. Für drei Monate verkriecht er sich zu einem Freund in Rom und fragt sich ununterbrochen, wie es nur so weit hatte kommen können.

Dabei hatte es so gut angefangen für ihn. Mit zwei Jahren kommt Subotic aus Zagreb in die Schweiz. Als kräftiger ­Junge lebt er sich zunächst beim ­Karate und Kickboxen aus. Mit acht Jahren schleppt ihn der Vater zum Fussball, und Danijel kommt auf den Geschmack. Bald lotst ihn der FC Basel von ­Concordia weg, und er durchläuft die erfolgreiche Jugend­abteilung an der Seite von ­Fabian Frei oder Michel Morganella. Remo Gaugler, heute Scout beim FC Luzern und damals U15-Trainer beim FCB, erinnert sich: «Danijel war physisch schon sehr weit und zeigte aufopfernde Leistungsbereitschaft. Wir rätselten bloss, auf welcher Position er am besten eingesetzt werden könnte.» Lange Zeit gab Subotic den Aussenverteidiger. In einem Testspiel wurde er – wohl auch aufgrund seiner Grösse – in den Sturm beordert und netzte gleich zwei Mal ein. Von da an war Schluss mit Defensivaufgaben.

Nach und nach werden Danijels Teamkameraden in die erste Mannschaft eingebaut. Nur er bleibt in der U21 hängen. «Ich habe es einfach nicht verstanden», sagt er. Er sei schliesslich auf einem guten Level gewesen, und Christian Gross hatte doch ein Flair für grosse Stürmer! Als selbst Jüngere wie Valentin Stocker an ihm vorbeiziehen, ist es Zeit zu gehen. Statt einen Schritt zurück wagt er zwei nach vorne und sagt bei einem Angebot des Premier-League-Klubs Portsmouth sofort zu. Statt 1.-Liga-Partien auf Dorfplätzen mit Diego Würmli und Kevin Wenzin bestreitet Subotic plötzlich Testspiele mit Jermain Defoe, Peter Crouch und Niko Kranjčar. Nach seinem Kopfballtreffer in einem Vorbereitungsspiel gegen Swindon ist sich ein Fan auf der Website der «Pompeys» schon sicher: «Subotić will soon be scoring hattricks for us!». Bei einigen Pflichtspielen unter Trainer Harry Redknapp schafft er es immerhin auf die Bank. «Ich war nahe dran an einem Platz in der ersten Elf», sagt der Schweizer heute.

Auch U19-Nationaltrainer Martin Trümpler bietet Danijel Subotic bald auf, setzt in der EM-Qualifikation aber auf Mario Gavranovic. «Danijel hat mich nicht überzeugt. Ihm fehlten damals die Dynamik und die Explosivität. Zudem hat man ihm bezüglich Taktik angemerkt, dass er zuvor nie lange auf der gleichen Position gespielt hatte.» ­Subotic steht nur beim abschliessenden und unbedeutenden Spiel in der Startelf. Es ist sein letzter Auftritt in der Nati. ­«Danijel hatte wohl keine besondere Freude an mir», sagt Trümpler entschuldigend. «Sag nochmals: Wo spielt er heute?» In Kuwait. «Jesses Gott! Unglaublich.»

Ich dachte nur: ‹Lasst mich einfach in Ruhe! Ich bin fertig mit Fussball!›

In der ungewöhnlichen Karriere des Danijel Subotic scheint die Zeit in England der bescheidene Höhepunkt zu sein. Denn in der Folge passt nichts mehr zusammen. Portsmouth leiht ihn zum Partnerverein Zulte-Waregem aus, wo er nach seinem Debüt nicht mehr zum Einsatz kommt. Er wird zurückgerufen, die Partnerschaft mit dem belgischen Klub beendet. Bei Portsmouth selber geht es derweil drunter und ­drüber. Steuerschulden in Millionenhöhe führen dazu, dass Portsmouth als erster Verein der Premier League Insolvenz beantragen muss. Der Exodus der Spieler setzt ein. Trotz Angeboten aus Englands zweiter Liga entscheidet sich Subotic auf Anraten seines Vaters für Italien. «Das war der grösste Fehler meines Lebens», sagt er entschieden. Er führt dazu, dass er sich kurze Zeit später in einer fremden Wohnung in Rom Gedanken machen muss, wie es mit seinem Leben weitergehen soll. Bis sein Handy klingelt und ihn ein Berater davon zu überzeugen versucht, seine Karriere in Rumänien wieder aufzunehmen. «Ich dachte nur: ‹Lasst mich einfach in Ruhe! Ich bin fertig mit Fussball!›» Doch der Anruf kommt jeden Tag.

Die rumänische Liga ist gezeichnet von Wirren und Wahnsinn und damit kaum ein geeignetes Umfeld für einen desillusionierten jungen Fussballer. Doch Danijel ­Subotic trotzt dem Chaos. «Ich hatte wieder meinen Traum: einmal im Leben Champions League spielen!» Stattdessen erlebt er Enttäuschungen und Unfassbares. Sein erster Verein, Universitatea ­Craiova, wird von der Liga ausgeschlossen, sein zweiter, Târgu Mureș, gerät bald in Abstiegs­sorgen, worauf Subotic im Wochenrhythmus einen neuen Trainer vorgesetzt bekommt. Auf den Lohn wartet er zumeist vergebens. Dann verschafft ihm seine neue Managerin einen Vertrag beim ukrainischen Aussenseiter Volyn Luzk. Die Nummer 31, die er sich kurz zuvor auf den Hals hatte tätowieren lassen – er ist am 31. Januar 1989 geboren –, scheint ihm tatsächlich Glück zu bringen. Erst seine Liebe Ioana, nun der Beginn seiner zweiten Karriere. Jener, die sich finanziell auszahlt.

Königsklasse oder Königsleben
In der Ukraine verdient Subotic gut. So gut wie nie zuvor. Fast eine halbe Million spielt er jährlich ein. Netto. Auch fussballerisch kommt er weiter. Doch dann kommt der Lohn wieder nicht. «So kann man keine Pläne machen!», ärgert sich Subotic heute. Er will eine Wohnung kaufen, vielleicht ein Haus. «Zwei, drei Autos» sollen es auch sein. Ständig muss er wegen seines Lohnes nachfragen. Nachdem der Klub ein Ultimatum hat verstreichen lassen, sondiert Subotic die Angebote. Plötzlich steht er kurz davor, seinen Traum verwirklichen zu können. Und er steckt in einer Zwickmühle.

Jede Woche erhöht Qabala den angebotenen Lohn um 50’000 Franken. «Das ist so viel Geld, das kann man sich gar nicht vorstellen!», meint er fast schon entschuldigend.

Steaua Bukarest will ihn haben, ein Champions-League-Teilnehmer. Aller­dings würde dort sein Lohn auf ein Fünftel schrumpfen. Gleichzeitig liegt ihm ein Angebot des FC Qabala aus Aserbaidschan vor. Subotic zögert lange. Jede Woche erhöht Qabala den angebotenen Lohn um 50’000 Franken. «Das ist so viel Geld, das kann man sich gar nicht vorstellen!», meint er fast schon entschuldigend. «Wir spielen ja nicht nur fürs Geld, aber unter anderem eben doch auch.» Subotic ist sich bewusst, dass er sich mit einem Transfer nach ­Aserbaidschan von seinem Traum verabschieden muss. Champions-League-Hymne oder Leben im Luxus? Subotic entscheidet sich für Letzteres. «Das Finan­zielle war mir da wichtiger als das Fussballerische», gibt er unumwunden zu. «Aber so ist das manchmal: Man gibt etwas auf, gewinnt dafür etwas anderes.»

In meiner Freizeit heisst es: Party, Party, Party – jeden Tag!

Qabala ist eine Skurrilität sonder­gleichen. Das kleine Städtchen im Norden des Landes mit knapp 10’000 Einwohnern soll dank Investitionen des Klubeigentümers zu einer Attraktion für Touristen werden. Schon jetzt verfügt Qabala über einen neuen Flughafen, ein internationales Musikfestival, einen Vergnügungspark, eine Skipiste und mehrere 5-Sterne-Hotels. Die Touristen haben Qabala aber noch nicht für sich entdeckt. Danijel Subotic: «Der Ort ist total tot! Es gibt nicht mal Restaurants oder Cafés und auch keine Läden.» Seine Suite im Hotel ist wie ein goldener Käfig. Ausser trainieren, essen und schlafen gibt es nichts zu tun. An den Wochenenden flieht er nach Baku, wo sich die Einheimischen grinsend an Heinz Barmettler erinnern, der dort überhaupt nicht klargekommen sei. Für Subotics fussballerische Leistungen ist die Ödnis förderlich: Er wird viertbester Torschütze, und sein Klub qualifiziert sich für den Europacup. Wenigstens in der Winterpause aber fliegt er in die Ferien und geniesst dort das lang vermisste Nachtleben in vollen Zügen. «Ich brauche das einfach», gesteht er ein. «In meiner Freizeit heisst es: Party, Party, Party – jeden Tag!» Nach sechs Monaten im Hotel mehr denn je.

Nach Ende der Saison 2013/14 will sein Verein den Vertrag verlängern. Auch die Teams aus Baku würden ihn gerne übernehmen. Mit dem neusten Interessenten hat Subotic indes nicht gerechnet. Es ist der Qadsia SC, kuwaitischer Rekordmeister. Hier sass einst gar Luiz ­Felipe Scolari auf der Trainerbank. «Sie bieten ganz viel Geld», sagt die ­Managerin. «Es ist Kuwait», sagt ­Subotic. Er ist misstrauisch, denn das Angebot klingt zu gut, um wahr zu sein. «Da ging es nicht mehr um ein paar Hunderttausend. Das war ein Millionenvertrag!» Die Aseri bessern ihre Offerte nochmals auf, doch gegen die Scheichs kommen sie nicht an. Geld sei kein Problem, lassen ihn die Kuwaiter wissen. Immerhin gehört der Klubpräsident zur Königs­familie. «Ich gab meine Forderungen durch, und sie erfüllten jede einzelne», zeigt sich Subotic noch immer erstaunt.

Trotz Einigung dauert es noch unangenehm lange, bis Subotic endlich seine Signatur auf jenes Papier setzen kann, das ihm auf viele Jahre hinaus ein luxuriöses Leben ermöglicht. Heute weiss er, wieso: «Hier dauert nun mal alles sehr, sehr lange. Die Leute sind sehr nett, aber faul. Das ist auch verständlich: ­Jeder Zweite ist Multimillionär, jeder kann sich alles leisten. Keine Sorgen, kein Stress.» Auch Subotic selber muss sich nicht überarbeiten. Die Kuwaiti Premier League ist keine professionelle Liga. Bei Qadsia sind lediglich die drei Legionäre Profis, der Rest geht tagsüber einem normalen Job nach. Zusatztrainings für die Ausländer gibt es nicht, den Tag hat Subotic zur freien Verfügung. Über seine neuen Mitspieler äussert er sich wohlwollend: «Das Niveau ist zwar nicht top, aber einige Spieler könnten sehr wohl in Europa bestehen, wenn sie professionell trainieren könnten.» Für die meisten von ihnen sei Fussball aber nun mal lediglich ein Hobby.

Anlaufzeit braucht Subotic keine. Nach sechs Spielen hat er bereits fünf Tore auf dem Konto. Vom Leben am Golf ist er derart begeistert, dass er schon jetzt beschlossen hat, seine Karriere im Osten fortzusetzen. Ist denn für ihn, den Weltenbummler, der mittlerweile acht Sprachen spricht, eine Rückkehr in die Schweiz kein Thema? Interesse aus der Super League habe es gegeben. «Die Schweiz ist noch immer meine Heimat», sagt er. Aber nach einer Pause legt er nach: «Reizen würde es mich schon. Aber finanziell liegt das natürlich nicht drin.» Und was ist mit seinem Traum? «Der ist ganz weit weg», gibt Subotic zu. Obwohl er ihm ja irgendwie doch noch erfüllt wird: Im Februar wird er in der Champions League auflaufen. Auch wenn es nur die asiatische ist.

Nachbemerkung:
Seit dieser Text erschienen ist spielte Danijel Subotic noch für Sheriff Tiraspol (Moldawien), ein zweites Mal für Qadsia, Ulsan (Südkorea), Shakhter Karagandy (Kasachstan), Dinamo Bukarest und fortan für die Grasshoppers.