Champions League Reform

 

«Sportliche Erfolge sind sekundär»

Die UEFA sieht für die Champions League grosse Änderungen vor. Unter anderem sollen die besten vier Ligen fortan vier fixe Startplätze haben. Und das ist längst nicht alles. Gabriele Marcotti, Kolumnist für die «Times» und den «Corriere dello Sport», zeigt in einem Interview mit ESPN auf, was die neuste Entwicklung bedeutet.

Ab 2018/19 werden von den 32 Teilnehmern der Champions League 16 aus den grossen vier Ligen kommen. Wann wurde dies beschlossen?
Gabriele Marcotti:
Noch ist es nicht beschlossen. Das UEFA-Exekutivkomitee muss den Beschluss erst noch bestätigen. Es ist eine Kompromisslösung, ausgehandelt zwischen dem UEFA-Komitee für Klubwettbewerbe, präsidiert vom Portugiesen Fernando Gomes, und einigen von Europas grössten Klubs. Man kann davon ausgehen, dass diese Änderungen durchgewinkt werden.

Wie wird das genau aussehen?
Viele Details sind noch zu klären. Klar ist, dass die vier besten Ligen Europas – also Spanien, England, Deutschland und Italien – alle fortan vier Fixstarter in der Gruppenphase haben werden. Bis jetzt waren nur je zwei direkt qualifiziert.

Das klingt nicht sehr gut für die restlichen Ligen …
Es ist sogar sehr schlecht. Mit der Änderung stehen dem Rest nicht nur weniger Plätze zu, sie schachert den Grossen sämtliche Vorteile zu. Das Risiko der Qualifikationsspiele fällt weg, das gibt Planungssicherheit und ermöglicht es, mehr Sponsorengelder zu generieren. Die Reichen werden reicher, daran führt kein Weg vorbei.

Warum macht die UEFA das?
Die UEFA fand sich zwischen Hammer und Amboss wieder. Die grossen Klubs haben lange für solche Änderungen lobbyiert. Der Grossteil der Gelder in der Champions League kommt von Sponsoren und TV-Rechten. Und natürlich fliessen diese in der Erwartung, Juventus und Real Madrid und Manchester United spielen zu sehen. Wenn du das garantieren kannst, erreichst du viele Leute. Dafür sind die Unternehmen bereit, mehr zu bezahlen. Wenn das Risiko besteht, dass statt Barcelona gegen Bayern eben APOEL gegen BATE Borisov spielt, ist das weniger attraktiv. Einer der Vereine, die sich für die Änderung stark gemacht haben, rechnete vor, man könne nun 20 Prozent mehr Einnahmen erwarten.

Was ist die Argumentation der grossen Klubs?
Die Topklubs sind der Ansicht, dass ihnen einen Fixplatz und mehr Einnahmen zustehen, weil sie mehr Umsatz generieren und mehr in ihre Kader investieren. Sie haben gedroht, etwas zu unternehmen, wenn ihren Forderungen nicht nachgekommen wird.

Was denn zum Beispiel?
Die Idee, eine eigene Superliga zu starten, war nicht bloss leeres Geschwätz. Einige Klubs drohten, sich aus der Champions League zurückzuziehen und einen eigenen Wettbewerb ins Leben zu rufen. Und die meinten das ernst.

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Ich habe gehört, die Verhandlungen zogen sich über sechs Monate hin und waren teilweise ziemlich schmutzig.

Wäre das denn realistisch?
Realistisch genug, dass die Unterhändler der UEFA – Gomes, van Praag und der ehemalige Manchester-United-CEO David Gill – ihnen glaubten. Man kann sich die Folgen für die Champions League vorstellen, wenn die Topklubs plötzlich nicht mehr teilnehmen. Ich habe gehört, die Verhandlungen zogen sich über sechs Monate hin und waren teilweise ziemlich schmutzig. Als die grossen Klubs sich einverstanden erklärten, weiterhin mitzumachen, forderten sie aber plötzlich noch eine Reihe weitere Dinge.

Welche waren das?
Sie verlangen «Wild Cards» für Klubs mit einer gewissen Historie. Damit sollte etwa Manchester United oder AC Milan der Zugang ermöglicht werden, auch wenn diese es sportlich nicht schaffen würden. Auch solle man darüber nachdenken, Champions-League-Spiele an den Wochenenden auszutragen, weil das mehr Einnahmen verspreche. Es wurde auch diskutiert, einem neuen Unternehmen die Austragung der Champions League zu übertragen, in dem dann die UEFA und die Klubs – nur die grossen natürlich – gleichberechtigte Partner sein sollen.

Wie kann die UEFA auf so etwas eingehen?
Angesichts dessen wäre sie vielleicht besser gefahren, all diese Forderungen abzulehnen und damit den Schaden in Grenzen zu halten. Man muss aber berücksichtigen, dass die UEFA seit dem Ausschluss von Michel Platini noch immer keinen Präsidenten hat. Ein starker UEFA-Präsident mit politischer Schlagkraft und einer Vision wäre vielleicht in der Lage gewesen, diese Situation zu verhindern. Aber die Zeit drängte: Bis zum Frühling muss der Deal für den Zeitraum von 2018 bis 2021 unter Dach und Fach sein. Damit hatten die Topklubs die UEFA in der Hand. Mit all diesen Zugeständnissen hat es die UEFA nun immerhin geschafft, dass sie noch eine Rolle spielt. Bis auf Weiteres zumindest.

Für die UEFA wäre es ein grosses Risiko gewesen, gegen ihre eigenen Zugpferde in den Krieg zu ziehen.

Und wenn die UEFA hart geblieben wäre und eine Abspaltung der grossen Klubs in Kauf genommen hätte?
Theoretisch wäre das gegangen, ja. Es ist eine Sache für einen Verein wie Real Madrid, die Gründung eines eigenen Wettbewerbs anzukünden. Es ist aber eine andere Sache, dies tatsächlich zu machen und damit in Kauf zu nehmen, keinen weiteren europäischen Titel mehr gewinnen zu können. Für die UEFA wäre es ein grosses Risiko gewesen, gegen ihre eigenen Zugpferde in den Krieg zu ziehen. Das wäre der Punkt gewesen, an dem es keine Rückkehr mehr gegeben hätte. Für beide Seiten wäre ein solcher Schnitt selbstzerstörerisch gewesen.

Welche Details gibt es noch auszuhandeln?
Ich denke, als erstes dürften die Preisgelder angepasst werden. Schon jetzt schneiden die grossen Klubs massiv besser ab dank des TV-Marktpools. Dort ist das grosse Geld, und das wird nach der Grösse des jeweiligen TV-Markts aufgeteilt. (Anm. d. Red: Der FC Basel kriegt daraus jeweils ca. 2 Mio. Franken, Juventus über 30 Mio.) Und es geht auch noch darum, wie die restlichen 16 Startplätze verteilt werden.

Dieser Deal läuft bis 2021. Und danach?
Darüber kann man nur spekulieren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die grossen Klubs danach sagen werden: «Ok, jetzt sind wir reich genug, jetzt teilen wir gerne mit den anderen.» Der Wunsch nach einer europäischen Superliga unter der Kontrolle der Klubs wird weiterhin bestehen. Die Kluft zwischen den Reichen und den Armen wird bis dahin weiter auseinander klaffen.

Das klingt deprimierend.
Schauen Sie, wenn es nach dem Willen der grossen Klubs geht, würde die UEFA wie ein kommerzielles Unternehmen geführt werden. Unternehmen mögen Planungssicherheit, das gilt auch für diese Klubs. Sportliche Erfolge sind sekundär. Sie sehen sich als Schauspieler in einer grossen TV-Show, deren Aufgabe es ist, Zuschauer und Sponsoren anzulocken. Aber dafür wurde die UEFA nicht gegründet. Die Champions League sollte ein Wettbewerb für alle ihre 55 Mitgliederverbände sein. Jetzt muss es aber schon als Erfolg gewertet werden, dass die UEFA 16 Plätze für Teams ausserhalb der Top-4-Ligen retten konnte. Einige starke Klubs hätten ja einen Wettbewerb nur für eingeladene Teams bevorzugt.

Können wir dieses Interview mit etwas Hoffnungsvollem beenden?
Ich versuchs. Das grosse Problem ist die Premier League, auch wenn sie nichts dafür kann. Diese Liga ist kommerziell so viel erfolgreicher als der Rest, dass mittlerweile sogar englische Zweitdivisionäre in Sachen Löhne und Transfersummen mit den Topklubs aus anderen Ländern mithalten können. In Deutschland, Italien und Spanien wuchsen die Einkünfte aus den TV-Rechten nicht in dem Masse wie in England. In Spanien konnten Barcelona und Real bislang die Rechte individuell verkaufen, fortan ist dies nicht mehr der Fall. Das ist gut für den Wettbewerb und die Liga, aber schlecht für die beiden Giganten. Als Folge davon versuchen sie, so viel wie möglich aus der Champions League herauszupressen.

In England ist das nicht so ein Thema. Die Einnahmen aus der Königsklasse nehmen sich im Vergleich mit den Einnahmen aus den heimischen TV-Rechten bescheiden aus. Deshalb drängten die englischen Vereine auch nicht derart auf die jetzige Änderung. Man kann also sagen: Sobald die restlichen Ligen auch nicht mehr so sehr auf die Champions-League-Einnahmen angewiesen sind, werden sie vielleicht auch nicht mehr derart gegen eine egalitärere Verteilung dieser Gelder wehren. Ich denke, das könnte dereinst passieren.

Und die UEFA-Wahlen stehen im September an, vielleicht kriegen wir dann einen starken Präsidenten. Einer, der eine Koalition gegen diese Front der grossen Klubs formieren kann. Einer, der die Champions League als etwas anderes verkaufen kann denn als schillernde Cash-Cow.

Ich gebe zu, ich klammere mich an einen Strohhalm. Fakt ist: Wenn es um die Champions League geht, liegt die Macht bei den grossen Klubs. Insofern ist die Kompromisslösung vielleicht gar nicht die schlechteste. Beziehungsweise: Die Alternative wäre in den Augen vieler noch viel schlimmer gewesen.

Gabriele Marcotti schreibt für die «Times» und den «Corriere dello Sport». Für ESPN schreibt er zudem regelmässig die Kolumne «Marcotti’s Musings».

Die Folgen für die Schweiz

Noch muss im UEFA-Exekutivkomitee diskutiert werden, wie die restlichen 16 Champions-League-Startplätze verteilt werden. Es wird davon augegangen, dass die drei nächstgrösseren Verbände (Frankreich, Portugal und Russland) je zwei Teilnehmer stellen dürfen. Für die restlichen 10 Plätze gibt es zwei Optionen. Entweder sind alle nur über Qualifikationsspiele zu ergattern, oder etwa die Hälfte davon geht fix an die Nationen, die gleich dahinter klassiert sind in der UEFA-Fünfjahreswertung. In diesem Fall hätte die Schweiz, die derzeit auf Platz 11 liegt, gute Chancen, weiterhin einen Teilnehmer zu stellen.

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