Der bessere Senderos
Vor zwei Jahren wechselte der heute 17-jährige Martin Angha vom FCZ zu Arsenal. Und bereits klopft der Innenverteidiger bei der ersten Mannschaft an.
Text: Matthias Giordano / Bild: zvg

Johlende Franzosen belagern schon seit Stunden das Drayton-Park-Pub in London und schwören sich auf den bevorstehenden Champions-League-Fight zwischen Olympique Marseille und Arsenal ein. Während sich die Stars der Gunners bereits im Bauch des Emirates Stadium vorbereiten, sitze ich im Pub und warte. Nach ein wenig Verspätung trifft er dann ein: Martin Angha, der 17-jährige Schweizer, eines der grössten Talente unseres Landes, der bei den Nordlondonern durchstarten will.
In England gehört vor einem Fussballspiel ein Bier auf den Tisch. Wir bestellen nur eines, denn Martin trinkt nichts. Er wirkt abgeklärt und scheint den Umgang mit Medienleuten schon zu kennen. Knapp, aber ohne wichtige Details auszulassen, erklärt er, wie er im Frühsommer 2008 an einem Turnier in Wil im Halbfinal gegen Arsenal gespielt hat und wie dort dessen Scouts auf ihn aufmerksam wurden. Drei Wochen später sass er bereits im Flieger nach London, auf dem Weg zu einem Probetraining. Er vermochte zu überzeugen und wechselte im Januar 2010, trotz Angeboten vom FC Chelsea und Bayern München, im zarten Alter von 16 Jahren vom FC Zürich zum grossen FC Arsenal London.
Als wir die üblichen Fragen durch haben, lege ich den Notizblock zur Seite. So scheint es für Angha angenehmer, und er erzählt: «Es war schon sehr speziell am Anfang. Ich war weg von meiner Familie, in einem anderen Land, und Englisch konnte ich damals auch noch nicht so gut.» Martin Angha musste sich von all seinen Freunden verabschieden und sein Leben in der Schweiz hinter sich lassen. «Damit ein Traum in Erfüllung geht, muss man gewisse Sachen eben aufgeben», konstatiert er. Man habe sich sehr gut um ihn gekümmert und ihn super aufgenommen. «Es ist tatsächlich wie eine grosse Familie. Wir essen immer alle gemeinsam, dabei macht es keinen Unterschied, ob du in der ersten Mannschaft oder noch in der Reserve spielst», erklärt er.
«Der schönste Tag im Leben»
Im Pub stimmen die Franzosen wieder lauthals ein Lied an. Wir kommen auf den Fanshop zu sprechen, und er beginnt zu schwärmen: «Nachdem ich den Vertrag unterschrieben hatte, ging ich in den Fanshop, und dort wurde mir gesagt, ich könne alles nehmen, was ich möchte! Ich bin schon seit klein auf Arsenal-Fan und konnte kaum fassen, was ich gerade gehört hatte. Unsicher habe ich dann nur ein Paar Trainerhosen und ein Shirt genommen.» Vorgängig passierte aber noch etwas weit Wichtigeres: Arsène Wenger unterschrieb persönlich mit ihm den Vertrag. «Das war der schönste Tag in meinem Leben, darauf bin ich sehr stolz», strahlt er. «Ich freue mich jeden Tag, hier für Arsenal Fussball spielen zu dürfen.» Jetzt soll der Durchbruch gelingen. Gerüchteweise sei der Zürcher Innenverteidiger bereits für das Viertelfinale im Carling Cup vorgesehen gewesen. Die Auslosung brachte jedoch Tabellenleader Manchester City als Gegner und machte ihm somit einen Strich durch die Rechnung. «Damit waren die Chancen auf einen Einsatz dahin, aber ich werde alles geben, um mich spätestens für nächste Saison aufzudrängen», so Martin motiviert.
Wenger beobachtet
Auf jeden Fall trainiert er bereits mit der ersten Mannschaft und ist Stammspieler im Reserveteam, in dem Talente aus der ganzen Welt auflaufen, darunter auch der ein Jahr ältere Schweizer U17-Weltmeister Sead Hajrovic. «Der Unterschied zum FCZ-Training ist schon enorm. Wir haben statt zwei zwar nur eine Trainingseinheit, dafür ist diese sehr intensiv», erklärt er. Coach Wenger nimmt dabei die Position des Beobachters ein. Er ist ruhig, gibt kurze Anweisungen. «Aber er spricht sehr viel einzeln mit den Spielern. So weiss man immer, woran man ist.»
Bei seinen Mitspielern gerät er ins Schwärmen. Jeder biete sich an und würde den Ball verlangen. «Das kommt mir als Innenverteidiger sehr entgegen. In dieser Position muss man den Ball schnell abspielen, sonst könnte es gefährlich werden.» In der Schweizer U-Auswahl dagegen seien die Spieler oft unsicher und drehten sich vom Ball ab. «Ich will nicht sagen, dass die U-Nati schlecht ist, aber technisch spielt man bei Arsenal schon auf einem höheren Level», so der U18-Captain. Auf die Frage, welcher Spieler ihn am meisten beeindruckt hat, findet er schnell eine Antwort. «Ganz klar: Cesc Fàbregas. Mit ihm zusammen zu spielen war unglaublich. Schon bevor dass du ihm den Ball zuspielst, weiss er genau, was er damit anfangen will». Fàbregas sei allgemein ein sehr cooler Typ. «Ich bin bei der gleichen Gastfamilie, wie er war, und er ist nach seinem Transfer zu Barcelona auch schon zum Essen vorbeigekommen.»
Es wird ruhiger im Pub, die Fans marschieren langsam zum Stadion. Auch für uns wird die Zeit langsam knapp, denn schliesslich wollen auch wir das Spiel nicht verpassen. Die Gunners stehen derzeit am Scheideweg, und viele zweifeln, ob sie nach den Abgängen von Fàbregas und Nasri (Manchester City) noch mit den Topklubs Europas mithalten können. «Das war höchstens eine kleine Krise», glaubt Martin. Die Stimmung im Team sei fantastisch, und auch die Neuzugänge wie der Spanier Mikel Arteta oder der deutsche Internationale Per Mertesacker hätten sich sofort eingelebt. «Mit Per unterhalte ich mich am meisten. Ein wirklich super Typ und sehr witzig.» Nur schon die Sprache verbinde eben ein wenig, wie auch bei Tomáš Rosický. Der Tscheche, der fünf Jahre bei Borussia Dortmund spielte, wolle wohl auch ein wenig sein Deutsch auffrischen, schiebt Martin mit einem Augenzwinkern nach. «Auf dem Platz wird aber immer in Englisch kommuniziert», hält er fest.
Ich bestelle mir noch ein letztes Bier und frage mich dabei, wie Martin in London die Abende verbringt. In der britischen Hauptstadt nimmt die Pubkultur beinahe religiöse Ausmasse an, Fussball und Bier gehen dabei Hand in Hand. «So schlimm ist das nicht», entgegnet er schmunzelnd. «Wenn uns langweilig ist, gehen wir ins Kino, auswärts essen oder machen ab für ein FIFA-Turnier auf der Playstation.» Meistens wähle er dabei Manchester City, weil deren Abwehr im Spiel am stärksten sei. Martin lachend: «Nasri setze ich dabei aber meistens auf die Bank.»
Kein Besuch aus der Heimat
Martin hat sich in London eingelebt, trotzdem hat er die Heimat nicht vergessen. Mit seinem Bruder pflegt er regen Kontakt. «Ich verfolge auch die Spiele des FCZ, denen läuft es ja leider im Moment nicht so gut.» Obwohl er in der Schweizer U18 Captain ist und in der Reserve League konstant gute Leistungen bringt, scheint die Heimat ihn vergessen zu haben. «Von den Nationalmannschaftstrainern höre ich kaum etwas», so Martin. «Es hat sich auch noch nie jemand von ihnen ein Spiel hier angesehen, das enttäuscht mich schon ein wenig.» Zusammen mit seinem Berater Paul Bollendorff hat er deshalb eine DVD mit seinen besten Aktionen zusammengestellt und den Verantwortlichen geschickt.
Zur Zeit seiner Ankunft bei Arsenal hiess es oft in den Medien, dass viele Spieler den Verein verlassen möchten. «Das glaube ich aber nicht, und ich könnte diese Spieler auch nicht verstehen. Hier hat man die besten Voraussetzungen, um ein Weltklassespieler zu werden.» Er habe über dieses Thema auch schon mit Philippe Senderos gesprochen. Dieser riet ihm, so lange wie möglich bei den Nordlondonern zu bleiben. «Seine beste Zeit hatte er ja hier, und genau das will ich auch.»
Es ist nun kurz vor Spielbeginn, auch wir sind auf dem Weg zum Stadion. Schon ausserhalb hört man, wie der Speaker und Tausende Fans die Namen der Spieler schreien. Die Champions-League-Hymne ertönt. «Dahin will ich auch, und dafür arbeite ich hart», schliesst Martin knapp. Und so wie er das sagt, glaubt man sofort, dass er es auch schaffen wird. Wir verabschieden uns und verschwinden im Bauch des riesigen Emirates Stadium.



