Liga im Koma
Bulgariens Fussball ist am Boden. Nur kleine Ultra-Gruppierungen halten ihn noch am Leben. Der in Bern lebende Capo der Anhänger von Slavia Sofia hat ZWÖLF erzählt, wie sich Spielabbrüche provozieren lassen und weshalb die Polizei Pyro an die Fans verteilt.
Text: Johnny Furrer & Markus Ehinger. Bilder: Dave Zweifel

Obwohl die Sonne durch die Wolken drückt, ist es klirrend kalt in Bulgariens Hauptstadt Sofia. Kurz nach dem Mittag machen wir uns per Taxi auf ins Stadion Slaviya des Erstligaklubs FK Slavia Sofia, der heute im «kleinen» Stadtderby gegen Lokomotive Sofia spielt. Wie üblich findet das Spiel nachmittags statt – das Stadion hat, wie die meisten in Bulgarien, kein Flutlicht. Beim Stadion angekommen, erkennen wir bei der Imbissbude eine etwa 20-köpfige Gruppe Slavia-Ultras. Das Taxi fährt direkt vor das Kassenhäuschen, wo wir für umgerechnet knapp drei Franken Tribünentickets kaufen. Vor dem Match noch ein Bierchen trinken – das geht nur ausserhalb des Stadions. Also gehen wir zur Imbissbude, wo uns die Slavia-Ultras mustern. Einer der Bulgaren fragt, ob wir Deutsch sprechen. Als wir bejahen, freut er sich und erzählt, dass er seit 18 Jahren in der Schweiz lebe und für die Spiele oft mit dem Bus nach Sofia zurückkehre. Wir schliessen sofort Freundschaft mit Stani. Erst recht, als er uns erzählt, dass er mal in der YB-Szene aktiv war. Der 32-jährige Stani entpuppt sich als Anführer der Slavia-Ultras, und so kommen wir mit seinen Kollegen rasch ins Gespräch und machen Fotos – das hätten wir uns zuvor nicht getraut.
+++ 25. August 2005: Präsident von Lokomotive Plovdiv, Georgi Iliev, in Restaurant an Schwarzmeerküste erschossen. Das Vermögen Illievs, 39, wird auf über 250 Millionen Euro geschätzt Das Innenministerium wirft ihm vor, in Drogenhandel und Schmuggelgeschäfte involviert gewesen zu sein. +++
An gemütliches Biertrinken ist nicht zu denken. Polizisten bitten uns freundlich, ins Stadion zu gehen. Wenige Minuten später merken wir, warum sie uns nicht mehr bei der Imbissbude haben wollten. Ein klappriges Tram mit gegnerischen Ultras hält direkt vor uns. Es folgen verbale Provokationen und rassistische Sprüche auf beiden Seiten. Erste Steine fliegen. Stani hält die jungen Slavia-Fans zurück und sagt, sie sollen sich nicht auf die Provokationen einlassen. «Beim letzten Spiel kam es zu Ausschreitungen, jetzt wollen die Lok-Fans, dass wir auf sie losgehen», erfahren wir später.
+++ 14. Mai 2007: Alexander Tassev mit zwei Kopfschüssen hingerichtet. Der 45-Jährige war Präsident des Erstligisten Lokomotive Plovdiv. Bulgarische Medien behaupten, der Ermordete habe enge Kontakte zu Drogenbossen gepflegt. Gemäss polizeilichen Quellen kann seine Ermordung in Zusammenhang mit einem gescheiterten Kokaingeschäft gebracht werden. +++
Dann endlich sind wir im Slaviya-Stadion. Es fasst eigentlich 18 000 Zuschauer, das Derby verfolgen offiziell 1500. Diese Zahl ist aber selbst bei wohlwollender Zählweise masslos übertrieben. Man mag sich gar nicht ausdenken, wie viele beim Spiel gegen Stara Zagora, bei dem die Zuschauerzahl mit 200 angegeben wurde, tatsächlich im Rund waren. Das Stadion ist in einem erbärmlichen Zustand. Aus dem Beton ragen rostige Stangen, die Sitzschalen splittern bei der kleinsten Berührung ab, sanitäre Anlagen gibt es nicht. Catering ist in Bulgarien ein Fremdwort: Zu kaufen gibt es nur Kerne und Wasser im Joghurtbecher. «Seit den 90er-Jahren kommen nur noch sehr wenig Zuschauer», erzählt Stani. Slavia Sofia wurde 1996 zum letzten Mal Meister. «Die Mafia hat die Wettbüros unter ihrer Kontrolle. So ist es Alltag, dass Spiele verfälscht werden», sagt Stani. Der bulgarische Fussball sei geprägt von Manipulation und Korruption. «Journalisten schreiben schon vor dem Spiel, wie das Resultat ausfallen wird. Wenn es dann wirklich stimmt, sind die Fans natürlich enttäuscht und bleiben den Spielen fern.» Nur die grossen Vereine ZSKA und Levski Sofia locken noch ein grösseres Publikum an. «Die Jungen sind lieber Fan eines erfolgreichen Klubs», sagt Stani etwas konsterniert.
+++ 22. Mai 2008: Angel Bonchev, Präsident des Fussballklubs Litex Lovech, gekidnappt. Es ist gemeinhin bekannt, dass der 47-Jährige Geschäfte mit der serbischen Mafia unterhält. Nach knapp zwei Monaten kommt Bonchev wieder frei. Die genauen Umstände bleiben ungeklärt. +++
Die wilden 90er-Jahre in Bulgariens Fussball gehören der Vergangenheit an. «Wenn wir damals das Gefühl hatten, ein Spiel sei manipuliert, stürmten wir den Platz und provozierten so einen Abbruch.» Zu dieser Zeit hätten Präsidenten den Spielern oft Geld bezahlt, damit sie absichtlich verlieren. «Heute kommt es kaum mehr zu Platzstürmen, wir sind schlicht zu wenig Leute», erzählt Stani. In der Tat: Die Fangruppe besteht aus knapp 40 Leuten – hauptsächlich Männern. Nur zwei gestylte Frauen haben sich unter die Horde gemischt und scheinen es zu geniessen, die «Hühner im Korb» zu sein. Wir haben den Eindruck, dass der bulgarische Fussball tot ist. Es sind nur diese kleinen Ultra-Gruppierungen, die den Fussball in einem der ärmsten Länder Europas noch am Leben halten. Mit vollem Einsatz unterstützen sie ihren Verein. Das manifes-tieren sie auch mit Choreografien.
+++ 25. November 2008: EU-Kommission streicht Bulgarien wegen grassierender Korruption millionenschwere Hilfsgelder. Insgesamt gehen 220 Millionen Euro an Fördergeldern verloren, rund 800 Millionen an Hilfen werden eingefroren. Es ist das erste Mal, dass ein Mitgliedstaat mit einer solchen Sanktion belegt wird. +++
Dann trauen wir unseren Augen nicht: Polizisten kommen mit einem Plastiksack gefüllt mit Fackeln in den Fanblock. Unter dem Motto «Wer hat noch nicht, wer will noch mal» verteilen die Polizisten Pyro an die Fans. «Das ist normal», erzählt Stani. Wir können es aber immer noch nicht recht glauben, als die Polizisten nach der Halbzeitpause erneut Fackeln verteilen. Warum machen sie das? Stani klärt auf: «Früher haben die Fans selber lebensgefährliche Bomben und Fackeln gebastelt. Es gab fünf Tote!» Nun sei die Polizei froh, wenn die Fans keine selbst gebastelten Pyros mehr ins Stadion schmuggelten. «Deshalb machen wir heute auf legale Weise mit der Polizei aus, dass sie uns die Fackeln bringt. Diese Fackeln sind nicht gefährlich und machen Spass.» Wir bereuen es bis heute, dass wir selber bei der Pyro-Aktion nicht mitgemacht haben… Übrigens: Das trostlose Spiel zwischen Slavia und Lokomotive Sofia endete 0:0. Das Gekicke ist weiter nicht der Rede wert.
+++ 24. November 2009: Bulgarien mit schlechtestem Ergebnis. Auf dem weltweiten Corruption Perceptions Index 2009 von Transparency International erreichte Bulgarien Platz 71 von 180 bewerteten Staaten. Das ist der tiefste Wert innerhalb der Europäischen Union. +++
Slavia Sofia steht exemplarisch für die Tris-tesse in Bulgariens Fussball. Und wie anderenorts auch ist der Sport ein Spiegelbild der Gesellschaft. Kriminalität, Korruption und Bestechung sind an der Tagesordnung. Die Gründe liegen auf der Hand: Das Durchschnittseinkommen beträgt 300 Franken pro Monat, gleichzeitig liegt die Inflationsrate deutlich über 10 Prozent. Höher ist nur noch die Arbeitslosigkeit (14 Prozent). Da bleibt zu wenig Platz für Moral und erhobene Zeigefinger. Wenn der Fussball in den schmutzigen Geschäften der Unterwelt mitmischt, werden gegenseitige Synergien genutzt. Auf der einen Seite stehen marode, aber ambitionierte Klubs, welche dringend auf Geld angewiesen sind. Auf der anderen Seite finden sich im anarchistischen Postkommunismus gross gewordene Neureiche, die den Fussball zur Steigerung der eigenen Bekanntheit missbrauchen und nicht wissen, wohin mit ihrem Schwarzgeld. Doncho Donev, Sportjournalist der Tageszeitung «Mariza» aus Plovdiv, erklärt das so: «Bis 1989 wurde der Sport vom Staat finanziert. Als diese Zahlungen ausblieben, füllten zwielichtige Gestalten die Lücke und machten sich fast flächendeckend in den Vereinen breit.»
+++ 5. Januar 2010: TV-Moderator Bobi Zanko am helllichten Tag im Zentrum Sofias getötet. Es war einer von rund 300 Auftragsmorden, welche seit dem Ende des Kommunismus in Bulgarien begangen wurden. Dies entspricht einer Mordrate wie in den USA. Aufgeklärt werden ein bis zwei pro Jahr. +++
Leidtragende sind freilich die Fans, welche sich vom Spiel neben dem Platz gründlich verschaukelt fühlen. Dies schlägt sich nicht nur bei Slavia Sofia in den Besucherzahlen nieder: Der Schnitt der Liga beträgt gerade noch 2500 Zuschauer. Trostlosigkeit auf und neben dem Platz. Mit dem Zuschauerschwund ist auch das Niveau gesunken. Es genügt heute kaum mehr internationalen Ansprüchen, seit zwölf Jahren erreichte die Nationalmannschaft keine WM-Endrunde mehr. Dabei war einmal alles ganz anders. Bulgarischer Fussball, das war Offensivspektakel mit Namen wie Hristo Stoichkov und Krassimir Balakov! «Balkan-Brasilianer!», frohlockte die Fussballwelt, als die Bulgaren an der WM 1994 das Halbfinale erreichten. Der einst gefeierte Stuttgart-Star Balakov trainiert nach seinem Rausschmiss bei GC und St. Gallen heute Chernomorets Burgas. Offizieller Zuschauerschnitt: 1800.


