Ghanas Held – Zürichs Taxifahrer
Er war einer der grossen afrikanischen Spieler der Achtziger. Ein Wechsel in eine Top-Liga blieb Samuel Opoku Nti dennoch verwehrt. Stattdessen landete er in der NLA – und erlebte auch hier nicht nur Erfreuliches. Heute arbeitet er als Taxifahrer in Zürich. Und nebenher will er dafür sorgen, dass es afrikanischen Kickern dereinst besser ergeht als ihm.
Text: Mämä Sykora, Bilder: Floriàn Kalotay & Maurice Haas

Samuel Opoku Nti ist einer der grossen Namen im afrikanischen Fussball. In seinem Heimatland Ghana sowieso. Noch heute wird er zu Hause von fast allen älteren Leuten erkannt. Geboren 1961 in Kumasi, Afrika-Cup-Sieger mit Ghana 1982, Gewinner der afrikanischen Champions League mit Asante Kotoko 1983, Zweiter in der Wahl zu «Afrikas Fussballer des Jahres» im selben Jahr und auf Platz 37 bei der Wahl zu «Afrikas Fussballer des Jahrhunderts», gleich hinter Nwankwo Kanu. In der Schweiz spielte er in der Nationalliga A für Servette und Aarau. Als Interviewtermin passt ihm nur der Montag – weil er am Sonntag nicht arbeiten muss. Samuel Opoku Nti ist Taxifahrer in Zürich, fährt in jeder Nacht und ruht sich am Tag aus.
Seine heutige Tätigkeit ist ungewöhnlich für einen Ex-Fussballer mit einem solch klangvollen Namen. Und dennoch wirkt er nicht wie ein vom Leben enttäuschter und verbitterter Mann. Er erzählt gerne und ausführlich von seiner Karriere, schwelgt in Erinnerungen und scheint zufrieden, wie sein Leben verlaufen ist. Anders als beispielsweise sein Nationalmannschaftskollege Abédi Pelé hat er trotz bester Voraussetzungen nicht das grosse Geld gemacht, und auch der Sprung in die angesehenen Ligen blieb ihm verwehrt. Das sei nun mal der Weg gewesen, den Gott für ihn vorgesehen habe, meint der Mann, dem einst der Spitzname «Zico» verpasst wurde. Manchmal wünsche er sich aber trotzdem, heute nochmals 20 zu sein.
Junioren der Grösse nach
Die Jugend von Samuel Opoku Nti verläuft ähnlich wie die vieler afrikanischer Fussballtalente. Er verbringt jede freie Minute auf einem der holprigen Plätze, und mit seinem Schulteam nimmt er jeden Samstag an Turnieren in der Region teil. Einen richtigen Coach gibt es nicht, nur jemanden, der dafür sorgt, dass die Kinder zum Spielort kommen. «Wir Ghanaer sind wie die Brasilianer: Das Talent ist immer vorhanden. Es braucht niemanden, der uns sagt, wie wir spielen sollen.» Auch Alterskategorien sind den Ghanaern fremd. Die Junioren werden nach Grösse eingeteilt.
Mit 17 Jahren fällt Opoku Nti den Scouts des Grossklubs Asante Kotoko auf; er wird in die Mannschaft geholt. Doch der neue Trainer von Kotoko befindet ihn für zu klein und leiht ihn zu den Tarkwa Gold Stars aus. Für Opoku Nti, den sein Vater stets zu Kotokos Heimspielen mitgenommen hat, bricht eine Welt zusammen. Er überlegt sich sogar, die Fussballschuhe an den Nagel zu hängen, entscheidet sich schliesslich aber dafür, die Verantwortlichen von seinen Qualitäten zu überzeugen. Bei Tarkwa trainiert er wie verrückt und sehnt den Tag herbei, an dem er endlich Revanche nehmen kann. Kurz vor Ende der Hinrunde steht der Liganeuling auf Platz 1 der Tabelle, Opoku Nti ist Leader der Torschützenliste und wird sogar ins Nationalteam berufen, wo er viel von seinen Idolen lernt. Und das Spiel gegen Kotoko wird zu seinem persönlichen Triumph. Er ist nicht aufzuhalten, wirbelt die Defensive unablässig durcheinander und schiesst ein Tor. Daraufhin holt ihn Kotoko zurück. Von da an geht es steil bergauf.
Hattrick zur Unsterblichkeit
Viermal in Folge wird Kotoko Meister, und noch heute erzählen sich die Leute von Opoku Ntis Glanzstück 1983 gegen den Erzrivalen Hearts of Oak aus der Hauptstadt Accra. «Ich wollte immer etwas Unerreichtes schaffen, einen Rekord aufstellen. Und ich wusste, dass noch nie jemand in diesem Derby zwei Tore geschossen hat. Das habe ich mir vorgenommen.» Doch die Partie verläuft anders, in der Pause liegt sein Team mit 0:3 hinten. Dann schafft Opoku Nti einen Hattrick in sechs Minuten, darunter zwei Traumtore aus grosser Distanz. Dass es davon heute keine Videoaufnahmen mehr gibt, ärgert ihn gewaltig.
Zu diesem Zeitpunkt hatte Opoku Nti bereits mit Ghana den Afrika-Cup und mit Kotoko die afrikanische Champions League gewonnen. Und zwar jeweils auswärts, was damals etwas ganz Besonderes war, wie er betont. Fast immer hätten die Schiedsrichter damals offensichtlich das Heimteam bevorteilt, und Bestechungen seien an der Tagesordnung gewesen. Auch darum nimmt Ghana gar nicht erst an der WM-Qualifikation für die Endrunde in Spanien 1982 teil. Die FIFA gesteht Afrika gerade mal zwei Startplätze zu, und die seien nur dann zu erreichen, wenn man genug Geld bereitstelle.

Opoku Nti (untere Reihe, 2. von links) mit Kotoko vor dem Finale der afrikanischen Champions League.
So verpasst Opoku Nti die Chance, sich einem grösseren Publikum präsentieren zu können, denn damals interessierte sich in Europa noch kaum jemand für Fussball in Afrika. Dank einem Bekannten aus der Elfenbeinküste kann er bei Servette vorspielen und bekommt gleich einen Vertrag, den er selber aushandelt und der ihm wohl tiefere Beträge garantiert, als er hätte verlangen können. Auf Schweizer Fussballplätzen gilt er als Exot. Er ist zu dieser Zeit neben Théophile Abega von Vevey der einzige Schwarzafrikaner in der Liga; glücklicherweise bleibt er von rassistischen Sprüchen weitgehend verschont. «Nur in Luzern und in Basel spielte ich gar nicht gerne.» Am meisten Mühe macht ihm die Sprache. Erst nach einiger Zeit versteht er, dass Lucien Favre mit seinen «A gauche, à gauche!»-Rufen meint, er solle gefälligst auf der linken Seite bleiben und nicht seine Kreise im Zentrum stören. Dennoch fügt er sich gut in die Mannschaft ein, er wird zur Teamstütze. In der Meisterschaft schwächelt der Titelverteidiger zwar und belegt zum Schluss nur Platz 9, im Cup jedoch schiesst Opoku Nti sein Team mit seinen zwei Toren im Halbfinal beim FC Basel ins Endspiel, das aber gegen Sion mit 1:3 verloren geht. Als er nach seiner ersten Saison aus dem Urlaub zurückkehrt, ist er äusserst erstaunt, als er mit Jean-Marc Guillou einen neuen Trainer antrifft, der auch gleich noch einen neuen Ausländer mitgebracht und eröffnet Nti, er sei fortan überzählig. Ein welscher Journalist, der empört ist über die unfaire Behandlung vonseiten des Vereins, will sich seines Falls annehmen, muss jedoch nach wenigen Wochen seine Bemühungen einstellen, als der ebenso mächtige wie windige Servette-Präsident Carlo Lavizzari mit rechtlichen Schritten droht.
Neuer Anlauf bei Hitzfeld
Frustriert reist Opoku Nti in die Heimat, wo ihn in der Winterpause ein Telefonat von Erich Vogel erreicht, er solle sich sofort aufmachen – nach Brasilien ins Trainingslager des FC Aarau. Trotz überzeugender Leistungen hört er danach lange nichts von den Rüebliländern, dann plötzlich soll er sich binnen dreier Tage in der Schweiz einfinden mit allen für den Transfer nötigen Dokumenten – kein leichtes Unterfangen in Ghana, besonders wenn Wochenende ist. Opoku Nti reist quer durchs Land, und dank seiner Popularität öffnen die Ämter für ihn auch am Samstag. Er fliegt am Sonntag nach Zürich. Kurz vor Mitternacht registrieren die Verantwortlichen des FCA den Ghanaer per Fax beim Fussballverband.
Auch seinen zweiten Profivertrag hierzulande schliesst er ohne Manager ab. «Ich wusste, es wäre besser, mit einem Profi zu arbeiten, aber ich wusste schlicht und einfach nicht, an wen ich mich hätte wenden sollen.» Wichtiger ist ihm ohnehin, dass er wieder spielen kann. Sein neuer Trainer beim FCA ist Ottmar Hitzfeld, und Opoku Nti wird schnell klar, dass dieser mal ein ganz grosser Trainer werden würde. Dass er sich schnell wohlfühlt, verdankt er auch seinem neuen Sturmpartner Wynton Rufer und dessen Frau Lisa. Beide sind, wie er selber, strenggläubige Christen. Nti wohnt die ersten Monate bei den Rufers, die ihm helfen, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden.
Schwierigkeiten gibt es aber innerhalb des Teams. Die Mannschaft ist aufgeteilt in verschiedene Gruppen, die sich fast ausschliesslich untereinander den Ball zuspielen. Opoku Nti erzählt vom Deutschen Charly Herberth, einer klassischen Nummer 6. Von ihm habe er nie einen Pass bekommen, nicht einmal bei einem Einwurf, wenn er genau vor ihm gestanden habe. Doch Hitzfeld gelingt es, diese Risse im Team zu kitten und die Qualitäten des Ghanaers zu fördern, nämlich das Vorbereiten von Torchancen. Rufer schiesst im Aarau-Dress 31 Tore, viele davon nach einem Zuspiel von Opoku Nti.
Unterwegs in der Provinz
1988 geht Hitzfeld zu GC und nimmt Rufer mit. Neuer Trainer in Aarau wird der Pole Hubert Kostka, mit dem sich Opoku Nti überhaupt nicht versteht. Ohne Begründung setzt er ihn auf die Bank, es ist Zeit für einen Wechsel. Er kommt für zwei Jahre bei Raimondo Ponte beim FC Baden in der Nationalliga B unter, bevor er einen letzten Versuch unternimmt, seine Karriere neu zu lancieren. Wynton Rufer hatte ihn an einen belgischen Manager verwiesen, und dieser berichtet vom Vertragsangebot des französischen Erstdivisionärs OSC Lille. Opoku Nti lehnt die Offerte Badens ab und wartet wie vereinbart am Flughafen Basel, um zusammen mit seinem neuen Manager nach Lille zur Vertragsunterzeichnung zu fahren. Er wartet vergeblich. Erst wird er auf die folgende Woche vertröstet, dann wird das Treffen wiederum verschoben, und schliesslich muss er erfahren, dass gar nie ein Angebot von Lille vorgelegen hat. «Ich war völlig baff. Ich hätte es verstanden, wenn es ein afrikanischer Manager gewesen wäre. Aber dieser Belgier war weiss und ein Bekannter von Wynton Rufer! Ich war am Boden zerstört.»
Ohne Verein und ohne Geld muss er seine Familie zurück nach Ghana schicken. Er selber kommt bei einem Freund in Genf unter, muss aber zweimal die Woche zum Stempeln nach Baden fahren. Ohne Lohn zu bekommen, bestreitet er auch noch einige Spiele für Baden, bevor er für eine Saison zum FC Glarus mit Spielertrainer Hanspeter Briegel wechselt. Sein letztes Jahr in der Nationalliga B bestreitet er für den FC Chur. Mit dem Lohn kommt er knapp über die Runden, mehr Sorgen bereitet ihm die Tatsache, dass seine Aufenthaltsbewilligung an eine Anstellung als Fussballer gekoppelt ist und sich seine Profikarriere dem Ende zuneigt. Raimondo Ponte vermittelt ihn zum Erstligisten FC Dübendorf, nebenbei arbeitet er bei Cash&Carry. Ihm wird sogar in Aussicht gestellt, nach einem Jahr Spielertrainer zu werden.
Im Einsatz für Landsleute
Doch abermals wird er enttäuscht. Nach einem Jahr wird ihm ein neuer Trainer vor die Nase gesetzt. So bleibt Opoku Nti lediglich Spieler, legt die Taxifahrer-Prüfung ab und kündigt daraufhin bei Cash&Carry. In einem Spiel gegen Frauenfeld fällt ihm ein gegnerischer Stürmer auf. Er erkundigt sich nach seinem Namen: Charles Amoah, sein Landsmann. Beeindruckt vom jungen, schnellen Stürmer, organisiert Opoku Nti Probetrainings bei Andy Eglis FC Thun und Marcel Kollers FC Wil. Koller nimmt ihn schliesslich unter Vertrag, und Opoku Nti hilft Amoah, «nicht die gleichen Fehler zu machen, die ich gemacht habe». Er überzeugt Marcel Koller davon, ihn zu St. Gallen mitzunehmen, erst nur für eine Probezeit. Amoah schafft es auf Anhieb in die Startelf und schiesst Tore am Laufmeter; dennoch weigert er sich, sich einen Manager zuzulegen. Interessenten aus dem Ausland melden sich beim FCSG – Opoku Nti weiss, dass sogar Bayern München darunter war –, die Verantwortlichen fordern aber irrsinnige Ablösesummen. So wird Amoah, um Geld in die Vereinskasse zu spülen, später zu Sturm Graz verscherbelt, was dem Ende seiner Karriere gleichkommen sollte. «Das macht mich heute noch traurig, dass er nicht auf mich gehört hat», sagt Opoku Nti.
Opoku Ntis Bemühungen, Afrikanern hierzulande zu helfen, finden eine Fortsetzung, als er als Spielertrainer beim neu gegründeten African Football Club aus Zürich anheuert. Die Idee des Vereins ist, Afrikanern aus der Region eine Möglichkeit zu geben, sich zu beschäftigen, Spass zu haben und sie so von illegalen Geschäften fernzuhalten. Er wirkt beim Zusammenstellen des Teams mit, führt unzählige Gespräche und schiesst am 9. September 2001 um 10.19 Uhr den historischen ersten Treffer für einen multikulturellen schwarzafrikanischen Verein in einer europäischen Liga. Trotz des sportlichen Erfolgs mehren sich die Probleme. Viele Spieler sind arbeitslos und haben Mühe, nur schon das Geld für das Tram zum Training zusammenzukratzen, an Mitgliederbeiträge ist nicht zu denken. Die Platzmiete verschlingt Unsummen, und Sponsoring-Anfragen bei Firmen und gar beim Zürcher Sozialamt verhallen unbeantwortet. Die Mannschaft bleibt dennoch zwei Jahre lang ungeschlagen und steigt bis in die 2. Liga auf. Doch der Spielbetrieb wird immer teurer, und als auch noch Mitgründer Sam Reden mit dem Vereinsvermögen samt Bus untertaucht, hat Opoku Nti genug und legt seinen Posten nieder.
Trainer nein, Präsident ja
Mit Fussball hat er heute nichts mehr zu tun, doch er hat weiterhin grosse Pläne. Als ihm letztes Jahr das ghanaische Team Asante Kotoko den Job als Trainer anbot, lehnte er dankend ab. Sehr gerne will er seinem Stammverein helfen, aber das ginge als Trainer nicht. Dafür müsse er Präsident sein. Denn in Afrika seien nicht die Fussballer das Problem, sondern die Funktionäre. Was der Kontinent brauche, sei eine Wende zum «Beckenbauer-Modell»: Alle wichtigen Positionen sollen mit ehemaligen Fussballern besetzt werden, die auch wüssten, was ein Verein oder ein Spieler brauche, und sich mit dem Geschäft auskennten. Nur so könne man verhindern, dass das unerschöpfliche Potenzial des afrikanischen Fussballs weiterhin verschenkt werde, weil es niemand schafft, sich richtig darum zu kümmern. Opoku Nti redet sich fast schon in Rage, wenn er erzählt, wie sich Minister und Vereinspräsidenten in Erfolgen von Juniorenmannschaften sonnten, es aber versäumten, diese Spieler auch zu führen und zu formen.
Deshalb träumt er davon, in Ghana eine Fussballakademie aufzubauen, die den Jungen die bestmögliche Ausbildung und eine gute Chance auf einen Wechsel nach Europa ermöglichen soll. Er bemüht sich darum, einen Verein oder Investoren zu finden, die sein Vorhaben unterstützen würden.
Es ist Opoku Nti zu wünschen, dass er sein Projekt dereinst umsetzen und damit einen Beitrag leisten kann, dass Fussballern aus seinem Heimatland die Enttäuschungen erspart bleiben, die er in seiner Karriere erleben musste. Als Wegbereiter für afrikanische Fussballer in der Schweiz hat er dafür schon eine Menge getan. Und darauf ist er zu Recht stolz.


