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«Es geht häufig mitten auf die Fresse»

Beni Huggel ist eine der wenigen Reizfiguren im Schweizer Fussball, und wie alle Reizfiguren ist er auch ein Typ. Deutlich wird das, wenn man mit ihm über Gott und die Welt, den FCB und die Nati, fehlenden Respekt und dumme Journalisten spricht – was wir getan haben.

Interview: Gian-Andri Casutt, Mämä Sykora / Bilder: Florian Kalotay

ZWÖLF: Beni Huggel, du wurdest erst mit 21 Jahren Profi. Warum erst so spät?

Beni Huggel: Ich wurde nicht gefördert. Auch Erich Vogel hat immer gesagt, es sei für ihn unverständlich, dass ich nicht früher entdeckt wurde. (Lacht.) Ich habe zwar schon mit 16 in der ersten Mannschaft von Münchenstein gespielt, aber ich habe nie dran gedacht, dass es mir für den Profifussball reichen könnte. Zudem komme ich aus einer Familie, die sich zwar für diesen Sport begeistern konnte, aber ich bekam nicht das Gefühl, dass Fussballer ein ehrbarer Beruf sei.

 

Deine Mutter ist ja Landrätin in Basel. Aus was für einem Umfeld kommst du?

Mein Vater ist ein Intellektueller. Er ist zwar sportinteressiert, aber Schule und Ausbildung waren für ihn wichtiger. Leider bin ich nicht ganz an sein Niveau herangekommen. (Lacht.) Nicht zuletzt wegen mangelndem Fleiss, mich hat damals nur Fussball interessiert. Und doch habe ich nicht alles auf diese Karte gesetzt. Es war auch eine andere Zeit damals. Der FC Basel war nicht gut, und nur wenige Spieler konnten gut vom Fussball leben.

 

Heute gehen vielversprechende Talente schon in jungen Jahren ins Ausland und lassen sich dort ausbilden.

Ja genau, das war damals noch nicht der Fall. Ich bewundere die jungen Spieler, wenn ich sehe, wie zielstrebig sie ihren Weg gehen. Ich erlebte in meiner Pubertät viele Ups und Downs, die waren natürlich auch nicht gerade förderlich für meine Karriere.

 

Dafür musstest du nicht wie die Jungprofis von heute auf vieles verzichten.

Dazu hatte ich auch gar keinen Grund. Ich war ja nie irgendwo drin, wo man gesagt hat, jetzt musst du dann aber mal Gas geben. Dreimal pro Woche habe ich trainiert, mehr nicht, und ich hatte Freude daran.

 

Würde man dich heute dank dem professionalisierten Scouting früher entdecken?

Ja, ich denke schon. Mein Trainer hatte mich mal zur Nordwestschweiz-Auswahl geschickt. Dort habe ich auch Hakan Yakin getroffen, den ich schon gekannt habe, weil wir im gleichen Dorf aufgewachsen sind. Das darf ich ja fast nicht sagen, aber in dieser Auswahlmannschaft hat es mir nicht so gefallen.

 

Warum denn nicht?

Ich musste dafür am Mittwochnachmittag nach Lausanne reisen, um dort zu spielen. Und anders als bei Münchenstein war es nicht eine Mannschaft aus Kollegen. Fast alle waren vom FCB oder von Concordia, die kannten sich natürlich schon. Ich hingegen war alleine da und hatte nicht eben grosses Selbstvertrauen und auch noch nicht den Biss von heute. Darum hab ich dann angerufen und gesagt, ich wolle da nicht mehr hin, weil der Aufwand zu gross sei mit der Schule noch nebenbei.

 

Du hast dann eine Lehre als Landschaftsgärtner gemacht. War das damals dein Berufswunsch?

Zuerst ging ich aufs Gymnasium, bis es mir dort nicht mehr gereicht hat. Die Schule ist mir auch ziemlich verleidet, mich hat zu vieles aufgeregt. Ich wollte lieber etwas mit den Händen machen, etwas Gestalterisches. Da hat sich die Lehre als Landschaftsgärtner angeboten. Meine Eltern waren anfangs nicht so überzeugt, aber meine Mutter meinte dann: «Wenn du das willst, dann mach das doch.»

 

Wie hat es dir gefallen?

Es war etwas völlig Neues, auch ein ganz anderes Milieu. Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem immer das Wissen im Vordergrund gestanden ist. Und dann wurde ich plötzlich in die Badewanne des Lebens geworfen. Das war eine harte Lebensschule, die Lehre wollte ich aber unbedingt fertig machen.

 

Hat dich das geprägt? Du giltst ja als Kämpfertyp und harter Kerl.

Bestimmt. Dort habe ich erfahren, wie hart viele Leute arbeiten. Es ist zwar «nur» Montag bis Freitag, aber körperlich anspruchsvoll, und im Sommer ging es schon um 6.30 Uhr morgens los. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich eine ganze Woche lang jäten musste in einer grossen, modernen Siedlung. Da hast du das Gefühl, eine Minute dauere eine Stunde, so langweilig ist das. Aber es gab auch schöne Arbeiten, zum Beispiel einen neuen Weg oder einen Steg bauen, da vergeht die Zeit wie im Fluge. Beides gehört nun mal zu einer Lehre, und ich bin immer gut behandelt worden, nicht wie eine billige Arbeitskraft.

 

Hättest du dir vorstellen können, in diesem Beruf zu bleiben?

Das nicht. Nach der Lehre habe ich noch ein Jahr Berufsmatura angehängt, um mehr Optionen zu haben. Mein Leben lang als Landschaftsgärtner zu arbeiten, war nie meine Idee.

 

Dann kam ja «blöderweise» der Profifussball dazwischen. Wie haben das deine Eltern aufgenommen?

Sie fanden es dann doch noch toll. Der Spruch, den heute viele Schweizer Kinder zu hören bekommen – nämlich «Mach zuerst mal eine richtige Ausbildung» –, der zog bei mir ja nicht mehr, ich hatte das schon hinter mir. Und der Zeitpunkt war perfekt: Ich war 21 Jahre alt und konnte auch was riskieren.

 

Wie kamst du dann zum FC Basel?

Mein Trainer hat mich zum Vorspielen angemeldet, und da bin ich auch hin. Danach habe ich aber lange nichts gehört und mich schon damit abgefunden. Dann hat es aber doch noch geklappt.

 

Wie war die Anfangszeit als Profi?

Mein erstes Jahr war sehr hart. Der Trainer beim FCB damals war Guy Mathez, und der setzte nicht auf mich. Er sagte zwar immer allen Journalisten, ich sei ein Talent, aber spielen liess er mich nicht.

 

Kam dann nicht der Moment, an dem du daran dachtest aufzugeben?

Nein, denn ich hatte ja einen Zweijahresvertrag beim FC Basel, den wollte ich zumindest erfüllen. Als ich dann ein Jahr kaum gespielt hatte, habe ich mir schon überlegt, ob ich nicht doch in die Nati B gehen soll, Angebote hatte ich genügend. Aber meine Einstellung war: Entweder kann ich vom Fussball leben, oder ich gehe arbeiten. In der 1. Liga oder der Nati B Halbprofi sein, das wollte ich nie. Da spiele ich lieber zum Plausch und habe zweimal in der Woche Training und dann einen Match.

 

Wie verlief dein Aufstieg innerhalb der Mannschaft? Am Anfang warst du ja bloss ein hoffnungsvoller Nachwuchsspieler.

Hoffnungsvoll glaube ich nicht. (Lacht.)

 

Und Nachwuchsspieler eigentlich auch nicht mehr…

Stimmt. (Lachen.) Aber das war schlussendlich mein Vorteil. Sie konnten mich nicht mehr in den Nachwuchs versetzen, dafür war ich schon zu alt. Aber auch unter Christian Gross hatte ich es nicht einfach. Er war bekannt dafür, dass er einem vor allen anderen deutlich sagte, wenn ihm etwas nicht passte. Damit hatte ich anfangs Mühe. Und mit den Journalisten ebenfalls.

 

Warum?

Ich fühlte mich stets ungerecht behandelt. Und ich fand, dass die meisten nichts vom Fussball verstehen. Das finde ich zwar heute noch immer, aber mittlerweile ist mir das mehr oder weniger egal. Ich musste erst lernen, dass einen nicht alle nett finden. Ich bin sehr behütet aufgewachsen, und mir wurde erst damals klar, dass es halt auch Idioten gibt.

 

Wie äussert sich das?

Es geht häufig mitten auf die Fresse. Auch heute noch. Wenn ich eine Kiste mache, habe ich zehn SMS, und wenn ich keine mache, dann nichts. In der Öffentlichkeit wird man halt erkannt, und meistens hat es dann damit zu tun, wie man grad den Ball getroffen hat.

 

Haben sich die Medien deiner Ansicht nach verändert?

Der Ton ist ein bisschen aggressiver vielleicht. Und vor allem ist alles so personalisiert. Zum Beispiel nach dem Spiel Schweiz gegen Griechenland. Wir haben 2:0 gewonnen, und es gibt Zeitungen, die zeigen auf einzelne Spieler und sagen, der und der seien nicht gut gewesen. Das finde ich falsch. Nur bad news are news. Sie haben gar keine Freude daran, mal etwas Gutes und Freudiges zu schreiben.

 

Womöglich verkauft sich das dann nicht so gut.

Das weiss ich nicht. Ich weiss nicht, woher der Druck kommt. Aber man merkt das natürlich auch im Stadion. Medien und Fans stehen in einer Wechselwirkung. Wenn geschrieben wird, der eine spiele momentan schlecht, dann braucht es genau zwei Fehlpässe, und die Zuschauer pfeifen. Ich versuche den Journalisten die ganze Zeit diese Wechselwirkung zu erklären, aber da stosse ich auf taube Ohren. Aber am meisten Mühe habe ich mit dieser Doppelmoral.

 

Inwiefern?

Wenn man mit dem Finger auf mich zeigt und sagt, was ich alles nicht tun soll. Früher hat mich das noch mehr beschäftigt. Als ich 22 Jahre alt war sagten mir die Leute, dass ich nun ein Vorbild sei und mich nun anders verhalten soll. Obwohl ich fünf Jahre zuvor selber noch ein Kind gewesen bin. Und wenn damals irgendwer auf den Boden gespuckt hat, dann war mir das doch egal und ich fand nicht, das müsse ich jetzt auch machen. Und nun erwartet man von uns Fussballern, dass wir für unseren Verein alles geben und auch mal ein «Sauhund» sein sollen, Fussball ist ja schliesslich kein Kuschelwettbewerb. Aber gleichzeitig dürfen wir uns nichts zu Schulden kommen lassen, sonst wird man gleich an den Pranger gestellt. Das ist doch eine Doppelmoral.

 

Viele Leute sind wohl der Ansicht, dass du viel Geld verdienst, dafür aber damit leben musst, dass man über dich berichtet und dich kritisiert.

Von den 300 reichsten Schweizer aus der «Bilanz»-Liste hat man von 297 auch noch nie ein Interview gelesen und weiss nichts über sie. Wir hingegen müssen die ganze Zeit Auskunft geben. Ich bin bezahlt zum Fussballspielen und nicht, um auf blöde Fragen zu antworten. Journalisten kommen vor einem Match und fragen, was ich über den nächsten Gegner denke. Einmal habe ich einem gesagt, er soll doch seine Zeitung selber füllen, er sei ja nur zu faul, um zu recherchieren. Ich will ja nicht für ihn arbeiten. (Lacht.)

 

Und trotzdem antworten Spieler immer auf Fragen wie «Wie fühlen Sie sich nach diesem Match?». Ihr seid wohl geschult.

Geschult nicht, aber geübt.

 

Wie hast du den Fussball in Deutschland erlebt?

Ein grosser Unterschied ist, dass in Deutschland die Leute vor einem Fussballer einen viel grösseren Respekt haben. Das finde ich fast etwas verherrlichend. In der Schweiz ist man eher ein bisschen neidisch. Der Respekt fehlt teilweise in der Schweiz, das merkt jetzt auch Alex Frei. Viele Fans von anderen Vereinen verhöhnen ihn, obschon er Rekordtorschütze der Nationalmannschaft ist. Und in den Leserbriefen steht, er solle zurücktreten. Ich finde schon, dass man jemanden gut oder schlecht finden darf, damit habe ich kein Problem. Aber man sollte etwas respektvoller sein.

 

Wie sind denn die deutschen Medien im Umgang mit den Spielern?

Ich hatte den Eindruck, dass es Spieler gibt, die den Medien gewisse Informationen liefern. Dadurch kommen sie in den Berichten besser weg, als sie tatsächlich sind.

 

Weiss man das in der Mannschaft?

Ja, aber beweisen kann ich das nicht. Ich habe schon ab und zu einen gefragt, ob er von einer Zeitung Geld bekomme. Ich bin da sehr direkt. Das finden die meis-ten natürlich nicht lustig.

 

Warum machen das die Spieler? Für eine bessere Note?

Ja, auch. Aber teilweise wird es auch von den Beratern gefördert. Die liefern dann den Medien eine gute Geschichte, damit sich die Spieler ins Gespräch bringen.

 

Worin unterscheidet sich die Bundesliga von der Super League?

In Deutschland wird natürlich härter gespielt und die Schiedsrichter lassen auch mehr laufen als bei uns. Ich denke, man könnte das Niveau in der Schweiz wirklich anheben, wenn mehr toleriert würde. Das sage ich auch den Schiedsrichtern immer. In der Schweiz wird einem grossen Spieler der Zweikampf meistens abgepfiffen.

Warum bist du aus Frankfurt zurückgekehrt, obwohl du dich durchgesetzt hast?

Eigentlich habe ich mich wohlgefühlt und mich gut angepasst. Dann musste Basel Petric und Rakitic ersetzen und holte Streller zurück und fragte auch bei mir an. Ich hatte zu der Zeit gerade mein Haus fertig gebaut. Und in Frankfurt war es zwar schön, aber Chancen auf einen Titel hat man eher nicht. Das alles zusammen genommen, hat mich dann wieder zu Basel gebracht.

 

Ist es wirklich schöner, mit Basel Meister zu werden, als mit Frankfurt im UEFA-Cup zu spielen?

Es ist sicher so, dass ich das nicht gemacht hätte, wenn ich deutliche Lohneinbussen hätte in Kauf nehmen müssen. Da müssen wir uns nichts vormachen. Mich hat das aber wirklich gereizt, mit Marco Streller wieder zurückzukommen und wieder etwas aufzubauen. Basel ist halt doch eine Herzensangelegenheit.

 

Mit Basel hattest du aber schon alles erreicht.

Ja, das stimmt schon. Aber ich denke, wir Schweizer sind da etwas speziell. Wir haben einfach mehr Heimweh, weil die Lebensqualität hier höher ist. Die Argentinier in unserer Mannschaft sagen, dass sie hier gut bleiben könnten. Wenn sie zu Hause reich sind, müssen sie zum Beispiel Angst haben, dass die Kinder entführt werden.

 

In jüngster Zeit sind viele Ex-FCB-Spieler wieder zu ihrem Stammverein zurückgekehrt. Was ist denn so speziell bei euch?

In meinem Fall hat sich auch nichts anderes aufgedrängt. Und ich bin nicht sicher, ob das nur in Basel so ist. Blerim Dzemaili würde sicher auch wieder gerne zum FCZ. Irgendwie bin ich über die Jahre auch das Gesicht des FC Basel geworden, weil ich halt schon lange hier spiele. Und auch ich kann mich mit dem Verein identifizieren. Es gibt viele Leute in der Region, denen der FCB viel bedeutet, das merke ich auch in den Gesprächen. Es ist vielleicht etwas eitel, aber ich habe das Gefühl, ich könne der Region etwas zurückgeben. Diese Eitelkeit pflege ich gerne für mich. (Schmunzelt.)

 

Seid ihr hier innerhalb der Mannschaft besser befreundet als in Frankfurt?

Ja, auf jeden Fall. Ist auch logisch. Mit Streller bin ich schon lange befreundet. Valentin Stocker ist zwar noch jung, aber er ist ein guter Freund. In Frankfurt gab es auch zwei, drei Freunde. Wie gut die Freundschaft ist, merkt man erst, wenn man nicht mehr dort spielt. Von meinen ehemaligen Mannschaftskollegen aus Frankfurt telefoniere ich nur noch mit einem ab und zu, und das ist Christoph Spycher. Freundschaften sind aber auch nicht immer förderlich, Konkurrenzkampf sollte es ja auch geben.

 

Jörg Stiel hat erzählt, dass er in Gladbach häufig alleine essen war. Absichtlich. Wie war das bei dir?

Ja, wir waren auch nicht so eng befreundet. Ich bin vor allem darum immer nach Hause, weil da meine Frau war. Aus Solidarität. Ich wollte auch nicht gross in den Ausgang, wenn sie allein zu Hause wartete.

 

Du spielst nun seit über sechs Jahren auch in der Nationalmannschaft. Wie ist das Leben dort?

Ich finde die Nati etwas Lässiges. Man repräsentiert ein Land, und das gibt so ein spezielles Gefühl. Ein ganzes Land fiebert mit einem mit. Das gibt einen anderen Groove in der Mannschaft. Klar gibt es auch Gruppen innerhalb des Teams, alleine schon wegen den verschiedenen Sprachen. Ich finde das sehr spannend, die Mentalitätsunterschiede zwischen den Landesteilen festzustellen. Beim letzten Spiel gegen Griechenland war Alain Nef dabei, eine richtige «Züri-Schnurre», und ich lach mich jeweils schief wegen seinen Sprüchen. Streller hat ihn gefragt, wo er denn sitze, weil er nicht bei uns Deutschschweizern gesessen ist. Alain hat geantwortet: «bei den Ausländern». (Lacht.) In der Schweizer Nati!

 

In der Nati spielst du ja mit Spielern zusammen, gegen die du dann in der Meisterschaft wieder spielen musst. Ist das nie problematisch?

Das geht gut, finde ich. Mein Vater hat früher immer gesagt, Karli Odermatt und Köbi Kuhn hätten sich in der Meisterschaft immer bekämpft, aber in der Nati hätten sie an einem Strick gezogen. Man hat ja in der Nati ein konkretes Ziel und ist nur kurz zusammen.

 

Es gibt einen Dok-Film über die Nati an der EM in Portugal. Man kennt dich als Kämpfer, aber dort sieht man dich als Spassmacher und Sprücheklopfer. Ist das dein Naturell?

Ja, das ist schon so. Ich kann gar nicht anders. Ab und zu würde ich das gerne ausschalten. Wenn ich gut aufgelegt bin, mache ich eigentlich immer Sprüche. Ich bin nicht so der Witzeerzähler, sondern mache eher Sprüche aus der Situation. Ich habe auch wenig Hemmungen, die habe ich ein bisschen verloren. Das ist nicht immer gut. Kürzlich waren wir beim Bundesrat eingeladen, und da musste ich mich wahnsinnig zusammenreissen, damit mir nicht ein dummer Spruch rausrutscht.

 

Bist du ein typischer Fussballer?

Ich glaube nicht, dass ich viel Typisches an mir habe, aber ich weiss es nicht. Ich stelle fest, dass es in jeder Mannschaft auch solche wie mich gibt. Natürlich auch viele, mit denen ich nicht viel gemeinsam habe. Irgendwann ist Fussball glamourös geworden, und Frauen und schöne Autos gehörten plötzlich dazu. Ich frage mich bei einem Fussballer teilweise auch, was er jetzt mit dem Geld und den Autos macht. Aber klar, sie können mir auch antworten, sie geniessen es jetzt halt. Wieso auch nicht? Jedenfalls entspreche ich in einem nicht dem Klischee, denn der typische Fussballer ist ja blöd. (Lacht.)

 

Ist das denn nicht so?

Ich glaube, mit Fussballern hat man einen echten Querschnitt durch die Gesellschaft. Das glaube ich wirklich. Vor allem unter jenen, die es ganz nach oben schaffen. Ein gewisses Grundtalent muss immer vorhanden sein. Das macht etwa 90 Prozent aus, und es kommen nur die Intelligenten ganz nach oben.

 

Ist Intelligenz nicht auch hinderlich, weil man zu viel überlegt?

Das habe ich früher auch gedacht und mich auch oft gefragt, wie man nur so dumm sein kann. Die Probleme, die ich habe, hat der andere Spieler gar nicht, weil er sich das nicht überlegt. Wenn er von der Eckfahne hinters Tor gespielt hat, statt zu flanken, dann hinterfragt er das gar nicht. Ich hingegen habe früher oft lange an solchen Dingen rumgegrübelt. Irgendwann habe ich mich damit abgefunden, dass es bei mir einfach «hirnt», ob ich will oder nicht. Das hat aber auch Vorteile. Man kann sich Sachen aneignen und macht den gleichen Fehler vielleicht nicht zweimal. Dadurch verbessert man sich, optimiert das Umfeld und kann sich besser aus den Schlagzeilen raushalten, wegen unehelichen Kindern oder dergleichen. Was es aber auch noch braucht, um ganz nach oben zu kommen, ist Ehrgeiz. Ich habe mal in der Nati rumgefragt, und fast alle haben gesagt, sie hätten als Kind angefangen zu weinen, wenn ein Match abgesagt worden ist.

 

Sind die jungen Spieler von heute anders als ihr damals?

Ja, da ist schon ein grosser Unterschied. Heute haben die Jungen bereits mit 16 Jahren sieben Mal Training pro Woche, das ist krass. Ich habe kürzlich zu Streller gesagt, wenn ich das gehabt hätte, dann hätte ich mit Fussball aufgehört. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die ein Stück Jugend verpassen. Vielleicht tu ich ihnen da unrecht und sie vermissen gar nichts, weil sie nichts anderes kennen. Aber es gibt auch das andere. Sie spielen nur Fussball und wachsen behütet auf. Dann plötzlich merken sie, dass es ja auch noch Frauen und Autos gibt, und dann kommt PENG, alles mit 22 Jahren. Die jungen Jahre sind halt «dancing on the edge».

 

Du bist jetzt 32 Jahre alt. Was wirst du nach deiner Karriere machen? Die meisten Spieler sagen jeweils, sie wüssten es nicht.

Ich weiss zumindest, was ich nicht will. Als Fussballer muss man viel Zeit entbehren. Man ist häufig unterwegs, spielt an den Wochenenden, ist bei der Nati. Daher möchte ich etwas machen, bei dem ich zeitlich flexibel bin, am liebsten mit einem freien Wochenende. Dann frage ich mich, was kann ich eigentlich ausser Fussball? Schwierig zu beantworten. Also könnte ich im Fussball bleiben, zum Beispiel als Trainer. Da wäre ich aber wieder im gleichen Trott wie als Spieler. Nicht dass ich die Ausbildung nicht machen möchte, aber was ich damit mache, ist ungewiss. Als Profitrainer ist man Einzelkämpfer, und das bin ich nicht gewohnt, und man spürt den Druck noch mehr als die Spieler. Und man hat das unregelmässige Leben in noch kompakterer Form.

 

Also doch was ausserhalb des Fussballs?

Mich nehmen auch Leute aus der Wirtschaft wahr. Vielleicht kann ich dort irgendwo quer einsteigen. Es macht keinen Sinn, mit 35 Jahren noch das KV zu machen. Das habe ich dann mit 38 und noch immer keine Berufserfahrung. Es käme vielleicht etwas Berufbegleitendes infrage.

 

Benjamin Huggel wurde am 7. Juli 1977 in Dornach im Kanton Solothurn geboren. Sein Profidebüt gab er 1998 als bereits 21-Jähriger im Dress des FC Basel. Nach Anlaufschwierigeiten avancierte er zum Führungs- und Nationalspieler (31 Spiele/1 Tor). Im Sommer 2005 wechselte er zur Eintracht Frankfurt, für die er in zwei wechselhaften Saisons 53 Spiele bestritt und ein Tor schoss. Auf die Saison 2007/08 holte ihn der FC Basel für rund eine halbe Million Franken zurück. Er etablierte sich wieder als unumstrittener Leader. Seit dem Amtsantritt von Ottmar Hitzfeld ist er in der Nati gefragter denn je. (sds)