Als Kleiner zwischen Grossen
Der SC Bümpliz 78 ist der Quartierverein schlechthin. Er blieb es erstaunlicherweise auch, als er Anfang Neunzigerjahre plötzlich in der NLB gegen Basel spielte, Friedel Rausch über Kühe fluchte und ein Cup-Spiel gegen Xamax zur Razzia-Partie wurde.
Text: Wolf Röcken / Bilder: Daniel Bernet & Andreas Blatter
Bümpliz – ein Schweizer Vorort. Kein x-beliebiger, sondern wohl der Vorort schlechthin. Bümpliz gibt es nicht mal im Telefonbuch. Denn Bümpliz gehört seit seiner Eingemeindung im Jahr 1918 zur Stadt Bern und ist heute 3018 Bern. Bümpliz gehöre zum Spottrepertoire wie der Familienname Bünzli, höhnte 1992 gar die «Basler Zeitung» (BaZ). Wer Bümpliz sage, meine urschweizerische Provinz, vielleicht gar ein bisschen Füdlibürgertum. Und dennoch musste sich die BaZ zusammen mit dem sportlich interessierten Basel in den frühen Neunzigern um dieses Bümpliz kümmern. Denn damals spielte der grosse FC Basel in der gleichen Liga wie der kleine SC Bümpliz 78. Unter Trainer Friedel Rausch versuchte ein Basler Starensemble in der NLB-Westgruppe mit Spielern wie Ceccaroni, Berg und Sitek den Wiederaufstieg in die NLA zu schaffen und sah sich dabei Gegnern wie Chênois, Châtel-St-Denis, Freiburg oder eben Bümpliz, dem Aufsteiger aus der 1. Liga, gegenüber. Basel gegen Bümpliz, das sei fast ein Stück Realsatire, schloss die «Basler Zeitung» ihre Vorschau auf die erste Direktbegegnung der so unterschiedlichen Vereine. Verfasser der bissigen BaZ-Zeilen war übrigens der heutige FCB-Pressechef Josef Zindel.
0:7 verloren die Bümplizer in diesem August 1992 das Meisterschaftsspiel im Joggeli. Immerhin: Nach 81 Minuten hatte es noch 0:3 geheissen. Die Bümplizer Spieler konnten mit der Klatsche leben. «Für die meisten von uns war es einfach ein Riesenerlebnis, einmal im Joggeli zu spielen», erinnert sich das Bümplizer Urgestein Daniel Aebi, damals Spieler und heute Trainer der 1. Mannschaft. «Es war eine gewaltige Erfahrung, von der jeder einmal seinen Enkeln erzählen wird», sagt auch Andy Fimian im Rückblick.
Schlager singen in Wohlen
Fimian, der als 16-Jähriger unter Timo Konietzka bei GC zu ers-ten NLA-Einsätzen gekommen war, ist eng verbunden mit dem bis heute grössten Erfolg des Quartierklubs aus Bern West. Als gerade mal 27-Jähriger nahm er, nach den Stationen GC, St. Gallen, Grenchen und YB, ein Angebot der Bümplizer an, Spielertrainer zu werden. Noch wenige Monate vor dem Spiel im Joggeli hatte in Bümpliz noch niemand auch nur im Geringsten an eine Zukunft in der NLB gedacht. Doch die Truppe spielte sich bis in die letzte Aufstiegsrunde und traf dort auf neutralem Terrain im aargauischen Wohlen zum Entscheidungsspiel auf Tuggen. 4:1 siegten die Berner nach Penaltyschiessen. Die Spieler mit Namen wie Von Gunten Hansüelu, Todt Ändu, Aemmer Röschu oder Kübler Märcu stimmten den Hazy-Osterwald-Schlager «Der Fahrstuhl nach oben ist besetzt. Sie müssen warten» an. Für sie alle war es der grösste Erfolg, seit sie Fussball spielten. Elf Akteure hatten schon bei den Bümplizer Junioren zusammengespielt.
«Wir haben damals ein eigentlich absolut utopisches Saisonziel in die Tat umgesetzt», sagt Andy Fimian. Dies, nachdem der Verein eben erst in die 1. Liga aufgestiegen war. Vereinspräsident Peter Nobs hielt im Kluborgan fest: «Sportlich macht der Aufstieg Sinn. Realistisch und über eine Saison betrachtet, ist die NLB, insbesondere wegen dem neuen Modus, für uns aber eine Nummer zu gross.» Nach der Saison 1992/93 sollte die NLB verkleinert werden, gleich sechs Mannschaften sollten absteigen
Der SC Bümpliz 78, erst 1978 aus der Fusion zweier Drittliga-Vereine entstanden, grub mit dem Aufstieg die Verhältnisse in der NLB um. Nur ein Spieler nebst Andy Fimian hatte Nationalliga-Erfahrung: Michel Maiano, der von Winterthur nach Bern West kam, weil ihm der Bümpliz-Vorstand hier eine Lehrstelle vermitteln konnte. Erst eine halbe Stunde vor Mitternacht und damit vor Ende der Transferperiode entschlossen sich die Bümplizer, die Ablösesumme für Maiano zu überweisen. So lange hatte der Vorstand überlegt, ob man sich mit den 8000 Franken nicht übernehmen würde.
«Wir waren gute Freunde, die zusammen Fussball spielten und nach dem Spiel noch zusammen essen gingen», sagt Daniel Aebi im Rückblick. «Bümpliz war wie eine grosse Familie. Dazu passte der absolut integre und umsichtige Vorstand», sagt Andy Fimian. Präsident Peter Nobs hatte Diskussionen um Profi- oder Halbprofitum früh abgewürgt. «Lizenzen werden bei uns keine gelöst», hielt er vor dem Start in die NLB fest. Telefonate mit Spielern, die sich anboten, dauerten nicht lange. Dabei hätte Nobs als Leiter einer UBS-Filiale gewusst, wo es Geld zu holen gibt. Als Einheitslohn erhielten die Amateure stattdessen Gutscheine für Ausrüstung, Benzin und Waren. Gesamtwert: gut 1500 Franken. «Kleine Entschädigungen gab es für Spiele an Wochentagen. Denn dann mussten die Spieler ja ihren Arbeitsplatz früher verlassen», erinnert sich Daniel Aebi. Die NLB-Spieler arbeiteten als Maler, Versicherungskaufmann, Spengler und kaufmännischer Angestellter. Drei, manchmal vier Mal pro Woche trafen sie sich nach der Arbeit zum Training.
Friedel Rausch motzte über die Kuhweide
Man störte sich in Bümpliz kaum daran, von den Profi- oder Halbprofiteams der NLB unterschätzt oder belächelt zu werden. «Wir waren gerne die Bescheidenen», erzählt Fimian und lacht. In Basel oder bei anderen Gruppengegnern konnten sie sich lustig machen über Bümpliz, «hier spielen mussten sie ja früher oder später trotzdem». Beim FC Basel war dies im November 1992 der Fall. 2200 Zuschauer erschienen auf der Bümplizer Bodenweid zum Rückspiel, das ist bis heute Rekord im Kleinstadion am Waldrand. Mehr als ein 0:0 gab es für die Basler nicht zu holen. Nach dem Spiel mokierte sich FCB-Legende Karl Odermatt: «Ich staune ja schon, dass auf dem Feld am Morgen noch ein Drittliga-Spiel ausgetragen wurde.» Auch für Friedel Rausch war vor allem der Rasen verantwortlich für die Misere. An der Pressekonferenz polterte er: Es sei ja klar, dass der Platz in schlechtem Zustand sei, wenn man während der Woche offensichtlich Kühe darauf weiden lasse.
Bümpliz schlug sich nicht schlecht in der NLB, verlor viele Spiele knapp, gewann aber auch mal 5:1 gegen Grenchen. Doch der Amateurverein brauchte viel Kraft auf diesem Niveau. Das Pensum bringe ja seine Spieler schon ans Limit, fand der damalige YB-Trainer Martin Trümpler nach einem Spielbesuch: «Dann ist das für die Bümplizer Amateure, die jeden Tag zur Arbeit gehen, eine Spinnerei.» Bis zum letzten Spieltag war Bümpliz 78 im Rennen um den Ligaerhalt. Wiederum in einem Barrage-Spiel, diesmal gegen Urania Genf, konnten sich die Bümplizer nicht mehr retten. Nach einem 0:2 und einem 1:4 stand der Abstieg fest. «Das Abenteuer ist zu Ende», kommentierte die «Berner Zeitung». Die Bümplizer hätten ein Paradebeispiel dafür abgegeben, dass auch im bezahlten Mannschaftssport das Herz fast ebenso wichtig sei wie das Geld, so der Kommentator. Es sei mehr gewesen, als man habe erwarten können, hielt Präsident Peter Nobs fest und ergänzte: Eine weitere Saison NLB wäre sehr problematisch geworden.
Die Sutters, Spycher, Baykal
In Fussballkreisen ist Bümpliz ja durchaus bekannt dafür, Talente hervorgebracht zu haben. Allerdings spielten die bekanntesten darunter nicht in jenem Team, das den NLB-Aufstieg erreichte. René und Alain Sutter verbrachten in den Achtzigern ihre Juniorenzeiten bei Bümpliz; René Sutter kehrte 2001 als Spielertrainer gar zurück. Christoph Spycher trug von 1992 bis 1997 das Bümplizer Dress, Baykal, damals noch mit dem komplizierten Nachnamen Kulagsizoglu, zwischen 1996 und 2000. Auch ein ehemaliger Nati-Trainer hinterliess in Bümpliz Spuren: Unter Hans-Peter Zaugg war Bümpliz Ende der Achtzigerjahre in die 1. Liga aufgestiegen. Dass Bümpliz heute wieder einmal einen solchen Spieler hervorbringe, dafür schätze er die Chancen als nicht allzu hoch ein, sagt der aktuelle Bümpliz-Sportchef Eduard Helfer. Talentierte Junioren würden heute schon in viel jüngerem Alter bei YB landen als damals. Immerhin, so Helfer, bestehe ein Abkommen: Setze sich ein Junger bei YB nicht durch, werde der Stammverein darüber zuerst informiert.
Nach dem Abstieg nach der Saison 1992/93 blieb es ruhig um den SC Bümpliz. Dass der Verein 1996 als solider Erstligaklub in Zusammenhang mit der Mafia gestellt wurde – dafür konnten die Verantwortlichen nichts. Im Cup war Bümpliz der NLA-Spitzenklub Xamax zugelost worden. Die Berner verzichteten auf das Heimrecht für das Wochentagsspiel, weil es damals wie auch heute noch kein Flutlicht auf der Bodenweid gab. Für den «Blick» war Bümpliz damals der «geheimste Klub der Schweiz», der in Neuenburg die ganze Razzia- und Mafia-Erfahrung seines Chefs gnadenlos ausnützen könne. Hintergrund des simplen Boulevard-Stücks: Bümpliz-Präsident Peter Lehmann war Pressechef der Bundesanwaltschaft und somit die Stimme von Mafiajägerin Carla Del Ponte. Nach dem Spiel titelte der «Blick» aufgeregt: «Statt Razzia gabs Prügel». Na ja, ein 0:2 (zweites Tor in der 92. Minute) gegen das Spitzenteam mit Corminbœuf, Rothenbühler, Perret, Moldovan und Co. galt in Bümpliz nicht wirklich als Prügel. Nach dem Spiel klopfte Monsieur Gilbert Facchinetti an die Garderobentür. «Er gratulierte allen persönlich zur Leistung», erinnert sich Daniel Aebi.
Auf der Bodenweid wird jetzt umgebaut
Bis 1999/2000 hielt sich Bümpliz in der 1. Liga, dann folgte der Abstieg in die 2. Liga interregional. Dort spielt der Quartierklub mit der grossen Juniorenabteilung auch heute und sowohl Trainer Daniel Aebi als auch Sportchef Eduard Helfer finden, dass dies den Möglichkeiten entspreche. Familiär ists immer noch. Einige der NLB-Helden spielen bei den Bümplizer Senioren.
So wie Bümpliz einst die NLB umwälzte, so wird zurzeit auf dem Fussballplatz Bodenweid umgegraben. Die Besitzerin des Stadions, die Stadt Bern, baut rechtwinklig zum einstigen Hauptfeld und der Leichtathletikbahn zwei Kunstrasenplätze. Nur die kleine Tribüne erinnert noch an ein Stadion. Was mit ihr passiert, ist noch unklar. Wenn die Kunstrasenplätze fertig sind, wird die Tribüne an einem merkwürdigen Ort stehen: je zur Hälfte hinter den Cornerflaggen der beiden Felder. Bis der Umbau fertig ist, spielt Bümpliz auf dem bisherigen Trainingsfeld. Auf den neuen Feldern sollen mehr Klubs spielen und trainieren als bisher, Bümpliz wird etwas an den Rand gedrängt. «Wir müssen abwarten, was da auf uns zukommt», sagt Sportchef Helfer.
Was dies auch sein mag, Andy Fimian wird es wohl mitbekommen. Denn der heute 45-Jährige verfolgt die Geschehnisse in Bern West nach wie vor. Fimian führt heute die Fussballschule Schweiz, organisiert Trainings und Fussballcamps, trainiert Junioren, arbeitet aber auch noch als Wirtschaftsinformatiker. Er kann sich vorstellen, komplett auf Fussball zu setzen. Am liebsten in einem Umfeld, das mit jenem von Bümpliz damals vergleichbar wäre. Fimian schwärmt noch heute von jener Zeit. Er habe in seiner Karriere einiges gewonnen, und doch: «Der Aufstieg war fast schöner als ein Meistertitel.» Zum Abschied aus Bümpliz erhielt Fimian damals einen Zinnteller und sechs Flaschen Mouton-Rothschild. Der Wein steht noch heute im Keller. Öffnen will er ihn vorerst nicht. «Da müsste schon ein sehr spezieller Anlass kommen.»


