La Plage oder La Praille?
Nach 15 Jahren wird Yves Martin schweren Herzens erstmals ein Spiel von Lausanne-Sports verpassen. Er ist mit seiner Frau auf La Réunion. Und wenn er… Aber das wäre ja völlig verrückt.
Text: Yves Martin, Bild: zvg / Übersetzung: Wolf Röcken

Es ist Samstag, 4. Oktober, und das Telefon klingelt. Der Chefredaktor von Cartonrouge.ch, der Internet-Plattform aus der Romandie, für die ich über Lausanne berichte, ist dran: «Es stört dich doch nicht, wenn wir schon jemanden haben für den Artikel Servette - Lausanne?», fragt er. «Nein, kein Problem», sage ich. «Ich habe mitbekommen, dass es neue Redakteure gibt, welche die Heimspiele der Grenats abdecken. Wenn die berichten – mir solls recht sein.» Und dann ergänze ich: «Weisst du, das Derby fällt sowieso in meine Ferien. Ich bin zu dieser Zeit in La Réunion. Mit meiner Frau.»
Mein Chef weiss genau, dass ich seit fast 15 Jahren kein einziges offizielles Spiel von Lausanne verpasst habe. Deshalb hat er mich ja auch engagiert. Es ist praktisch, jemanden im Team zu haben, der unter der Woche auch mal Gossau - Lausanne abdeckt. Deshalb fragt er ungläubig nach: «Du wirst das Spiel tatsächlich verpassen?» «Ganz ehrlich gesagt: Ich weiss es noch nicht. Ich werde mit meiner Frau schauen. Ich werde versuchen, hin und wieder zurück zu fliegen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das möglich ist.» Der Chef lacht laut und sagt: «Wenn du das machst, bauen wir dir ein Denkmal!» Ein Denkmal für mich? Na ja.
Zu der ganzen Geschichte mit Spiel und Ferien hätte es eigentlich gar nicht kommen dürfen: Zum ersten Mal in meinem Leben – und ich schwöre, auch zum letzten Mal – hatte ich beschlossen, für einmal nicht in der fussballfreien Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr in die Ferien zu fahren. Stattdessen legte ich die zwölf Tage Ferien auf die Zeit zwischen Montag, 6., und Freitag, 17. Oktober, fest. Länderspiel-Pause. So verpasste ich die beiden Länderspiele Schweiz - Lettland und Griechenland - Schweiz. Das Spiel Servette - Lausanne in Genf hingegen war für den Samstag vorher angesetzt, der Cup-Match gegen Xamax zwei Wochen später. Es war ein Zeitfenster mit Länderspielen, das besser gar nicht hätte liegen können. Im schlimmsten Fall würde ich ein Freundschaftsspiel von Lausanne verpassen. Gut, das ist schlimm genug. Aber ich würde damit leben können.
Nur dumm, dass einen die Realität immer einholt. Am Freitag, 3. Oktober, die schlechte Nachricht: Lausanne beantragte, das Spiel in Genf zu verschieben. Denn drei Spieler seien am Spieltag mit der U-19-Nati unterwegs. Der neue Termin: Samstag, 12. Oktober. Super! Genau in der Mitte meiner Ferien.
Ein Fall für Soziologen?
Es hat jetzt keinen Sinn, ganz langsam auf die Pointe dieses Texts hinzusteuern. Man erahnt sie längst. Es ist doch so: Die Situation ist absurd genug, schon für sich alleine. Ich kann nur versuchen, zu erklären, was einen Typen wie mich dazu bringt, überhaupt an so etwas zu denken. Das könnte den Soziologen in der Zukunft helfen. Oder Doktoranden könnten mal eine Arbeit zum Thema «Kleine Geisteskrankheiten und ihre Folgen für die Umwelt» schreiben.
Ich versuchs mit dem Erklären: Wenn du diese Leidenschaft hast, diesen merkwürdigen Zustand, den du in deinem Inneren spürst, diese Begeisterung, die dafür sorgt, dass sich etwas in deinem Kopf 24 Stunden pro Tag im Modus Lausanne-Sports dreht, dann musst du dich eben damit arrangieren. Es ist wie ein Durst, der gestillt werden muss. Und das alles auf eine Art und Weise, damit man seiner Umwelt, also den Menschen, die einen umgeben, die kleinstmöglichen Schäden zufügt. In dieser Geschichte handelt es sich bei den Menschen, die mich umgeben, ganz konkret um meine Frau. Sie heisst Aline, wir sind seit elf Jahren verheiratet. Ich überlasse es der Vorstellung der Leserschaft, was sie schon alles wegen Fussball erdulden und erleiden musste. Es ist kaum zu beschreiben. Sie ist eine Perle. Oder, um es französisch auszudrücken: Sie ist alinesque.
Mit ihr also fuhr ich für zwölf Tage nach La Réunion. Eine wichtige Reise. Denn manchmal ist es einfach wichtig, Zeit zu haben, abseits vom Alltagstrott sich wieder zu finden. So ist das im Paarleben, das werden die Jüngeren unter euch noch sehen.
Annullieren? Verzichten? Mmh…
Aber zurück zum Thema. Was gab es denn für Möglichkeiten in meiner Situation?
(1.) Ferien annullieren, meine Frau verreist alleine. Undenkbar. Denn mal ganz unter uns: Ich liebe sie. Das kann ich ihr nicht antun.
(2.) Die Ferien verschieben. Sie hat schon genug mitmachen müssen. Diese Kröte wäre zu schwer zu schlucken. Zudem: all die Freitage, die wir eingegeben haben. Dann die Stornierungen: Flug, Hotel, Mietwagen. Das würde etwa gleich viel kosten wie Hin- und Rückreise, den Aufwand noch gar nicht mitgerechnet.
(3.) Den Match verpassen. Natürlich, diese Möglichkeit gab es auch. Ich war noch nie so nahe dran in den letzten 15 Jahren, dies tatsächlich zu tun. Und um einen Allgemeinplatz zu bemühen: Jede Serie hat ja mal ein Ende. Aber es gab im Minimum zwei Probleme: Ich hätte mir mein Leben lang Vorwürfe gemacht, nicht alles versucht zu haben, diesen Match zu sehen. Und zweitens: Ich wusste, dass ich in den Ferien unausstehlich gewesen wäre. Mindestens drei Tage vor und vier Tage nach der Partie. Ich wäre halb durchgedreht, hätte meiner Frau die Zeit vermiest. Ich wäre wie auf Nadeln gesessen. Dann lieber psychisch durchdrehen als dieser Zustand.
(4.) Ja, auch eine vierte Möglichkeit gabs: Hin- und zurückfliegen. Abflug in Saint-Denis auf La Réunion, Samstag, 11. Oktober, 21.30 Uhr. Ankunft in Paris am nächsten Morgen um 6.00 Uhr, in Genf um 11.00, fünf Stunden vor dem Derby. Das würde reichen, um in den Zug nach Lausanne zu steigen, um dann mit den Fan-Kollegen vom Blue-White Fanatic Kop Lausanne wieder nach Genf zurückzukehren. Doch, dieser Umweg müsste sein. Der Match würde stattfinden, dann schlafen und am nächsten Tag die Rückreise. Ankunft auf La Réunion Dienstag, 14. Oktober, morgens. Kostenpunkt: 2300 Franken und zwei Tage Ferien weniger. Ein naher Freund sagte mir: «Wenn du das Aline antust, bist du ein Arschloch.» Ich bin ein Arschloch.
Auch ein Fernseher kann 2000 Franken kosten
Die Bilanz der Aktion: Meine Frau hatte auf La Réunion zwei lockere Tage, um das zu tun, auf das ich nicht Lust hatte. Alles okay also. Es bleibt das Thema Geld. 2300 Franken sind ein nettes Sümmchen, ja, ihr habt recht. Und? Sich das ganze Jahr den Arsch aufreissen und sparen – das tut man ja, um das Geld auch mal auf den Kopf zu hauen. Wenn es das Ereignis wert ist, ist es auch das Geld wert. Ich habe 2300 Franken gezahlt, um ein Spiel der zweiten Schweizer Liga zu sehen. So what! Wenn du einen Fernseher für 2000 Franken kaufst, sagt ja auch niemand was. Jetzt ist der 13. Monatslohn halt schon teilweise ausgegeben.
Übrigens: Das Ausgleichstor zum 1:1 für Lausanne vor fast 10 000 Zuschauern im Genfer La-Praille-Stadion schoss Basha. Es ist einer der drei U-19-Internationalen, derentwegen der Match verschoben worden war. Merci für die Spielverschiebung – auch im Nachhein.
Lausanne-Sports, Partout et Toujours!
Der Fanclub
Yves Martin ist Präsident des Blue-White Fanatic Kop (BWFK), des 1989 gegründeten Fanclubs von Lausanne-Sports. Am 11. November desselben Jahres, im Heimspiel gegen Xamax, unterstützten BWFK-Mitglieder erstmals Lausanne-Sports – ja, damals noch in der NLA. Heute begleiten Dutzende der total 136 eingeschriebenen BWFK-Mitglieder Lausanne bei Auswärtsspielen in der ganzen Schweiz. Yves Martin ist jedes Mal dabei.


