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Europareise für ein Probetraining

Der Ukrainer Pavel Naidonov möchte Fussballprofi werden. Auf eigene Faust reist er durch Europa und klopft für Probetrainings an. ZWÖLF-Autor Sam Urech hat ihn auf dem Gelände von Bayern getroffen und dann bis in die Schweiz begleitet.

Text und Bilder: Sam Urech

Die Säbener Strasse in München ist immer wieder Bühne aufregender Schauspiele. An diesem Oktobermorgen aber ist es ziemlich ruhig auf dem Trainingsgelände des FC Bayern. Viele Stars sind wegen anstehender Länderspiele abwesend, nur wenige Fans wollen das Training mitverfolgen. Plötzlich entsteht Unruhe. «Verschwinde! Wir haben es dir oft genug gesagt!» Heftig reden zwei Sicherheitsmänner auf einen jungen, unauffälligen, schmächtigen Mann in violetten Trainerhosen ein, der einen Rucksack trägt. Der Junge lässt den Kopf hängen, gehorcht. Traurig verlässt er das Gelände.

Interessiert laufe ich hinterher. «Hallo!». «Are you from FC Bayern?», fragt er. Ich muss ihn enttäuschen. »Do you speak Russian?” Ich muss ihn zum zweiten Mal enttäuschen. Doch unser beider Englisch genügt für ein Gespräch. «Ich heisse Pavel und komme aus der Ukraine. Ich bin hier, weil ich ein Probetraining beim FC Bayern machen möchte», sagt er mit leiser Stimme, aber ernsthaft. Normalerweise würde ich jetzt lachen. Aber der schmächtige Junge beeindruckt mich irgendwie.

Neugierig lade ich Pavel zu McDonald’s ein. Unglaublich hastig vertilgt er den Junkfood. «Ich liebe dieses Essen!», sagt er, fast entschuldigend, wegen seiner Freude am Burger. Dann erzählt er mir seine Geschichte.

 

Verschwitzt ging er zum Schulunterricht

Im August 1987, ein Jahr nach der Katastrophe von Tschernobyl, wurde Pavel Naidonov in der ukrainischen 500’000-Einwohnerstadt Mariupol geboren. «Meine Eltern hatten nicht genug Geld, mir für drei Dollar einen Fussball zu kaufen. So habe ich aus alten Socken einen Ball gebastelt und mit Freunden im Vorhof gekickt.» Mit acht Jahren meldete sich Pavel im nahen Fussballklub an, der aber wenig später in Konkurs ging. Der nächstgelegene Verein war weit entfernt, das Geld für Fahrten zum Trainingsgelände zu knapp. Darum spielte er in Schulvereinen, die mehr schlecht als recht organisiert waren. «Ich sah einige Talente. Aber wir hatten keine Infrastruktur, keinen Rasen, kein Geld. Viele verloren die Freude am Fussball», sagt er mit ruhiger Stimme.

Pavel verlor die Freude nicht. «Ich stand während meiner Schulzeit morgens früher auf, trainierte und ging dann verschwitzt zum Unterricht, der mich sowieso nicht interessierte. Ich wollte einfach Fussball spielen.» Im Jahr 2004 beendete Pavel die Schule. Als ältester Sohn der Familie ruhten grosse Erwartungen auf seinen Schultern. Seine Eltern waren Kinder der Sowjetunion gewesen, mit beschränkten Möglichkeiten für Ausbildung und Beruf. Doch er, Pavel, hatte alle Möglichkeiten, Geld zu verdienen und die Familie zu ernähren. Die Eltern drängten ihn, nach Kiew zu gehen, um Geschichte zu studieren.

Doch das Geld war knapp. Nach zwei Semestern konnten sie das Studium nicht mehr finanzieren, Pavel musste abbrechen. Er hatte keine Ersparnisse, seine Freizeit hatte er mit Fussball spielen verbracht. Die Eltern sahen dies gar nicht gerne. Aber ihr Sohn hatte sowieso andere Pläne. Er wollte nach Westeuropa gehen, Profifussballer werden.

 

Das 1:0 bei Slavia Prag

Per Autostopp reiste Pavel nach Prag und fand einen Job auf einer Baustelle. Zwölf Stunden arbeitete der junge Ukrainer täglich, unter Bedingungen, die er mit seinem beschränkten englischen Wortschatz nicht näher zu beschreiben vermag. «Ich wurde sehr schlecht bezahlt für das, was ich leisten musste!» sagt er nur. «Aber immerhin hatte ich einen Job.» Weil es ihm nach wie vor an Geld fehlte, ernährte er sich vor allem von Brot. Immerhin hatte Pavel in Prag wieder die Möglichkeit, bei einem gut organisierten unterklassigern Fussballverein zu trainieren. Nach Trainingsschluss, als seine Mannschaftskollegen unter der Dusche standen, drehte Pavel oft noch einige Runden oder schoss aufs Tor. «Ich hatte damals wie heute das Bild von einem grossen Stadion vor Augen. Ich träumte davon, viel Geld zu verdienen, anderen Menschen zu helfen und mir einen Ferrari kaufen zu können!» An trainingsfreien Abenden besuchte Pavel die Profivereine der tschechischen Hauptstadt: Viktoria Zizkov, AC Sparta, FK Dukla und Bohemians 1905. Doch ein Probetraining wurde ihm überall verwehrt.

Bei Slavia Prag klappte es mit dem Probetraining. Pavel überzeugte die Klubverantwortlichen, sodass sie ihn in die zweite Mannschaft aufnahmen. Wenig später wurde der junge Ukrainer in einem Freundschaftsspiel gegen den SK Kladno beim Stand von 0:0 in der 75. Minute eingewechselt. Zehn Minuten später gelang ihm das 1:0. «Ich dachte, dass ich es nun geschafft habe.» Das Tor zur Profikarriere?

Es kam ein neuer Trainer. Einer, der nur tschechische Nachwuchsspieler fördern wollte. Die zwei Ausländer, den Ukrainer Pavel Naidonov und den Weissrussen Alexey Viskushenko, sortierte er aus. «Es war unglaublich! Wir gehörten zu den Besten des Teams, aber sie wollten uns nicht mehr!» Viskushenko ging zurück zu seinem Heimatverein FC Bate Borisov – und spielte dort in dieser Saison Champions League. Laut Transfermarkt.de hat er einen Marktwert von 160’000 Franken. Beachtlich für einen jungen Weissrussen. Der Ukrainer Pavel aber wollte nicht zurück in sein Heimatland. Es zog ihn westwärts.

 

Anklopfen beim 1. FC Nürnberg

Das Nein von Slavia war für Pavel wie ein Genickschlag gewesen. Endlich hatte mal was geklappt. Endlich war mal eine kleine Türe aufgegangen. Doch so schnell, wie sich alles ergeben hatte, war es auch schon wieder vorbei. Er wollte Prag schnell verlassen. Aber wohin? Pavel weinte, betete zu Gott. «Ich war am Ende meiner Kräfte. Ich wollte nicht mehr leben.»

An einer viel befahrenen Strasse machte er Autostopp. «Ich weiss nicht wie lange, vielleicht eine Stunde.» Ein Autofahrer hielt und fragte ihn, wohin es gehen solle. «Nach Westen! So weit wie möglich!» Der Autolenker nahm ihn mit bis nach Nürnberg. Gott schaue zu ihm, und der Autofahrer sei wohl ein Engel, habe er damals gedacht. Pavel wusste zwar nicht, wo schlafen und was arbeiten. Und Deutsch sprach er auch nicht. «Aber ich spürte wieder ein Brennen in mir. Und vor allem: Endlich war ich in Westeuropa angekommen.» In Nürnberg suchte er das Trainingszentrum des 1. FC Nürnberg, das unmittelbar neben einem grossen Hilton-Hotel liegt. Hungrig schlich er sich zur Rezeption, denn «in guten Hotels liegen immer Äpfel auf». Einige davon packte er in seinen Rucksack. Eine ältere Frau, die ihn dabei beobachtet hatte, sprach ihn an. Sie war Russin und arbeitete als Putzfrau im Hotel. «Ich erzählte ihr, dass ich aus der Ukraine komme und Profifussballer werden möchte.» Sie war erstaunt. Und berührt. «Ich durfte bei ihr wohnen, sie kochte sogar für mich.»

 

Weiter im Car nach München

Wenige Tage nach seiner Ankunft in Nürnberg begleitete die Russin Pavel zum Training des damaligen Bundesligisten 1. FC Nürnberg. «Sie kam als Dolmetscherin mit. Ich wollte mit einem Trainer sprechen.» Doch die Klubverantwortlichen lachten nur und gingen nicht auf Pavels Anliegen ein. Beim Rausgehen sah er den russischen Spieler Ivan Sajenko. «Er war einer wie ich. Und er hat es geschafft!» Sajenko, heute Spieler bei Spartak Moskau, erklärte sich für ein Treffen mit Pavel bereit. Am nächsten Tag berichtete Pavel dem Nürnberg-Söldner kurz aus seinem Leben. «Daraufhin betonte er, dass es unmöglich sei, ohne Spielervermittler eine Chance zu bekommen.» Der russische Nationalspieler legte ihm nahe, zurück in die Ukraine zu gehen. «Ich antwortete, dass ich gar nicht genug Geld hätte, um mir ein Zugticket zu kaufen.» Sajenko sei hin und her gerissen gewesen. «Dann griff er in die Tasche und gab mir 150 Euro. Unter der Bedingung, dass ich das Geld für die Rückreise brauchen würde.» Sprachlos sei er gewesen. Noch nie in seinem Leben habe er so viel Geld in den Händen gehalten, erzählt Pavel. «Ich fühlte mich wie ein reicher Mann.» Sajenko wünschte ihm alles Gute, stieg in seinen BMW X5 und brauste davon. Pavel nahm das Geld dankend an, ging zum nächsten Sportladen und kaufte sich richtige Fussballschuhe. Die ersten in seinem Leben.

Mit dem Zug reiste er weiter nach Fürth. «Sechs Männer habe ich auf dem Vereinsgelände angesprochen und um ein Testtraining gebeten.» Ohne Erfolg. Der Siebte aber wollte ihm helfen. Er hatte Beziehungen zu Rachid Azzouzi, dem marokkanischen Manager von Fürth. Dieser hörte sich Pavels Geschichte an, blieb aber unberührt von der Vergangenheit und den Plänen des Ukrainers. Das Thema Greuther Fürth hatte sich erledigt.

«Das Geld war aufgebraucht, und ich fand keinen Job. Deshalb reiste ich zurück nach Prag.» Ein halbes Jahr blieb er in der Goldenen Stadt, lebte in einer kleinen Studenten-WG und trainierte neben der Arbeit mehrere Stunden am Tag. Schon bald nahm er erneut einen Anlauf. Diesmal im Car und nicht mehr per Autostopp begab er sich letzten Herbst nach München. «Zuerst ging ich zu 1860. Aber dort waren sie sehr unfreundlich. Sie drohten mir mit Polizei, wenn ich nicht endlich verschwinden würde!»

 

Der Kontakt mit Red Star Zürich

Dann fuhr er an einem Tag im Oktober letzten Jahres an die Säbener Strasse, zum Trainingsgelände des FC Bayern München. Unweit davon entfernt sitzen wir nun in einem McDonald’s, und Pavel erzählt mir seine Geschichte. «Ich würde gerne in die Schweiz kommen!», sagt er auf einmal. «Man hat mir gesagt, ab dem 12. Dezember könne ich sogar ohne Visum einreisen» – Auswirkungen des Schengen-Abkommens.

Kurz nach Weihnachten – wiederum in einem McDonald’s, diesmal in Zürich. Pavel trägt wieder seine violette Trainingshose, ein Baseball-Cap und den Rucksack auf dem Rücken. Er hat Bekannte im aargauischen Mellingen, eine ukrainische Familie, die er von früher kennt. «Bei ihnen kann ich wohnen. Sie nahmen mich wie einen Sohn auf.» Pavels Traum ist der gleiche geblieben: Er will Fussballer werden. Ich schreibe den FC Red Star Zürich an und erzähle Pavels Geschichte. Sportchef Sandro Wehrli lädt uns darauf zum Probetraining mit der zweiten Mannschaft ein. Die erste Mannschaft ist noch im Trainingslager. Ich treffe Pavel am Zürcher Hauptbahnhof. Mit dem Tram fahren wir zur Allmend Brunau. Ich bin wahrscheinlich angespannter als er. Ich habe ihn noch nie Fussball spielen sehen. Hat er überhaupt eine Chance? Genüsslich isst Pavel eine Orange. Er ist reifer geworden. Wahrscheinlich auch durch die Tiefschläge, die ihm seine Hoffnung offenbar nicht geraubt haben. Er scheint sich seiner Sache sicher zu sein.

Wenig später in der Garderobe. Ich erkläre den Spielern, wer wir sind. Sie nehmen uns freundlich und warm auf. Draussen ist es eiskalt. «No problem for me!», sagt Pavel und lacht. Der Ukrainer ist sich Kälte gewohnt. Konzentriert betrachten Red-Star-Trainer Giovanni Gargiulo und ich das Training. Beweglich ist Pavel auf jeden Fall. Flink und wendig. Wie er wohl mit dem Ball umgeht? In den letzten 15 Minuten des Trainings wird gespielt. Er schlägt sich wacker, sticht aber nicht heraus. «Nicht schlecht. Umgehauen hat er mich aber nicht. Ich will ihn weiter beobachten», sagt Gargiulo. Pavel besucht die folgenden Trainings. Der Trainer und ich telefonieren fast täglich. Es ist schnell erkennbar: «Er hat nicht das Zeug zum Profifussballer!», analysiert Gargiulo. «Ich würde dem Kerl gerne helfen, aber es reicht einfach nicht.» Bittere Nachrichten für einen Jungen, der alles auf eine Karte gesetzt hat. Und es ist unschön, ihm dies mitteilen zu müssen. «Ich kann besser spielen! Es ist alles neu für mich. Ich brauche mehr Zeit», entschuldigt sich Pavel mit hängenden Schultern. Aber die bekommt er bei der zweiten Mannschaft des FC Red Star nicht. «Ich habe 25 Spieler im Kader. Sie haben hart trainiert während des Winters. Ich lasse die besten elf spielen. Pavel gehört nicht dazu!», sagt der Trainer. Ein niederschmetterndes Fazit nach knapp zwei Wochen. Aber wohl das richtige.

Bei der dritten Mannschaft von Red Star bestreitet Pavel noch ein Freundschaftsspiel, schiesst ein Tor, aber nicht mehr. Es reicht nicht. Ich versuche Pavel davon zu überzeugen, das Thema Profifussball zu vergessen. Aber das ist unmöglich. «Fussball ist nach Gott das Wichtigste in meinem Leben. Ich werde es schaffen!»

 

Die Polizei hält Pavel an

Anfang März 2009 wird Pavel von der Polizei angesprochen. Er gibt an, dass er seit Mitte Dezember im Land sei. Er dürfe sich aber nur drei Monate in der Schweiz aufhalten, teilen ihm daraufhin die Polizisten mit. Aufgelöst ruft mich der junge Ukrainer an und sagt, dass er das Land umgehend verlassen müsse. Er reise nach München und nehme dort einen Bus nach Prag. In Prag könne er arbeiten. Und dann komme er wieder.

Ich sehe ihn nur noch kurz am nächsten Tag. Ich gebe ihm ein wenig Geld und beste Wünsche mit auf den Weg. Er bedankt sich. Ich sei ein Engel, sagt er noch und steigt wenig später in den Zug.