Željko Perušić

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Der Langläufer

Gegen Barcelona spielte er gross auf. Mit Jugoslawien stand er im EM-Final. In München gewann er den Meistertitel. Und in St. Gallen fand Željko Perušić in den frühen Siebzigern sein Zuhause. Dort ist er nun verstorben. Wir trafen ihn 2014 noch für ZWÖLF #45.

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Text: Mario Gehrer
Illustration: Daniel Müller

Viel schon hatte Željko Perušić erlebt: Auftritte im Wembley oder im Camp Nou, Triumphfahrten nach dem Meistertitel mit 1860 München. Aber so etwas noch nicht: Da stand er als Spielertrainer des FC St. Gallen auf dem Sportplatz Gründenmoos im Dreck: «bei schlechtem Wetter bis zu den Knien», erzählt der heute 78-Jährige in seinem Stammcafé im St. Galler Zil-Quartier.

Er ist 34-jährig, als er nach St. Gallen kommt. Der Verein spielt nur ein Jahr nach dem Cupsieg 1969 wieder in der NLB und propagiert einen Neuanfang. Perušić wird von 1860 München losgeeist, ist Spielertrainer und Hoffnungsträger. «Ich hatte auch andere Angebote », sagt Perušić, «meine Frau wäre gerne nach Holland gegangen, aber St. Gallen wollte mich unbedingt.» In der Folge rennt er tagsüber alleine durch den Guggeienwald. Perušić ist der einzige Profi, alle anderen können erst abends trainieren. Das erste Jahr sei schwierig gewesen, erinnert sich Perušić, ihn schaudert es, wenn er an seine Premiere denkt: 0:3 endet der Saisonauftakt in Grenchen. Es bleibt jedoch eine von nur drei Niederlagen in der NLB.

St. Gallen steigt souverän auf – und gewinnt auch das «Spiel des Jahres», den Stadtmatch gegen den SC Brühl. 10 500 Zuschauer drängen sich ins Krontal, St. Gallen siegt mit 2:0, der Spielertrainer erhält beste Noten: «Perušić, Lenherr und Moscatelli hielten die Fäden sicher in den Händen», schreibt die NZZ. An jenes Derby erinnert er sich gerne: «Die Rivalität war schon da, aber es war nicht so wie in München», sagt er, und seine Augen leuchten.

Jubeljahre unter Merkel 

Just in einem Münchner Derby erzielt der Sechziger Perušić nämlich sein einziges Bundesliga-Tor. Am 30. März 1968, beim 3:2-Sieg: «Ein Weitschuss aus 25 Meter. Mit dem linken Fuss in die rechte Ecke», und es ist, als höre man den Ball im Netz des Grünwalder Stadions einschlagen. «Sepp Maier kann sich sicherlich noch daran erinnern!»

138 Mal hat Perušić für 1860 München gespielt und unter Max Merkel die erfolgreichsten Jahre der Klubgeschichte erlebt. 1966 wird das Team deutscher Meister, im Cup der Landesmeister spielen Perušić , Konietzka & Co. gegen Real Madrid. Das 1:3 aus dem Hinspiel wollen die Löwen zu Hause drehen. 1860 gewinnt aber nur 1:0. Perušić gehört wie eigentlich immer zur Startformation, kann das Ausscheiden aber nicht verhindern. Die Zeit mit Max Merkel ist für ihn eine besondere: «Er war ein harter Hund, und ich bin stolz, dass ich mich bei ihm durchgesetzt habe.»

Eine Kunst war es nicht, auf den 1,65 m kleinen Mann aus Duga Resa aufmerksam zu werden. 1960 ist das grosse Jahr für ihn: Es beginnt im Wembley, bei einem 3:3 Jugoslawiens gegen England und einem Lob des englischen Coaches Winterbottom: «‹Der Kleine war der Grösste›, hat er gesagt.» Es folgt der Einzug in den EM-Final 1960, wo das jugoslawische Team unglücklich an der UdSSR scheitert. «Wir waren enttäuscht. Unwahrscheinlich.» Keine zwei Monate später ist die 1:2-Niederlage im Prinzenpark vergessen: Željko Perušić steht mit Jugoslawien im Olympia- Final. Der defensive Mittelfeldspieler hat grossen Anteil am 3:1-Sieg gegen Dänemark. Die Goldmedaille von damals bewahrt er in seiner St. Galler Wohnung auf.

Die Fussballwelt liegt dem 24-jährigen jugoslawischen Fussballer des Jahres 1960 zu Füssen. Nur: Ein Wechsel ins kapitalistische Ausland lässt der nationale Verband nicht vor dem 28. Lebensjahr zu. Da können die Verantwortlichen Barcelonas nach einem Spiel im Messecup gegen Dinamo Zagreb noch so um Perušić buhlen: «Geld spielt keine Rolle », sagen sie ihm, nach seiner Topleistung im Camp Nou. Handkehrum lehnt er auch die ihm nahegelegten Wechsel zu den Belgrader Klubs ab.

Als der 27-fache Nationalspieler 1965 endlich nach München wechseln darf, erlebt er dort «eine andere Welt». Fünf Jahre lang bleibt er, bis die Sechziger unter einer Schuldenlast ächzen und sich vom Grossteil der Mannschaft trennen.

Umjubelt auf dem Espenmoos 

In St. Gallen geht es auch zu Beginn des zweiten Jahres der Ära Perušić hemdsärmelig zu und her: Das Espenmoos hat erst seit Kurzem eine neue Haupttribüne, an den Banden wirbt Rössli für Tabakwaren und Eugen Schiegg für seine Gipserei. Die Fussballkost ist rustikal, es bleibt Željko Perušić vorbehalten, beim Aufsteiger für spielerischen Glanz zu sorgen.

Das Präsidium stellt dem Jugoslawen vor dessen ersten NLA-Saison einen «zweiten Mann» zur Seite: Sportlehrer Kurt Schadegg hatte bis anhin den Zweitligisten Uzwil trainiert. «Für 1000 Franken monatlich bin ich eingestiegen», erzählt er. «‹Peru› war ein feiner Typ, ein sehr guter Fussballer. Unsere Zusammenarbeit war wahnsinnig gut», schwärmt Schadegg heute, 43 Jahre nach dem Amtsantritt. Die beiden teilen sich die Arbeit auf: Perušić absolviert die Lauf- und Spieleinheiten im Training, Schadegg stellt die Mannschaft taktisch ein. «Der Spieler Perušić hatte in Sachen Stammplatz keine Privilegien », verrät Schadegg. «Aber er war so gut, dass es einfach keine Alternativen gab.» Das NLA-Debüt gelingt: Vor 7000 Zuschauern spielt St. Gallen gegen Servette 2:2. «Im St. Galler Spiel lag zudem eine gewisse Anfangsnervosität, die aber Perušić als Spielstratege rasch dämpfte», schreibt die NZZ. Mehr noch: In der 67. Minute erzielt der Jugoslawe in seinem ersten NLA-Spiel gleich ein Tor. Das 2:2 ist ein Weitschuss aus 25 Metern. Wie damals in München …

Perušić und Schadegg harmonieren gut. Sogar die «Schweizer Illustrierte» schaut beim Aufsteiger vorbei und konstatiert: «Beim ältesten Fussballklub der Schweiz scheint Vernunft die Intrigen und Entlassungen abgelöst zu haben. Wo sich in den letzten Jahren ein scheinbar unaufhaltsamer Trainer-Sesseltanz abspielte, sitzen Željko Perušić und Kurt Schadegg fest am Steuerplatz.» Doch die Euphorie verfliegt: St. Gallen steht gegen Ende der Saison 1971/72 im Abstiegskampf und muss nur drei Tage nach Saisonende in einem Entscheidungsspiel um den Klassenerhalt gegen Luzern antreten. Die Nerven liegen blank, der Verein stellt dem Trainerduo kurzerhand den Alt-Internationalen Hansruedi Fuhrer zur Seite. Fuhrer war einst selbst Spielertrainer beim FCSG; unterdessen arbeitet er für Adidas.

Ein Krimi im Hardturm 

Auch Željko Perušić sucht vor der Belle nach neuen Impulsen – und stösst auf Heinz Bigler, der in St. Gallens Reserveteam kickt. Eigentlich hätte der Berner die Anlagen, um in der ersten Mannschaft zu spielen, doch er trägt die falschen Treter: Bigler ist seit seiner Sportlehrer-Ausbildung Testperson und Werbeträger für Künzli-Schuhe. Die sind Adidas-Mann Fuhrer ein Dorn im Auge, nicht nur, weil sie in hellem Weiss erstrahlen. Doch Perušić spricht ein Machtwort: «Der Junge spielt – mit seinen weissen Schuhen!» Das Wort Perušićs zählt – und es rettet St. Gallen vor dem Abstieg: Bigler entscheidet das Entscheidungsspiel gegen Luzern im Alleingang. Er erzielt im Hardturm ein Tor und bereitet zwei vor. Der FCSG siegt mit 4:1, und Perušić eilt danach zu Bigler: «Junge, du hast mich gerettet», bedankt er sich bei seinem Spieler, bleibt beim Feiern aber auf Distanz: «‹Peru› war ein Asket, er trank keinen Alkohol und zündete sich auch nicht die grosse Zigarre an», erinnert sich Bigler.

Das ist wohl auch der Grund, weshalb der Stratege im St. Galler Spiel auch mit 38 Jahren unersetzlich ist und die Journalisten noch immer von seinem «unglaublichen Laufpensum» schreiben. Der Beginn der Saison 1973/74 ist die beste Phase der Ära Perušić/Schadegg: «Hinter dem variantenreichen, aber doch System verratenden Angriffsfussball ist die sorgfältige Arbeit des Jugoslawen Željko Perušić spürbar», schwärmt die NZZ nach einem 5:1-Sieg gegen Lugano. Kurz darauf wird Basel vor 13 000 euphorisierten Zuschauern geschlagen. «Da hat uns auf einmal auch Basel-Trainer Benthaus gegrüsst», erzählt Kurt Schadegg. Der Jubel ist von kurzer Dauer, der FC St. Gallen reiht noch vor der Winterpause fünf Niederlagen aneinander. An Perušićs hohem Standing beim St. Galler Anhang ändert das nichts: «Nicht einmal die Ur-Fanatiker auf dem Espenmoos hätten gegen ihn das Wort erhoben. Wenn wir schlecht gespielt haben, haben die Anhänger jeweils mir einen Stein um den Fuss wickeln und mich in den Bodensee werfen wollen», erinnert sich Schadegg.

Abgang und Rückkehr 

Im Frühling 1974 gehört Perušić nicht mehr zur St. Galler Stammformation, er tritt von sich aus ins zweite Glied. FCZ-Trainer Timo Konietzka, Ex-Teamkollege bei 1860, vermittelt ihm einen Trainerjob in Vaduz. Die Trennung zwischen St. Gallen und dem Spielertrainer erfolgt «im gegenseitig besten Einvernehmen ». Der FC St. Gallen beendet die letzte Spielzeit mit Perušić auf Rang 9.

In Vaduz bleibt Perušić nicht lange, die Familie zieht es zurück nach St. Gallen. Er heuert beim SC Brühl an, der Verein vermittelt ihm zudem einen Arbeitsplatz: In Zagreb hat Perušić einst in einer Garage gearbeitet, nun ist er bis zur Pension für eine St. Galler Textilfirma tätig. Schadegg blieb nach Perušićs Abgang dem FCSG treu, eine Saison lang als Trainer, danach in diversen Funktionen. Als Sportchef erinnert er sich Jahre später an seinen Kompagnon und engagiert ihn als Jugendtrainer: «Du kannst so gut Fussball spielen, trainier ein paar Junge und zeig denen, was Fussball ist», gibt er ihm auf den Weg. Perušić tut, wie ihm geheissen, und kann sich auf die Fahnen schreiben, dass auch Tranquillo Barnetta und Davide Chiumiento unter ihm spielten.

Heute hat Željko Perušić mit Fussball nichts mehr am Hut. Abgesehen von den Einladungen des FC St. Gallen, der die alten Kämpen hin und wieder an einen Tisch bringt. «Ich geniesse jeden Tag», sagt Perušić als Pensionär im Zil- Quartier: «Ich bin in meinem Leben so viel gelaufen, heute gehe ich nur noch spazieren », sagt er und lächelt milde.

Dieser Text erschien in ZWÖLF #45 (November 2014). Željko Perušić starb am 28. September 2017 im Alter von 81 Jahren in St. Gallen.

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