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Chronik der Enttäuschungen

Bis einem für sein Tun extra ein Verb erfunden wird, muss man ebendieses Tun bis auf die Spitze getrieben haben. So wie YB mit seinen vergebenen Matchbällen. Ein Chronik vergebener Chancen aus ZWÖLF #25.

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Cupfinal 1991

Stürmisch zogen die Young Boys in den Cupfinal ein. Bassecourt, Fribourg, Schaffhausen, GC und den FCZ räumte man aus dem Weg, schoss dabei 18 Tore und kassierte nur gerade ein einziges. Auch dass der Gegner am Pfingstmontag Vizemeister Sion war, schien die Berner nicht zu beeindrucken. 50 000 Zuschauer erlebten einen furiosen Start des Heimteams mit drei Eckbällen, drei Grosschancen und einem frühen Eigentor von Lopez. Auch in der Folge wurden die Walliser geradezu zerpflückt und kassierten noch vor der Pause das zweite Tor nach einem Zuffi-Freistoss. Doch dann griff Sion-Trainer Enzo Trossero in die Trickkiste, brachte die Vokuhila-Zwillinge Alexandre Rey und David Orlando, und mit dem Auftauchen dieser beiden war die Sicherheit im Berner Spiel wie weggeblasen. Bereits in der 50. Minute verkürzte Orlando auf 1:2, und kurz nach Beginn der YB-Viertelstunde sorgten zwei Direktabnahmen von Orlando respektive Rey für die Wende. Trainer Martin Trümpler war sich keiner Schuld bewusst: «Im Nachhinein ist man immer klüger, aber nach der grossartigen Leistung meiner Mannschaft vor der Pause hatte ich ja keinen Grund, an meiner Formation etwas zu ändern.»

 

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Meisterschaft 1993

Die Aussichten auf den Titel stehen ausgezeichnet in der Saison 1992/93. Leo Beenhakker hat das GC-Starensemble in die Abstiegsrunde gesteuert, YB wurde hingegen u.a. mit Georges Bregy, Adrian Kunz, Piotr Nowak und dem Norweger-Duo Lars Bohinen und Mini Jacobsen Qualifikationssieger und traf dabei mit 44 Toren in 22 Spielen mit Abstand am häufigsten. In der viertletzten Runde der Finalrunde traf YB zu Hause auf die erstaunlichen Aarauer von Rolf Fringer. Lediglich 13 500 Zuschauer wollten sehen, wie sich die Berner wieder an die Spitze setzen und damit den Grundstein legen wollten für die Meisterschaft, denn ihre letzten Gegner standen allesamt ambitionslos im Niemandsland der Tabelle. Doch anscheinend ist auf der Taktiktafel von Martin Trümpler ein Spieler vergessen gegangen: Der bulgarische Stirnbandknipser Petar Aleksandrov traf vier Mal im Wankdorf, drei Mal in den letzten 25 Minuten. Und weil Aarau auch gegen Sion und Lugano nicht patzte, stemmten sie den Kübel in die Höhe, während bei YB der Zerfall einsetzte. Zwei Jahre später war man Stammgast in der Abstiegsrunde.

 

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UEFA-Cup 1993

Der Meistertitel war weg, und die siegreichen Aarauer wurden in der Champions-League-Qualifikation auch noch mit der AC Milan belohnt. Auch YB bekam einen renommierten Gegner zugelost: Celtic Glasgow reiste in der ersten Runde nach Bern und kam nicht über ein 0:0 hinaus. Im Rückspiel hielt der BSC sehr gut dagegen, wenngleich die Schotten mehrheitlich im Angriff waren. Im Abschluss offenbarte Celtic jedoch grosse Schwächen, und das Aus im drohenden Elfmeterschiessen war vorprogrammiert, ehe Alain Baumann in der 105. Minute eine Hereingabe von Nicholas im eigenen Tor versenkte. Die Angst der Berner vor dem Erfolg bekam neue Nahrung.

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Abstiegsrunde 1999

1997 war YB erstmals seit 50 Jahren in die NLB abgestiegen. Der Betriebsunfall wurde nur ein Jahr später wieder korrigiert, doch 1999 musste YB unter Trainer Claude Ryf schon wieder in die Abstiegsrunde. In der Achterpoule musste lediglich der 4. Platz erreicht werden, angesichts der bescheidenen Vertreter aus der NLB – Delémont, Yverdon, Carouge und Wil – nicht mehr als eine Pflichtübung. Doch YB brachte das Kunststück fertig, sowohl gegen Delémont wie auch gegen Yverdon je zweimal zu verlieren und ihnen den Aufstieg zu schenken. Damit stürzte YB nicht nur sich selber, sondern auch Sion ins Unterhaus, während sich die Schatzmeister der NLA tierisch aufregten, weil die beiden Neulinge alles andere als Publikumsmagnete waren.

 

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UEFA-Cup 2003

YB war wieder da. Erstmals seit zehn Jahren durfte man sich wieder mal europäisch messen. «Europa, wir kommen!», hallte der Schlachtruf aus der Hauptstadt. Der Gegner in der ersten Qualifikationsrunde wurde nach Beobachtung in tiefer Bescheidenheit als «machbar» eingestuft: Die finnischen Amateure von Myllykosken Pallo –47, besser bekannt als MyPa, konnten jedenfalls nicht mehr sein als ein Zwischenstopp für die Berner auf ihrem Weg, Europa das Fürchten zu lehren. Unter dem neuen Trainer Bidu Zaugg schien die Mannschaft indes noch nicht richtig in die Gänge zu kommen. Das Hinspiel im hohen Norden ging überraschend mit 2:3 verloren, ein Ausrutscher, der jedem mal passieren kann, den man aber problemlos noch korrigieren kann. Falsch gedacht: Das Spiel, das nach Basel verlegt worden war, wurde zur grossen Peinlichkeit. Trotz Chapuisat, Leandro, Sermeter und Joël Magnin reichten die zwei erzielten Tore nicht zum Weiterkommen, denn vier Minuten vor Ende traf der eingewechselte Tero Teipale zum 2:2. Damit war erstmals ein Schweizer Klub im Europacup an einem finnischen Team gescheitert.

 

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Cupfinal 2006

Unter Gernot Rohr durften sich die Berner endlich wieder zu den Spitzenteams zählen. Zwar stand man in der Meisterschaft im Schatten des packenden Zweikampfs zwischen dem FCZ und dem FCB, aber immerhin im Cup gelang der grosse Coup, als man die Zürcher auswärts mit 4:1 besiegte. Wieder einmal erreichte man das Endspiel, einmal mehr gings dann gegen den FC Sion. Nie standen die Chancen besser auf einen Titel, denn Sion spielte in jener Saison in der Challenge Lea­gue und kämpfte verzweifelt um den Aufstieg. Konnte da noch was schiefgehen im Stade de Suisse? Stapi Tschäppät reservierte jedenfalls schon mal den Balkon des Bundeshauses für die Siegeszeremonie. Er hatte den Berner Hang zum Scheitern unterschätzt: Zwar bringt Varela die Berner in Führung, doch nach einer halben Stunde fliegt Gohouri für eine Notbremse an Paolo Vogt vom Platz. Danach passt bei YB gar nichts mehr. Obradovic gleicht in der 55. Minute aus, und schon vor dem Elfmeterschiessen wissen alle: Es wird auch diesmal nichts werden. Bei João Paulo flattern die Nerven, der Ball knallt an die Latte, und als Regazzoni auch den fünften Sittener Penalty verwandelt, sind die Walliser der erste unterklassige Cupsieger.

 

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Meisterschaft 2008

Nach verhaltenem Start schafften es die Young Boys dank eines entfesselten Hakan Yakin, der am Ende 24 Tore und 14 Assists auf dem Konto hatte, stets im Gleichschritt mit Leader Basel zu marschieren. Doch kaum standen sie nach 33 von 36 Spielen das erste Mal ganz oben, begannen die Knie zu schlottern. Schon eine Runde später war der Vorteil wieder verspielt, weil YB das Heimspiel gegen das achtplatzierte Xamax unverständlicherweise mit 1:3 verloren hatte. Am letzten Spieltag hätte es für Trainer Andermatt einen Sieg im Joggeli gebraucht, doch die Berner vermochten den FCB nie in Gefahr zu bringen, und nach 25 Minuten war nach Toren von Stocker und Streller einmal mehr schon wieder alles verspielt.

 

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Cupfinal 2009

«Wer sich der Geschichte nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen», schrieb einst der US-amerikanische Philosoph Santayana. Das Gedächtnis der Berner schien einige Lücken aufzuweisen, denn wie 18 Jahre zuvor verspielten sie wieder gegen Sion auf geradezu infame Weise einen 2:0-Vorsprung. Sion steckte mitten im Abstiegskampf, während sich YB Platz 2 sicherte. Und gespielt wurde im heimischen Wankdorf. Dank einem Elfmeter von Yapi und schon wieder einem Eigentor führten die Berner hochverdient und sicher mit 2:0, ehe der Anschlusstreffer durch Obradovic das Nervenkostüm der Berner auf eine Probe stellte, der es einmal mehr nicht standhalten konnte. Sarni glich aus, und weil sich Portillo in der 88. Minute gegen Guilherme Afonso besonders ungeschickt anstellte, versetzte dieser YB den Todesstoss und bescherte seinem Team den 11. Cupsieg.

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Europa League 2009

Nach der Enttäuschung im Cupfinale blieb den Young Boys zumindest die neu geschaffene UEFA Europa League. In der Qualifikation wurde ihnen Athletic Bilbao zugelost. Nach dem sensationellen 1:0-Auswärtssieg war endlich wieder mal ein Sieg über einen Grossen in Griffnähe. Voller Selbstvertrauen bedrängten die Berner im Rückspiel das Tor der Basken, die sichtlich Probleme mit dem Kunstrasen hatten, pausenlos. Doch nahezu jeder Berner sündigte mindestens einmal in guter Position. Doumbia, Yapi, Regazzoni, Schneuwly – sie alle versagten aus nächster Nähe. Bei Spielschluss wies die Statistik gerade mal zwei Torschüsse von Bilbao aus, allerdings fanden diese von Llorente und Munain ihr Ziel, während Frimpongs 1:2 nicht genug war: ausgeschieden nach der Auswärtstorregel, trotz  erdrückender Dominanz.

 

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Meisterschaft 2010

«YB wird nicht eher Meister, als dass die Unabsteigbaren aus Aarau absteigen», pflegte man sich in Bern nach all den vermasselten Chancen zu sagen. Und in der Saison 2009/10 musste diese Prophezeiung doch wirklich eintreten. Aarau war abgeschlagen Letzter, YB hingegen spielte fabelhaften Fussball und hatte zwischenzeitlich 13 Punkte Vorsprung auf die Konkurrenz. Am 3. Spieltag setzten sie sich an die Tabellenspitze, und dort blieben sie auch, bis zwei Runden vor Schluss. Dann kassierte der designierte Meister eine 1:5-Klatsche in Luzern und brauchte deshalb am letzten Spieltag vor heimischem Publikum einen Sieg gegen den FC Basel. Obwohl Trainer Petkovic stets versuchte, Siegessicherheit auszustrahlen, schienen nicht mal mehr die Spieler noch an einen Erfolg zu glauben, so gehemmt traten sie auf. Stocker vor und Chipperfield nach der Pause trafen zum zweiten 0:2 in der zweiten Finalissima gegen Basel. Dass damit zum x-ten Mal ein Coup verpasst wurde, beschäftigte Marco Wölfli indes gar nicht so sehr. Nach dem Spiel gab er zu Protokoll: «Was mich mehr aufregt, ist, dass aus Sicherheitsgründen schon vor dem Anpfiff festgelegt wurde, auf welcher Seite wir spielen und die Platzwahl ausgelassen wurde.» Denn beim Münzwurf hätte man sicher eher gewonnen.

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Cup 2011 – 2014

Mit der Meisterschaft wird es immer schwieriger, jetzt wo der FC Basel der gesamten Konkurrenz mit immer grösseren Schritten enteilt. Aber im Cup, da hat ein Super-League-Klub den Platz im Viertelfinal quasi auf sicher, wenn er sich nicht sehr ungeschickt anstellt. Und von da aus sind es ja nur noch drei Siege bis zum Titel. Aber hier denken wir schon einen Schritt zu weit. Ab der Saison 2011/12 brachte es Gelb-Schwarz nämlich vier Mal in Folge das Kunststück fertig, nicht als Cup-Teilnehmer zu überwintern. Die Pokalträume wurden allesamt auf unterklassigem Terrain begraben. Ein Achtelfinal auf der Schützenwiese im Penaltyschiessen zu verlieren (2011), ja, das kann jedem mal passieren. Im Jahr darauf sah es schon etwas peinlicher aus. Man lag auf dem Wiler Bergholz schon nach 27 Minuten mit 0:3 hinten, bis Costenzo, Schneuwly und Co. zu einer beeindruckenden Aufholjagd ansetzten. Farnerud rettete YB in der vierten Nachspielminute in die Verlängerung – eine Ausgangslage, die selbstverständlich wieder verspielt wurde. Im November 2013 ging YB mit 1:4 bei Le Mont aus der Promotion League unter, worauf sich Uli Forte über die Qualität des Platzes beschwerte («Dieses Spiel war irregulär»). Derselbe Trainer gedachte dann in der kommenden Saison, die 2. Hauptrunde mit einem Reserve-Team zu überstehen. Allerdings erwies sich der SC Buochs aus der 2. Liga interregional dafür aber als zu übermächtig. Immerhin: Im aktuellen Cup-Bewerb scheiterte YB zwar wieder – immerhin aber am grossen FCZ und erst im Frühling.

 

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