Als die Premier League auf Tele Züri lief

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Who cares?

Roman Kilchsperger moderiert neu die Champions League auf Teleclub. In ZWÖLF #41 erinnerten wir uns an eine kurze Episode aus dem Jahr 1997, als er auf Roger Schawinskis Tele Züri plötzlich die Premier League in heimische Stuben brachte. Natürlich hochprofessionell.

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Text: Marc Gieriet
Illustration: Andreas Spörri

Beide sind sie clevere Erfinder des vielleicht schon Erfundenen: Die Engländer reklamieren für sich, das Mutterland des Fussballs zu sein. Dabei wurde im alten China vor mehr als 3000 Jahren Ts’uh-chüh gespielt – das nicht von ungefähr fast wie Tschutt-Schueh klingt. Roger Schawinski hingegen glaubte zum Ende des vergangenen Jahrtausends, als Erster die Strahlkraft des englischen Fussballs zu erkennen. Prompt übertrug sein Sender Tele Züri in der Saison 1997/98 rund ein Dutzend Spiele der Premier League live. Eine Episode in vier Schritten.

Nömber One.

Mit Eingebung hatte der Entscheid wenig zu tun. Vielmehr damit, dass Roger Schawinski ein mit Euphorie gesegneter Mensch ist. Er mag Sieger. Vor allem solche, die sich nach oben gearbeitet haben – wie er. Ein solcher Sieger war 1997 auch Christian Gross. Wenn die Erwähnung «Polizistensohn aus Zürich-Höngg» für einmal nicht deplatziert wäre, dann hier. Doch lassen wir das. Christian Gross also hatte mit den Grasshoppers erreicht, was es damals im hiesigen Fussball zu erreichen gab: zwei Meistertitel, einen Cupsieg und – erstmalig für die Schweiz – das Vordringen in die Gruppenphase der Champions League. Im Hardturm (ehemaliges Fussballstadion in Zürich) herrschte Champagnerlaune.

Und Schawinski wollte nicht nur mitnippen, sondern so richtig die Korken knallen lassen. Als Gross nach der Hinrunde zum abstiegsgefährdeten Tottenham wechselte, war das für GC zwar ein Verlust. Fussball-Zürich aber sonnte sich nun noch ein bisschen mehr im Glamour. Schawinski, der Pionier und SRG-Kritiker, sah seine Chance gekommen. Dass er kaum Erfahrung mit der Übertragung von Live-Fussball auf seinem Lokalsender aufwies, liess ihn kalt: «Who cares?»

Es war nicht die Belle Epoque des Schweizer Fussballs und auch das Medienangebot weit vom heutigen Rundum-Service entfernt. Sehen wir mittlerweile jeden missglückten Fallrückzieher von Derdiyok und jeden unnötigen Sprint von Emeghara live und in Echtzeit auf unzähligen Kanälen, so herrschte damals mittlere Finsternis – mit Ausnahme von Chapuisats Toren, die es in «ran» zu bewundern gab.

In diesem Umfeld glich es einer Sensation, dass der Zürcher Chrigel Gross ein Angebot aus der Premier League erhalten hatte. Seine erste Medienkonferenz in London, dieses Lehrstück missratener Verwendung von Symbolik und Metaphern, übertrug Tele Züri bereits live. Und während sich die englischen Journalisten über die seltsame Sprache dieses ihnen unbekannten Mannes wunderten und nur U-Bahnhof verstanden, war einer in Gedanken schon einen Schritt weiter…

Nömber Two.

Einst hatte Roger Schawinski beim jüdischen FC Hakoah in Zürich gespielt – am rechten Flügel oder «noch lieber als Mittelstürmer». Immer schon ging er gerne dorthin, wo die Tore erzielt werden. Auch wenn es manchmal wehtat. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Nun also, 17 Jahre nach seinem Abstecher in die Premier League, möchte ZWÖLF mit ihm über dieses Abenteuer sprechen. Doch der Anpfiff geht nahtlos in den Schlusspfiff über. Schawinski hat keine Zeit. Denn er kämpft wieder einmal an allen Fronten. Neben seinem Radio für Erwachsene (Radio 1) hat er jetzt auch noch einen Sender für die Kids (Radio 105) am Hals. Dazu empfängt er jeden Montag auf SRF1 in seiner eigenen TV-Talkshow Gäste. Und nebenher hat er eine Autobiografie geschrieben.

Unter dem Titel «Wer bin ich?» verspricht Schawinski «neue Einblicke in mein Leben und Denken». Doch ausgerechnet zum Thema Live-Fussball hält er den Ball erstaunlich flach. Dabei hätte die Episode mit Tele Züri und der Premier League das Zeug zu einem grossen Kapitel. Denn Jahre nachdem er von Italien aus die Schweizer Radioszene erobert hatte, trug der Pirat wieder die Augenklappe.

Peter Canale, der ewige technische Leiter bei Tele Züri, erinnert sich: «Es war ein Mittwochabend, als Roger zu mir ins Büro stürmte und in anderthalb Sätzen mitteilte, dass wir am nächsten Samstag Tottenham gegen Chelsea zeigen würden.» Canale, diese fleischgewordene Mixtur aus technischem Genie und italienischem Taschenspieler, schluckte kurz, bevor er sich der Euphorie seines Chefs ergab.

Schawinski hatte den Deal direkt mit dem deutschen Medienmogul Leo Kirch eingefädelt. «Für solche Geschäfte», so Canale, «hatten wir ein Spezialkonto mit dem Vermerk ‹Fast Payments›.» An die Kosten wollen oder können sich die Verantwortlichen heute nicht mehr erinnern.

Klar ist: Es war ein Klacks im Vergleich zu den Unsummen, die sich heute mit dem englischen Fussball umsetzen lassen. Während Tele Züri lächerliche 150’000 Franken bei einer Lizenzverletzung hätte entrichten müssen, haben B-Sky-B und BT-Sport soeben über 3 Milliarden Pfund für drei Saisons Live-Fussball hingeblättert. Damals indes konnte sich Roger Schawinski noch zu einer verblüffenden Aussage im «Sport» versteigen: «Die Premier League ist für uns eine ideale Nische.»

Leo Kirch gab diesem «Nischenprodukt» seinen Segen und erlaubte den Zürchern, das Signal seines Pay-TV-Senders zu nutzen. Doch die TV-Konkurrenz in Deutschland bekam Wind davon, noch bevor Christian Gross seinen Spind an der White Hart Lane fertig eingerichtet hatte. Es folgte ein Aufstand, was Schawinski jedoch wenig kümmerte. Im «Blick» gab er sich siegessicher: «Ich bin der Meinung, dass wir faktisch das Recht haben, das Spiel vom Samstag zu zeigen. Wenn jemand Einspruch erhebt, werden wir fighten – wie gewohnt.» Da war er wieder, der Pirat!

Nömber Three.

Selbstverständlich wurde gesendet. Obwohl Kirch kalte Füsse bekam und Tele Züri den Code verweigerte, der das TV-Signal brauchbar gemacht hätte. Aber Canale wusste Rat. Er besorgte sich in Deutschland einen Decoder inklusive gewöhnlichen Premiere-Abos. Und es zahlte sich aus, dass Canale einst selbst für Kirch gearbeitet hatte. Ein Anruf genügte, und ein ehemaliger Kollege lenkte «aus Versehen» das internationale Tonsignal auf den Satellitenempfänger von Tele Züri.

Einer der Live-Kommentatoren hiess Roman Kilchsperger. Mit Experten wie Erich Vogel oder Rolf Fringer, dem Gross-Nachfolger bei GC, kommentierte er die Spiele. «Wir sassen auf Gartenstühlen und haben drauflosgeplaudert.» Die Leidenschaft stand über der Professionalität. So holte sich Kilchsperger die Aufstellungen, jeweils bei Sportkollegen per Telefon. «Die Engländer hätten uns wohl noch Geld dafür gegeben, damit ihr Fussball nicht auf diese Weise in die Zürcher Stuben gelangt wäre…»

Galt für finanzielle Angelegenheiten bei Tele Züri stets das Gebot grösstmöglicher Diskretion, so fand das Kapitel Quoten und Marktanteile erst recht im Tal des Schweigens statt. Gerüchten zufolge hätten die Zuschauer der Premier-League-Premiere am 6. Dezember 1997 jedoch problemlos im alten Hardturm Platz gefunden. Immerhin kamen die Fans auf ihre Kosten. Nicht weniger als sieben Tore durften sie bestaunen, darunter Ramon Vegas 1:1 für Tottenham und Roberto Di Matteos 1:2. Zuletzt hiess es 1:6 – ein Debakel für Chrigel Gross.

Nömber Four.

Darauf holte Gross Jürgen Klinsmann aus Italien zurück, schaffte den Ligaerhalt und wurde bald «Swiss Army Coach» genannt. Nach insgesamt 27 Spielen musst er aber doch die Trainerbank räumen. Auch Kilchsperger sass zu diesem Zeitpunkt nicht mehr auf seinem Gartenstuhl. Bei Tele Züri waren die Premier-League-Lichter längst erloschen.

Schawinski hatte den umstrittenen und von Anfang an befristeten Vertrag nicht verlängert. Er war schon wieder einen Schritt weiter: Nun kämpfte der Pionier um die Sendeerlaubnis für sein nationales Projekt Tele24, den späteren GC-Sponsor. Gut möglich, dass er dieses neueste Abenteuer nicht durch ein heikles Geschäft mit Fussball von der Insel gefährden wollte. Auch wenn der dort erfunden worden sein soll… 

Dieser Text erschien erstmals in ZWÖLF #41, der Ausgabe vom März 2014. 

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