Neue Ziele für YB

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Die Wahrheit schmerzt

YB will sich künftig nicht mehr mit dem FC Basel messen. Der Entscheid und dessen direkte Kommunikation tun weh. Vernünftig ist er alleweil.

Ein Kommentar von Silvan Kämpfen

Sein erstes Interview als YB-Verwaltungsrat gab Urs Siegenthaler mit der Muttenzerkurve im Hintergrund. In breitem Baseldeutsch erklärte er, dass er nur vier Mal pro Jahr in Bern sei und dass es «natürlich völlig unrealistisch» gewesen sei, den FC Basel angreifen zu wollen. Eine skurrile Szenerie und ein Schlag ins Gesicht für jeden YB-Anhänger. Kein Fan will so jemanden in seinem Verein haben. Die Wut, ja der Hass, all die «Hou ab!»-Plakate, sie waren mehr als verständlich. Der YB-Beirat forderte die sofortige Absetzung Siegenthalers, der nicht mehr tragbar sei. Der DFB-Scout kommt dem zuvor und tritt zurück.

So verständlich der Unmut über Siegenthalers Person ist, so verständlich ist aber eben auch der neuerliche Strategie-Wechsel des BSC YB.

Der selbst proklamierte Angriff auf Basel war und ist nichts anderes als herausgeschmissenes Geld.

Regelmässig hat sich die Berner Führungsetage in den letzten Jahren mit Kampfansagen an den FCB hervorgetan. Und es gab auch Zeiten, da war man sehr nah dran. Die Finalissimas von 2008 und 2010 sind noch jedem präsent. Sie verblenden aber auch die Wahrheit über den Rückstand, welchen YB seitdem jeweils am Saisonende auf den Klub vom Rheinknie aufwies: 16 Punkte, 23 Punkte, 29 Punkte, 13 Punkte, 12 Punkte, 14 Punkte. Das sind Welten. Aus dem YB-Umfeld hiess es bis zuletzt, man befinde sich auf einem guten Weg. Das mag für die Grundstimmung in und um den Verein zutreffen, für die Identifikation mit dieser wirklich tollen Mannschaft – zusammengesetzt aus erfahrenen, starken Persönlichkeiten wie Guillaume Hoarau und einem unvergleichlichen Reservoir an Talenten. Die bittere, nüchterne Wahrheit lautet jedoch: Der selbst proklamierte Angriff auf Basel war und ist nichts anderes als herausgeschmissenes Geld.

Denn auch wenn YB den bisherigen Weg konsequent weiterginge und auch wenn der FC Basel nun einmal eine Schwächephase einziehen würde: Es ist in absehbarer Zeit schlicht nicht möglich, während einer gesamten Saison mit Rotblau mitzuhalten. Zu gross ist die finanzielle Kluft in den letzten Jahren geworden. Das liegt primär nicht daran, dass man beim FCB – wie immer wieder hervorgehoben wird – «gute Arbeit geleistet» wird und im Rest der Liga angeblich nicht. Grund ist viel eher der alljährliche Geldsegen der UEFA – seit der letzten Finalissima spielte der FCB fünf Mal in der Champions League –, der letztlich dazu führt, dass Basel immer weiter davonzieht und national eigentlich gar nichts mehr falsch machen kann. Ebenso unrealistisch wie Meister zu werden, ist es für Gelb-Schwarz, an die Honigtöpfe der Champions League heranzukommen. Erst recht nach der neuerlichen Reform der UEFA. Und so hätten die Rihs-Brüder immer weiter Millionen in den Klub hineingepumpt, ohne dass dabei jemals ein nennenswerter Ertrag herausgeschaut hätte.

Warum aber kommt diese Erkenntnis, diese Kapitulation der Investoren erst jetzt? Wahrscheinlich hat die beiden Unternehmer und Velo-Fans einfach nie jemand richtig aufgeklärt über die Aussichtslosigkeit ihres Vorhabens. Die YB-Angestellten – von den teuren Spielern über den Sportchef bis zum Trainer – haben ja auch keinerlei Interesse daran, an ihrem eigenen Ast zu sägen. Ihre Jobs sind letztlich davon abhängig, dass die Rihs-Brüder weiter investieren – im Irrglauben, dass irgendwann auch wieder etwas reinkommt. Wahrscheinlich hat man sie immer wieder vertröstet. Zur optimistischen Saisonvorschau wies man auf die letzte Rückrunde hin, wo YB mit dem bereits davongezogenen FCB auf Augenhöhe spielte. Und man sprach wohl auch wieder von der Chance zur Champions-League-Qualifikation. Das Ergebnis: 9 Punkte Rückstand nach 7 Runden und zwei klare Niederlagen gegen Mönchengladbach.

Nur weil Siegenthaler Basler ist, hat er eben nicht weniger Recht, wenn er den Rihs-Brüdern dieselbe schmerzhafte Botschaft verkündet wie am Dienstag im SRF: vergesst den Meistertitel, vergesst die Champions League.

Vermutlich trauten die Investoren den anhaltenden Erfolgsversprechen nicht mehr. Sie holten mit Urs Siegenthaler einen externen Berater an Bord, der zwar im menschlichen und kommunikativen Bereich erhebliche Defizite aufzuweisen scheint – auch wir von ZWÖLF haben mit ihm unsere Erfahrungen gemacht –, aber dessen Fussballsachverstand kaum von der Hand zu weisen ist. Nur weil Siegenthaler Basler ist, hat er eben nicht weniger Recht, wenn er den Rihs-Brüdern dieselbe schmerzhafte Botschaft verkündet wie am Dienstag bei SRF: vergesst den Meistertitel, vergesst die Champions League.

Natürlich ist dieser grosse Einschnitt aus Fansicht überhaupt nicht verständlich. Man will ja schliesslich etwas gewinnen oder zumindest davon träumen dürfen. Darum geht es im Fussball. Und für die Attraktivität der Liga ist das Zurückbuchstabieren der Berner erst recht eine Katastrophe. Vielleicht hätte YB den Kurswechsel auch nicht so offensiv kommunizieren sollen. Aus Investorensicht aber macht er Sinn. Die Kosten des hochdotierten Kaders stehen letztlich in keinem Verhältnis zum Ertrag, und das wird auch nie der Fall sein. Natürlich gibt es da Präsidenten – Ancillo Canepa oder Christian Constantin zum Beispiel –, denen dies weniger zu denken gäbe. Sie sind auch mehr Fans als Investoren. Die emotionale Komponente steht bei ihnen zuoberst, auch wenn dies seinen Preis hat. Die Rihs-Brüder dagegen dürften sich stärker von rationalen Argumenten leiten lassen und von der Frage, ob die Rechnung am Ende aufgeht.

Das tut sie bei weitem nicht, und so gesehen hat der Entscheid, den FCB einfach ziehen zu lassen, eben seine Logik. Ebenso Sinn macht es, weiter auf den Nachwuchs zu bauen. YB hat die besten Junioren des Landes und baut mit Abstand die meisten Jungen in die erste Mannschaft ein. Es kommt nicht von ungefähr, dass die grössten Talente nach Bern wechseln. Das garantiert auch für die Zukunft valable Transfereinnahmen. Sportlich muss YB in dieser Liga auch mit einem substanziell kleineren Budget den Anspruch haben, die Europacup-Plätze zu belegen und vielleicht auch einmal den Cup zu gewinnen. Am Ende der Saison beträgt der Rückstand auf den FCB dann nicht mehr 14 Punkte, sondern 25. Aber so drauf an kommt das ja eigentlich nicht mehr. Diese Wahrheit schmerzt auch den neutralen Fussballfan.

 

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