Markus Neumayr

«Ich kam mir vor wie ein geprügelter Hund»

Mit 16 wechselte Markus Neumayr als Wunderkind zu Manchester United. Seine anschliessende Talfahrt endete in der Schweiz. Heute ist er einer der Hauptverantwortlichen dafür, dass der FC Vaduz so gut ist wie noch nie.

Erschienen in ZWÖLF #48 (März/April 2015)

Interview: Mämä Sykora und Silvan Kämpfen / Bilder: Frosan Akbarzada

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Markus, gleich mal vornweg: Stimmt es eigentlich, dass Piqué der Götti deiner Tochter ist?
Das ist richtig. Ich spielte mit ihm im Nachwuchs von Manchester United und er war mein WG-Kumpane da. Durch ihn habe ich auch meine Frau, eine Baslerin, kennengelernt, als ich ihn mal in Barcelona besucht habe. Piqué organisierte da eine Bootsfahrt, wo eine Modelagentur eine Abschlussreise machte. Leider sehen wir uns heute nicht mehr so oft wie wir gerne würden.

Du hast auch einen zweijährigen Sohn. Angenommen, er entwickelt ähnliches Talent und Manchester United unterbreitet auch ihm mit 16 Jahren ein Angebot wie dir damals. Wie wirst du reagieren?
Tatsächlich ist er bereits extrem begeistert vom Ball. Er versucht stets, den mit der Sohle zu führen wie er das bei mir oft sieht. Dabei kriegt er das Bein kaum so hoch! Aber ich würde ihn mit Sicherheit nicht nach England schicken. Er sollte versuchen, sich näher an der Heimat weiterzuentwickeln. Ich hätte das damals bei Eintracht Frankfurt gekonnt, der Wechsel auf die Insel war in meinem Fall eher kontraproduktiv. Im Nachhinein ist man immer schlauer. Wahrscheinlich würde ich es aber nochmals so machen. Die Erfahrungen bei der United kann mir niemand nehmen. Ich durfte für den Verein spielen, von dem ich Fan war.

Es ist ungewöhnlich für Deutsche, für einen englischen Verein zu schwärmen.
Mein Vater war 1860-Anhänger, mir hingegen hat die Spielweise der Bayern mehr zugesagt. Auch zur Eintracht sind wir oft gefahren. In Deutschland kriegt man Fussball als Junge viel näher mit als hierzulande. Man wird sozusagen hineingeboren. Je älter ich wurde, desto mehr schwenkte meine Faszination ins Ausland. Vor allem eben zu den Red Devils. Jeden Montag blieb ich trotz Verbot meiner Eltern lange auf, um die Sendung «La Ola» auf DSF zu schauen, wo man wenigstens die Tore von van Nistelrooy, Beckham und Giggs sehen konnte.

Wie hast du reagiert, als die Anfrage von Manchester United kam?
Ich fiel aus allen Wolken. Ich hatte zuvor schon Angebote von Schalke und Bayern, aber ein Wechsel stand nie zur Debatte. Auch Chelsea klopfte an. Bei der United war mir aber sofort klar, dass ich das machen will.

Besteht bei solchem Interesse nicht die Gefahr, dass man als junger Spieler abhebt?
Ich war immer sehr bodenständig, aber doch eben auch verunsichert. Als so junger Mensch kann man sich selber kaum richtig einordnen. Klar merkte ich, dass ich bei Frankfurt zu den Besseren gehörte. Ich spielte in den Nachwuchsnationalmannschaften. Doch erst viel später lernte ich, die eigenen Stärken und Leistungen richtig einschätzen zu können.

In Manchester gab es keinen, der dir dabei hätte helfen können?
United ist ein grosser Verein. Da nimmt sich keiner Zeit, deine Leistungen zu analysieren und dir weiterzuhelfen. Das war für mich sehr schwierig. Wenn ich das Gefühl hatte, gut gespielt zu haben, war ich im Hoch; wenn ich mit meiner Darbietung nicht zufrieden war, war ich am Boden zerstört. Das ist nicht gesund für einen Jugendlichen. Piqué und Giuseppe Rossi hatten oft ihre Eltern zu Besuch. Das hat ihnen sehr geholfen, diese goldene Mitte zu finden. Ich hingegen war oft alleine, was zu diesen Auf und Abs führte. Diese zogen sich durch meine ganze Karriere weiter.

Viele englische Klubs holen junge Talente aus der ganzen Welt. Was hältst du davon?
United-Scout Peter Brown sagte mir einst: «Wenn es von zehn nur einer schafft, dann ist das viel.» Versucht wird es dennoch überall. Die Leidtragenden sind die Spieler, die daran kaputt gehen. Jedem, der jung zu einem englischen Topklub wechselt, wird eine Weltkarriere vorhergesagt. Von meinen damaligen Teamkollegen wurden zwei zu Stars, die meisten anderen haben die Schuhe längst an den Nagel gehängt, weil der Druck auch bei späteren Stationen zu gross war. Wenn du von Manchester United kommst, erwartet jeder einen Ronaldo. Kannst du nicht überzeugen, guckt jeder auf dich, als wärst du nicht mal den Dreck unter deinen Fingernägeln wert. Ich habe das am eigenen Leib erlebt. Plötzlich bist du bei Rot-Weiss Essen in der 4. Liga und es heisst immer noch: «Der Scheiss-Neumayr hat bei Manchester United gespielt und kann keinen geraden Ball spielen.» Wenn du das an dich ranlässt, kommst du in Teufels Küche.

Aber auch jene, die es ganz nach oben schaffen, haben es nicht einfach. Du hast mal gesagt, du wärst ein durchgeknallter Typ geworden, wärst du länger in diesem Konstrukt geblieben.
Wenn dir das Grounding durch Familie und Freunde fehlt und es immer nur aufwärts geht, dann verlierst du irgendwann den Bezug zur Realität und wirst ein vollkommenes Arschloch.

Also alle Topstars sind Arschlöcher?
Nicht alle, aber viele. Ihnen wird die längste Zeit alles abgenommen, sie haben nichts mehr zu tun, müssen für nichts bezahlen und verdienen Millionen. Und die Fans himmeln sie an. Das ist geradezu surreal! Da ist es nicht einmal Unmenschlich, dass einer die Bodenhaftung verliert und sich für etwas Besseres hält. Dementsprechend ist der Umgang mit den Mitmenschen. Das darf eigentlich nicht passieren. Denn Fussballer bist du nur für eine gewisse Zeit. Mensch bist du fürs ganze Leben. Ich bin froh, diese Erfahrungen gemacht zu haben, die mich heute prägen. Dadurch kann ich meinen Kindern einiges mitgeben und meinem Sohn – sofern er mal eine Fussballkarriere anstrebt – ein gesunder Background sein.

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