Kahlschlag bei der FIFA

FIFA MEETING

18.03.2016; Zuerich; Football FIFA - Executive Committee meeting; The President of the FIFA Gianni Infantino (SUI) speaks at the FIFA Executive Committee meeting in Zurich (Urs Lindt/freshfocus)

Infantino und die Giesskanne

Während die Nationalteams die Plätze für Russland 2018 ausspielen und gegen Ex-Funktionäre ein Prozess läuft, hält Gianni Infantino sein Versprechen: Er überschüttet die Verbände mit Geld. Das treibt die FIFA selber in Finanzsorgen – und wichtige Projekte ans Ende. Ein Einschätzung aus ZWÖLF #61.

Text: Mämä Sykora und Silvan Kämpfen
Bild: Freshfocus

Kennen Sie das unmoralische Brettspiel Junta? Da übernehmen die Spieler gemeinsam die Führung der hochgradig korrupten Republica de las Bananas. Am Anfang jeder Runde verteilt der Präsident die Entwicklungsgelder unter den Kabinettsmitgliedern, danach wird abgestimmt. Sind alle einflussreichen Minister ausreichend mit Geld versorgt worden, wird der Vorschlag des Präsidenten angenommen. Andernfalls kommt es zum Putsch.

Unter ähnlichen Voraussetzungen ist Gianni Infantino FIFA-Präsident geworden. Inhaltlich bestand sein Programm aus Plattitüden. Er versprach den Mitgliederverbänden, also seinen potenziellen Wählern, vor allem eines: mehr Geld, viel mehr Geld. Gleich das Vierfache dessen, was sie bisher bekamen. Selbstverständlich wurde er gewählt, mit deutlicher Mehrheit.

Der Franzose Jérôme Champagne etwa, der als Einziger ein Programm zum Wohl des Fussballs präsentiert und das Ungleichgewicht zwischen den Klubs angeprangert hatte, erhielt bloss 7 von 207 Stimmen. Doch die FIFA-Präsidentenwahl gleicht einer Versteigerung. Wer am meisten bietet, triumphiert. Darum gewann Infantino die Wahl. Aber jetzt hat der Italo-Walliser ein Problem: Ihm geht das Geld aus.

Es ist beileibe nicht so, dass Wahlversprechen – weder im Fussball noch in der Politik – immer eingehalten werden. Wenn das einzige Versprechen aber «Mehr Geld für alle» heisst, steht man unter genauer Beobachtung. Der unterlegene Champagne wies im Anschluss an den Kongress darauf hin, dass der FIFA bald finanzielle Engpässe drohen werden, auch weil zwei wichtige Hauptsponsoren abgesprungen sind. Darauf angesprochen, meinte Infantino lediglich: «Ich habe eine gewisse Erfahrung und werde dem FIFA-Finanzchef Inputs geben können. Ich mache mir keine weiteren Gedanken dazu.»

Entwicklungshilfe exponentiell

Die Cashcow Weltmeisterschaft, die besonders einträgliche in Brasilien im Speziellen, hat der FIFA ein stolzes Polster verschafft. Unter Infantino schmilzt dieses indes rasant. Jeder Landesverband erhält nun statt jährlich 250’000 Dollar neu 5 Millionen in einem 4-Jahres-Zyklus. Das ist sehr viel für die Salomoninseln oder Gambia, nur ein Klacks allerdings für Deutschland oder England. Diese profitieren nun hingegen von einer drei Mal höheren Abstellgebühr für jene Spieler, die an der WM teilnehmen.

Wiederum sehr erfreut zeigten sich die kleineren Verbände von den nun deutlich erhöhten Möglichkeiten, Gelder aus dem FIFA-Entwicklungsprogramm zu beanspruchen. Im ersten Jahr von Infantinos Amtszeit verdreifachten sich die Ausgaben für den Bereich «Development & Education» auf 430 Millionen Dollar. Mit einem solchen Ausbau der Zuwendungen hat er bei den kleinen Verbänden gute Aussichten auf eine Wiederwahl.

Auch die höheren Angestellten – und von denen gibt es unter Infantino immer mehr – dürfen sich über neuen Geldfluss freuen. Das Exekutivkomitee wurde abgeschafft, neu gibt es den FIFA-Rat, und jedes der 37 Mitglieder kassiert stolze 300’000 Dollar jährlich. Eine Aufstockung um die Hälfte gilt bereits als beschlossen, das entsprechende Traktandum wurde am letzten FIFA-Kongress kommentarlos gestrichen, wohl weil die Absetzung der Führung der Ethikkommission schon für zu viel Wirbel gesorgt hatte. Wenn alle so viel bekommen, will natürlich auch der Chef nicht hintenanstehen. Er kommt auf rund 2 Millionen Franken jährlich.

Man braucht kein Finanzgenie zu sein, um zu erkennen, dass es so nicht weitergehen kann.

Während die FIFA in den Jahren zuvor stets einen Gewinn verbuchte, gab es in Infantinos erstem Amtsjahr einen Verlust von 391 Millionen Dollar. Gleichzeitig schrumpften die Reserven um über einen Viertel. Man braucht kein Finanzgenie zu sein, um zu erkennen, dass es so nicht weitergehen kann. Seine Hoffnungen, dass er in drei Jahren nicht plötzlich auf einem leeren Tresor sitzt, setzt Infantino in die Einnahmen aus der WM.

Doch offenbar bahnt sich in Russland ein Fiasko an. Die grosse Menge an ausländischen Gästen werde ausbleiben, vor allem im VIP-Bereich würden viel zu wenige Packages abgesetzt, heisst es aus gut informierten Kreisen. Dazu gerät die Akquise von Premiumsponsoren ins Stottern. Die Deals mit Qatar Airways und der chinesischen Wanda-Gruppe seien noch von Sepp Blatter in die Wege geleitet worden, heisst es. Infantino ist es noch nicht gelungen, weitere zahlungskräftige Partner an Land zu ziehen.

Mega-WM als Rettungsanker

Der 47-Jährige sieht aus dem drohenden Finanzloch nur einen Ausweg. Es ist jenes Konzept, das er aus seiner Zeit als UEFA-Generalsekretär bestens kennt: das Premiumprodukt aufblähen. Die Rechnung ist schliesslich einfach: mehr Teilnehmer, mehr Spiele, mehr Geld. 600 Millionen Dollar Mehreinnahmen verspricht sich die FIFA von der WM mit 48 Teilnehmern, die er gegen den Widerstand der Europäer durchboxte. Eine Einschätzung, die ehemalige Marketingleute des Weltverbands nicht teilen. Ihnen zufolge verliert die WM damit an Exklusivität, was es schwieriger mache, Sponsoren zu finden. Zudem seien die Teams, die sich mit dem neuen Format qualifizieren werden – zum Beispiel Venezuela oder Honduras –, nicht eben Zugpferde.

Ganz abgesehen davon ist ein Turnier mit 50 Prozent mehr Teilnehmern auch deutlich teurer. Einen Teil der benötigten Gelder, um seine Versprechen zu erfüllen, wird Infantino zwar auf jeden Fall einspielen. Doch eben längst nicht alles. Also beginnt er zu sparen – und zwar dort, wo es ihm persönlich am wenigsten wehtut.

Was keine Rendite oder zumindest einen politischen Vorteil verspricht, steht bei Infantino auf der Abschussliste.

Die FIFA hat zwar stets viel Geld gescheffelt, aber – das muss man ihr zugutehalten – stets auch eine Verantwortung wahrgenommen, die damit einhergeht. Sie war und ist mehr als nur die WM. Sie fördert den Fussball, wo immer es geht. Immer mehr Frauen üben den Sport aus, in armen Ländern erhält der Nachwuchs eine Perspektive, und in Zürich profitiert der Breitenfussball von schönen Plätzen.

Hunderte solche gemeinnützigen Projekte unterstützte die FIFA in den vergangenen Jahren ganz im Sinne ihres Vereinszwecks. Einige wird es aber bald nicht mehr geben oder wurden schon gestoppt. Unter Infantino hat die UEFA-Philosophie Einzug gehalten: Was keine Rendite oder zumindest einen politischen Vorteil verspricht, steht bei ihm auf der Abschussliste.

Da ist – oder besser war – die Abteilung von FIFA-Chefmediziner Jiří Dvořák. 22 Jahre lang leitete der Arzt aus Zürich weltweit Projekte zur Förderung der Prävention und zum Kampf gegen AIDS, Ebola oder Malaria. Zweifelsohne vorbildliche Projekte, nur eben kosten sie und bringen keine Stimmen. Dvořák musste im letzten November ohne Angabe von Gründen seinen Posten räumen. Das «11 for Health»-Projekt mit der Unterstützung von Cristiano Ronaldo und Neymar wurde umgehend gestoppt. «Die einzige Erklärung, die ich dafür habe, ist, dass ich Sepp Blatter nahestand, der sich für die Entwicklung der Medizin im Fussball einsetzte», sagte Dvořák gegenüber der BBC.

Auch der Frauenfussball erlebte ein kleines Erdbeben. Tatjana Haenni, Präsidentin der FC Zürich Frauen und FIFA-Direktorin für Frauenfussball, wurde nach 18 Dienstjahren im Februar dieses Jahres überraschend freigestellt und durch eine Nachfolgerin mit bescheidenen Qualifikationen ersetzt. Mit ihr musste auch Frauenfussball-Entwicklungsmanagerin Mayi Cruz Blanco ihren Posten räumen. Projekte, welche die Kubanerin betreut hatte – darunter Fussballcamps für Mädchen weltweit, die Trainerausbildung sowie die Unterstützung der Landesverbände –, wurden auf Eis gelegt. Den Aufschrei der Frauenfussball-Gemeinde konterte die FIFA mit dem Hinweis, diese Aktivitäten würden im neuen FIFA-Forward-Programm fortgeführt. Davon sei allerdings, berichten Insider, noch nicht viel zu sehen.

Die Krux mit der Kontrolle

Das Forward-Programm bildet die Nachfolge des früheren Goal-Programms, nur stehen nun deutlich mehr Mittel zur Ausschüttung bereit. Es ist ja durchaus begrüssenswert, dass viele der Millionen aus dem WM-Topf in strukturschwache Regionen fliessen. Ein grosser Kritikpunkt dieser Entwicklungsprojekte war stets, dass der Fluss der Gelder zu wenig überwacht worden ist. Bezahlte Trainingsgelände in Anguilla wurden gar nie fertig gebaut, die finanzierte Meisterschaft in Montserrat fand nicht statt, und in Gabun dauerte ein Tribünenbau neun Jahre.

Beim letzten FIFA-Kongress versprach Infantino: «Die neue FIFA ist eine Demokratie, keine Diktatur, eine weltumspannende Organisation, keine Schweizer Organisation, keine Organisation, die Geld verschwendet.» In seinem vor schön klingenden Worthülsen nur so strotzenden, aber gänzlich unkonkreten «FIFA 2.0»-Papier garantiert er «mehr Investitionen und bessere Kontrollen bei der Mittelvergabe». Vor allem das letzte Versprechen zu halten, dürfte nicht ganz einfach werden.

Bis anhin mussten sich die Verbände mit Projekten um Fördergelder bewerben, Infantino verteilt sie mit der Giesskanne. Ob benötigt oder nicht, neu ist ein Teil der jährlichen Zahlungen für Spielfelder oder Wettbewerbe vorgesehen. Darüber hinaus bekommen die Kontinentalverbände mit 40 Millionen neu das Doppelte, um Vorhaben in ihrer Region zu unterstützen. Und wenn bei einem Verband danach immer noch die Mittel knapp sind, kann dieser eine zusätzliche Million beantragen. An Bedingungen geknüpft sind nur die 500’000, die jedes FIFA-Mitglied für die Betriebskosten garnieren kann. 100’000 gibt es als Sockelbetrag, für jedes aufgeführte Kriterium 50’000 mehr.

Ein Generalsekretär oder ein Technischer Direktor ist schnell eingestellt, eine Liga gibt es ohnehin praktisch schon überall, kniffliger wird es bei der Frauenfussballförderung oder der Schiedsrichterausbildung. Ein FIFA-Kenner räumt ein, dass die Kontrolle sehr schwierig sei: «Dann wird halt einfach ein Kurs für Schiedsrichterinnen angesetzt, und schon ist ein weiteres Kriterien erfüllt, auch wenn da zwanzig Männer und nur fünf Frauen auftauchen.»

Der gesamte Development-Staff Afrikas wurde gefeuert.

Der massiv ausgebaute Development-Bereich war das wohl wichtigste Wahlinstrument von Infantino. Weder die Landesverbände noch Infantino selber hätten ein grosses Interesse daran, den Geldfluss genau zu überwachen, so der FIFA-Experte weiter. Diese These stützt auch Infantinos Kahlschlag in Afrika Ende letzten Jahres: Vier FIFA-Niederlassungen wurden geschlossen und der gesamte Development-Staff des Kontinents gefeuert. Exakt jene Angestellten also, die den Fluss der Gelder und den Fortschritt der finanzierten Projekte überwachen sollten. Das Risiko, dass die Beiträge versickern oder nicht dort landen, wo sie sollten, steigt dadurch an, bestätigt einer unserer Gesprächspartner. Nun sind zwei neue Büros für die Development-Projekte verantwortlich. Sie entstehen in Südafrika und Senegal. Südafrika ist die Heimat von Tokyo Sexwale, der sich vor der Präsidentschaftswahl zugunsten von Infantino zurückzog; aus Senegal kommt die neue Generalsekretärin Fatma Samoura.

Auf Anfrage von ZWÖLF nach den Gründen für die Büroschliessungen lässt der Weltverband ausrichten: «Die FIFA ist zurzeit daran, die regionalen Niederlassungen zu umstrukturieren. Ziel davon ist, das Angebot und den Austausch mit den Landesverbänden zu verbessern.» Eine Meldung, wonach Gianni Infantino nach dem Besuch eines Kongresses Äthiopien ein neues Büro für 300 Millionen Dollar versprach – also mehr, als das Hauptgebäude auf dem Zürichberg gekostet hat –, wollte die FIFA «nicht bestätigen.»

Es ist ein verwirrendes Spiel von Infantino. Hier gibt er das Geld mit vollen Händen aus, dort setzt er eisern Sparmassnahmen durch. Einige davon sorgen für viel Rummel, der Effekt hingegen ist bescheiden. Andere dienen eher Publicityzwecken, wie die stolze Ankündigung, dass bei Kongressen fortan nicht mehr im Zürcher Baur au Lac residiert werde.

Anders liegt der Fall beim FIFA-Museum, einer Herzensangelegenheit von Sepp Blatter. Infantino liess keine Gelegenheit aus, um gegen das teure «Home of Football History» in Zürich-Enge zu schiessen. Erst musste der Direktor gehen, dann wurde die Hälfte der Stellen gestrichen und eine Sonderausstellung abgebrochen. Damit spart die FIFA zwar einiges, doch hier geht es für einmal wohl nicht nur ums Geld, sondern auch um Infantinos Kampf gegen alles, was irgendwie mit Blatter zusammenhängt.

Gesucht: fügsames Personal

Ein guter Draht zu Infantinos Vorgänger ist keine gute Voraussetzung in diesen Zeiten. «Die Drehtür der FIFA ist überfüllt mit Angestellten, bei denen man nicht weiss, ob sie rein- oder rausgehen», umschrieb es der Blog Insideworldfootball.com. Bemerkenswert sei das Tempo, mit dem Infantino eine Vielzahl von Mitgliedern des Topmanagements durch eigene Leute ersetze.

Nach Angaben von Generalsekretärin Fatma Samoura haben allein im Jahr 2016 81 Personen die FIFA verlassen. Das ist immerhin ein Fünftel der gesamten Belegschaft. Geld spart die FIFA damit freilich nicht. In der gleichen Zeit wurden über 100 Mitarbeiter rekrutiert. Und zwar solche, die nach Infantinos Pfeife tanzen. Viele gelten als fügsame Personen von fachlich eher zweifelhaftem Ruf.

Das Beben ist noch längst nicht vorüber. Eine Kultur der Angst herrscht am Zürichberg. Selbst hochrangige Funktionäre müssen jederzeit mit ihrer Entlassung rechnen, wenn sie Infantino in die Quere kommen. Für grosses Aufsehen sorgte die Ausbootung der Ethikkommissionäre Hans-Joachim Eckert und Cornel Borbély am letzten FIFA-Kongress. Auch sie traf es aus heiterem Himmel. «Das wirft die Reformen um Jahre zurück», so Borbély.

100 laufende Untersuchungen könnten nun nicht fortgeführt werden – auch Infantino selber stand im Fokus von Ermittlungen. Am selben Kongress musste auch der Governance-Vorsitzende Miguel Maduro den Hut nehmen. Er hatte es gewagt, den russischen Verbandspräsidenten Vitali Mutko wegen Interessenkonflikten aus dem FIFA-Rat zu verbannen.

Widerstand aus den Reihen der Delegierten gibt es selbst bei solch einschneidenden Massnahmen kaum. Einzig DFB-Präsident Reinhard Grindel bezog an der Sitzung für die Geschassten Partei und bezeichnete die Absetzung als «unklug und falsch». Hören wollte das niemand. Mit 97 Prozent der Stimmen wurden die Entscheide bestätigt. Auch der SFV gab seinen Segen. Solange die Verbände von den grossen Zuwendungen profitieren, murrt niemand. Infantino wird weiterhin ungehindert unliebsame Personen und Projekte abschiessen und auf «Reformen» und «Umstrukturierungen» verweisen können.

Das geht so lange gut, bis die Geldreserven zur Neige gehen. Macht er so weiter, wird das eher früher als später der Fall sein. Das hindert den Chef freilich nicht daran, weiterhin vollmundige Versprechen abzugeben. Die WM in Russland werde den Rekordgewinn pulverisieren, in der kommenden Dekade sollen eine Milliarde Menschen neu zu Fussballfans werden, und es werde – natürlich – noch viel mehr Geld ausgeschüttet. Geld für alle. Woher diese Menschen und Millionen kommen sollen, dazu schweigt Infantino. Ein FIFA-naher Beobachter formuliert es so: «Infantino sitzt in einer selbst gebauten Falle.» Und je länger, je mehr Leute fragen sich, wie er da wieder rauskommen will.

Dieser Text erschien erstmals in ZWÖLF #61, der Ausgabe vom Juli 2017. 

abowerbung

Schon gelesen?