Jacky Fatton

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Der bessere Tausendfüsser

Sein Dopingmittel war der Schlaf, beim Nati-Debüt wurde er belächelt: Dann wurde die Servette-Ikone Jacques «Jacky» Fatton gegen Brasilien zum Helden. Ein Artikel aus ZWÖLF #64.

Illustration: Zoran Lucić

Illustration: Zoran Lucić

Text: Silvan Kämpfen

Auch früher war das Erinnerungsvermögen der Fussballer nicht das genauste. «Ich traf den Ball volley, und zwar richtig schlecht. Er rollte nur aufs Tor zu. Wollte der Goalie eine Show für die Fotografen oder das Publikum abziehen? Seine Hechtrolle war so langsam wie unnötig. Als er landete, lag der Ball schon im Tor.» So erzählte Jacques «Jacky» Fatton sein zweites Tor an der WM 1950 gegen Gastgeber Brasilien nach.

In Tat und Wahrheit hatte er Schlussmann Barbosa einfach mit einem strammen Schuss bezwungen. Aber der Schweizer Torgarant der 40er- bis 60er-Jahre war nie ein Mann der grossen Worte. Obschon er danach für immer als Held von São Paulo in Erinnerung blieb. Fatton glich in der 88. Minute zum zweiten Mal aus, nachdem er schon in der ersten Halbzeit den Ball in seiner ureigenen Manier über die Linie gestochert hatte. Die Schweiz bot WM-Gastgeber Brasilien Paroli – dank Fatton.

Die Seleção war der haushohe Favorit im bisher einzigen Pflichtländerspiel zwischen den beiden Nationen. Aber die Schweizer zogen ihren berüchtigten Abwehrriegel auf. «Die Brasilianer begriffen überhaupt nichts mehr», erinnerte sich Fatton. Karl Rappan hatte ihnen das Defensivsystem beigebracht, wo die Aussenläufer bei gegnerischem Ballbesitz in die Verteidigung zurückeilten. Mit dieser Überzahl brachten die Schweizer die gegnerischen Angriffsreihen wiederholt zum Verzweifeln.

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Rappan hatte die Leitung der Nationalmannschaft zuvor abgegeben, er konzentrierte sich auf seine Aufgabe bei Servette. Dort coachte er ebendiesen Jacky Fatton, den treffsichersten Schweizer Stürmer aller Zeiten, bis zum heutigen Tag die Grenat-Legende schlechthin. Trotz des Defensivspezis an der Linie war Servette damals vor allem für seine Offensive berüchtigt. «Tourbillon servettien» hiess das Quintett um Pasteur, Tamini, Facchinetti, Belli und eben Fatton, welches Ende der 40er-Jahre die gegnerischen Abwehrreihen gehörig durcheinanderbrachte. Und Fatton am linken Flügel war trotz seiner 1,66 Meter der Grösste.

Flucht in die Schweiz

Als der langjährige Servettien Matías Vitkieviez im August 2011 gegen YB traf, widmete er sein Tor Jacky Fatton. Die Servette-Ikone war kurz zuvor 85-jährig verstorben. Vier Mal war er mit den Genfern Meister geworden, einmal Cupsieger und drei Mal Torschützenkönig. Seinem Klub hielt er nach der Karriere als Beobachter die Treue. Die Spiele besuchte er bis ans Lebensende regelmässig. Sowohl beim Abschied der Charmilles als auch bei der Eröffnung des Stade de Genève stand er Pate.

Man kann ob der Konzeptlosigkeit des Servette FC im letzten Jahrzehnt den Kopf schütteln. Eines haben die Grenats aber stets verstanden: Wer eine solch ruhmreiche Geschichte hat wie dieser Klub (manche sind es in der Schweiz nicht), tut gut daran, die daran Beteiligten nicht zu vergessen. Nicht nur als Fussballer prägte Fatton die Stadt am Lac Léman, auch nach seinem Rücktritt blieb er eine feste Grösse. Mit seiner zweiten Frau Pierrette eröffnete er die Brasserie Monopole an der Rue Chantepoulet 11. Ein grosses Bistro im Stile der alten Bahnhofbuffets, ein Treffpunkt der Genfer, die noch Jahrzehnte später zu «Jacky» gingen, um von ihrem früheren Idol eine Stange serviert zu bekommen.

Dabei war Fatton eigentlich ein Fremder. Der gebürtige Franzose mit Jahrgang 1925 erlernte den Fussball in der Alpenregion Isère, wo, so steht es in seiner Biografie, der «Fussball etwa so unbekannt war wie der Twist auf dem Mars». Später zog die Familie in die Doubs-Region ennet des Jura. Der 14-jährige Fatton begann in der Peugeot-Fabrik zu arbeiten und erhoffte sich dadurch den Sprung in die erste Mannschaft des FC Sochaux, wo der Schweizer Trello Abegglen grosse Erfolge feiern durfte. Doch dann setzten dunkle Jahre über Europa ein. Die Deutschen besetzten die französischen Grenzgebiete.

Beim Mittagstisch erinnerten sich die Fattons an ihren Schweizer Grossvater und einen Onkel, der in Genf lebte. Vater und Sohn entschlossen sich zur Flucht. Als sie die Grenzzäune des gelobten Lands erblickten, rannten sie so schnell in die Freiheit, dass «sie selbst Jesse Owens nicht eingeholt hätte». Eine Woche später stand Jacky Fatton schon auf dem Parc des Sports des Charmilles mit den Junioren des Servette FC. Bei einem Metzger fand er Arbeit als Kurier, später heuerte er beim Roten Kreuz an. Die Mutter kam später aus Frankreich nach.

Zigarretten, Kaugummis, Kirschsteine

Karl Rappan entdeckt den nicht unbedingt trickreichen, aber mit einem präzisen Schuss ausgestatteten Linksfuss am Blue-Stars-Turnier in Zürich. Bei Servette wird er im März 1944 zum ersten Mal an ein Spiel der ersten Mannschaft mitgenommen – auswärts zu den Young Boys. Im Zug ruft Trainer Fernand Jaccard den 18-Jährigen ins Abteil und eröffnet ihm, dass er spielen wird. Es ist das erste von 365 Ligaspielen für Servette. Das erste Tor erzielt er zwei Wochen später gegen die Young Fellows. Es folgen 272 weitere – ein Schweizer Ligarekord, der wohl bis in alle Zeiten ungebrochen bleiben wird.

Fattons Qualitäten waren, abgesehen von seinem angeborenen Torinstinkt, nicht sofort für alle ersichtlich. Als er 1946 seine ersten Schritte in der Nationalmannschaft machte, fragte ein Journalist Trainer Rappan, was er denn für einen Narren am Genfer Flügel gefressen habe: «Das Einzige, was der mitbringt, ist sein linker Fuss.» Das möge ja sein, entgegnete der Österreicher, «aber mit seinem linken Fuss bringt er mehr zustande als ein Tausendfüssler mit all seinen Füssen zusammen.»

Der Ungar Péter Pázmándy, eine weitere Servette-Legende, spielte als Junger mit Fatton zusammen und erinnerte sich nach dessen Tod im Jahr 2011 in der «Tribune de Genève»: «Jacky war ein echter Torjäger. Mit links machte er, was er wollte. Die gegnerischen Teams hatten Angst vor ihm, setzten Wachhunde auf ihn an, aber das hielt ihn von nichts ab.»

Fatton war explosiv, auf den ersten Metern sehr schnell. Und er spedierte die Bälle ins Tor. Bei ihm zählte nicht die Entstehung, sondern das Ergebnis: Mal traf er aus dem Gewühl, mal flog er akrobatisch durch die Luft, mal donnerte er das Leder mit unvergleichlicher Wucht ins Netz.

In seiner 1963 – kurz vor Karriereende – vom welschen Sportautor Gérald Piaget herausgegebenen Biografie verriet er die Geheimnisse hinter diesen sportlichen Höhenflügen. Er achte darauf, nur vier bis fünf Zigaretten am Tag zu rauchen. Trinken tue er nur zum Essen. Um sich dazwischen vor dem Durst zu retten, setzt er während der Spiele auf Kaugummis. Ausserhalb der Trainings lutschte er ständig an einem Kirschstein herum. «Ich trage immer einen in der Hosentasche – auch dann, wenn die Kirschen gerade nicht Saison haben.»

Rezept: ein zehnstündiges Nickerchen

Vor allem aber legte Jacky Fatton viel Wert auf seine Ruhe. Der Schlaf war sein grösstes Dopingmittel. «Er macht 80 Prozent der Form eines Athleten aus», bekräftigt er. Um sich selber gut zu fühlen, müsse er mindestens zehn Stunden pro Tag mit einem tiefen Nickerchen zubringen. Er verwies auf den Hochspringer Valeriy Brumel. Der Russe habe einst 48 Stunden im Liegestuhl gelegen, bevor er mit einem Satz den Weltrekord knackte. Nebenbei hielt sich Fatton mit weiteren Sportarten oder ähnlichen Aktivitäten munter: Tennis, Minigolf, Karten, Boule. Nach der Karriere nahm er gar an der Bowling-EM 1969 teil.

Angesichts seiner Präferenzen für Müssiggang ist es kein Wunder, dass Fatton in seiner zweiten Servette-Zeit ab 1957 unter dem neuen Trainer Jean Snella zu Hochform auflief. Der französische Übungsleiter achtete so sehr auf Details, wie es als Nächstes auf der Charmilles wohl erst Lucien Favre wieder tat. Die Erholung der Spieler genoss dabei höchste Priorität. Snella sorgte deshalb dafür, dass die Garderobe mit Liegestühlen ausgestattet wurde. Zudem schaffte er Bademäntel an, damit auch ja keiner seiner Schützlinge auf dem Weg von der Dusche in die Kabine eine Erkältung einfing.

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Er konnte es eben nicht nur länger, sondern auch besser. (RDB)

Fatton spielte inzwischen unter Halbprofi-Status. Servette trainierte bereits damals fünf Mal pro Woche. Es sollte sich auszahlen. Anfang der 60er-Jahre begeisterten die Grenats selbst die sonst so biederen Calvin-Städter. Die Charmilles war ein Ort, wo sich tout Genève traf. Der Zuschauerschnitt kratzte Saison für Saison die 10’000er-Marke. 1961 wurde Snellas Elf Meister, 1962 verteidigte sie den Titel und zog im Europapokal der Landesmeister bis in den Achtelfinal ein. Allein in dieser Saison schoss der nun bereits 36-jährige Fatton, dessen Haarfarbe vollends in Grau übergegangen war, 25 Tore.

Trotz seiner Rekorde lag Fatton nicht viel an Statistik. Gerade deshalb sei ihm das Skoren so leichtgefallen, befand Jean Snella. «Wenn er aufs Tor schiesst, hat man das Gefühl, er denke dabei an die Arbeit seiner Teamkollegen, die ihm den Ball gebracht haben. Deshalb trifft er auch», sagte der Trainer 1961 in der «Tribune de Genève».

«Au Chili, au Chili», skandierten die Leute in der Charmilles beim Saisonabschluss gegen GC. Ihr Team hatte 7:0 gewonnen, Fatton doppelt getroffen. Sie wollten ihren Starspieler noch einmal an einer WM sehen. Doch Karl Rappan schenkte ihnen nicht richtig Gehör. Fatton reiste zwar mit nach Chile, jedoch bloss als Trainingssparringspartner und Zuschauer. Seine Nationalmannschaftskarriere war zu diesem Zeitpunkt schon längst zu Ende.

Nach dem Exploit an der WM 1950 lief Jacky Fatton auch an der Heim-WM 1954 für die Schweiz auf. Er stand bei der unvergesslichen Hitzeschlacht gegen Österreich auf dem Platz. Nach einer Viertelstunde führte die Schweiz mit 3:0, unterlag schliesslich aber mit 5:7. In seinem Buch offenbart Fatton auch noch die Anekdote von Captain Roger Bocquet: Dieser war nach einem Zusammenstoss vor der Pause offenbar derart von der Rolle, dass er das Ausgleichstor der Österreicher vor der Pause nicht mitbekommen und in der Kabine noch immer von einer Führung fabuliert hatte.

Ein noch nie gesehener Fallrückzieher

Mit 29 Toren in 53 Länderspielen ist Jacky Fatton einer der wenigen Schweizer, die eine Torquote von über 50 Prozent erreichten. Einer seiner Treffer – bei einem Freundschaftsspiel im Basler Landhof gegen die Niederlande – hat der bekannte Autor Urs Widmer im Buch «Der blaue Siphon» verewigt: «Ich sass, etwa acht Jahre alt, hinter dem Tor – ein Privileg der Kinder – und drehte mich immer wieder nach meinem Papa um, der von den begeisterten Zuschauern fast erdrückt auf den Stehplätzen stand und auch begeistert war, denn wir gewannen in einem wilden Spielrausch, und Jacky Fatton schoss das letzte Tor, von der Cornerflagge aus, mit einem Fallrückzieher, wie ich seither nie mehr einen Fallrückzieher gesehen habe.» Bereits 1955 folgte Fattons letzter Auftritt in Rot-Weiss, als er sich bei einem Freundschaftsspiel gegen Spanien verletzt auswechseln lassen musste.

Zu dieser Zeit war Fatton einer der wenigen Schweizer Profi-Fussballer. Er stand in Diensten von Olympique Lyonnais, wohin er im Sommer 1954 gewechselt war und wo er drei Saisons blieb. Zum grossen Unbill Karl Rappans, der ihn nach Marseille vermitteln wollte.

Angebote aus dem Ausland flatterten schon in den Anfängen seiner Karriere rein. 1947 etwa klopften Milan, Genoa und Sochaux an. Doch der SFV drohte ihm: Sollte er das Land verlassen, würde er für zwei Jahre gesperrt. Erst viel später gab der Verband den Weg ins Ausland frei. In Lyon lernte er seine zweite Frau kennen. Jeden Tag legte er auf dem Weg zu seinem Stammlokal einen Zwischenhalt für einen Schwatz im Schneidergeschäft ein, in dem Pierrette arbeitete. So ging das damals.

Fatton war gesellig, aber nicht geschwätzig. Er war kein Lautsprecher, keiner, der sich von sich aus hervortat. Neben dem Platz sei er eher scheu gewesen, sagte Péter Pázmándy nach Fattons Tod. Biograf Piaget formulierte es so: «Fatton fühlte sich im Kampf auf dem Rasen wohler als in einer plaudernden Runde.» Seine Bescheidenheit und Demut wurde ihm hoch angerechnet.

Der Gentleman des Balls

«Glückskette»-Gründer Jack Rollan schrieb ihm einst einen Brief: «Wenn der Schiedsrichter einen Fehlentscheid fällt, heben Sie nicht die Arme. Sie übergeben den Ball Ihrem Gegenspieler und nehmen die fünf Meter Abstand, damit dieser den Freistoss ausführen kann. Worum es auch immer geht, ob zum Saisonstart der Schweizer Meisterschaft oder im Viertelfinal der Weltmeisterschaft: Sie bleiben ein Gentleman des Balls. Wäre ich Bildungsdirektor, ich würde in allen Schulen Ihr Porträt aufhängen lassen, damit die Kinder im Sportunterricht lernen, was es heisst, ‹à la Fatton› zu spielen.»

Fatton war einer der grössten Schweizer Stürmer, die Zahlen sprechen für sich. Dennoch überstrahlt ein Spiel alles, das hat auch er später immer wieder betont. Das 2:2 gegen Brasilien war – bis zum Sieg über Spanien in Südafrika – die grösste Parforceleistung der Schweizer Nati. Jetzt bietet sich die nächste Gelegenheit. Vielleicht greift Vladimir Petkovic zum Videostudium ja nach einer 68-jährigen Aufnahme und führt sie vor, die Tore des Jacky Fatton.

 

Jacques Fatton

* 19. Dezember 1925 in Exincourt (F), † 26. Juli 2011 in Genf

1942-1954  Servette FC  160/186
1954-1957  Olympique Lyonnais  99/42
1957-1963  Servette FC  118/92

Länderspiele

1946-1955  Schweiz  53/29

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