Hallenmasters

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Winterhilfe statt Budenzauber

«Hallenfussball ist tot», verkündete Uli Hoeness 1997. Im selben Jahr führte die Nationalliga in der Schweiz die erste offizielle Hallenfussballmeisterschaft durch.

Text: Wolf Röcken (erschienen in ZWÖLF #17)

Sein Urteil war vernichtend. «Die paar Leichenmähler, die ich in meinem Leben besuchen musste, waren unterhaltender als dieser Anlass», lästerte 1995 der Berner Jungunternehmer Martin Blaser. Beim Anlass, dem er jegliches Unterhaltungspotenzial absprach, handelte es sich um ein Hallenfussball-Turnier im Hallenstadion – einem trockenen und mitunter verbittert geführten Wettbewerb. Das enttäuschende Erlebnis war Initialzündung für eine neue Schweizer Meisterschaft. Denn, so sagte sich Blaser, Hallenfussball, das könnte durchaus funktionieren, nur eben anders.

Bei den Vereinen kam die Idee für professionellen Hallenkick an. An der GV im September 1995 sprachen sich die NLA- und NLB-Teams mit 21:3 Stimmen für eine offizielle Hallenmeisterschaft ab 1997 aus. Nur die Tessiner Klubs stimmten dagegen. Und so startete nach einem Testlauf 1996 ein Jahr später die erste offizielle Schweizer Wintermeisterschaft. Gespielt wurde an acht Spieltagen in der Kreuzbleichehalle St. Gallen, im Zürcher Hallenstadion, in der Allmend-Festhalle Luzern und in der Eishalle Neuenburg. Dann kam es zum Finalturnier in Basel. Das Budget der Premiere betrug 3 Millionen Franken. Was die Begeisterung der Vereine ein wenig erklärt: Die Firma Sportart von Martin Blaser zahlte der Nationalliga für die Rechte an der Hallenmeisterschaft jährlich eine Million Franken. Die Zusammenarbeit sollte vorerst vier Jahre laufen.

 

Erich Vogel: «Zauberei ist gefragt»

Der Zeitpunkt für ein Kick-off des Hallenzaubers in der Schweiz allerdings irritierte. In Deutschland war Hallenfussball 1997 nach einem Hype bereits wieder tot, wie Uli Hoeness festhielt. Noch ein Jahr zuvor hatten «kicker» und die «Sport-Bild» Sondernummern produziert, 1997 wars noch eine Seite. Auch in der Schweiz setzte OK-Präsident Blaser auf die Medien und vereinbarte eine Zusammenarbeit mit dem «Blick» und dem Schweizer Fernsehen. Der «Blick» produzierte fortan Sonderbeilagen und berichtete ausführlich, das Fernsehen zeigte von den Kunstrasen-Spielen mehr als heute von den Partien der Super League.

«Wenn die Schweiz keine Hallenmeisterschaft will, liegt es nicht an den Organisatoren. Unser Projekt ist gut», hatte sich Blaser 1997 vor dem Turnier im «Sport» selbstbewusst abgesichert. Er hatte recht: Das Produkt war wirklich gut. An der Organisation, so tönte es überall, gab es nichts auszusetzen. In den Hallen wurde der teuerste Kunstrasen verlegt, es gab Showblocks und für die VIPs Cüpli und Lachs. Die Zuschauer konnten, wohl zum ersten Mal in ihrer Fan-Karriere, ihre Jacken vor dem Spiel an einer Garderobe abgeben.

Es allen recht zu machen, war allerdings schwierig, vor allem, was den sportlichen Stellenwert anbelangte: Erich Vogel wusste schon damals, wie es geht: «Zauberei ist gefragt.» Man müsse die Sache ernst nehmen, aber nicht zu ernst, urteilte der damalige Basel-Stürmer Adrian Knup. «Tierischer Ernst ist vollkommen fehl am Platz», meinte YB-Trainer Martin Trümpler. Und Knup legte noch mal nach: «Im Prinzip ist Hallenfussball einfach Intervalltraining.»

Der Budenzauber hatte seinen Reiz, zum Teil waren die Hallen ausverkauft. Aber war das Sport? Oder Unterhaltung? «Hallenfussball wird zwar inzwischen auch bei uns professionell vermarktet», anerkannte der «Tagi» nach dem Auftakt, doppelte dann aber nach: «Aber von den Spielern selber wird er nicht professionell betrieben – professionell hiesse, dass nicht der Sieg, sondern das Vergnügen des Publikums zuoberst stehen müsste.» Der «Bund» sah «zu viel Ehrgeiz». Nur Medienpartner «Blick» jubelte in grossen Lettern: «Brauchen wir in der Schweiz Hallenfussball? Die Antwort ist Ja. Ohne Wenn und Aber. Spannung, Spektakel, Stimmung – und 120 Tore!»

 

Mit der Winterhilfe in die Toskana

Bei den Trainern hielt sich die Begeisterung in Grenzen. Das Hallenmasters im Januar konkurrenzierte das Aufbautraining. «Die Turniere sind obligatorisch und fertig Schluss», redete sich der damalige YB-Trainer Claude Ryf um eine echte Wertung herum. Die Spieler seien für solche Belastungen eigentlich nicht geeignet, hielt Xamax-Trainer Gilbert Gress fest. Und Basel-Trainer Guy Mathez offenbarte: «Ich würde den Titel des Hallenmasters nicht gegen einen verletzten Spieler tauschen.» Doch Mitmachen war von der Nationalliga verordnete Pflicht, «sonst gibts ja Bussen», trotzte etwa Gilbert Gress. Immerhin: Für jedes Team gab es 50’000 Franken Startgage. 30’000 Franken lockten für die Sieger. Für die klammen Vereinskassen war das Hallenmasters die perfekte Winterhilfe. Beim FCZ sah es Sven Hotz vor dem Turnier 1998 offenbarend pragmatisch: «Die Mannschaft muss sich über die Hallenturniere das Trainingslager in der Toskana finanzieren.»

Der Bandenkick sollte mit grossen Namen glänzen, allenfalls mit ersten Auftritten von in der Winterpause neu verpflichteten Wunderspielern. Vertraglich waren die Klubs verpflichtet, mit allen Stars anzureisen. Verletzte mussten zumindest in der Halle sein. Die Vereine hatten Angst vor Bänderrissen. 1999 jedenfalls standen Türkyilmaz, Gren, Chassot, Bartlett, Vogel, Lehmann, Kögl, Rey, Comisetti, Haas, Hellinga und Rytschkow auf der sogenannten Verletztenliste. Kubi, dauertelefonierend auf der Tribüne, gab immerhin ein Fotosujet ab.

Auf Wunsch vor allem der Trainer strafften die Organisatoren 1998 das Programm. Einiges lief besser, es wurde «wachsender Spass» konstatiert, doch der Durchbruch war es nicht. «In einer bestimmten Form hat sich der Hallenfussball etabliert, er hat eine Chance», urteilte Martin Blaser. Der OK-Chef hatte vor dem Turnier aber auch festgehalten: «Ich wäre kalt genug, um aufzuhören, wenn der Erfolg ausbliebe.» Noch lief der Vertrag mit der Nationalliga zwei Jahre.

1999 lockte der Hallenkick bereits mit 732 000 Franken Preisgeld, für den Sieger gabs 82’000 Franken. Solche Zustüpfe konnten sich die Vereine nicht entgehen lassen. Es wurde taktisch gespielt. Der Wunsch nach Spektakel für die Fans war so schwer zu erfüllen.

«Der Mann von der Strasse entscheidet über Hallenfussball», sagte OK-Präsident Blaser 1999. Die Situation für diesen Mann von der Strasse umschrieb der «Sport» wenig schmeichelhaft: «Mehr als sieben Stunden an jedem Turniertag lassen dem geneigten Anhänger in den ungemütlichen Schalensitzen der Sporthallen schon mal die Füsse einschlafen.» Über das Vorrundenturnier in Zürich urteilte Blaser selbst: «Die Atmosphäre war tot.»

 

Nach dem Ärgernis kein Halle-luja

Der Nationalliga konnte man übermässiges Engagement für ihre eigene Hallenmeisterschaft nicht vorwerfen. 1999 setzten die Fussball-Oberen ausgerechnet am Finalwochenende eine Präsidentenkonferenz in Bern an. Basel-Präsident René C. Jäggi schlug vor, das Treffen nach Basel zu verlegen, damit die Präsidenten ihre Klubs im Einsatz sehen könnten. Er erhielt nicht einmal eine Antwort.

«Der Hallenfussball in der Schweiz lebt. Aber er ist sportlich fragwürdig und für viele ein Ärgernis», urteilte 1999 der «Blick», nun nicht mehr als Medienpartner. Das Blatt hatte sich zurückgezogen mit der Begründung, man wirke nicht kompetent, wenn man ausgedehnt über einen Anlass mit Party-Charakter berichte. Der «Blick» fragte: «Wann gibts endlich ein Halle-luja?»

Es blieb aus. Den Organisatoren sprangen die Sponsoren ab. Blaser selbst gab sich überzeugt, neue Geldgeber zu finden. Doch wollte er für diese Suche die Garantie der Nationalliga, den Vertrag vorzeitig über das Jahr 2000 zu verlängern. Ohne neue Sponsoren sei das Risiko bereits für ein Turnier 2000 zu gross. Die Zusicherung blieb aus, im September 1999 kam das Aus für die Hallenmeisterschaft. Die erste Austragung hatte laut den Organisatoren ein Defizit von 350’000 bis 450’000 Franken verursacht, gemunkelt wurde gar von 800’000 Franken. 1998 fehlten 250 000 Franken. 1999 gab es eine schwarze Null. Zu wenig zum Überleben.

So reichte es für drei Jahre Hallenmeisterschaft und drei Meistertitel, an die sich auch Hardcore-Fans kaum erinnern:
St. Gallen errang einen solchen Titel (1998), Lausanne deren zwei (1997 und 1999). Überlebt hat nur der Name «Hallenmasters». Ein Anlass mit diesem Namen findet weiterhin jeden Januar in Winterthur statt. Aus der Super League sind 2016 St.Gallen, Luzern und Vaduz dabei. Amüsanter als ein Leichenmahl ist es allemal. Von Meisterschaft aber redet niemand.

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