Grosse Pleiten

PA0000027

SCHLAMASSEL, SCHMACH, SCHANDE!

«Die Null muss stehen.» Huub Stevens’ Devise hat was. Blöd nur, wenn sich das eigene Team nicht daran hält. Ein Schützenfest epochaler Niederlagen. (aus ZWÖLF #45)

Von Silvan Lerch

Anzeigetafel-wil-sg-11-3Land unter

Alles scheint seine Richtigkeit zu haben im November 2002 auf dem Wiler Bergholz. Beim ersten NLA-Heimderby des Aufsteigers gegen den FC St. Gallen prangt nach 76 Minuten ein 0:3 auf der Anzeigetafel. Dazu passt, dass die Gästefans eine Welle nach der anderen lancieren. Freudenstimmung also bei den FCSG-Anhängern! Der Eindruck täuscht. Die Grün-Weissen üben sich vielmehr in Galgenhumor. In Tat und Wahrheit liegt ihre Mannschaft 3:10 zurück. Die Infrastruktur im Kleinstadion ist schlicht nicht vorbereitet auf einen Sieg des Heimteams in zweistelliger Höhe.

Dass dieser Mangel ausgerechnet gegen den Kantonsrivalen aufgedeckt wird, ist zu Beginn nicht zu erahnen. Schon nach drei Minuten führt der Favorit 1:0 – dank eines Jungspunds namens Tranquillo Barnetta. Dann indes brechen jegliche Dämme. Wie der Himmel öffnet auch der FCSG alle Schleusen und kassiert Tor um Tor: bis zur Pause sechs, bis zum bitteren Ende elf. Übungsleiter der Wiler Trefferorgie ist übrigens ein gewisser Heinz Peischl. Der wird nach der Vorrunde aufs Espenmoos wechseln, um den glücklosen Thomas Staub abzulösen. Jener diktierte nach der Klatsche SRF ins Mikrofon: «Wie geht es weiter mit St. Gallen, wie mit Ihnen [gemeint war der Reporter] und wie mit mir? Das interessiert mich sowieso nicht. Jetzt fahren wir erst einmal nachhause.» Der FCSG verkommt zur weltweiten Lachnummer. Deutsche Medien berichten genauso über das Debakel wie rumänische Zeitungen oder der Teletext von CNN. Ein 3:11 am 3.11. – ein in jeder Hinsicht denkwürdiges Ergebnis.

 

Jaeggi-Willy«Stängeli» im Doppelpack

Den St. Gallern sind freilich hohe Niederlagen nicht ganz unbekannt. 1997 verlieren sie bei GC 0:8, 1975 gegen YB 0:9 und während der Saison 1936/37 in Lausanne gar 2:15! Die Waadtländer stellen damals aber auch eine starke Truppe mit Trophäen aus Meisterschaft und Cup. 1935 bestreiten sie erstmals dessen Final. Der Zeitpunkt ist gut gewählt, findet die Partie doch auf der heimischen Pontaise statt. Gegner Nordstern Basel setzt auf modernen Fussball mit Abseitsfalle, die Gastgeber auf bewährte Kräfte um die Internationalen Frank Séchehaye im Tor und Willy Jäggi IV im Sturm. Der trickreiche Knipser tut seinem Ruf alle Ehre und erzielt fünf Treffer – so viele wie keiner vor oder nach ihm in einem Endspiel. Zuletzt heisst es 10:0.

Nur zwei Jahre später dringt Jäggi IV mit Lausanne wieder in den Cupfinal vor. Im Wankdorf gegen die Grasshoppers geht er allerdings leer aus und sein Verein gleich mit. Nun reiht der Gegner Tor an Tor, bis die Partie bei 0:10 endet. Und GC hätte noch weitaus höher gewinnen müssen! Immerhin: Erneut vergehen bloss zwei Jahre, und die Waadtländer stehen zum dritten Mal im Final – jetzt wieder gegen Nordstern. Beide Teams wollen sich für ihre Kanterniederlage rehabilitieren. Lausanne gelingt das Vorhaben halbwegs mit einem 2:0-Sieg. Jäggy IV kann indes nicht mehr mitfeiern. Schon während der Saison hat der 32-Jährige zur letzten Station seiner torreichen Karriere gewechselt: Ligakonkurrent Biel.

 

PA0000027

Komplett vergeigt

Technisch ungenügend, mental schwach, ohne Zweikampfstärke, unfähig zu einer Reaktion, kurz: «Keiner hat aus dem Loch gefunden.» Das Verdikt von GC-Trainer Alain Geiger lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig, die Leistung seiner Mannschaft dafür umso mehr. Dabei gelingt ihr gegen den FCB im September 2004 eine 100-prozentige Chancenauswertung: ein Schuss – ein Treffer. Bloss erzielt der Gegner im gleichen Spiel deren acht, vier allein durch Christian Giménez. Dazu trifft erstmals der viel geschmähte Neueinkauf vom Hardturm, Mladen Petrić. Ja selbst Jahrhundert-Fehleinkauf César Andrés Carignano kann sich unter die Torschützen reihen. Das sagt alles. Und so schickt der FC Basel die inferioren Grasshoppers mit einer 8:1-Packung nach Hause. Immerhin, ganz scheitert GC nicht. Als die Zürcher zur Pause 0:5 zurückliegen, «habe ich der Mannschaft gesagt, sie solle nicht zehn Tore kassieren», lässt Trainer Geiger wissen. Ziel erreicht!

 

sionfcbKochende Volksseele

Der FCB kann auch anders: «Warum braucht der Mensch immer sein persönliches ‹Pearl Harbor›, ehe er die Finger aus dem Arsch nimmt?» So drastisch die Wortwahl von René C. Jäggi im «Tages-Anzeiger» ausfällt, so verständlich ist sie. Der Präsident des FC Basel hat soeben die bitterste Stunde seiner Amtszeit durchlitten und an diesem 4. Juli 2001 nur noch eines getan: «die Birne mit Weisswein zugeschüttet». Davon gibt es reichlich im Tourbillon – genauso wie Tore, die fallen allerdings eher ungleich verteilt. Acht erzielt Sion, eines der FCB. Das Team von Christian Gross wird zu Meisterschaftsbeginn regelrecht vorgeführt. Es muss Julien Poueys einen Hattrick zugestehen – innerhalb von acht Minuten. Doch damit nicht genug: Als der Franzose seinem Mannschaftskameraden Samuel Ojong Platz macht, braucht der Eingewechselte ebenfalls bloss acht Minuten für seinen Hattrick.

Erschüttert orakelt die «Basler Zeitung»: «Diese jämmerliche Darbietung lässt nichts Gutes hoffen für alles, was noch kommen soll.» Die Volksseele am Rhein kocht. Klub-Donatoren fordern die sofortige Entlassung von Trainer Gross. Sogar Banker Marcel Ospel habe ihn aufgefordert, «endlich mit diesem Zürcher» abzufahren, erinnert sich Jäggi später im «Blick». Der Präsident widersetzt sich – und behält recht. Ende Saison holt der FCB das Double.

 

huegi

Meisterliche Pleite

1962 startet auch der FCZ katastrophal in die neue Saison. In Lausanne geht er 1:9 unter. Dabei gehören die Zürcher zu den Transfersiegern. Uwe Seelers «Fussballzwilling» Klaus Stürmer haben sie vom HSV geholt, Mittelstürmer Peter von Burg von GC und den dreifachen Schweizer Torschützenkönig Seppe Hügi vom FCB. Allein das «Goldfiessli» aus Basel steht für 244 Tore in 320 Meisterschaftspartien. Doch der Wunschspieler von Präsident Edi Naegeli kommt fernab des «Joggeli» nicht mehr auf Touren. Die hochsommerlichen Temperaturen auf der Pontaise setzen dem 32-Jährigen zu – genauso wie seinen Teamkollegen. Innerhalb von 23 Minuten kassiert der FCZ nicht weniger als sieben Treffer.

Nach dem Debakel läuft Hügi gerade noch einmal fürs Fanionteam auf, dann wird er in die Reserven degradiert. Derweil avanciert Klaus Stürmer zum besten Ausländer und von Burg zum treffsichersten Schützen der Liga. Von ihnen angeführt, erholt sich die Mannschaft, bleibt 24 Partien ungeschlagen und wird Schweizer Meister – vor Favorit Lausanne. Seppe Hügi dagegen verabschiedet sich im Sommer nach Porrentruy in die NLB.

 

Panini-BildliBaden gegangen

1:9 – einen solchen Offenbarungseid leistet sich der FCZ auch 1985, wieder in der Romandie, dieses Mal gegen Xamax. Zwei Jahre später ergeht es dem FC Basel an gleicher Stätte nicht besser. Doch die beiden Traditionsvereine können sich trösten. Sie sind längst nicht allein mit ihrer Schmach auf der Maladière. Gleich öfters sorgen die Neuenburger in jenen glorreichen Jahren für ungemütliche Heimfahrten des Gegners.

Bereits 1978 fegen sie den FC Sion mit 8:0 vom Platz. Trainer Erich Vogel nimmt das gresssche 4-3-3 vorweg und platziert Christian Gross im defensiven Mittelfeld. Sekundiert von laufwilligen Adlaten, kann es sich der Zürcher erlauben, seine Anstrengungen zu «dosieren» und so zwei Halbzeiten durchzustehen, wie das «Regionalblatt» festhält. 1983, nun unter Gilbert Gress, wird Bellinzona ebenfalls mit 8:0 gedemütigt – und 1985 Baden. Den Aargauern hilft auch nicht, mit Francesco Delvecchio den längsten Torhüter der obersten Spielklasse in ihren Reihen zu haben (1,96 Meter), denn der grösste ist er nicht. Schon nach 17 Sekunden muss sich der Hüne Uli Stielike geschlagen geben. Damit beginnt das Leiden eines Aufsteigers, dessen Budget gerade einmal für den Kauf und Unterhalt von Xamax-Star Heinz Hermann reichen würde. Neuenburgs Patrice Mottiez macht indes nicht auf Mitleid: «Das ist die schwächste Mannschaft, die je in der NLA gespielt hat!»

 

 

Abo

Schon gelesen?