GC-Family

Ärsche und Sabotage

Hermann Strittmatter

Hermann Strittmatter

An Strittmatter ist das offenbar vorbeigegangen. 77 Jahre alt ist der aktive Doyen der Schweizer Politwerbung mittlerweile. Und nach wie vor zieht er grosse Aufträge an Land. Weil ers kann. Umso erstaunlicher ist die biedere Machart seiner GC-Family-Kampagne. Denn «Stritti» gilt als erfahren, gewitzt, auf bösartige Weise klug. Über den Slogan der Stadt Zürich «World class. Swiss made» ätzte er beispielsweise so ab: «Ein beliebiger globaler Tingel-Tangel-Bullshit – banal, trivial, überflüssig.»  Strittmatter ist schlagfertig, kann allerdings besser austeilen als einstecken, wie sich im Telefongespräch zeigt.

Es beginnt harmlos. Über die Anfänge der GC-Family gibt Strittmatter bereitwillig Auskunft. Dann aber läuft das Gespräch aus dem Ruder, und es wird zunehmend absurd: Herr Strittmatter, wie beurteilen Sie die GC-Family-Kampagne rückblickend? «Sie war ein riesiger Erfolg!» Die Kampagne sei dann aber von den Apparatschiks im Verein sabotiert und abgewürgt worden.

Die Replik, auch viele GC-Fans hätten sie nicht gut gefunden, stachelt Strittmatter geradezu an. «Wer sagt denn, dass die Kampagne nicht gut ankam?», ereifert er sich und gibt die Antwort gleich selbst: «Ein paar Arschlöcher!» Überhaupt: «Wer», fragt er den Schreiber mit argwöhnischem Unterton, «hat Ihnen diese Sachen gesteckt, wer? Nennen Sie Namen!» Ganz so, als ob ein GC-Whistleblower ein lange gehütetes Geheimnis ausgeplaudert hätte. Der Hinweis, die ganze GC-Kurve habe die Family-Kampagne doch abgelehnt, bringt Strittmatter in Rage: «Wenn ich solche Sachen höre, werde ich stigelisinnig! Die Fans in der Kurve, das sind die Gleichen, die überall ‹Scheiss FCZ› oder ‹Scheiss GC› hinschreiben. Das sind keine Fans», sagt das langjährige SP-Mitglied, das die letzten Zürcher Stadtpräsidenten Elmar Ledergerber und Corine Mauch im Wahlkampf positionierte. Man ahnt in diesem Moment, wie sein Satz weitergeht – und ist doch überrascht: «Das sind Sozialfälle.»

 

Boykott nach dem Rufschaden

Huber gibt zu, eines der Hauptprobleme der Kampagne nicht von Beginn weg erkannt zu haben: «Man schenkte den aktiven Fans zu wenig Beachtung. Die GC-Family war nur auf eine Zielgruppe fokussiert, und in der Kommunikation wirkte sie fast schon lächerlich.» Er habe zwar später das Feedback aus der Kurve nach oben weitergeleitet. Nur: «Für Verwaltungsratsmitglieder, die nicht aktiv sind im Tagesgeschäft, ist es schwierig, sich eine eigene Meinung zu bilden.»

Unter dem neuen Präsidenten Walter A. Brunner wurde das GC-Family-Projekt dann im Herbst 2006 von Geschäftsführer Martin Blaser beendet. Die neue Führung «fand das Ganze einen Blödsinn. Deshalb mussten wir es abblasen», erinnert sich Strittmatter. Gemäss Huber hatte das auch mit dem erhöhten Druck der Fans aus der Estrade Ost zu tun, die mit dem Verein wegen der Imagekampagne im Clinch lagen. Chalverat sagt, er habe das nicht mehr präsent. «Die Fans aus der Kurve fanden den Song nicht gut», meint er sich zu erinnern. Doch den Anhängern ging es um mehr. Sie boykottierten zu Beginn der Saison 2006/07 die Spiele und forderten nebst der Überprüfung von Stadionverboten die Abschaffung der GC-Family. Zuvor hatten sie in mehreren Communiqués «die absolut peinliche Werbekampagne» gegeisselt und der Klubleitung vorgeworfen, «einen immensen Rufschaden» verantwortet zu haben. Huber widerspricht nachträglich: «Imageschaden ist definitiv das falsche Wort. Die Idee war gut, sie wurde nur nicht richtig kommuniziert. Mit einer anderen Kampagne hätte sie erfolgreicher und nachhaltiger sein können.» So aber schaffte es GC, den Mitgliederbestand in den vier aufwandreichen Family-Jahren etwas mehr als zu verdoppeln und auf rund 1600 zu erhöhen.

Die Frage «Wie bringe ich Kinder zum Fussball?» beschäftigt Huber nach wie vor: Der ehemalige Torhüter ist Geschäftsführer einer Firma, die Kinderfussballcamps organisiert. Er ist bestens informiert über den Schweizer Fussball. Strittmatter hingegen geht nicht mehr ins Stadion. Weil er sich schämt, wie er sagt. Nicht wegen GC, so viel wird klar. Offenbar widern ihn die obszönen Fangesänge an. Und auch auf die Schiedsrichter ist er nicht gut zu sprechen. Bevor er sich ganz erklärt hat, wird es ihm zu blöd. «Wenn Sie nicht begreifen, warum man sich wegen des Fussballs schämen kann, hören wir besser auf. Tschüss, adieu.» Die Telefonverbindung ist unterbrochen.