FC Nordstern

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Die Sterne von Kleinbasel

Den FC Nordstern prägt eine traditionsreiche Vergangenheit. Einst spielte er auf dem grössten Fussballfeld der Welt, total 35 Jahre hielt er sich in der höchsten Spielklasse der Schweiz. Heute hin­gegen fehlt einiges, um richtige Ambitionen zu haben. Ein Artikel aus ZWÖLF #17.

Text: Guido Herklotz / Bilder: Stefan Bohrer

Die «Schweizerreise» machte im März 2010 oben links auf der Karte halt, im Nordwesten der Schweiz, in der Stadt Basel. Grosse Erfolge durften Basel und der FCB bekanntlich schon früher feiern. Benthaus, Odermatt, Hitzfeld – klangvolle Namen, die auch dazu beitrugen, dass Basel heute eine fussballverrückte Stadt ist. Seit der Saison 2004 leuchtet ein goldener Stern über dem Klubemblem. Das Emblem steht für Erfolg, viele Kids tragen mit Stolz das rot-blaue Leibchen. Die Basler und Baslerinnen lieben ihren Stadtklub.

Überquert man von Grossbasels Seite her die mittlere Rheinbrücke Richtung Kleinbasel und sucht in der Altstadt die urchigen, alteingesessen Beizen auf, wird aber auch über eine andere grosse Zeit gesprochen. Über jene Zeit, als noch ein anderer Stern über Basel leuchtete. Es war die Zeit des FC Nordstern. Die jüngere Generation hat sie nicht miterlebt, im Bewusstsein ist nur der grosse FCB. Die älteren Leserinnen und Leser erinnern sich selber oder wissen zumindest, welche grossartige Tradition den Verein prägt.

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FC Nordstern 1974/75

Richtig hell leuchtete der FC Nordstern zuletzt 1978. Nach einem Sieg zu Hause gegen Winterthur schaffte es Nordstern zurück in die Erstklassigkeit. Diesen Erfolg verdankte der Verein in erster Linie seinem Trainer und Spieler Zvezdan Cebinac. Mit beschränkten finanziellen Mitteln holte er das Optimum heraus. Cebinak war 1972 geholt worden. Er war damals ein grosser Name im Fussball, 30-facher jugoslawischer Nationalspieler, Meister mit dem 1. FC Nürnberg. Bereits im ersten Jahr mit ihm schaffte der FCN den Aufstieg in die Nationalliga B. Der Verein hatte wieder Ambitionen.

«Der Cebinak war so laut auf dem Platz, den hörte ich über den Rhein, bis nach Birsfelden», erinnert sich Jordi Küng, Basler Journalist und langjähriger Nordstern-Fan. Beim Treffen im Rankhof-Stadion kommt bei ihm Wehmut auf, viele schöne Erinnerungen hat er an seine Kindheit. «Birsfelden, der Ort, in dem ich aufgewachsen bin, war sehr Nordstern-lastig. Es war ein Katzensprung zum Rankhof. Mein Vater nahm mich am Sonntag immer mit ins Stadion. Ich erlebte diesen Aufstieg 1978 mit, die Atmosphäre faszinierte mich.» Jordi Küng begleitet den Klub bis heute journalistisch und privat.

Derby vor 20’000 Zuschauern
Noch frisch ist Küngs Erinnerung an die 4. Spielrunde der Saison 1978/79. Es kam, gleich nach dem Aufstieg, zum grossen Derby FC Basel – FC Nordstern. Nordstern spielte nicht auf dem Rankhof, sondern im Joggeli vor 20’000 Zuschauern. Die Sympathien lagen, auch beim FCB-Hardcore-Publikum, eher beim Aufsteiger. Nordstern ging nach 59 Sekunden durch einen Penalty in Führung, Basel glich später zum 1:1 aus. Dabei blieb es. «Niemand war böse. Auch die Muttenzerkurve nicht», erinnert sich Küng.

Später stieg Nordstern wieder ab. Ab 1980 spielten die Kleinbasler nochmals für zwei Jahre in der Nationalliga A, bevor dann mit Fussball im Oberhaus endgültig Schluss war. Heute spielt die erste Mannschaft des  FC Nordstern in der 2. Liga interregional und steht zurzeit im Tabellenmittelfeld. Der Klassenerhalt hat oberste Priorität. Höhere Ambitionen gibt es im Moment nicht. «Die 2. Liga passt am besten zum FC Nordstern», sagt Ruedi Marty, Sportchef und Vizepräsident FC Nordstern. (Anmerkung: Seit Erscheinen dieses Artikels ist der FC Norstern weiter abgestiegen. Stand April 2016 spielen beide Aktivmannschaften in der 4. Liga).

Das war nicht immer so. Dreimal, 1924, 1927 und 1928, wurde der FC Nordstern Vizemeister. Zweimal stande der Verein sogar im Endspiel des Schweizer Cups, konnte die Trophäe jedoch nie mit nach Basel nehmen. 1935 wurde man von Lausanne gleich mit 10:0 abgefertigt, und nur vier Jahre später hiess der Finalgegner wieder Lausanne. Die Nordsternler konnten sich jedoch nicht revanchieren und verloren auch dieses Endspiel, diesmal mit 0:2. Der Schicksalsschlag folgte in der Saison 1942/43. Nach vielen erfolglosen Spielen und einer sportlichen Talfahrt stand das entscheidende Spiel um den Klassenerhalt gegen die Berner Young Boys an. Doch die Rot-Schwarzen verloren und verabschiedeten sich nach dreissig Jahren Zugehörigkeit aus der obersten Spielklasse. Der herbeigesehnte Wiederaufstieg konnte nicht sofort erreicht werden. Es kam noch schlimmer, zwischenzeitlich rutschte Nordstern sogar in die Drittklassigkeit ab. Im Unterschied zu den Negativerlebnissen in der Meisterschaft gab es im Cup Erfreuliches zu berichten. Nordstern verblüffte immer wieder. A-Klubs schlugen sie regel­mässig, so etwa Urania Genf vor 5000 Zuschauern auf dem Rankhof gleich mit 4:1.

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Mythos Rankhof
Gegründet wurde der FC Nordstern am 21. März 1901 – mit der Vision, dass in der nördlichen Ecke des Landes ein neuer Stern aufgehen sollte. Hell sollte er leuchten. Das erste Trikot, damals trugen die Spieler noch die legendären dicken Shirts mit dem Schnürsenkel unter dem Kragen, war schwarz mit einem gelben, auf der Brust aufgenähten Stern. 1903 wurde der FC Nordstern offiziell vom Verband anerkannt. In der damaligen Serie C gelang bereits im ersten Jahr den Gruppensieg. Aller Anfang müsse nicht immer schwer sein, schrieben die Redaktoren des Buchs «100 Jahre FC Nordstern» – mit Recht. Schnell strebten die Nordsternler neue Ziele an, man wollte ganz oben mittun, in der Serie A. Dafür brauchte es eine starke Mannschaft. Gleichzeitig beantragte ein anderer Basler Klub, der FC Young Fellows, die Mitgliedschaft im Verband; diese wurde aber abgelehnt. Nach dem Motto «Gemeinsam sind wir stark» fusionierten der FC Nordstern und der FC Young Fellows im Jahr 1910. Aus Schwarz-Gelb wurde neu Schwarz-Rot. Einen richtigen, eigenen Sportplatz gab es nicht, man spielte mal da, mal dort. Trotzdem, Sieg um Sieg wurde eingespielt, und 1911 war es geschafft: Das angestrebte Ziel wurde erreicht. Der FC Nordstern stieg in die Serie A auf. Es folgten grosse Spiele gegen die Stadtrivalen Old Boys oder FC Basel, aber auch sportliche und finanzielle Probleme zu Zeiten des Weltkriegs, zwischenzeitlich war gar die Existenz des Vereins bedroht. Trotzdem, man überstand schwierige Phasen, der Stern leuchtete weiter. In der Saison 1923/24 konnte Nordstern mit dem Rankhof, nahe der deutschen Grenze und am Rhein gelegen, endlich ein richtiges Stadion mit Stehplätzen und einer Holztribüne beziehen. Das Rankhof-Stadion, in Fronarbeit von über 500 Kleinbaslern gebaut, hatte übrigens einst das grösste Spielfeld der Welt: Es mass 110 mal 75 Meter.

Tempi passati. Der Stellenwert der Rot-Schwarzen hat sich extrem verändert. Nordstern war ein Traditionsklub, ein Arbeiterklub oder wie es Jordi Küng sagt: «Nordstern war des Baslers zweite Liebe. Mit der Veränderung von Kleinbasel hat sich auch der Klub verändert, er hat seine Anhängerschaft verloren. Nordstern droht der Abstieg in die Bedeutungslosigkeit», sagt er wehmütig. «Im Moment ist die 2. Liga interregional das höchste der Gefühle.» Auf die Frage, was seine Nordstern-Vision sei, meint Jordi Küng: «Meine Vision ist es, dass der FC Nordstern irgendwann wieder einmal ein ernsthafter Konkurrent für den FC Basel sein wird. Aber da muss noch einiges passieren.»

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