Das Türkei-Komplott

susurluk-01Mit wem sich Ağar dafür verbündete, wäre wohl nie herausgekommen, hätte sich nicht am 3. November 1996 in der Nähe der Stadt Susurluk ein Autounfall ereignet, der eine Geschichte lostrat, neben der jeder Politthriller wie ein Kinderbuch anmutet. Von den vier Personen in dem Mercedes, der in einen LKW raste, überlebte nur eine: der Chef eines mächtigen Kurdenstammes und Herr über eine riesige Privatarmee, die als sogenannte Dorfschützer gegen die PKK kämpfte. Beim Crash ums Leben kamen hingegen der Leiter einer Polizeiakademie und ehemalige Vizechef der Istanbuler Polizei, dazu eine ehemalige Schönheitskönigin sowie eine dritte Person, die neben einer Tüte Kokain echte Identitätspapiere und einen Diplomatenpass bei sich trug, der es ihr erlaubte, Waffen mitzuführen und unkontrolliert in andere Länder einzureisen. Es dauerte nicht lange, bis die wirkliche Identität dieser Person ans Licht kam: Es handelte sich um Abdullah Çatlı, einen Anführer der Grauen Wölfe und einer der meistgesuchten Verbrecher des Landes, nach dem Interpol seit 18 Jahren fahndete.

Mehmet Ağar, der in der Zwischenzeit zum türkischen Innenminister aufgestiegen war, sah sich mit der unbequemen Frage konfrontiert, was ein Polizeivertreter mit dem Schwerkriminellen Abdullah Çatlı zu schaffen habe. Ein erster dreister Erklärungsversuch von Ağar: Der Polizeioffizier sei auf dem Weg nach Istanbul gewesen, um Çatlı in ein Gefängnis zu bringen. Dies entpuppte sich schnell als Lüge, denn die Gruppe hatte sich zuvor das Wochenende mit Casino-Besuchen und der Besichtigung von Villen versüsst und war dabei auch noch im selben Luxushotel abgestiegen wie der Innenminister. Als sich dann Çakıcı, jener Mafiaboss, dem mit Beşiktaş’ Hilfe die Flucht gelungen war, unmittelbar nach dem Unfall telefonisch beim privaten TV-Sender Flash TV meldete und schwere Korruptionsvorwürfe gegen Ministerpräsidentin Çiller erhob, stürmten 50 bewaffnete Männer das Studio, schossen wild um sich und verwüsteten die Einrichtung. Der Sender wurde schon am nächsten Tag verboten. Die längst vermuteten Beziehungen der Könige der Unterwelt bis zur Staatsspitze waren nicht mehr zu leugnen.

Staat bezahlt mit Heroin
Die Bevölkerung forderte derweil eine nahtlose Aufklärung des spektakulären Unfalls. Der Bericht der parlamentarischen Untersuchungskommission aus dem Jahr 1997 förderte Erschreckendes zutage. Ihm zufolge hatten Staatsorgane, namentlich Innenminister Mehmet Ağar, die Grauen Wölfe instrumentalisiert und mit unzähligen Terroranschlägen und Morden beauftragt. Entlöhnt wurden die Grauen Wölfe mit Geld und Heroin vom türkischen Geheimdienst MIT. Zudem wurden sie mit Diplomatenpässen ausgestattet und durften praktisch unbehelligt im Drogen- und Waffenhandel operieren, wodurch es einige zu sagenhaftem Reichtum brachten. Der beim Unfall verstorbene Çatlı war einer von ihnen. Zusammen mit Haluk Kırcı, der später in seinen Memoiren detailreich beschrieb, wie er unliebsame Personen ermordete, verübte er 1978 das Bahçelievler-Massaker, bei dem sieben Mitglieder der Arbeiterpartei ums Leben kamen. Nur Kırcı wurde gefasst, kassierte sieben Mal die Todesstrafe und wurde dennoch wiederholt aus dem Gefängnis entlassen. Bei seiner Hochzeit fungierte übrigens Terims Intimus Mehmet Ağar als Trauzeuge …

Schüsse auf Johannes Paul II.
Çatlı hingegen übernahm nun grössere Aufgaben. 1979 ermordete er zusammen mit Mehmet Ali Ağca den Chefredaktor von «Milliyet». Wieder wurde nur sein Partner gefasst, doch dieser wurde nach lediglich einem halben Jahr auf wundersame Weise aus dem Hochsicherheits-Militärgefängnis Maltepe befreit, offensichtlich dank der Hilfe von einigen den Grauen Wölfen nahestehenden Soldaten. Warum Ağca für die Grauen Wölfe so wichtig war, wurde spätestens am 13. Mai 1981 klar, als auf dem Petersplatz im Vatikan Papst Johannes Paul II von vier Schüssen getroffen und lebensgefährlich verletzt wurde. Der Papst überlebte, der Schütze Ağca wurde wieder gefasst.

Über die Beweggründe des Attentats existieren viele Theorien. Als Erstes wurde vermutet, dass der Auftrag vom bulgarischen Geheimdienst kam, der im Interesse des KGB gehandelt haben soll. Später wurde als Mastermind hinter der Operation Abdullah Çatlı vermutet, der dies auch nie abstritt. 1985 sagte er gar vor Gericht aus, er habe vom deutschen Bundesnachrichtendienst ein lukratives Angebot bekommen, wenn er es schaffe, die Tat dem russischen Geheimdienst in die Schuhe zu schieben. Alparslan Türkeş, der Gründer der Grauen Wölfe, untermauerte diese Theorie, indem er aussagte: «Çatlı operierte im Auftrag des Geheimdienstes und hat zum Wohle des türkischen Staates gehandelt.» Interessanterweise kam 2006 ein Untersuchungsausschuss des italienischen Parlaments zu dem Schluss, dass das Attentat im Auftrag Breschnews vom russischen Geheimdienst in Zusammenarbeit mit dem bulgarischen Geheimdienst sowie der Stasi verübt worden sei.

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