Leiden mit YB

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Das Kreuz mit dem Ball

Das richtige Leben als Fussballfan besteht aus viel Hoffnung und noch viel mehr Enttäuschung. Keiner weiss das besser als unser YB-Anhänger. Ein Essay aus ZWÖLF #38.

Text: Marc Gieriet

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Ich bin katholisch. Und ich bin Fussball-Fan. Und das ist eigentlich fast dasselbe. Nein, ich spreche nicht von der Religion Fussball, die zuhauf beschrieben wurde – papperlapapp. Es geht um Höheres: Demut. Ums systematische Scheitern und Nichtgenügen. Ums Hintenanstehen. Ums Versagen. Ums Leiden.

Vielleicht muss ich präzisieren, ich bin YB-Fan. Aber das tut nichts zur Sache. Auch wenn mich mein Verein mit seiner Darbietung in den vergangenen Saisons wieder mancher Prüfung unterzog, würde ich auch als Anhänger des FCSG, von Sion oder Luzern kein bisschen anders fühlen. Selbst Fans des FC Basel, zumindest jene echten, welche die Zeiten kurz nach Benthaus/Odermatt noch miterlebten mit dem schleichenden Niedergang bis hin zur jahrelangen Verbannung in die Nationalliga B, selbst sie wissen, wovon ich spreche.

Das göttliche Prinzip der Niederlage
Das Leben des Fussballfans ist das Leben in Enttäuschung. Ich war ein 10-jähriger Bub, als der Pfarrer in seiner Predigt das Prinzip der wahren Macht Gottes erklärte. Es war der letzte Sonntag vor Ostern 1978. Es nahte Karfreitag: «Karlfreitag», wie wir ihn nannten. Weil wir überzeugt waren, dass es der Namenstag von Karl Odermatt (inzwischen mein grosses Idol bei YB) und Freitag sei, dem Stiefbruder von Robinson. Und der Pfarrer sprach: «Die wahre Macht Gottes erkennen wir dadurch, dass er dem Spott der römischen Soldaten nicht nachgab. Diese hatten Jesus am Kreuz höhnisch zugerufen, er solle doch runtersteigen, wenn er wirklich Gottes Sohn sei.» Einen Augenblick hielt ich inne und versuchte die Logik dieser Aussage zu erkennen. Und dann sah ich… Licht! Es erfasste mich Wärme, Glanz und Liebe. Ja, so sei es. Mit einem Male begriff ich das göttliche Prinzip der Niederlage. Ich hörte in der Ferne die Himmelschöre. Harfen. Schalmeien.

Als kurz danach die Niederlage im Cup-Final gegen Sion folgte, fand ich leicht Trost. Walter Eichenberger, Jean-Marie Conz, Köbi Brechbühl und Compagnie – sie hatten es nicht nötig zu siegen. Sie widerstanden dem niederen Drang, den Gegner zu vernichten. Mein Glaube wuchs. Mehr als dreissig Jahre später bin ich gefestigt: 1:2 zu Hause gegen Lugano? Hosianna. Gut gespielt und 0:3 in Basel? Credo. Cup-Pleite gegen Winterthur? Gloria in excelsis deo!

Als YB-Fan ist das Leben so düster, dass ich von den Farben Gelb und Schwarz meist nur die eine sehe.

Das geht jetzt schon seit 1986 so. Beziehungsweise seit 1987 mit dem Cupsieg und den zwei Spielen gegen Real Madrid, in denen wir um ein Haar etwas gerissen hätten. Aber wer spricht heute noch von diesen Tagen? Wer spricht von diesem kurzen Aufflackern des Erfolgs, der so deplatziert scheint wie ein schwarzer Latex-Catsuit mit offenen Stellen als Weihnachtsgeschenk für die Schwiegermutter? Auch wenn es die Sportreporter Jahr für Jahr behaupten: Wir zählen nicht die Jahre, die seither vergangen sind. Wir hängen nicht am Erfolg, wir hängen am Kreuz! Sanctus. Oder anders gesagt: Wer spricht von den Hunderten von Schiffen, die seit 1912 jedes Jahr problemlos den Atlantik überqueren? Nein, der Untergang der Titanic ist das Drama, das uns fesselt. Heute noch. Die Niederlage, diese noble Geste des Vortrittlassens.

Zu spirituell argumentiert? Du bist einer jener Realisten, die es gerne handfester haben, beweisbarer? Bitte. Weltweit wird in 209 Ländern Fussball gespielt. 38 Millionen Menschen sind laut FIFA lizenzierte Fussballer. Lasset uns rechnen: Es gibt 325 000 Vereine weltweit, aber nur 209 Landesmeister. Bei einer Kadergrösse von 25 Spielern sind das gerade mal 5225 lizenzierte Fussballer, die für ein paar wenige Wochen im Jahr – vom Gewinn des Meistertitels bis zum Wiederanpfiff der folgenden Saison – im Erfolg baden dürfen. Sie geben sich für diese kurze Zeitdauer der Illusion hin, Sieger zu sein. Die übrigen 37 994 775 Sportsfreunde haben den Titel einmal mehr nicht gewonnen. Sie waren im besten Fall Vizemeister. Noch mehr von ihnen sind abgestiegen. Ein paar Vereine machten Konkurs.

Denken wir uns die Scharen von Fans dazu, die hinter diesen Klubs stehen, so blicken wir in eine Welt der Verlierer, des Elends, der Trauer. Wo holen all diese Menschen den Trost, wenn nicht in der Hoffnung auf etwas, das nicht passieren wird – zu 99.9998625 Prozent? Amen.

abowerbung

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