Celtics Peinlichkeiten

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«Grand Old Team»?

Celtic Glasgow gehörte einst zu Europas Elite. Die Niederlage in der Champions-League-Qualifikation gegen den Meister aus Gibraltar ist nun aber nichts weiter als die Fortsetzung der unglaublichen Ausrutscher des schottischen Serienmeisters im Europacup. Die Chronik eines sehr, sehr tiefen Falles.

Text: Mämä Sykora

Celtic ist gross. Zumindest sehen das deren Supporter so. Kürzlich traf ich spätnachts eine Horde davon in Zürich in einer Bar. Ohne Unterlass priesen sie in schiefen Gesängen («Sure it’s a grand old team to play for») die Grösse und den Ruhm ihres Teams. Meine ketzerische Frage, ob sie denn tatsächlich der Ansicht seien, Celtic sei nach wie vor eine Top-Adresse in Europas Fussball, bejahten sie nachdrücklich. Weil: 1967.

Ja, 1967 gewann Celtic den Meistercup. Allerdings gewannen den seither auch Nottingham, Aston Villa oder Roter Stern Belgrad. Und 1967 gehörten La Chaux-de-Fonds und Biel zu den Spitzenteams der Schweiz. Es ist geradezu unglaublich, wie jene Celtic-Fans sämtliche Veränderungen der Stärkeverhältnisse geflissentlich ignorierten und ihre Fussballhierarchie aus einem Jahr nahmen, in dem sie alle noch nicht geboren waren.

Am Dienstag verlor Celtic in der Champions-League-Qualifikation mit 0:1 gegen den Lincoln Red Imps FC. Das ist ein halbprofesioneller Fussballverein aus Gibraltar, dessen Linksverteidiger am Tag vor dem Spiel noch bis 1 Uhr morgens Taxi fahren musste und der Torschütze als Polizeibeamter arbeitet. Ein einmaliger Ausrutscher? Keineswegs, wie die Aufarbeitung der jüngeren Europacup-Geschichte des einstigen Giganten zeigt.

 

2005/06: Untergang in Bratislava

Jahrelang war Celtic in der Champions League gesetzt gewesen. Doch weil Schottland in der 5-Jahres-Wertung einen beachtlichen Absturz hinlegte, musste man plötzlich durch die Qualifikation. Ein Klacks für die stolzen Schotten! Gegner waren die Slowaken von Artmedia Petržalka, mit einem Budget von 1 Million Pfund gerade zum ersten Mal in der Geschichte Meister geworden. Für Celtic reichte es aber locker: In Bratislava kassierten «The Hoops» eine 0:5-Klatsche, die sie im Heimspiel nicht mehr drehen konnten.

 

2010/11: Die Serie beginnt

Konnte die Schlappe in der Slowakei noch als Ausrutscher abgetan werden, startete Celtic nun eine Serie von Blamagen. Schon das Aus in der Champions-League-Qualfikation gegen den SC Braga – ein Verein, der es zuvornoch überhaupt nie in die Königsklasse geschafft hatte –, sorgte für rote Köpfe. Aber selbst für das Erreichen der Europa League war noch eine Runde zu überstehen. Der Gegner: Der bescheidene FC Utrecht, der zuvor den FC Luzern ausgeschaltet hatte, welcher dafür einige Häme einstecken musste. Standesgemäss siegten die Schotten zuhause mit 2:0, brachten es dann aber zustande, in Holland gleich mit 0:4 unterzugehen. So übermächtig schien der Gegner indes nicht gewesen zu sein: In der Gruppenphase gelang Utrecht kein einziger Sieg.

 

2011/12: CC der Retter

In der Folge hiess die Realität für Celtic öfter Europa als Champions League. Doch weil Schottland noch tiefer fiel, wurden sogar dafür Qualifikationsspiele notwendig. Gegen den FC Sion reichte es im Celtic Park nur zu einem torlosen Remis, im Wallis musste man sich gar 1:3 geschlagen geben. Celtics Retter war – je nach Sichtweise – Christian Constantin oder Essam El-Hadary. Weil der FC Sion gegen die Transfersperre verstossen hatte, die dem Zuzug des ägyptischen Torwarts folgte, wertete die UEFA die Play-off-Spiele wegen nicht spielberechtiger Akteure forfait zugunsten des «Grand Old Team». Nicht zum letzten Mal war dies Celtics Rettung.

 

2013/14: Glück dank Schlachtverbot

Wieder stellte sich Celtic ein Zwerg in den Weg zur Champions League: Shakhter Karagandy aus Kasachstan. Und auch diese hatten bald mit den UEFA-Juristen zu tun. Nicht wegen der Spielerlizenzen, sondern weil die Mannschaft vor dem Heimspiel im Stadion ein Schaf geschlachtet hatte. Ein Ritual, das Glück bringen sollte: Karagandy gewann sensationell mit 2:0. Vor dem Rückspiel in Glasgow kündigte deren Trainer an: «Soweit wir wissen, ist die Landwirtschaft in Schottland sehr weit verbreitet. Es sollte also kein Problem sein, ein Schaf zu finden.» Doch die UEFA schritt ein und untersagte die Opferung – und das Glück drehte sich: In der 93. Minute, mit dem allerletzten Schuss, gelang dem Heimteam das erlösende dritte Tor und ersparte ihm eine riesige Peinlichkeit.

 

2014/15: Vom Regen in die Traufe

Der Wegfall der Rangers als Punktesammler für Schottland bedeutete immer mehr Qualifikationsrunden für Celtic. Also auch mehr Möglichkeiten für famoses Scheitern. Die Hürde KR Reykjavik überstand man noch schadlos, gegen Legia Warschau indes war man ohne jede Chance: 1:4-Niederlage in Polen (wobei das Heimteam gar noch zwei Elfmeter verschoss), 0:2 zu Hause. Einmal mehr konnte sich Celtic aber auf die administrativen Unzulänglichkeiten des Gegners verlassen. Zwei Minuten vor Schluss wurde nämlich ein gewisser Bartosz Bereszynski eingewechselt. Der trug zwar überhaupt nichts zum Spiel bei, aber er hatte in der Saison zuvor einen Platzverweis und drei Spielsperren kassiert. In den folgenden drei Partien spielte er tatsächlich nicht, aber eine Sperre gilt nur dann als abgesessen, wenn der Gesperrte auf der Kaderliste aufgeführt ist. Und genau das hatten die Polen vergessen. Selbst Verbandspräsident Zbigniew Boniek flehte bei seinem Freund und UEFA-Boss Michel Platini um Gnade – vergebens.
Celtics Freude währte nicht lange. Die Schotten stolperten stattdessen halt über die nächste Hürde in Form der Slowenen von NK Maribor, die so zu einer unerwarteten und einträglichen Saison in der Königsklasse kamen.

 

2015/16: Chancenlos gegen Skandinavier

Angesichts der Resultate der vergangenen Jahre war dem schottischen Serienmeister nun definitiv nicht mehr viel zuzutrauen. Es galt nicht einmal mehr als Überraschung, dass sich in der Qualifikation bereits Malmö FF als zu stark herausstellte. Immerhin erreichte man noch die Europa League, wo allerdings kein einziger Sieg errungen werden konnte. Nur fünf der 48 Europa-League-Teilnehmer schnitten noch schlechter ab. Verständlich bei den Gegnern Ajax, Fenerbahçe und Molde FK. Letztere holten in dieser Gruppe übrigens 11 Punkte.

 

2016/17: Gibraltar rockt

Selbst für Celtic-Verhältnisse ist die Niederlage gegen den Meister aus Gibraltar beachtlich. Immerhin hatte der Lincoln Red Imps, bei dem übrigens gleich drei Kicker aus der auf dem ganzen Felsen bekannten Chipolina-Dynastie im Kader stehen, bislang erst zwei Siege im Europacup feiern dürfen – und das war gegen Vertreter aus Andorra und Estland. Selbst wenn Celtic den Rückstand zu Hause im «Paradise »noch drehen kann, muss man angesichts der nächsten Gegner höchst besorgt sein. Schliesslich warten bereits in der nächsten Runde Kaliber wie FH Hafnarfjardar oder AS Trencín. Und danach ist es noch nicht überstanden. Zwischen Celtic und der Champions League steht zum Beispiel auch noch Legia Warschau. Die würden sich über ein Wiedersehen bestimmt freuen.Spannend ist auch ein Ausblick auf die nächste Saison: In der 5-Jahres-Wertung liefert sich Schottland nämlich einen packenden Fight um Platz 26 – mit Liechtenstein.

 

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