Der Exploit gegen Brasilien

Im bisher einzigen Ernstkampf gegen Brasilien holt die Schweiz 1950 an der WM ein 2:2. (RDB)
Im bisher einzigen Ernstkampf gegen Brasilien holt die Schweiz 1950 an der WM ein 2:2. (RDB)

Rio, Raketen, Ruhm und Riegel

Nichts deutet darauf hin. Doch dann landet die Schweiz an der WM 1950 in Brasilien einen ihrer grössten Coups – mit einer Verlegenheitsformation. Ein Text aus ZWÖLF #43.

Im bisher einzigen Ernstkampf gegen Brasilien holt die Schweiz 1950 an der WM ein 2:2. (RDB)

Im bisher einzigen Ernstkampf gegen Brasilien holt die Schweiz 1950 an der WM ein 2:2. (RDB)

Text: Silvan Lerch

Für die Endrunde qualifiziert sich die Schweiz leicht. Nach dem Verzicht von Gruppengegner Belgien muss sie nur noch Luxemburg bezwingen, was ihr im Hin- und Rückspiel gelingt. Doch kurz vor ihrem WM-Auftakt gegen Jugoslawien stehen die Vorzeichen schlecht. In Bern empfangen die Eidgenossen denselben Gegner zur Generalprobe und gehen 0:4 unter.

Laut der NZZ präsentieren sie sich als «physisch und technisch offenkundig inferioren, schwerfällig und reflexarm anmutenden» Gastgeber. Wenn der Riegel rostig sei, «geht es eben zu lange, bis er einschnappt», bilanziert der Chronist flapsig. Damit spielt er auf das Defensivsystem Karl Rappans an, mit dem die Nationalmannschaft in der Vergangenheit die eigene Platzhälfte wiederholt zum uneinnehmbaren Réduit umfunktioniert hat. Mittlerweile steht der Begründer des Schweizer Riegels indes dem Team nicht mehr vor.

Der als Nazi gebrandmarkte Österreicher hat das Amt niedergelegt, um sich ganz auf seine Trainertätigkeit bei Servette Genf zu konzentrieren. So bietet die Schweiz eine bedenklich schwache Abwehr, statt wie so oft den Gegner eng in Manndeckung zu nehmen und gleichzeitig geschlossen im Raum zu verschieben, was ja den Riegel ausmacht.

Rappans Nachfolge – ein verbandsinternes Ausbildnertrio, angeführt von Franco Andreoli – kommt nicht umhin, Spieler aufzubieten, die nach einer langen Saison gemäss NZZ ruhebedürftig sind.

Die Fachzeitschrift «Sport» übt aber auch Kritik an den Selektionären mit ihren nicht immer «leicht entwirrbaren» Gedankengängen. Sie hätten es verpasst, ein einheitliches Kader zusammenzustellen. Deshalb gelte es zu retten, was zu retten sei – im mehrtägigen Trainingslager.

Angst vor der Schmach

Immerhin, in der Abgeschiedenheit Magglingens erholen sich die Rotjacken. Bei leichtem Training dürfen sie sich an «neuartige, ganz besonders leichte Fussballschuhe» gewöhnen. Zudem, so der «Sport», bereite ihnen die offizielle Uniform viel Freude, obwohl sie bloss «ein einfacher brauner Strassenanzug mit dem Schweizerwappen auf der Brusttasche» ist. Die offerierte Ausrüstung hebt die Stimmung unter den Spielern, die «allerhand harmlosen Schabernack» treiben würden.

Trotzdem sieht sich die Nationalmannschaft längst nicht von allen Sorgen befreit, als sie am Montag, den 19. Juni, um 22.45 Uhr in Zürich-Kloten mit einer «Riesenmaschine» der schwedischen Fluggesellschaft SAS gen Brasilien abhebt. Die erste Übersee-Reise ihrer Geschichte machen mehrere Mitglieder verletzungsbedingt nicht mit. «Unvorstellbar, die Schwierigkeiten, die wir zu überwinden hatten», klagt Cheftrainer Andreoli.

Und der Flug mindert die Strapazen nicht. Er sieht drei Zwischenhalte vor, bis nach mehr als 24 Stunden das Ziel erreicht ist: Rio de Janeiro. Die Delegation besteht aus zwanzig Spielern, zehn Funktionären – und elf Verbandskoffern, die als Prunkstück «drei volle Garnituren an Hosen, Leibchen und Strümpfen» beinhalten, damit das Team «in sauberen Dressen zu Trainings und Spielen antreten» kann, wie der «Sport» stolz ankündigt.

Fussball WM Brasilien 1950: Schweizer Team, Ankunft in Rio#Football WC Brazil 1950: swiss team, arrival in Rio

Wenige Tage später bringt ein Inlandflug das Team nach Belo Horizonte, wo es seine erste WM-Partie austragen wird. Um das interne Vorbereitungsspiel mit Elf gegen Elf durchführen zu können, ergänzen die Verantwortlichen den 20-Mann-Kader vorübergehend um zwei Akteure.

Die Auserwählten sind ein mitgereister Schweizer Journalist und Cheftrainer Andreoli, der in den Augen mancher Beobachter zum besten Stürmer avanciert. Na, wenn das nicht Hoffnung macht für den Auftritt gegen Jugoslawien am 25. Juni!

Dieser beginnt mit einer Viertelstunde Verspätung. Im noch nicht fertig gestellten Stadion fehlen die Tornetze. Nach ihrer Installation zappeln sie dafür umso heftiger – auf Schweizer Seite. Die tapferen Eidgenossen brechen in der zweiten Halbzeit ein und verlieren 0:3.

Der Heimat schwant Böses für die nächste Begegnung. «Die allgemeine Prognose lautete auf 0:8. Oder höher», schreibt der Berner «Bund» in einer Rückschau. Gerüchte machen die Runde, Spieler würden sich aus Angst vor einer Schmach sträuben, anzutreten.

Der Grund für die Aufregung: In São Paulo wartet Brasilien, der grosse WM-Favorit. Und dies bloss drei Tage nach der Niederlage gegen Jugoslawien.

Sensation mit Ultras

Selbst Fredy Bickel – das einzige Kadermitglied, das schon an der WM 1938 teilnahm – lässt sich einschüchtern. «Ich sagte mir, wenn das Resultat nicht höher als 5:0 für Brasilien ausfällt, dann dürfen wir zufrieden sein», gesteht der Routinier dem «Sport» im Nachgang zum Turnier. Die Seleção ist aber nicht nur furchteinflössend, sondern auch farbenprächtig, zumindest in den Schilderungen des Schweizer Buchs «Die Nationalmannschaft».

Die Autoren teilen die Brasilianer nach ihrem Teint ein. «Da waren die Schwarzen», schreiben sie, «die Weissen» und «die Kaffeebraunen in allen Schattierungen vom hellsten Milchkaffee bis zum stärksten Espresso». Die Farbenlehre besticht durch Detailkenntnis: «Auffallend, dass in der Verteidigung die dunkeln, im Sturm dagegen die hellen Farbtöne überwogen.» Bei so viel Geschwätz – und dies im vermeintlich fortschrittlichen Jahr 1976 – sehen wir nur noch schwarz!

Nicht so die Eidgenossen im Kräftemessen 1950: Sie liegen zwar schon nach zwei Minuten im Rückstand, doch dies verunsichert sie nicht. Die Zweifel im Vorfeld der Partie haben einem Ehrgeiz Platz gemacht, der erst recht angestachelt wird durch die Irregularität des 0:1 (die Flanke erfolgte hinter der Grundlinie). Prompt kann die Schweiz nach 17 Minuten dank Jacky Fatton ausgleichen (zu ZWÖLFs Fatton-Portrait gehts hier).

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Für den «Sport» zeigt sie eine «Prachtsleistung», kämpft «hingebungsvoll» und «taktisch überlegen». Die Seleção beisst sich am gegnerischen Riegel, der nun wieder von jeglichem Rost befreit ist, regelrecht die Zähne aus. Ungläubig hält die Zeitung fest, der Favorit habe in der Verzweiflung begonnen, den Ball vom Stürmer wieder zum Läufer zurück zu passen oder bis zur Bewusstlosigkeit quer zu spielen, wobei die quicklebendigen Schweizer Verteidiger wiederholt «in die Passen» gespritzt seien.

Als Folge setzen «immer gellender, immer zahlreicher» Pfiffe des heimischen Publikums ein, zumal der Aussenseiter mit seinen zweckmässig in die Tiefe angelegten Angriffen «verdammt gefährlich» und «ungemein geschickt» agiert. Die an sich überlegenen, aber irritierten Brasilianer greifen zu atypischen Mitteln: «verbotene, gefährliche Fussarbeit».

Daran ändert auch ihr neuerlicher Führungstreffer nichts. Helvetiens «Verlegenheitsformation, wie sie punkto Klasse in den letzten Jahren nie so wenig Kredit verdiente», wächst über sich hinaus.

Torhüter Georges Stuber zeigt sich «katzengewandt». Verteidiger André Neury, der gemäss «Sport» im Hinblick auf die WM seit einem halben Jahr nicht mehr raucht und Alkohol trinkt, tagtäglich trainiert und früh schlafen geht, saust wahlweise wie eine «Bolide» oder wie ein «Wiesel» heran, wenn Gefahr droht.

Und der 32-jährige Bickel – vor dem Turnier von der NZZ als «einiges gewichtiger» taxiert – streift seine altersbedingte Behäbigkeit noch einmal ab. So erzwingt die Schweiz in der 88. Minute erneut den Ausgleich, wieder durch Servette-Stürmer Fatton. Nach einer letzten grossen Chance der Eidgenossen endet die Partie 2:2.

Die Sensation ist perfekt, hätte allerdings noch krasser ausfallen können. Der schlecht postierte Schiedsrichter aberkennt dem Underdog zwei reguläre Treffer. Trotzdem gibt es bei den Schweizer Anhängern, allesamt in Brasilien lebende Auswanderer, kein Halten mehr. Sie geben sich avantgardistisch als Ultras und zünden auf den Rängen Feuerwerk im grossen Stil.

Dagegen bleibt dem Trainer der Seleção nur das Staunen. «Ich verstehe immer noch nicht, wie meine Mannschaft von einem Team wie der Schweiz geschlagen werden konnte», lässt sich Flavio Costa in der «L’Équipe» zitieren. Der Gegner sei doch in der Tat sehr mittelmässig, am ehesten vergleichbar mit der zweiten brasilianischen Division.

Amouröse Eskapaden

Nach dem Exploit und der «Sport»-Analyse des nächsten Gegners («kurzes, genaues Flachpassspiel, aber kaum Zug und Drang in die Tiefe») treten die Eidgenossen am 2. Juli in Porto Alegre zuversichtlich zu ihrem dritten Spiel an. Gegen Mexiko soll der erste Sieg her! Indes, die Schweiz tut sich schwer. Nur dank doppeltem Eifer kann sie ihre «unrationelle Spielweise» kompensieren und 2:1 gewinnen.

Das reicht hinter Brasilien und Jugoslawien zu Gruppenrang drei, jedoch nicht zum Weiterkommen. Trübsal bläst Fredy Bickel deswegen nicht. Hätte die Schweiz besser abgeschnitten, wäre wohl ein Entscheidungsspiel gegen Brasilien nötig geworden. Bloss glaubt der Grasshopper, dass wohl kaum der Glücksfall eingetreten wäre, nochmals so gut im Schuss zu sein. Mit Blick auf die legendäre Partie gegen die Seleção behauptet er deshalb schweizerisch bescheiden im «Sport», es sei übrigens gut, nicht gewonnen zu haben.

Es rauchte nicht nur auf der Tribüne, auch die Nati produzierte fleissig blauen Dunst. Zumindest suggeriert das diese Werbung.

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Bickel weiss, das Abschneiden der Nationalmannschaft übertrifft die Erwartungen in der Heimat bei weitem. Das Team landet denn auch am 9. Juli frohgemut in Genf – die einen mit 17-stündiger Verspätung wegen eines Motorenschadens, die anderen gleich zwei Tage später. Dies verleitet das Fachblatt zur Frage, ob der eine oder andere Akteur «noch einige Stelldichein mit den hübschen Brasilianerinnen vereinbart» habe. Die Antwort bleibt aus.

Amouröse Eskapaden hin oder her, der Verband rühmt die «flotte Haltung» des Teams. Spendabel zeigt er sich aber nicht. Knapp hundert Franken gibt er jedem Spieler als Prämie für die Glanzleistung gegen Brasilien.

Dabei stellt die Schweiz die einzige Mannschaft an diesem Turnier, die dem Gastgeber nicht unterliegt – nebst Uruguay, das die Seleção in der letzten Partie 2:1 bezwingt und Weltmeister wird. Doch dies ist eine andere Geschichte.

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