Alex Frei

19.10.2014; Luzern; Fussball Super League -  FC Luzern - FC Vaduz; Sportchef Alex Frei (Luzern) (Daniela Frutiger/freshfocus)
19.10.2014; Luzern; Fussball Super League - FC Luzern - FC Vaduz; Sportchef Alex Frei (Luzern) (Daniela Frutiger/freshfocus)

«Dumme Leute reduzieren mich auf die EM 2004»

Alex Frei, Schweizer Rekordtorschütze, kennt fussballerische Grossanlässe bestens. Für das Erföffnungsspiel weilt der Basler in Paris. ZWÖLF traf ihn für ein kurzes Gespräch – über die Gefühle vor dem ersten Anpfiff, seine enttäuschenen EM-Erlebnisse und seinen letzten Arbeitgeber FC Luzern.

Interview: Silvan Kämpfen

Im Herzen von Paris, bei den alten Docks an der Seine, da markiert die Schweiz Präsenz. Das «House of Switzerland» öffnete gestern seine Tore und will während der EM mehr sein als ein Public Viewing. Hier sollen die Beziehungen zum Nachbarland gepflegt werden sowie eigenössisches Kulturschaffen und die Wirtschaft gefördert werden. Der heimliche Star des ersten Abends trug Pelz, lief auf vier Pfoten und war ein Bernhardiner namens Jupiter. Aber auch einer war vor Ort, der die fussballerische Geschichte beider Länder prägte: Alex Frei, 84-facher Nationalspieler, Torschützenkönig der Ligue 1. ZWÖLF nutzte die Gelegenheit, sich mit ihm zu unterhalten.

Alex, es ist ruhig geworden um dich. Du bist in der Öffentlichkeit kaum mehr präsent.
Und das will ich auch nicht. Ich picke mir diese Sachen heraus, die mir zusagen und die mir Freude machen. Mir hat es sehr gut getan, dass ich meine Präsenz in den Medien von 100 Prozent auf 5 Prozent herunterschrauben konnte.

Du hast selber vier grosse Turniere gespielt. Morgen geht es für die Schweizer auch endlich los. Was geht da in einem vor, so kurz vor dem ersten Anpfiff?
Zwei Tage vor dem Startschuss ist noch alles ganz okay. Man macht noch Spässchen in der Kabine. Aber spätestens im Abschlusstraining vor dem ersten Spiel merkt man den Unterschied. Die Konzentration ist viel höher, die Anspannung ist spürbar. Am Spieltag selber ist dann jeder in seiner eigenen Welt. Einige hören Musik, andere lesen. Jeder hat seine eigene Art, wie er sich am besten konzentrieren kann.

Was liegt für die Schweiz drin?
Von null bis neun Punkten ist in den Gruppenspielen alles möglich. Gerade nach den letzten Testspielen ist die Nati noch schwerer greifbar. Man soll sie nicht aburteilen aufgrund der Niederlagen gegen Irland und Bosnien, genauso wenig bietet der Sieg gegen Moldawien Anlass zur Euphorie. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Die erste Partie gegen Albanien wird wegweisend sein. Bei einer Niederlage wäre man schon arg unter Druck, ein Sieg kann hingegen einen Lauf auslösen.

Wie ist denn die Stimmung im Team?
Man hört zumindest nichts Negatives. Aber es wäre ja auch dumm, wenn man kommunizieren würde, dass die Stimmung schlecht sei. Wie sie tatsächlich ist. das ist von aussen unmöglich zu fühlen. Man kann beobachten, was auf und neben dem Feld so passiert, aber das Innenleben können nur jene beurteilen, die dabei sind.

Du bist ja nicht mehr dabei. Wer schiesst nun die Tore für die Schweiz?
Es gibt genügend Spieler, die wissen, wie man Tore schiesst. Derdiyok, Seferovic, Shaqiri, Mehmedi … Sie alle können das. Ihr Problem ist es, dass sie nicht konstant sind. Keiner von ihnen hat über mehrere Saisons hinweg seinen Torreicher unter Beweis gestellt, weder im Klub noch in der Nati. Aber: Sie haben alle die Klasse, um in jedem Spiel für ein Tor gut zu sein.

Und wer wird Europameister?
Da sind die üblichen Verdächtigen. Von den grossen Nationen gehören alle zu den Titelanwärtern. Ich hoffe wie immer auf Überraschungen. Mir macht das immer Freude, wenn Aussenseiter über sich herauswachsen. Costa Rica im WM-Viertelfinale, das fand ich Weltklasse! Das zeigt immer wieder, dass im Fussball mit einem guten Kollektiv und Teamgeist vieles möglich ist.

Du hast zwei Weltmeisterschaften und zwei Europameisterschaften gespielt. Welches war dein persönliches Highlight?
Für mich ganz klar die WM 2006 in Deutschland. Das Spiel gegen Togo in Dortmund war das schönste Erlebnis für uns alle.

Wir gehen wohl richtig in der Annahme, dass dir die Weltmeisterschaften besser in Erinnerung geblieben sind als die Europameisterschaften.
(Lacht) Das ist völlig richtig so.

Wenn du eine EM streichen könntest: Wäre das 2004 mit der Spuckaffäre oder 2008 mit der frühen Verletzung?
Das waren zwei negative Erlebnisse, aber beide gehören zu meiner Karriere dazu. Eines war selbstverschuldet, das andere nicht. Dumme Leute reduzieren mich darauf; intelligente Leute anerkennen, dass ich auch gute Sachen gemacht habe in all den Jahren. Einige finden dich doof, andere finden dich lässig. So ist das Leben.

Du warst Sportchef beim FC Luzern. Verfolgst du den Verein noch? Ruedi Stäger, unter dem du gearbeitet hast, ist seit kurzem ja nicht mehr Präsident.
Klar verfolge ich noch, was dort passiert. Aber überraschen kann mich beim FCL gar nichts mehr. Weder dass sich der FCL für den Europacup qualifiziert – denn ich weiss ja, welche Qualität wir dort aufgebaut haben –, aber auch nicht, dass alle paar Monate wieder jemand das Gefühl hat, man müsse jemanden entlassen.

Es scheint so, als käme es immer dann zum Knall, wenn es mal wieder gut läuft.
Wenn man gefühlte acht Leute in einem Gremium hat, die alle entscheiden können, dann ist es fast unmöglich, die alle unter Kontrolle zu haben. Und das ist dann eben die Folge davon.

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Das «House of Switzerland» in Paris gestern bei der Eröffnung.

 

 

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