Alain Sutter

Ein bisschen zu weich

Die Schweiz verschenkt ihr Herz prinzipiell nicht an Poeten. Bei Alain Sutter machte sie eine Ausnahme. Sie sollte es später bereuen. Denn Alain Sutter wollte kein Nationalheld sein. Er wollte nur spielen.

Erschienen in ZWÖLF #19, Juni/Juli 2010

Text: Christoph Lenz, Bild: Flòriàn Kalotay

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Raststätte Würenlos. Hier will er reden. Ein Restaurant, nein, ein Raumschiff, schwebend über einer sechsspurigen Autobahn. Einer jener Orte, wo alle schon wieder weitergehen, wenn sie angekommen sind. Wo niemand etwas anderes will als Most oder Zigis. Wo sich keiner umdreht nach einem wie ihm, weil auch drinnen noch die Regeln von draussen gelten: Sei schnell und schaue niemals zurück.

Das passt zu ihm: dass er sich dort am wohlsten fühlt, wo er unerkannt bleibt. 20 Minuten vor dem vereinbarten Termin hat er sich hinter einem Zeitungsständer im Kiosk verschanzt, fährt mit der Hand unentschlossen über die Magazine und späht zwischendurch zum Souvenirshop hinüber. Natürlich, die Gefahr, entdeckt zu werden, ist hier kleiner als in einer Szenebeiz. Aber Alain Sutter geht lieber auf Nummer sicher.

Dazu passt auch der Zehntagebart. Man erkennt Alain Sutter kaum. Nur die Augen sind so blau wie immer. Er neigt den Kopf zur Seite, dann holt er Luft. Nein, er verstecke sich nicht, habe nichts zu verbergen. Er rasiere sich einfach ungern. Deswegen trage er jetzt halt einen Bart.

Und weil Alain Sutter jeden Zweifel ausräumen will, dass man das jetzt auch wirklich verstanden hat, sagt er es noch ein zweites Mal, mit einer neuen Satzstellung. Ein Missverständnis also, ein weiteres.

Aber darauf kommt es jetzt auch nicht mehr an. Die Schweiz hat diesen Alain Sutter ohnehin noch nie verstanden. Sicher, sie hat ihn geliebt, heisser als je einen anderen Fussballer. Aber was hat Sutter gemacht? Er hat die Liebe verschmäht, ist abgehauen, untergetaucht, desertiert. Wenn er jetzt dann wieder im Schweizer Fernsehen erscheint, als Fussballexperte zur Weltmeisterschaft, und sich die Leute aufregen über ihn, seine Frisur, seinen Dialekt und seine Sprüche, ist es einmal mehr erwiesen: Die Schweiz ist immer noch ein bisschen beleidigt.

«Meinetwegen», sagt Alain Sutter. Die Missverständnisse stören ihn nicht mehr. Er hat sich damit abgefunden. Punkt.

Ganz aufrecht sitzt er da, hochkonzentriert. Alain Sutter, 42, wartet schon auf die nächste Frage. Man soll wissen, dass man es mit einem Profi zu tun hat.

Neurotisch oder schwul?

Klar, er war ein Sonderling. Aber eben immer auch ein Profi. Vielleicht sogar mehr als alle seine Kollegen. Er hat immer gewusst, was gut für ihn ist, was er braucht, um seine Bestleistung abzurufen. Wo seine Mannschaftskameraden nach den Spielen noch um die Häuser zogen, ging er früh zu Bett. Wo seine Mitspieler mit sexuellen Ausschweifungen für Schlagzeilen sorgten, blieb er seiner Melanie treu. Gerade mal zwei Freundinnen hatte er in seinem Leben, und das lag nicht am mangelnden Interesse der Damenwelt. Während andere Fussballer rauchten und soffen, ernährte er sich sehr bewusst. Viel Gemüse, viel Rohkost, wenig Fleisch.

Uli Hoeness hat getobt, als er davon erfuhr. Das war 1994 im Agrarstaat Bayern, bei einem Volk, das dann am meisten bei sich ist, wenn es irgendetwas auf den Grill spannen kann. Einen Ochsen, eine Wildsau, in der Not auch nur ein Ferkel. Vegetarier jedenfalls waren damals entweder neurotisch oder schwul. «Ein Spieler, der kein Fleisch isst, kann auf dem Platz keine Leistung bringen», dröhnte Manager Hoeness, der ja wissen muss, wie sehr der Fussball mit dem Fleisch zusammenhängt. Immerhin hatte Hoeness nach seiner Sportkarriere in Nürnberg eine erfolgreiche Wurstwarenfabrik aufgebaut. Sutters Ernährung führte zur Machtprobe bei Bayern München. Sutter gegen Hoeness. Sutter weigerte sich, mehr Fleisch zu essen. Da sass er halt auf der Bank.

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