12 Jahre, 12 Momente

ENERGIE SPAREN

Coltorti hebt (nicht) ab

12. Ausgust 2007, FC Luzern – Grasshoppers

Mario Cantaluppi

«Wir sind nicht gerade brillant in die Saison 2007/08 gestartet. Aber GC ebenso wenig. Es ging also in diesem Spiel darum, die Kurve zu kriegen. Das gelang uns vorerst überhaupt nicht. Wir spielten gar nicht gut. Wir hatten eigentlich keine Chance und lagen nach einer Stunde hoffnungslos mit 0:3 zurück. ­Lustrinelli brachte uns mit seinem Tor etwas Hoffnung zurück, zwei Minuten vor Schluss verwandelte ich einen berechtigten Elfmeter.

Danach warfen wir alles nach vorne. Ich schlug einen langen Ball nach dem anderen in den Sechzehner mit dem Ziel, Coltorti müde zu machen … Nein, das ist natürlich Blödsinn. Zwischen Strafraumgrenze und Elfmeterpunkt sollten diese Bälle hinkommen, da ist es am gefährlichsten, weil es für den Torwart schwierig ist, dahin zu kommen. Dass Coltorti schon mehrfach in der Schlussphase Unsicherheiten hatte, hatte ich gar nicht so mitbekommen. Es ist in so einer Phase einfach die beste und gefährlichste Methode.

Den letzten solchen Ball weit in der Nachspielzeit brachte ich aus über 40 Metern herein. Eigentlich war es keine gute Flanke. Sie kam zu weit und mit zu wenig Zug. Coltorti kam raus, doch aus irgendwelchen Gründen sprang er nur ein paar Zentimeter hoch und verpasste den Ball, der ins verwaiste Tor flog. Für ein Punktegewinn, der sich besser anfühlte als ein Sieg.

Klar, bei uns schwang eine gewisse Schadenfreude mit. Für Coltorti hingegen war es extrem hart. Er wäre wohl am liebsten im Boden versunken. Ich habe nie mit ihm über dieses Tor gesprochen. Ich glaube auch nicht, dass er darüber reden will. Es war stark von ihm, dass er danach vor die Kamera gestanden ist und erklärt hat, dass ihm in jener Szene die Energie gefehlt habe.

Viele machten sich in der Folge lustig über diese Aussage. Aber ich finde, er hat das ­absolut ehrlich und genau so dargelegt, wie er das damals gefühlt hat. So etwas kann einem Fussballer wirklich passieren. Wie das genau abläuft, weiss ich aber auch nicht. Da müsste man einen Spezialisten für die Muskulatur fragen. Dass man nicht alles erklären kann, ist eben auch das Geile am Fussball.

Der Jubel im Stadion nach dem Tor war riesig. Verständlich, wenn man im Spiel eigentlich deutlich unterlegen war und dennoch so einen Rückstand wettmachen konnte – und dann erst noch gegen GC! Bei dieser Stimmung konnte man sich kaum vorstellen, was in Luzern los sein würde, würde man wirklich wieder mal ­Meister werden!

Das schönste Tor aus der Distanz war dieses gegen GC freilich nicht. Mit Basel traf ich im UEFA-Cup einst aus 30 Metern in den Winkel. Und das wollte ich genau so.» (aufgezeichnet von Mämä Sykora)