12 Jahre, 12 Momente

DAS DRAMA

Eine Nachspielminute für die Ewigkeit

13. Mai 2006, FC Basel – FC Zürich

Florian Stahel

«Der 13. Mai 2006 ist das Highlight meiner Karriere. Unbestritten. Diskussionslos. Es ist das Ereignis, das mich immer wieder einholt und mir heute noch hie und da durch den Kopf schiesst. Aber wenn ich gefragt werde, wie ich mich an diesen denkwürdigen Tag erinnere, dann beginne ich lieber schon drei Tage davor. Da bestritt der FC Basel ein Nachtragsspiel gegen YB. Ein Punkt hätte den Baslern zum Meistertitel gereicht – sie ver­loren 2:4. Jetzt wussten wir: Dank dem besseren Torverhältnis können wir mit einem Sieg im Joggeli Meister werden. Dort war der FCB aber 59 Heimspiele ungeschlagen.

Das Spiel begann miserabel: César und Rafael mussten früh verletzt raus. Dennoch gingen wir durch Keita in Führung. Per Freistoss glich Petric 20 Minuten vor dem Ende aus. Wir warfen alles nach vorn. In der 88. Minute kriegte ich Krämpfe und musste im gegnerischen Strafraum meine Beine dehnen. Und dann, ja, dann kam die legendäre 93. Minute.

Alain Nef warf ­angeblich ein bisschen zu weit vorne ein. Der Ball kam zu mir, und ich schlug ihn im Fallen zur Mitte. Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, diesen Ball platziert zu haben. Iulian Filipescu stand goldrichtig und traf zum 2:1. Ich sah den Treffer im Sitzen. Wir jubelten, doch da das Tor vor der Muttenzerkurve fiel, war es gespenstisch still. Aus der Ferne durchdrang der Jubel der Südkurve den starken Regen.

Schiri Busacca pfiff nach dem Anstoss sofort ab und floh in die Kabine. Wir waren Meister! Der erste FCZ-Meistertitel seit 25 Jahren! Noch heute kriege ich Gänsehaut, wenn ich mir die Bilder von damals anschaue. Die Szenen habe ich mir mehrmals angesehen, früher häufiger als heute. Aber auf den sozialen Plattformen werde ich mindestens immer am Jahrestag erinnert.

Mein Vater stand nach dem Schlusspfiff plötzlich an der Seiten­linie neben mir und gratulierte. Meine Freundin – heute ist sie meine Frau – feierte mit ihren Schwestern und Freunden zu Hause Geburtstag. Natürlich verfolgten sie das Spiel im Fernsehen. Sie erzählt mir heute noch, wie die Wände bebten, als der Treffer fiel.

Mittlerweile reden viele von der legendären Aktion der Verteidiger Stahel und Filipescu. Damals war das anders. Da feierte man einfach den ersten Meistertitel des Vereins nach so langer Zeit. Von Stahel/Filipescu sprach man erst später. Die 93. Minute änderte auch nicht viel in meinem Leben. Klar, ich wurde häufiger erkannt und angesprochen. Und als die Champions-League-Spiele anstanden, hatte ich auf einmal viel mehr Freunde. Alle fragten nach Tickets.

Aber sonst änderte sich nichts. Einen Stammplatz beim FCZ hatte ich davor schon inne, auf der rechten Abwehrseite in der Nati standen mir Lichtsteiner und Behrami vor der Sonne, und Angebote aus dem Ausland gab es auch keine. Mein Auslandabenteuer habe ich dafür jetzt. Beim FC Vaduz.» (aufgezeichnet von Benny Epstein)

Christian, FCB-Fan

«Ich erinnere mich mich am ehesten an diesen ganz kurzen Moment, den Bruchteil einer Sekunde, in dem es im ganzen Stadion still war und ich irgendwie aus der Ferne ein fast hysterisch anmutendes Jubelgeheul hörte – hoch und schrill. Hinter mir füllten sich die Augen eines Kollegen mit Tränen.

Die ersten Leute kletterten über den Zaun, überall rannten Menschen herum. Spieler, Schiris, Funktionäre, Fans, Polizei. Alles durcheinander. Irgendwann Gummischrot und Wurfgeschosse, die Schlacht hatte angefangen. Und draussen tobte sie weiter. Tränengasverhangen war die Luft, es regnete wieder. Irgendwo wurde ein Polizeiauto umgekippt – ich hätte die Kraft nicht gehabt, irgendetwas umzustossen.

Am Montag ging ich wieder zur Arbeit. Bemitleidet und mit schrägen Blicken bedacht, kroch ich zu Kreuze. Als ob ich Schuld hätte an den Krawallen. Nein, die hätte ich zwar nicht, natürlich nicht, ‹du bisch jo nit so eine›. Aber trotzdem, also eben doch sollte man überhaupt.

Bald darauf kamen die Massnahmen. ‹Härte› wollte man demonstrieren und dafür sorgen, dass ‹so etwas› nie mehr passieren könne. Ein runder Tisch mit Vertretern des Klubs, aus Politik und Sport beschloss eine De-Anonymisierungspflicht, Registrierungspflicht der Kurve, einen Fahnenpass und die (erneute) Abschaffung der Stehplätze. Wenig später lancierte die Liga den Fanpass für alle Auswärtsfans – wie innovativ!

Mangels Effekt hob sie diesen schon in der dritten Runde wieder auf. Nach drei Geisterspielen und drei weiteren ohne Kurve wurden auch die repressiven Massnahmen des Klubs gegenüber den eigenen Fans fallen gelassen. Und das Wichtigste: Der Verantwortliche für die getroffenen Massnahmen wurde entlassen. Von nun an wollte man auf gegenseitiges Vertrauen und regelmässige Gespräche bauen. Bahnbrechend!

Der 13. Mai stellte eine Zäsur dar. Er zeigt, dass ein Tor alles auf den Kopf stellen kann. Lange Zeit dachte ich noch an diesen verdammten Moment, als der Ball nicht aus dem Strafraum rauszu­kriegen war. Das Gefühl der Leere war dann wieder da. Doch die Zäsur war nicht nur schlecht. Je mehr Zeit verging, desto deutlicher zeigte sich dies. Wir konnten uns entwickeln, als Kurve, als Fans, als Personen. Wir hatten eine wirklich schmerzhafte Erfahrung gemacht. Aber sie legte die Basis für wundervolle Jahre, auf die wir mit Stolz zurückblicken dürfen.

Der 13. Mai wird sich im nächsten Jahr zum zehnten Mal jähren. Die Zürcher werden bestimmt mit einer Choreo im Joggeli auftauchen. Ich werde dort sein. Zehn Jahre älter, aber trotzdem werde ich sie mit den schönsten Beschimpfungen eindecken. Was soll ich auch anderes tun? Ich bin froh, dass ich meine Sprache wiedergefunden habe.»