12 Jahre, 12 Momente

FINGERHAKELN

Alle Neune mit Paulo Diogo

5. Dezember 2004, FC Schaffhausen – Servette

Jorgos Brouzos, FC-Schaffhausen-Fan

«Als Schaffhausen 2004 in die Super League aufstieg, verfiel der Klub in hektische Betriebsamkeit. Eine neue Tribüne (benannt nach dem Hauswarengeschäft Iseli und Albrecht), gewaltige Lichtmasten (mit Ökostrom betrieben) und Gitterzäune rund ums Spielfeld mussten her. Auch das Fanionteam wurde aufgemöbelt. Als Student verdiente ich mir zu jener Zeit als Matchreporter für das Lokalradio Munot ein paar Franken dazu. Wie die Eichhörnchen Nüsse für den Winter müsse der FCS Punkte gegen den Abstieg sammeln, sagte mir der damalige Goalie Marcel Herzog nach jedem Match ins Mikrofon.

Doch der Winter kam bald. Die Punkteausbeute war bescheiden. Als Tabellenletzter empfing der FCS am 5. Dezember 2004 Servette. Ich konnte mir endlich wieder einmal ein Spiel in der Kurve anschauen. Es war bitterkalt auf der Breite. So kalt, dass uns nicht einmal ein Bierhandschuh half, sondern wir uns gleich am Kafi Schnaps wärmten. Die 2500 Fans erinnern sich nicht wegen der 1:4-Klatsche noch an dieses Spiel. Sondern wegen Paulo Diogo.

Der frisch vermählte Servettien machte einen starken Match und sorgte in der 87. Minute für die Vorentscheidung. Er legte quer für Jean Beauséjour auf, der zum 3:1 einschob. Diogo feierte den Treffer zunächst mit seinen Mitspielern, bog aber plötzlich in Richtung der Gäste-Fans ab. Er jubelte am Gitter und blieb beim Runterspringen mit seinem Ehering hängen. Zuerst schien er gar nicht zu bemerken, dass er sich dabei den Ringfinger abgerissen hatte – offenbar tat das Adrenalin seine Wirkung. Doch plötzlich begann er, wild zu gestikulieren und im braungrünen Terrain zu wühlen.

Da Fussballer gerne ausgefallen jubeln, verwunderte das bei uns in der Kurve niemanden. Doch Diogos Veitstanz fiel ­zumindest seinen Mitspielern und dem Schiri auf. Und dieser zeigt ihm dafür Gelb. Suchend schritten derweil einige seiner Teamkollegen die Umgebung ab. Da dämmerte auch mir langsam, dass etwas nicht in Ordnung war. Die Servette-Mannen wurden rasch fündig. Der Finger wurde auf Eis gepackt und mitsamt Diogo ins Spital verfrachtet.

Der Finger konnte nicht wieder angenäht werden. Obs am falschen Transport lag, ist ungewiss. Denn ein abgetrenntes Gliedmass sollte nicht direkt auf Eis liegen, sonst entsteht schädlicher Gefrierbrand, sagen Mediziner. Auch ein Transport in Milch sei ganz falsch. Das Gliedmass sollte trocken und steril verpackt auf Eiswasser gelegt werden. Sicher ist, dem FCS war die Sache nicht recht, und er schrieb ein paar Tage später auf seine Internetseite: ‹Der Zaun wurde gebaut, um die Spieler zu schützen. Die Vereinsführung macht sich Gedanken, um solche Unfälle in Zukunft zu vermeiden.› Wenig später wurden kleine Plastikdeckeli an den Gittern angebracht. Zu spät für Paulo Diogo.

Dieser musste kurz darauf einen weiteren Rückschlag verkraften. Servette meldete Konkurs an. Via Sion kam Diogo Ende 2005 nach Schaffhausen, wo er fast 100 Spiele machte. Keins davon blieb mir so in Erinnerung wie dieses an jenem kalten Dezemberabend.»