12 Jahre, 12 Momente

ATTACKE AUF CC

Xavier hat den Koller

16. Mai 2013, FC Sion – Grasshoppers

Christian Constantin

«Mir ist bis heute nicht ganz klar, was sich Xavier Margairaz an diesem 16. Mai 2013 gedacht hat. Nach Spielschluss gegen GC stürmte er auf die Tribüne und auf mich los. Als er vor mir stand – oder, genauer gesagt, unter mir –, fuchtelte er wild mit den Armen. Ein Wort brachte er aber nicht heraus. Dass er mich, wie von den Medien behauptet, einen Hurensohn genannt hat, stimmt also nicht. Zumindest habe ich nichts dergleichen gehört.

Xavier war halt genervt. Er merkte ja selbst, dass er seine Schnelligkeit verloren hatte und nicht mehr der alte war. Aber nicht nur er, die ganze Mannschaft befand sich in einem schlechten Zustand. Wochen zuvor hatte sie sich gegen Trainer Victor Muñoz ausgesprochen. Also nahm ich sie in die Verantwortung und erfüllte ihr den Wunsch, dass Gennaro Gattuso sie als Spielertrainer führen dürfe – zusammen mit Arno Rossini, der das nötige Diplom besass.

Doch das Team war mit dieser selbst gestellten Aufgabe überfordert. Nach zehn Partien und einer 0:5-Niederlage in St. Gallen brach ich das Experiment ab und holte Michel Decastel als Trainer aus der U21 zurück. Doch die Stimmung in der Garderobe war so mies, dass auch er das 0:4 gegen die Grasshoppers nicht verhindern konnte.

Nach dem Spiel hat mich Xavier angerufen. Ich fragte ihn, ob er verrückt geworden sei, und er antwortete, dass er einfach seiner Enttäuschung habe Luft verschaffen müssen. Später war zu lesen, er habe mich gar nicht beleidigen wollen. Wie auch immer: Xavier hatte wenigstens eine Reaktion gezeigt, nicht so wie die Mannschaft auf dem Rasen. Ich lobte also seine Ehrlichkeit und vermied es, weiteres Öl ins Feuer zu giessen. Die Saison war ja noch nicht vorbei.

Allerdings wurde mir klar, dass ich das Team auf die Folge­saison hin neu zusammenstellen musste. Xavier wollte dann selber weg. Für mich war das eine einseitige Auflösung des Arbeitsverhältnisses. Deshalb zahlte ich ihm keinen Lohn mehr. Dass er meint, ihm stünde noch Geld zu, kann ich nicht nachvollziehen. Die Spieler hinter­fragen sich eben nie und meinen immer, sie hätten recht. Ein halbes Jahr später kam Xavier in der Challenge League unter, bei Servette. Nur: Von den Genfern habe ich bis heute kein Geld gesehen. Dabei war Xavier mitten im Vertrag davongelaufen …

Trotz der juristischen Auseinandersetzung habe ich ihn nach wie vor gern. Ich verspüre keinerlei Befriedigung, dass seine ­Karriere so verlaufen ist. Sein Verhalten auf der Tribüne jedoch fand ich lächerlich. Es erinnerte mich an Eringer, diese Walliser Kampfkühe. Freilich kann sich Xavier glücklich schätzen, dass ihn Christophe Moulin, unser heutiger Technischer Direktor, aufhalten konnte. Bei Handgreiflichkeiten hätte er sehr schnell ziemliche Probleme gekriegt.» (aufgezeichnet von Silvan Lerch)